Matsch-Winzer Mazzone zeigt, was sein Elixier kann

Badegäste verirren sich selten in die Maremma-Region. Foto: imago
Heiltherme Rein in den Gestank

In Italien verschreiben Ärzte Sitzungen – im wahrsten Wortsinne – in Saturnia. Die Patienten landen dann nicht im schicken Hotel, sondern im öffentlichen Bereich, dort hat das Wasser ein Grad weniger, stinkt aber unvermindert intensiv. Dr. Mazzone eilt voraus, er will zeigen, was sein Elixier kann.

Hinter einer Tür liegt ein Mann in Matsch. Fango heißt der Brei, von den Römern erfunden, möglicherweise in der Umgebung. Mazzone und seine Kollegen sammeln die Erde von den umliegenden Feldern und vermengen sie in Containern mit ihrem sakralen Wasser. Etwa ein Jahr müsse die Mischung gären, bevor sie rheumatische Erkrankungen, Gelenkbeschwerden, Muskelverspannungen und Koliken bekämpft.

Matsch-Winzer Mazzone tritt an den Mann heran, prüft, ob die Packungen die richtige Temperatur haben, zieht die Folie ein bisschen fester an den Patienten, damit nicht so viel auf den Boden tropft. Studien zufolge reduziert der Schlamm auch den Stress in den Zellen. Der wiederum kann Krebs verantworten.

Die Maremma ist noch nicht von Touristen überlaufen

Bevor man das hinterfragt, ist der Doktor bereits weitergeeilt in einen gekachelten Saal, der aussieht, als würden hier Menschenexperimente unternommen. Es faucht und zischt wie in einem Maschinenraum. Männer mit Raucherhusten, Frauen mit Bonchitis und Kinder mit Asthma sitzen vor Rohren und atmen Dampf ein. Manche durch den Mund, andere durch die Nase, alle tragen Duschhauben über den Haaren. Tatsächlich: Nach einer solchen Session fühlt sich die Lunge frei und weit. Deshalb lieber erneut auf den Doktor hören und gleich morgen früh, nach dem Frühstück, die Stinkebrühe auch noch trinken. In kleinen Schlucken, nur ein Gläschen, das, sagt Mazzone, entschlackt, hilft der Verdauung und verlangsamt die Zellalterung.

Aber erst mal schickt er einen hinaus, vor die Tür. Um die besänftigte Landschaft und ihre Bewohner kennenzulernen. Vor der Therme liegen Weinreben, Zypressenhänge, Olivenbäume, Weizenfelder. Im Frühjahr blüht hier der Klatschmohn, im Sommer lavendelt es violett. Dies ist die Maremma, jener wilde Teil der Toskana, den die Touristen noch nicht dominieren. Über den Golfplatz hinweg, ein paar Nutria aufgeschreckt, vorbei an ockerfarbenen Landgasthöfen verliert sich der Schwefelduft zunächst, wird ersetzt durch Rosmarin, Oleander.

Nur um kurz darauf umso intensiver zurückzukehren. Da stürzt ein Wasserfall hinab und bildet türkisfarbene Becken: Die Kaskaden, cascate, hier badet der Plebs, umsonst. Ein Whirlpool fürs Volk. Der Bach ist fast so warm wie oben bei Mazzone, aber trägt nur noch 50 Prozent der heilenden Mineralien.

Besonders schön ist es hier im Winter

Auf dem staubigen Parkplatz drängen sich die Fiats, darin, daneben und zwischen halb offene Türen gequetscht: Nackte, die in Badesachen schlüpfen. Kinder, Teenager, Greise. Umkleidekabinen gibt es keine. Vor Saturn sind alle gleich.

Großfamilien tragen Kühlboxen, Campingstühle und Sonnenschirme auf die abgesessene Wiese und machen sich auf die Suche nach dem geeigneten Becken. Mazzones Wunderwasser hat die Steine für jeden Zweck zurechtgewaschen und hübsch weiß gebleicht, ein bisschen glitschig sind sie auch. Zwei Väter unterhalten sich, von Wanne zu Wanne, über die Studienerfolge ihrer Söhne. Mütter lehren ihre Kleinkinder in einem niedrigen Bassin das Planschen, Jugendliche springen von den Felsen in eine der tieferen Mulden.

Besonders schön ist es hier im Winter, wenn alte Damen in Pelzmantel und Badelatschen auf das Wasserloch zuhumpeln und sich bis zur Nasenspitze in einen der dampfenden Pools versenken. Oder abends, wenn die Sonne hinter den Zypressenhängen untergeht – an der kleinen Bar gibt es Campari Soda dazu. Oder nachts, wenn junge Paare in den Becken, die jetzt Séparées genannt werden müssen, unter Sternen liegen.

Und wenn man ein paar Meter flussabwärts spaziert, dann kann es passieren, dass man Anwohner dabei beobachtet, wie sie ihre rheumakranken Hunde ins Wasser tunken. Sie sind schließlich die Nachfahren der alten Römer.

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