Amber Heard verlässt nach dem Urteilsspruch den Gerichtssaal des Fairfax County Courthouse. Foto: IMAGO/MediaPunch
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Häusliche Gewalt wird zum Witz Von der totalen Zerstörung einer Frau – und dem Spaß, den zu viele dabei hatten

Schockierend am Prozess von Johnny Depp gegen Amber Heard waren nicht nur die schmutzigen Details einer offensichtlich toxischen Beziehung. Ein Kommentar.

Das Urteil ist gefällt, die Jury hat sich auf die Seite von Johnny Depp gestellt. Mehr als zehn Millionen Dollar Schadenersatz muss Amber Heard ihrem Ex-Mann zahlen. Er wiederum schuldet ihr zwei Millionen Dollar für rufschädigende Aussagen seines Anwalts. Auch wenn beide Seiten verloren haben: Johnny Depp ist der Gewinner dieses Prozesses. Er hätte auch gewonnen, wenn die Jury anders entschieden hätte.

Im sogenannten „Court of Public Opinion“, in den Augen der Öffentlichkeit, stand lange fest, wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Und dass, obwohl beide Seiten Zeug:innen und Beweise für ihre Sicht der Dinge lieferten: Amber Heards Seite dafür, dass er sie jahrelang geschlagen und missbraucht habe. Johnny Depps Seite dafür, dass Heard die Aggressorin war, ihn beschimpft und geschlagen habe. Was wirklich geschehen ist, wissen nur die beiden selbst. Denn es ist hinter verschlossenen Türen passiert, wie so oft, wenn es um häusliche Gewalt geht.

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Das hat die Zuschauer:innen aber nicht davon abgehalten, eindeutig Partei zu ergreifen. Seit O.J. Simpson war kein Prozess mehr ein derartiges Medienspektakel. Die Stimmung vor dem Gerichtssaal in Virginia hatte Volksfestcharakter, tausende Depp-Fans, die teilweise aus der ganzen Welt anreisten, brachten Piratenschiffe und Alpacas mit.

Wie es in den sozialen Medien Brauch ist, gerierten sich Millionen von Menschen als Experten und Expertinnen für eine Sache, über die sie gar nicht alles wissen können. Viele nahmen für bare Münze, was ihnen via Livestream aus dem Gerichtssaal geliefert wurde.

Der Prozess war eine Hexenjagd

Dabei ist ein Prozess an sich schon eine Inszenierung. Es war wahrscheinlich kein Zufall, dass Depps Anwältin eine attraktive junge Frau war, die für ihr Kreuzverhör von Heard von Fans gefeiert wurde – Frauen, die gegeneinander kämpfen, kommen immer gut an bei den Massen.

Die meisten aber haben den Prozess lediglich via TikTok und Co verfolgt. Und für das, was dort daraus gemacht wurde, passt das in den vergangenen Jahren so oft bemühte Wort der „Hexenjagd“. Auch, weil es die historischen Hintergründe für den Frauenhass spiegelt, der sich in den sozialen Medien breitgemacht hat.

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Ausschnitte von Heards Aussagen vor Gericht, in denen sie detailliert physische Gewalt beschreibt, dienten als Grundlage für „lustige“ Videos. Stars wie das ehemalige NSync-Mitglied Lance Bass machten mit, die bekannte Comedy-Show „Saturday Night Live“ brachte einen Sketch zu dem Prozess. Häusliche Gewalt wurde zum Witz.

„Wie wir diesen Prozess auf so verächtliche Weise für unsere eigenen Zweck genutzt haben zeigt, wie viele von uns (…) weiterhin unsere Würde und Menschlichkeit entwerten“, schrieb in der „Vanity Fair“ eine, die weiß, wovon sie spricht: Monica Lewinsky.

So viel Häme und Grausamkeit hat niemand verdient

Am schockierendsten waren während dieses Prozesses nicht die schmutzigen Details einer offensichtlich toxischen Beziehung, die jeden Tag zum Vorschein kamen. Sondern die Reaktion der Öffentlichkeit. Die Bereitschaft zur totalen Zerstörung einer Frau und der Spaß, den viele dabei zu haben schienen.

Noch 2020 hatte ein Richter in Großbritannien geurteilt, dass Depp als „Frauenschläger“ bezeichnet werden darf, weil die Angaben im entsprechenden Text „im Wesentlichen wahr“ seien. Nur war dieser Prozess nicht im Livestream zu sehen. Doch selbst wenn Heard wirklich gelogen haben sollte: Eine derartige Masse an Hass, Häme und Grausamkeit hat kein Mensch verdient.

Gleichzeitig hat sich offenbar niemand Gedanken gemacht, welche Message ihre Videos an Betroffene von häuslicher oder sexualisierter Gewalt senden würden – Hauptsache, sie generieren Klicks.

„Ich wurde zu einer Figur, die häuslichen Missbrauch repräsentiert, und habe den gesamten Zorn unserer Kultur gegen Frauen gespürt, die so etwas öffentlich machen.“ Das waren die Worte, die Heard 2018 in dem Meinungsstück für die Online-Ausgabe der „Washington Post“ schrieb. Die Worte, für die sie jetzt wegen Verleumdung verurteilt wurde. Das wahre Ausmaß des Zorns kannte Amber Heard zu dem Zeitpunkt noch nicht.

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