Die Friedlichwerdung hat funktioniert

Am fünften Tag aß unsere Autorin ein Karotten-Erbsen-Risotto. Foto: Julia Prosinger
Heilkur in Indien Wie ich eine Woche lang ayurvedisch lebte

Tag fünf

Während des morgendlichen Ingwerteerauschs betrachte ich mich im Spiegel. Ich nehme meine Haut als glatter wahr, meine Augen als ringlos, meine Wangen als rosig. Mein Haar ist auch nach sieben Wäschen noch ölig wie am Vorabend.

Den Fernseher habe ich bislang nicht einmal eingeschaltet, mich nur sporadisch daheim in Deutschland gemeldet. Auch im Pool war ich noch nie. Ich habe keines der mitgebrachten Bücher angerührt, dafür alle Meditationen und Vorlesungen besucht.

Ich merke, wie ich mich geschmeidiger bewege und ein bisschen großzügiger mit mir bin. Die Friedlichwerdung – sie hat funktioniert. Zumindest für den Moment.

In der Yogastunde frage ich mich, ob ich überhaupt noch ohne Anleitung atmen können werde. Ich lerne, dass ich einen langen Hals habe, bei der Entspannungsübung ein Kissen unter dem Kopf brauche. Mit einer Gruppe anderer Gestresster besteige ich mühelos einen kleinen Gipfel in den Vorhügeln des Himalaja.

Man soll seinen Mitarbeitern nichts predigen

Bei der Meditation denke ich zum ersten Mal weder ans Wäschewaschen noch daran, dass ich meine Oma lange nicht mehr angerufen habe. Ich denke nichts. Sondern sehe tatsächlich eine Flamme zwischen meinen Augenbrauen, wie es mir der Trainer rät. Beobachte meinen Atem, ganz ohne teilzunehmen. Und merke nicht einmal, wie mich eine Wespe ins Handgelenk sticht.

Einer der Köche führt mich durch den Kräutergarten. Er fragt, wie ich mich daheim ernähre. Ich erzähle von Gorgonzola Pasta, vom Hackbraten in der Kantine. Er zeigt mir Langpfeffer für Leute mit Schlafstörungen, Brahmi, das mein Vata reduziert, und Kugellauch, der nach mildem Kohlrabi schmeckt. Spargel bauen sie an, den sollen die erdigen Kapha-Typen essen. Er erklärt mir, dass das Tässchen Wassermelonensaft, das ich vor jeder Mahlzeit mit Zitrone, Meersalz und Minze trinke, den Speichelfluss anregt und so eine leichte Verdauung vorbereitet.

In den Vedanta-Sessions nicke und schreibe nun auch ich mit. Ich verstehe, dass man die Liebe zu einem Kind nicht mit Egoismus verschmutzen, seinen Mitarbeitern nichts predigen, sondern vorleben und dass man Freundschaften, die einen zurückhalten, beenden soll. Ich hatte geglaubt, hier würde Esoterik verzapft. Jetzt analysiere ich begeistert zusammen mit den anderen Leinenträgern Shakespeare.

Tag sechs und danach

Zur Feier meines letzten Tages bestelle ich Ei und Toast zum Frühstück. Gierig greife ich nach der frischen Papaya vom Buffet. Sie schmeckt himmlisch! Beim Abschlussgespräch mit dem Arzt ist mein Blutdruck deutlich gestiegen. Von den Mandeln und Körnern, die mir der Koch hat aufs Zimmer stellen lassen, ist noch ziemlich viel übrig. Zum Abschied springe ich in den Pool, obwohl ich Schwimmen hasse. Ich schwimme die meisten Bahnen meines Lebens.

Am sechsten Tag wurde Rote-Bete-Carpaccio serviert. Foto: Julia Prosinger Vergrößern
Am sechsten Tag wurde Rote-Bete-Carpaccio serviert. © Julia Prosinger

Während meiner Auszeit in Indien habe ich mich ständig gefragt, wie viel sich von der hart erlernten Entspannung in den Alltag übertragen lässt. Noch am Flughafen halte ich mir abwechselnd ein Nasenloch zu, um in Übung zu bleiben. Zurück in Berlin kaufe ich mir sofort eine Yogamatte. Kaue ab und an mal auf Schwarzkümmel. Stopfe zunehmende Mengen Kekse in zunehmend langen Schreibtischnächten in mich hinein. Schaffe es immer seltener zum Yoga. Atme bald wieder falsch.

Und bleibe dennoch monatelang gesund. Kein Keim bezwingt mein indisches Immunsystem.

Dann kommt der Berliner Winter.

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