Leserreisen. Man muss nicht wegfahren, um Abenteuer zu erleben. Foto: imago/ingimage
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Für Lebensmüde, Kartenfreaks und Outdoormuffel Diese Reisebücher empfehlen unsere Autoren

Jetlag, Hitze, Visastress – muss alles nicht sein. Mit diesen acht Titeln besuchen Sie auf Papier stylische Bars, skandinavische Wälder und dunkle Verliese.

1. Architekturfans

Den Reichstag kennt jeder, das Dessauer Bauhaus auch. Aber was ist mit der Bibliothek in Kressbonn oder dem Alnatura Campus auf einem alten Darmstädter Kasernengelände, der gerade mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet wurde? Aufregende Bauten aus jüngster Zeit, die es zu entdecken lohnt [Architekturführer Deutschland, DOM Publishers, 224 Seiten, 28 Euro]. Die Autoren führen den Leser durch die aktuelle Architekturlandschaft der Bundesrepublik, wobei sie die unterschiedlichsten Gebäudetypen berücksichtigen, vom Einfamilienhaus bis zur Kirche. Ein Reiseführer der anderen Art. Anhand zahlreicher Fotos und kurzer Beschreibungen gewähren sie Einblick auch in Gebäude, die nicht öffentlich zugänglich sind. Das Buch im schmalen Hochformat macht Mut: Dass die deutsche Architektur doch nicht so eintönig und einfallslos ist, wie es in Berlin oft den Anschein hat.
Susanne Kippenberger

Architekturführer Deutschland, DOM Publishers Cover: promo Vergrößern
Architekturführer Deutschland, DOM Publishers © Cover: promo

2. Homo travelicus

Der niederländische Tourismusexperte Bastiaan Ellen hatte genug: In schwulen Onlineforen fand er keine vernünftigen Reisetipps, sondern nur Partyhinweise - und normale Reiseführer verfügten nicht über das nötige Stilbewusstsein. Also gründete Ellen mit seinem Mann den Blog „Mr Hudson“ für alle Schwulen, die Party, Museum und Mode in einem Urlaub kombinieren möchten. Sozusagen ein „Lonely Planet“ für eine steile Zielgruppe. Aus dieser Idee heraus ist auch das Buch entstanden [Mr Hudson unterwegs, Gestalten Verlag, 320 Seiten, 29,90 Euro]. Ein Kompendium von 20 Städten, die bei homosexuellen Männern weit oben auf der Liste stehen, neben üblichen Verdächtigen (Berlin und San Francisco) auch kleinere Orte wie Portland und Wien. Es gibt keine großen Überraschungen, aber viele nützliche Adressen zum Dinieren, Flanieren, Shoppen und Feiern sowie kleine Porträts von Einheimischen, die den Lesern ihre Heimat näherbringen.
Ulf Lippitz

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Mr Hudson unterwegs, Gestalten Verlag © Cover: promo

3. (Un)geduldige

Es ist ja ein Irrtum, zu glauben, dass Reisende die ganze Zeit unterwegs sind. Oft stehen sie einfach still. In der Schlange beim Check-in, allein an der Bushaltestelle Reisen heißt Warten. Vergeudete Zeit ist das nicht. Es gibt so viel zu gucken, man muss nur ein Auge dafür haben. So wie Dieter Leistner. Seit Ende der 70er Jahre fährt der Fotograf um die Welt, von Wanne-Eickel bis Argentinien, von Seoul bis Warschau, und hält an Haltestellen fest, was er sieht: Szenen wie auf der Bühne [Dieter Leistner: Waiting, Av edition, 156 Seiten, 25 Euro]. Als hätte jemand die Wartenden in faszinierenden Kulissen scheinbar beiläufig hingestellt, sodass sich möglichst spannungsreiche Panoramen ergeben. Man sieht sich nicht satt an diesen Momentaufnahmen im Querformat, anfangs schwarz-weiß, später in Farbe, bewundert Leistners Gespür für Timing und Komposition. Genau das Richtige für alle, die glauben, dass Warten langweilig sei.
Susanne Kippenberger

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Dieter Leistner: Waiting, Av edition © Cover: promo

4. Kartenfreaks

Nicht nur Wanderer brauchen eine Karte, um zu wissen, wohin die Reise geht. Tolkien kam vom Atlas zum Auenland, Stevenson von einer Skizze zur „Schatzinsel“ und auch David Mitchell, Autor von „Cloud Atlas“, entwirft die Topografie vor dem Text. „Wenn ich schildere, wie eine Figur auf einen Berg steigt, muss ich wissen, was ihr unterwegs begegnet“, schreibt er in einem der rund zwei Dutzend Aufsätze, die in „Verrückt nach Karten“ versammelt wurden [Verrückt nach Karten, wbg Theiss, 256 Seiten, 34 Euro]. Der Untertitel täuscht ein wenig, weil Autorinnen wie Cressida Cowell weniger „Geniale Geschichten von fantastischen Ländern“ erzählen, als vielmehr Einblicke in ihre Arbeit geben. Die Faszination überträgt sich jedoch schnell, auch dank der rund 170 Abbildungen, in denen Leser vom Mumin-Tal durch Botticellis Hölle in die Verliese des Rollenspiels „Dungeons & Dragons“ reisen.
Moritz Honert

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Verrückt nach Karten, wbg Theiss © Cover: promo

5. Lebensmüde

Klar kann man weit wegfahren und große Abenteuer erleben. Man kann aber auch hierbleiben und sich in Gefahr bringen. Das suggeriert dieser eigenwillige Reiseführer jedenfalls [Markus Lesweng: How to kill yourself daheim, Con Book, 192 Seiten, 19,95 Euro]. Warum durch die Favelas von Rio streifen, wenn man auch abends in Duisburg-Marxloh beklaut wird? Warum sich mit Malaria-Tabletten den Magen verderben, wenn auf der Insel Riems Killerviren gezüchtet werden? Das Buch erzählt von ungewöhnlichen Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, berichtet von Unfällen beim Canyoning und in Kernkraftwerken. Die meisten Tipps sind nicht wirklich als Reise-Empfehlungen zu verstehen, taugen jedoch für die eine oder andere Anekdote. Zynischer, schwarzer Humor ist dabei eingepreist und trifft Nazis genauso wie Demonstranten im Hambacher Forst. Geht allerdings manchmal etwas übers Ziel hinaus.
Christian Vooren

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Markus Lesweng: How to kill yourself daheim, Con Book © Cover: promo

6. Outdoormuffel

Skandinavien - ein Traum von weiten Wäldern, hohen Bergen und tiefen Tälern. Laut einer Statistik suchen rund 80 Prozent der Norweger regelmäßig die Ruhe der Natur. Are Kalvø ist keiner von ihnen. Während Touristen jeden Landstrich seiner Heimat durchstreifen, wollte der Komiker immer bloß in die Stadt. Nur um feststellen zu müssen, dass auch dort die Menschen der Naturerfahrung verfallen sind. „Ich habe in den letzten Jahren so viele Freunde an die Natur verloren. Gute Leute. Patente Leute. Lustige Leute, die früher gern mit in die Kneipe gegangen sind, um Stuss zu reden.“ Heute hingegen sagen sie: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“ Kalvø beschließt, einen Outdoor-Selbstversuch zu wagen [Are Kalvø: Frei. Luft. Hölle., Dumont Reiseverlag, 360 Seiten, 14,95 Euro]. Seine Erfahrungen zwischen unkomfortablen Nächten in Berghütten und Begegnungen mit Instagram-Wanderern schildert er in dieser unterhaltsamen Mischung aus Sachbuch, Satire und Reisebericht.
Hannes Soltau

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Are Kalvø: Frei. Luft. Hölle., Dumont Reiseverlag © Cover: promo

7. Schneemänner

Es beginnt mit einer Grenzerfahrung. „Ich war drei Jahre alt, als ich den Frost entdeckte“, schreibt Michael Schophaus in seinem Prolog [Michael Schophaus: Schnee, At Verlag, 220 Seiten, 24 Euro]. Anstatt sich nun in die Wärme der Wohnung zu verkriechen, wie es jedes vernünftige Kind tun würde, hat sich der Junge warm angezogen und sich auch später als Journalist Zeit seines Lebens von der weißen Pracht faszinieren lassen. Sei es als Skilehrer im Allgäu, beim Extremabfahrtslauf in der Telemark oder beim quälenden Aufstieg auf schneebedeckte Kuppen in Lappland oder Afrika. Schophaus kriegt einfach nicht genug von Eiseskälte. Andere suchen im Urlaub Palmen und Sonne, ihn zieht es an die kühlen Orte dieser Welt. Wenn es frostet wie in der Arktis, geht ihm das Herz auf. Und deshalb ist dieses Buch eine Liebeserklärung - und für alle Skeptiker eine Aufforderung, sich vielleicht doch mit Thermojacke, Fellmütze und Handschuhen raus aufs Glatteis zu begeben. Das ist wenigstens stilistisch: eine Grenzerfahrung.
Ulf Lippitz

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Michael Schophaus: Schnee, At Verlag © Cover: promo

8. Spitzenreiter

Es soll ja Menschen geben, die das Meer den Bergen vorziehen. Denen schwindelig wird, aber nicht vor Glück, wenn es auf 3000, 4000 Meter Höhe geht. Und dann gibt es die anderen. Die schneller werden, sobald die Steigung in den Waden ziept. Die sich vor jeder Kurve freuen: auf Alpenveilchen, Kuhfladen und den Blick ins Tal.  Die die letzten Meter zum Gipfel rennen, weil sie nicht erwarten können, dass sich dieses einzigartige Gefühl einstellt.

Die nicht an Gott glauben, aber jetzt vielleicht doch, ganz kurz, denn irgendwer muss dieses Panorama doch erschaffen haben. Und die dann selig und nassgeschwitzt, den Bauch voll Kaiserschmarrn und die dampfenden Füße von sich gestreckt, vor den Almen liegen - und die Knie auf den Abstieg einstimmen.
Für Letztere hat Lonely Planet nun ein Buch herausgegeben [Legendäre Wanderrouten, Lonely Planet, 328 Seiten, 29,80 Euro]. Stiefel in grün, blau, rot markieren den Schwierigkeitsgrad der Route - leicht, härter, legendär -  die Trips sind nach Kontinenten sortiert. Am Ende der Texte finden sich praktische Tipps von Kleidung bis zur Ausrüstung (in Kanada Bärenspray nicht vergessen), unter: „Mehr davon“ listet der Reiseführer ähnliche Routen auf.
Man kann sich kaum entscheiden, ob einen singende Guides auf den Kilimandscharo führen sollen oder man doch lieber seine Sünden los wird, indem man sich am tibetanischen Kailash durch enge Felsbrocken quetscht, wie die Legende es verlangt. 

Erst neben verfallenen Türmen der Ming-Dynastie ganz allein auf der chinesischen Mauer campen oder doch gleich mit Wodka begießen, dass man die Begegnung mit georgischen Hirtenhunden überlebt hat? Vielleicht vorerst nur zwei Wochen durch Deutschland trekken, mitten hinein ins Herz des Schwarzwaldes, wo das Wandern als Vergnügen erfunden wurde. Denn das ist es.
Julia Prosinger

Legendäre Wanderrouten, Lonely Planet Cover: promo Vergrößern
Legendäre Wanderrouten, Lonely Planet © Cover: promo
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