Wie schön es sein kann, allein zu sein

Beim beim Aufwachen schaut man vom Balkon aus dem fließenden Ganges zu. Foto: Julia Prosinger
Heilkur in Indien Wie ich eine Woche lang ayurvedisch lebte

Tag zwei

Um 6.15 Uhr klopft es an meiner Tür. Ich öffne, und finde eine gelbe Kanne mit honigsüßem Ingwertee. Vom Balkon aus schaue ich dem breit im Tal fließenden Ganges beim Aufwachen zu. Zwischen uns liegt nur ein durchsichtiges Plastikrollo. Gegen Affenbesuch. Da unten glitzert Rishikesh, die Yoga-Hauptstadt. Aus aller Welt kommen jährlich Tausende in die Ashrams, Tempel und Yogazentren am heiligen Flussufer. Die Zikaden lärmen so laut, unmöglich sich auf die Lektüre der „Hindustan Times“ zu konzentrieren.

Ich beschließe, wenigstens das weiße Leinenoberteil anzuziehen, um unter den sich bereitwillig uniformierenden Gästen nicht aufzufallen, und wandere durch Oleander zum Yogapavillon. Ein Pfau schlägt sein Rad für mich. Der Chefkoch steht am Rand einer Lichtung und betet. Wer mir entgegenkommt, verbeugt sich mit vor der Brust zusammengepressten Händen. Über dem prunkvollen Maharadscha-Palast, wo sich schon Lord Shiva zur Askese zurückgezogen haben soll, geht gerade die Sonne auf.

Der strenge Lehrer tadelt mich, weil ich Arme und Beine unkoordiniert bewege. Ich sei wohl noch nicht ganz da. Im Moment. Ich erinnere mich, dass es beim Yoga nicht um Leistung geht, und fühle mich ziemlich einsam.

Das Kopfweh wird immer schlimmer

Zum Frühstück bringt mir der Chefkoch eine gelbe Brühe: Kurkuma und Apfelessig, Zitronenschale, schwarzer Pfeffer. „Golden Detox“. Ich muss mit viel – verdauungsfreundlich stillem – Wasser nachspülen. Mein Körpertyp Vata beschert mir drei winzige Haferpfannkuchen, die bitter schmecken. Die frischen Früchte vom Buffet dürfen andere essen.

Am zweiten gab es gerösteten Kürbis mit Artischockensalat an Wassermelonenjus. Foto: Julia Prosinger Vergrößern
Am zweiten gab es gerösteten Kürbis mit Artischockensalat an Wassermelonenjus. © Julia Prosinger

Das Kopfweh wird immer schlimmer. Nach der Fußreflexzonenmassage frage ich die Masseurin, ob meine Füße ihr etwas über mich erzählt haben. „Ja“, sagt sie, ohne zu zögern: „Sie haben ziemliche Kopfschmerzen!“

Zurück auf meinem Zimmer bin ich verführt, aufzugeben und mir einen Kaffee zu bestellen. Doch da stehen vier Gläser voller Snacks. Mandeln, Müsliriegel, Rosinen und Aniskekse! Die Zwischenmahlzeiten, von denen der Arzt sprach! Hastig probiere ich mich durch und erschrecke: Das soll noch vier Tage reichen? Einen Kiosk gibt es nirgends.

Vata-Menschen brauchen viel Ruhe

Den ganzen Tag habe ich kaum gesprochen. Wie schön es sein kann, allein zu sein. Ich nehme einen lindgrünen Schmetterling wahr, der mich beim Abendessen besucht. Ohnehin hat der Arzt gesagt, man soll während der Mahlzeiten nicht so viel sprechen. Vata-Menschen wie ich brauchen viel Ruhe, sollen nicht zu viel reisen, sich nicht zu viel unterhalten. Unpraktisch für eine Journalistin.

Während ich meine Pferdebohnensuppe schlürfe, denke ich darüber nach, ob man wirklich so weit weg fahren muss, um sich zu entspannen. Drei Flugzeuge nehmen, Busse, Autos. Erst durch Berliner Verkehr an den Flughafen reisen und dann durch einen Dschungel voll wilder Elefanten. Fühle ich mich weniger gestresst, weil ich weiter weg von meiner Heimat bin?

Ein alter Schotte tritt an meinen Tisch. „Wenn du ganz lieb fragst, bringen sie dir auch einen Burger“, raunt er und zwinkert. Nachts träume ich von Schokolade.

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