In Gedanken in der alten Heimat: Adnan Almekdad. Foto: Ali Ghandtschi
© Ali Ghandtschi

Heimaten-Sonderbeilage Der Duft des Jasmins

Adnan Al Mekdad

Eine Liebeserklärung an die Altstadt von Damaskus, die Sängerin Fairuz und den Grießpudding Mamounia

Die Heimat, das ist jener in der Ferne irrlichternde Geist, von dem wir in unserem Exil besessen sind und der uns auf allen Wegen umklammert. Er nistet in uns und lässt nie von uns ab, ganz egal, zu welch fernen Ufern wir den Duft und das Aroma unserer geliebten Heimat auch tragen. Wenn einen die Sehnsucht übermannt, dann ruft man sich all die Dinge ins Gedächtnis, die man dort so sehr genossen hat – damals, als noch Frieden herrschte. Nein, ich spreche hier nicht von den Schrecken der Diktatur und des Krieges, ich spreche von allem, was für mich die Heimat ausgemacht hat und was für immer in meinem Gedächtnis bleiben wird. Unvergesslich der Duft des Jasmins, das Aroma des Kardamom-Kaffees, den man jeden Morgen trank, während auf allen Kanälen die libanesische Sängerin Fairuz ihre Lieder sang und draußen die Vögel das Morgenlicht begrüßten.

Weißt du noch?

Erinnerungsfragmente reihen sich aneinander, die meisten davon strahlend schön: die Familie, die Kollegen, die Freunde, mit denen man durch die Straßen und engen Gassen geschlendert ist. Weißt du noch damals, wie wir durch die Altstadt von Damaskus streiften, kreuz und quer durch das Labyrinth des Hamidiya-Basars, dann weiter zum Bab-Tuma-Viertel mit seinen altehrwürdigen Gassen, die Intimität, Sehnsucht, Vertrautheit verströmten? Und wie wir dann immer eine Pause in einem der traditionellen Cafés einlegten?

Wir begegneten Touristen aus anderen Ländern, die der Geschichte unseres einst blühenden Heimatlandes, jener Wiege der Zivilisation, auf der Spur waren. Im Gespräch beeindruckte uns, wie sehr sie sich für unser Land und seine ereignisreiche Vergangenheit interessierten. Das erfüllte uns mit Begeisterung und Stolz.

Aleppo ist berühmt für Mamounia

Unser Gedächtnis verweilt bei jedem einzelnen Moment, in dem wir etwas Schönes erlebt haben. Oft dreht es sich dabei ums Essen. So hat jede syrische Stadt und Region ihre typischen Speisen: In Damaskus ist es das Pistazien-Eis der traditionsreichen Eisdiele Bakdash. Aleppo ist berühmt für seine Grillgerichte, seine Kebabs und den Grießpudding Mamounia. Hama hat seine süßen Käse-Röllchen. Und in Homs findet man rosarot-weiß gefärbtes Halwa sowie einen „Harissa Nabikiya“ genannten Grießkuchen. Nicht unerwähnt bleiben sollte die „Raha Houraniya“, eine Süßspeise aus dem Grenzgebiet zu Jordanien. Es ist ja nicht nur ihr Geschmack, der solche Spezialitäten auszeichnet, sondern auch all die Assoziationen, die damit verbunden sind: Wärme, Zärtlichkeit, Genuss, Vertrauen.

Heimat ist viel mehr als ein geographischer Punkt. Heimat ist ein sozialer Lebensraum. Sie ist ein Sehnsuchtsort, dem unsere Gefühle gelten, wenn wir den Verlust von Dingen, Menschen und Orten, die uns lieb und teuer waren, verschmerzen müssen.Adnan Al Mekdad

Aus dem Arabischen von Rafael Sanchez. Der Autor (52) kam 2014 mit „Reporter ohne Grenzen“ nach Berlin. Heute arbeitet er für die Zeitschrift „KulturTür“ und „Radio Connection“.

Dieser Text entstand im Rahmen des Exiljournalisten-Projekts des Tagesspiegels #jetztschreibenwir. Am 16. Juni erschien eine Beilage der Exiljournalisten zum Thema „Heimaten“ (in Print und im E-Paper), weitere Texte von Exiljournalisten finden Sie hier.

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