Immer präsent: der Turm des Stahlwerks. Foto: Thomas Meyer/OSTKREUZ
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Flächendenkmal Eisenhüttenstadt Ganz schön verplant

Vor 70 Jahren entstand Eisenhüttenstadt als Stolz der DDR: großzügige Wohnungen, weite Boulevards. Nach langem Niedergang erstrahlt die Stadt wieder.

Am Anfang der neuen Zeitordnung standen zwölf Kästen Bier. Die junge DDR wollte 1951 einen Industriestandort in die brandenburgische Kiefernheide drücken und Bauminister Lothar Bolz sollte dafür symbolisch den ersten Nadelbaum fällen. Jeder Hieb - so versprach es der Genosse - sollte ihn einen Kasten kosten. Man weiß nicht, ob die Arbeiter ein besonders widerspenstiges Exemplar aussuchten, doch zwölf Axtschläge brauchte der Minister. Das Land guckte nach vorn - Stahlwerk, Planstadt, Moderne! - die Männer tranken ihr Bier.

So erzählt es Eberhard Harz, Stadtführer in Eisenhüttenstadt. Er steht auf der Magistrale des Ortes, der Lindenallee, und zeigt auf den Turm des Stahlwerks hinter ihm. Wo er in den Himmel ragt, streckte sich damals der Baum zum Licht. Ein ganzes Kombinat wurde drumherum errichtet, eine Stadt gedieh, zu Spitzenzeiten in den späten 1980er Jahren zählte sie 53.000 Einwohner. Nun feiert sie beinahe heimlich ihr 70-jähriges Bestehen. Nur noch 27.000 Menschen leben hier, nahe der polnischen Grenze und fernab der einstigen Aufmerksamkeit

Vor zehn Jahren noch verirrte sich kaum ein Besucher nach "Schrottgorod"

Mit der DDR schwand die Öffentlichkeit, die Region taumelte durch die Nachwendezeit, Familien verließen den abgehängten Ort, ganze Blöcke standen leer - und die Abrissbirne machte mancher Platte ein schnelles Ende. Vor zehn Jahren noch verirrte sich kaum ein Besucher nach „Schrottgorod“, wie die nach der Wende abgehalfterte Stadt manchmal betitelt wurde. Doch inzwischen ist das Zentrum aus den 1950er und 1960er Jahren restauriert, die zeitliche Distanz zum Kommunismus groß genug geworden. Und spärlich, aber kontinuierlich tröpfeln Touristen in die Stadt. Sie bewundern Deutschlands größtes Flächendenkmal - das architektonische Aushängeschild eines verschwundenen Landes.

Machtbau, Prachtbau. Im einstigen »Haus der Parteien und Massenorganisationen« am Zentralen Platz 1 sitzt heute das Rathaus. Foto: Thomas Meyer/OSTKREUZ Vergrößern
Machtbau, Prachtbau. Im einstigen »Haus der Parteien und Massenorganisationen« am Zentralen Platz 1 sitzt heute das Rathaus. © Thomas Meyer/OSTKREUZ

Eberhard Harz, der Stadtführer, ist selbst nur ein bisschen älter als das Werk, hat Elektronik studiert und früher in der Gebäudewirtschaft gearbeitet, die viele der damals gebauten Wohnungen verwaltete. Ein Mann, der leidenschaftlich von Heizungskesseln, Außentemperaturmessern und Häuserputz erzählen kann. Herr Harz kennt die Hardware von Eisenhüttenstadt wie kein anderer.

Auf der Lindenallee, breite Gehwege, wenige Fußgänger, beginnt er zu erzählen. Von dem zehngeschossigen Hochhaus, das hinter ihm steht und noch per Hand gemauert wurde - „ein Stein, ein Kalk, ein Bier“, altes Bauarbeitermotto. Herr Harz lacht. Er weist auf das sandfarbene Friedrich-Wolf-Theater mit seinen Säulen hin, „800 Sitzplätze, raumhohe Holztäfelung“, das lange vor den meisten Wohnungen fertiggestellt wurde.

In die Innenhöfe der Blöcke passen anderswo ganze Zoos

Geplant war der Ort als sozialistische Modellstadt: Die junge DDR brauchte ein Stahlwerk, vom Ruhrgebiet im Westen und seinen Hochöfen war der Staat nun durch eine Systemgrenze getrennt, von der oberschlesischen Stahlindustrie durch die Grenze zu Polen. Also wurde dank guter Anbindung an Oder und Schiene dieser Flecken ausgesucht, das Hüttenkombinat mitsamt Wohnkomplexen erdacht, eine Vision für die moderne Stadt entwickelt, mit Krankenhäusern, Schulen, Kaufhallen - und Grünflächen. In die Innenhöfe der hiesigen Blöcke passen anderswo ganze Zoos.

An der Magistrale 1965 schuf Walter Womacka das Wandmosaik „Arbeit für den Frieden“. Foto: Thomas Meyer/OSTKREUZ Vergrößern
An der Magistrale 1965 schuf Walter Womacka das Wandmosaik „Arbeit für den Frieden“. © Thomas Meyer/OSTKREUZ

„Platzverschwendung“, fanden Schweizer Architekten, als Herr Harz eine Gruppe von ihnen durch die Anlage führte. Er lächelt. Denn er hat eine Trumpfkarte in der Hand: Da der gesamte Bereich denkmalgeschützt ist, kann es nie zu beleidigender kapitalistischer Funktionsarchitektur kommen, zu keiner Hallenverschlimmerung von Discountern. Auch schön, sagt Herr Harz.

Mit dem Stadtnamen, erzählt er nun und geht an der prachtvollen Pawlowallee entlang - „wir befinden uns etwa 1955“ -, taten sich die Planer schwer. Drei Jahre nach dem Spatenstich sollte der Ort zuerst Karl-Marx-Stadt getauft werden. Dann verstarb Stalin und der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht kam auf die Idee, dem Denkmalliebhaber Stalin selbst ein solches zu setzen. „Stalinstadt“ musste sich der Ort acht Jahre lang nennen, dann klang der Name selbst Hardliner Ulbricht zu diktatorisch. Im Zuge der Entstalinisierung wurde die Planstadt mit den Nachbarorten Fürstenberg (Oder) und Schönfließ vereinigt. Ab sofort stand Eisenhüttenstadt am Ortsschild - bis heute. Ein Wortungetüm, das viel über die DDR-Vorliebe für zusammengeschraubte Substantive und die Träume der Zeit erzählte: Maschinenromantik aus Staatsfeder.

"Stalinstadt" klang nach Kaltem Krieg, Rote-Fahnen-Beflaggung - und nach Straflager

Trotz Umbenennung blieb der Ort, an dem der Stahl gehärtet wurde, lange mit dem Sowjetdiktator verbunden. "Stalinstadt" klang schmissiger, nach Kaltem Krieg, Rote-Fahnen-Beflaggung - und ein bisschen nach Straflager. Alles natürlich Quatsch, doch der Mythos überlebte. Und ein bisschen beflügelt die Legende der aus dem Nichts gebauten Planstadt auch das Interesse der Besucher.

Das Friedrich-Wolf-Theater mit seinen 800 Sitzplätzen wurde lange vor den meisten Wohnungen fertiggestellt. Foto: Thomas Meyer/OSTKREUZ Vergrößern
Das Friedrich-Wolf-Theater mit seinen 800 Sitzplätzen wurde lange vor den meisten Wohnungen fertiggestellt. © Thomas Meyer/OSTKREUZ

2011 zum Beispiel kam Tom Hanks, das bekannteste Durchschnittsgesicht Hollywoods, während einer Drehpause nach Eisenhüttenstadt, bewunderte die Architektur und schwärmte davon später in der Letterman-Show. „Iron Hut City“, nannte Hanks diesen für Amerikaner so mysteriösen Ort. Auch die Pet Shop Boys besuchten danach „Hütte“, wie die Einwohner den Stadtnamen manchmal abkürzen. Mehrere Filme wurden in den vergangenen Jahren hier gedreht, momentan, sagt Herr Harz, produziert Netflix eine Serie vor Ort - es geht natürlich um die DDR.

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Eberhard Harz hat damals auch Tom Hanks durch die Stadt geführt, ein Dolmetscher übersetzte. Hanks fragte öfter einmal nach, ob die großzügig angelegten Wohnanlagen, die sorgsam verzierten Häuser auch wirklich für Arbeiter gebaut worden waren. I mean, die Rendite! Heutzutage schwer zu vermitteln, dass kommunaler Wohnungsbau mal so etwas bedeutete.

Kringel, Blumen, Kreise, sozialistisches Art déco

In den 50er Jahren dachten die Architekten noch groß: Wandkacheln aus Meißner Porzellan, roter Sandstein aus der Dresdner Ecke, Propagandakunst auf Häuserwänden. Schmuckelemente zieren die meist viergeschossigen Wohnriegel, Kringel, Blumen, Kreise, sozialistisches Art déco. Im sogenannten Arztblock im WK I, wie die Einwohner den Wohnkomplex abkürzen, lebten die Mediziner auf Eichenparkett und mit Vestibül. Dort empfingen sie ihre Patienten, eine Klinik gab es anfangs noch nicht.

Herr Harz kommt nun an seinem Lieblingsgebäude vorbei. WK I, Rosa-Luxemburg-Straße, hinter einem Zaum versteckt sich eine Auffahrt mit Säulenaufgang, dahinter ein filigraner Brunnen unter Kiefern - und am Ende wartet eine Art Schlösschen. Harz bittet darum, die Details zu würdigen: „Eindeckung mit Schiefer - teure Lösung.“ Das war kein Privatclub für die Nomenklatura, sondern der Kindergarten des Wohnkomplexes. Heute befindet sich im Baudenkmal eine Schule.

Arbeiterpalast. Erker im Wohnkomplex WK II in der Saarlouiser Straße. Foto: Thomas Meyer/OSTKREUZ Vergrößern
Arbeiterpalast. Erker im Wohnkomplex WK II in der Saarlouiser Straße. © Thomas Meyer/OSTKREUZ

Doch auch der DDR wurde die Großzügigkeit in den 1960er Jahren zu viel und wohl auch zu teuer. Am Zentralen Platz sollte ursprünglich ein ganzes Ensemble an Repräsentationspalästen stehen - lediglich das Rathaus wurde vollendet. Hatte man in WK I und WK II noch Wert auf Kassettendecken in den Autodurchfahrten und elegante runde Erker gelegt, begann mit der Planung für WK III die Ära der Fertigteile. Die Arbeiter zogen die Komplexe schneller und schmuckloser hoch, bis die Neubauten schließlich den Plattenbezirken im Rest der Republik ähnelten. Man sieht sie noch, wenn man vom Bahnhof kommt.

In den Kaufhallen gab es Produkte, die anderswo in der DDR schwer zu kriegen waren

Diese Bauten lassen die meisten Touristen links liegen, lernen vielleicht nicht einmal, dass es auf der anderen Bahnhofsseite einen historischen Ortsteil gibt: Fürstenberg. Nach 1990 versuchte eine Initiative, sich vom vereinnahmenden Eisenhüttenstadt abzukoppeln, ohne Erfolg. Noch heute, sagt Harz, fahren die Menschen aus Fürstenberg genauso selten ins Zentrum wie andersrum. Die alten Fürstenberger, sagt er, seien manchmal „wie ein zänkisches Bergvolk“. Vielleicht spielte auch der historisch gewachsene Neid seine Rolle. In den Kaufhallen von Eisenhüttenstadt gab es zu DDR-Zeiten oftmals Produkte, die anderswo schwer zu bekommen waren. Die linientreuen Stahlarbeiter, die auch 1953 beim Arbeiteraufstand nicht mitmachten, während die Fürstenberger ihr altes Rathaus stürmten, belohnte der Staat mit vollen Regalen. Wenn Verwandte aus Cottbus bei Herrn Harz anriefen, fragten sie erst mal eine Einkaufsliste ab. „Gekörntes Spee-Waschpulver? Pflaumenmus? - gibt's alles!“ Die Kaufhallen hatten wegen des Schichtbetriebs von 7 bis 21 Uhr geöffnet, ein Novum im Sozialismus.

Nur bei den Autos, das gibt der Stadtführer zu, wurden auch die Eisenhüttenstädter nicht bevorzugt. Links vom Theater, in einem Glaspavillon, in dem heute ein Bäcker seine Brötchen verkauft, residierte der Autosalon von Eisenhüttenstadt. „Im Schaufenster standen ein Wartburg und ein Trabi“, erinnert sich Harz. „Und auf dem Schild daneben stand: unverkäufliches Muster“. Wer einen Wagen wollte, musste ihn beantragen - Wartezeit etwa 15 Jahre. Beim Autohersteller Tesla, der gerade ins sandige märkische Nichts von Grünheide seine Gigafabrik hämmert, sollen Kunden nur einen Monat warten.

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