Die Europäer haben das Atmen verlernt

Am dritten Tag standen Gemüse aus dem Wok mit Basilikumsauce auf dem Speiseplan. Foto: Julia Prosinger
Heilkur in Indien Wie ich eine Woche lang ayurvedisch lebte

Tag drei

Der junge Arzt mit der hohen Stimme hat gesagt, es sei gesünder, mit einem Ruck aufzustehen. Dabei wurde die Snooze-Taste für mich erfunden. Ich verbiete mir, meine E-Mails zu checken.

Essen wird zur Arbeit. Alles schmeckt nach Kokosmilch und Linsen und ein wenig so, wie Spas riechen. Dabei kochen sie hier wirklich erfinderisch. Ich fühle mich schwach. In meinem Bauch blubbert es. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine Tasse Kaffee. Wozu habe ich denn so lange durchgehalten? Leise schimpfe ich die Kellner Sadisten.

Beim morgendlichen Yoga wird mir vom Vorwärtsbeugen schwindelig. Plötzlich sehe ich helle Punkte, wo keine sind. Ich lerne meine neue Lehrerin kennen, Rushika. Eine zarte Frau mit samtener Stimme. Rushika misst zunächst mal meinen Blutdruck. 60 zu 102. Ob das immer so sei, fragt sie mich. Ja, meistens.

Sie erklärt mir, dass niedriger Blutdruck unterschätzt würde, weil mehr Menschen hohen hätten, und beschließt, ein paar der ganz sedierenden Massagen von meinem Programm zu streichen. Zum Beispiel die, bei der man in feuchtwarme Decken gehüllt stundenlang vor sich hin modert.

Bin ich gefühlskalt?

Weniger Meditation, Atemübungen. Sie bringt mir bei, den Bauch beim Einatmen mit Luft vollzupumpen und danach noch die Brust – dann den Atem anzuhalten und sehr lange auszuatmen. Wir Europäer hätten das verlernt. Meine Organe würden auf diese Weise besser durchblutet. Wir atmen abwechselnd durchs rechte und durchs linke Nasenloch. Das soll Allergien und Erkältungen vorbeugen. Auf jeden Fall hält es meine Gedanken zusammen.

Rushika hilft mir in den Schulterstand, Hände in die Hüften, Füße in den blauen Himmel, jetzt noch fünf Minuten durchhalten. Das Blut rauscht in meinen Kopf, meine Arme werden müde, Rushika lächelt.

Kurz darauf liege ich erneut auf einem Massagebett und soll nach der „Reiki“-Methode geheilt werden. Ohne mich zu berühren, will die Therapeutin die Energien in meinem Körper lenken. Ich spüre eine Stunde nichts. Der palästinensische Ingenieur im Nebenzimmer weint bei der gleichen Behandlung vor Schmerz. Bin ich gefühlskalt? Die Therapeutin sagt, meine Chakren, also meine Energiezentren, seien im Ungleichgewicht. Sie nennt mich „hyper“, weil in meinem Kopf die Gedanken kreiseln.

Das Abendessen lasse ich zur Hälfte stehen. Alle außer mir tragen die weißen Leinen. Der Kenianer da vorn kaut auf den gleichen Linsen wie ich – Typ Vata. Ob er auch so schnell friert? Ich erspähe die Inder, die mir am Nachmittag von ihrem Programm erzählt haben: Couple Connect. Sie sind seit 20 Jahren verheiratet und sollen einander hier, zwischen Faszienrollen und Detox-Elixier, neu entdecken.

Der Schotte tritt mal wieder an meinen Tisch und erzählt, dass er und seine Frau seit Jahren hier Urlaub machen. Im ersten Jahr habe er einen Handgepäckkoffer voller Marsriegel eingeschmuggelt. Wenn seine Frau schlief, naschte er davon.

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