Obama nahm den Thriller mit in die Sommerferien

Die Autorin Paula Hawkins Foto: Johnny Ring
Filmstart: "Girl on the Train" Die Pendlerin

Im Buch wirkt der Zug selbst sehr geborgen – sicherer als die Häuser. Der Rhythmus der Räder hat etwas Beruhigendes.

Es ist Rachels sicherer Ort. Sie steigt in den Acht-Uhr-Vierer, um ihrem eigenen, schrecklichen Leben zu entfliehen, das Gefühl zu haben, zur Gesellschaft dazu gehören. Aber sie gehört nicht dazu. Es ist der Ort, an den sie geht, um sich normal zu fühlen. Im Roman ist der Zug fast eine eigene Figur, zumindest alle weiblichen Charaktere haben eine Verbindung zu ihm.

Am Ende des Buches danken Sie „den Londoner Pendlern für diesen kleinen Funken Inspiration“.

Der Roman ist ja aus meiner eigenen Erfahrung als Pendlerin entstanden. Ich habe mich immer umgeguckt und überlegt, was für ein Leben die anderen Leute wohl führen. Die Danksagung war eine Art Kopfnicken in Richtung der Mitfahrer – so wie man das im Zug selbst auch macht.

Wann fingen Sie denn an, Bahn zu fahren?

Ich war 17, als ich mit meinen Eltern von Simbabwe nach England kam. Damals kannte ich hier niemanden. In Afrika hatte ich jede Menge Freunde – und in London keinen, mit dem ich nach der Schule abhängen konnte. Ich habe mich als Außenseiter gefühlt. Wenn ich im Zug saß, mit dem ich jeden Tag zur Schule fuhr, habe ich immer die anderen Leute angeguckt und mir gewünscht, Freunde zu haben. Ein Teil dieser damaligen Einsamkeit ist in die Figur von Rachel geflossen. Auch dieses Gefühl, umgeben von vielen Menschen isoliert zu sein.

Sie haben über den Unterschied zwischen digitaler und analoger Welt gesprochen. Der Zug ist verdammt real – laut, überfüllt, heiß und stickig.

Ja, sehr real. Man ist den Menschen extrem nah, sieht sie, wie sie sind, nicht, wie sie sich online präsentieren.

Werden Sie unterwegs eigentlich von Leuten angesprochen?

Nein! In England spricht kein Mensch mit anderen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Auf langen Bahnreisen mag das anders sein, aber Pendler fahren einfach zur Arbeit und wieder nach Hause, sie unterhalten sich nicht. Nicken nur zum Gruß.

Der „Guardian“ witzelte in diesem Sommer, der US-Präsident sei wohl der einzige Mensch auf Erden, der „Girl on the Train“ noch nicht gelesen habe. Obama hatte da gerade die Liste seiner Urlaubslektüreliste bekannt gegeben hatte. Ihr Thriller war eins der fünf Bücher, die er mit in die Ferien genommen hat.

Ja. Aber ich habe keine Ahnung, ob er ihn tatsächlich gelesen hat.

Die Autorin und ihr Buch

In Simbabwe geboren, zog Paula Hawkins als Siebzehnjährige nach England, wo sie Philosophie, Politik und Wirtschaft studierte und lange als Finanz-Journalistin arbeitete. Mit ihren romantischen Romanen, unter dem Pseudonym Amy Silver, hatte sie keinen besonders großen Erfolg. Erst mit dem Psycho-Thriller „Girl on the Train“, unter ihrem eigenen Namen, gelang ihr 2015 der Durchbruch. Die 44-Jährige lebt in London.

Ein gutes Jahr stand der Krimi auf der Bestseller-Liste der „New York Times“, weltweit wurden mehr als 15 Millionen Exemplare verkauft. Auch auf Deutsch erschien „GOTT“, wie der Thriller kurz genannt wird, unter dem Titel„Girl on the Train“ („Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich“, Blanvalet Verlag). Das Marketing richtete sich explizit an Bahnfahrer: An knapp 60 Bahnhöfen wurde plakatiert, 23 000 Leseproben in ICEs verteilt.

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