Eine Heimat voller Gräber. Ein Mädchen auf einem Friedhof in der südsyrischen Stadt Daraa. Foto: AFP PHOTO / Mohamad ABAZEED
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Heimaten-Beilage Das Wort tut auf der Zunge weh

Hareth Almukdad

Staatsangehörigkeit unbekannt: Ein Fehler deutscher Behörden enthält ein Stück Wahrheit, der Syrer sich stellen müssen.

Seit mehr als 500 Jahren ist Bosra die Heimatstadt meiner Ahnen. Die Stadt im Süden Syriens ist für ihre über 5000 Jahre alten archäologischen Stätten bekannt und zählt zu den wichtigsten touristischen Regionen des Landes. In dieser Stadt wurde ich geboren und dort wuchs ich auf. Nie trennte ich mich von ihr – bis auf die fünf Jahre, in denen ich Journalismus und Medienwissenschaften an der Universität Damaskus studierte. Aber auch während dieser Zeit besuchte ich meine Heimatstadt, wann immer ich mich nach ihr und meiner Familie sehnte.

Im Dokument der Ausländerbehörde steht "staatenlos"

Bosra war eine der ersten Städte Syriens, in der nach Ausbruch der Revolution Rufe nach Freiheit und Gleichheit laut wurden. Ich war dabei und wurde vom syrischen Staat verfolgt und deshalb gezwungen, das Land zu verlassen – wie Millionen anderer Syrer, die in aller Herren Länder Zuflucht fanden. Ich machte in vielen Ländern Station, wobei ich stets versuchte „anzukommen“ und einen Ort zu finden, an dem meine Freiheit nicht beschlagnahmt und meine Würde nicht missachtet würde.

Ich habe einen Geburtsort, aber keine Heimat

Meine Odyssee endete schließlich vor zwei Jahren in Deutschland, wo ich nach einem Jahr Warten die Papiere erhielt, die mich ganz offiziell zum Flüchtling machten. Ein Fehler im Dokument, das ich von der Ausländerbehörde erhielt, ließ mich allerdings sehr erstaunen: Im Feld zur Staatsangehörigkeit stand „Staatsangehörigkeit unbekannt“ – ich war also plötzlich ganz offiziell „staatenlos“. Dieser Fehler ist zwar auf den Irrtum eines Beamten der deutschen Behörde zurückzuführen, denn ich hatte alle Dokumente zum Nachweis meiner syrischen Staatangehörigkeit vorgelegt, beispielsweise meinen Reisepass und mein Universitätszeugnis. Und der Fehler wird sicher korrigiert werden. Dennoch lässt er mich nachdenken. Denn in diesem Fehler steckt auch ein Teil der Wahrheit, der wir Syrer uns wohl stellen müssen: Ja, ich habe zwar einen Geburtsort, aber eine Heimat habe ich keine.

Das Wort "Heimat" lässt mich an den Diktator denken

Für mich ist das Wort „Heimat“ negativ besetzt. Denn es lässt mich sofort an den Diktator denken. Die Bedeutung dieses Wortes beschränkte sich für mich stets darauf, dem Diktator zu dienen und in dessen Interessen zu handeln. Aus diesem Grund hatte ich mein Lebtag noch nie das Gefühl, eine Heimat zu haben. Während ich diesen Artikel hier schreibe, veröffentlicht Baschar al-Assad einen Regierungserlass, der den syrischen Staat dazu berechtigt, Ländereien und Immobilien von Syrern, die ins Ausland geflüchtet sind, einzuziehen.

Ich frage mich, was das für ein Heimatland sein soll, das sich von einem abwendet, nur weil man Würde und Gleichheit fordert? Kann ein Land Heimat sein, in welchem dem Bürger überhaupt keine Rechte zustehen, ihm dafür aber unzählige Vorschriften aufbürdet werden? Ein Land, in dem man mit einem Federstrich alles verliert?

Ein Ort, an dem die eigene Familie nicht getötet wird

Heimat kann nur ein Ort sein, an dem man sich als Mensch behandelt fühlt. Ein Ort, an dem man nicht ermordet oder verfolgt wird, bloß weil man seine Meinung sagt. Ein Ort, an dem die eigene Familie nicht getötet wird, bloß weil sie fordert, dass der Präsident zurücktritt.

Ich weiß, es gibt keine perfekte Heimat, keine Umgebung, die ganz und gar den eigenen Vorstellungen entspricht. Aber das, wovon ich träume, ist ganz einfach eine Heimat ohne Blutvergießen und Gewalt. Eine Heimat für alle, mit all ihren Anschauungen und Überzeugungen. Eine Heimat, die nicht von einer Familie oder einer Person regiert wird, die sich für Gott hält und über Leben und Tod richtet, ja all diejenigen tötet, die nach einer wahren Heimat suchen, in der sich ihre Rechte nicht in Albträume verwandeln.

„Heimat“ lässt sich nicht denken ohne Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Es fiel mir schwer, diesen Artikel zu verfassen, denn er wühlt mich auf und zwingt mich, an die Jahre voller Gewalt zurückzudenken; Erinnerungen, die uns Syrer immer wieder einholen. Das Wort „Heimat“, das ich hier so oft erwähne, tut mir im Herzen und auf der Zunge weh.


Aus dem Arabischen von Melanie Rebasso. Der Autor (31) lebt seit zwei Jahren in Berlin. Er hat in Damaskus Journalismus studiert und ist Mitarbeiter der Zeitschrift „KulturTür“, eine mehrsprachige Zeitschrift des DRK Berlin-Südwest.

Dieser Text entstand im Rahmen des Exiljournalisten-Projekts des Tagesspiegels #jetztschreibenwir. Am 16. Juni 2018 erschien eine Beilage der Exiljournalisten zum Thema „Heimaten“ (in Print und im E-Paper)

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