Ich lerne neue Zonen an meinem Körper kennen

Der Maharadscha-Palast in Rishikesh. Foto: Julia Prosinger
Heilkur in Indien Wie ich eine Woche lang ayurvedisch lebte

Tag vier

Was wohl die Kellner von uns körnermampfenden Weißen auf unserem Egotrip denken? Die ganze Zeit geht es nur um mich: mein innerer Frieden, mein Immunsystem, meine Verdauung. Ist das angemessen, in einem Land, in dem Menschen Hunger leiden?

Jetzt sogar mein Sesamöl! Für meinen gestressten Körper und meine geschundene Seele rackern sich zwei winzige Frauen an mir ab. Die eine massiert meine Füße mit Steinen, die andere verteilt heißes Öl in meinem Nacken und auf meiner Stirn. Das Öl soll meinen Blutdruck normalisieren und entschlacken. Ich lerne neue Zonen an meinem Körper kennen. Wie wohl es tut, wenn die Knie beknetet werden! Was für eine wunderbare Ohrmassage!

Gerade als ich denke, ich halte diesen Salatgeruch nicht länger aus, ohne wenigstens Salat zu essen (was ich nicht darf, weil ich Vata bin und Salat kalt ist), geleiten mich die beiden in ein kleines Dampfbad. Damit das Öl auch richtig einzieht. Ich schaue an mir herunter. Ich bin golden. Dann dusche ich mit hausgemachtem Gel – klarer Fall von Guacamole.

Jetzt den Geist frei machen

Frisch geölt besuche ich meine erste Vorlesung. Den ganzen Tag den Körper gelockert, jetzt den Geist. Ein Glatzkopf in langem weißem Tuch und Holzpantinen spricht vor einer Flipchart über Stress. Er sieht aus, als könne er nicht wissen, was das Wort bedeutet.

Er sagt, dass Stress eine gesellschaftlich akzeptierte Geisteskrankheit sei. Eine Bypassoperation sei heute eine Auszeichnung. Die Banker, Architekten, Ingenieure in den Reihen vor mir lachen ertappt. Manche nicken, schreiben mit.

Der kahle Prediger ist ein Jünger der Vedanta-Philosophie, die in Indien extrem populär ist. Es ist die Wissenschaft des glücklichen Lebens. Stress, sagt der Glatzköpfige, ist ein internes Problem, meine Unfähigkeit auf eine externe Situation angemessen zu reagieren. Kein Chef und keine Schwiegermutter sind schuld, nur ich selbst. Ich finde, es reicht jetzt mal mit dem ständigen Ich.

Rushika kümmert sich weiter um meinen Blutdruck. Der Koch passt mein Menü an. Jeden Mittag streut er mir nun ein paar schwarze Samen in die Hand. Scharfen Schwarzkümmel kauend wandere ich über den verwaisten Golfplatz. Soll den Blutdruck hochtreiben. Nach dem Essen bekomme ich Espresso. Die Kopfschmerzen verschwinden beim ersten Schluck. Meine Quinoa-Fladen enthalten jetzt eine Prise Salz. Und ständig sehe ich rot: Beeren, Rote Bete, Paprika.

Teufelsdreck passt zu meinem Körpertyp

Meine Ommms klingen plötzlich lang und tief. Mit jeder Atemübung nehme ich mehr Luft auf. Das Prana, die Lebensenergie, fließe nun schon besser, sagt Rushika. Daheim soll ich weiter daran arbeiten. Aber nicht, dass ich gleich wieder einen Wettbewerb daraus mache. Ich solle mir ruhig ein bis zwei Jahre Zeit lassen, bis ich die Luft jeweils acht Sekunden einatme, halte, ausatme. Rushika niest. Auch eine Yogagöttin kriegt Schnupfen.

Abends trage ich zum ersten Mal den weißen Leinenanzug und lege sogar die Holzperlenkette um, die ich am ersten Tag geschenkt bekommen habe. Gleich setzt sich der alte Schotte an meinen Tisch. Er erzählt mir von seiner großen Liebe, die früh gestorben ist. Von seinen Kindern, die er allein großgezogen hat. Von seiner ältesten Tochter, deren Fehler er so gern an ihrer statt machen würde. Und von seiner Verdauung.

Am Ausgang nehme ich ein paar Fenchelsamen für den Heimweg mit und ein gummiartiges Bonbon, das nach Knoblauch schmeckt und zu meinem Körpertyp passt. Asafetida, Teufelsdreck. Im Spätmittelalter wurde dieses Harz verbrannt und als Stinkwaffe eingesetzt. Ich schlafe lang und tief.

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