An eine Hauswand in Rimini wird eine Szene aus "La dolce vita" projiziert. Riccardo Gallini/Comune di Rimini
© Riccardo Gallini/Comune di Rimini

Federico Fellini und das süße Leben am Meer Der Träumer von Rimini

Großes Kino: Filmemacher Federico Fellini, wasserscheu, schaute gerne aufs Meer. Jetzt baut die Stadt an der Adria ihrem berühmtesten Sohn ein Denkmal.

In der letzten Szene von „La dolce vita“ steht Marcello Mastroianni am Strand, diesem Niemandssaum zwischen Land und Meer. Die letzte Nacht fällt von ihm ab, das ganze süße falsche Leben. Alles scheint wieder möglich, sogar für ihn. Das ist das Versprechen des Strandes.

Aber so breit und unendlich lang wie der von Rimini sollte er schon sein. Und leer, vor allem fast leer, wie jetzt im Winter. Ein paar Jogger und Wanderer scheinen aus dem Nichts zu kommen, sie laufen ins Nichts. Das ist – beinahe felliniesk. Vor allem bei Nebel.

Rimini erfindet sich gerade neu im Zeichen des berühmtesten Sohnes der Stadt, des Regisseurs Federico Fellini. Wer den Strand verlässt, läuft unweigerlich durch eine Straße, die nach einem Fellini-Film heißt. Es ist schön, wenn eine Gasse einfach „La Strada“ heißen darf, die Straße. Aber hier wird noch die unbekannteste Schöpfung des Meisters zum Namenspaten, etwa „Orchesterprobe“, „Die Schwindler“ oder „Der weiße Scheich“, wir kommen darauf zurück.

Fast alle Bistros und Läden tragen das Logo der neuen Attraktion der Stadt im Schaufenster, des im August eröffneten Fellini-Museums: Ein großes Nashorn steht – genau wie in „Schiff der Träume“ – in einem kleinen Rettungsboot. Es kippt, sobald sich das Rhinozeros bewegt, soviel ist klar. Das ist beinahe schon der halbe Fellini, Fantasie als Gloriole des Untergangs.

Das Nashorn aus "Schiff der Träume" als Skulptur vor dem Fellini-Museum. Emilio Salvatori/Comune di Rimini Vergrößern
Das Nashorn aus "Schiff der Träume" als Skulptur vor dem Fellini-Museum. © Emilio Salvatori/Comune di Rimini

Der Regisseur, obschon 1920 fast in Sichtweite des Strandes geboren, war natürlich kein einfacher Sohn des Meeres, im Gegenteil, er hat es in seinen größten Filmen immer wieder tief beleidigt. Darum ist ein Raum des neuen Museums auch mit leicht gewellten, grauen Plastikplanen ausgelegt. Sie stellten bei Fellini nicht selten das Meer dar.

Das reicht vollkommen, befand der entschlossene Studio-Filmer, der als Junge als einziger unter seinen Freunden nicht schwimmen konnte. Er blieb allein am Strand sitzen, wenn die anderen baden gingen. Nicht einmal sein Hemd zog er aus. Wahrscheinlich, weil er so dünn war, weshalb ihn die Freunde wegen seiner zum Verschwinden neigenden Statur nur „Gandhi“ nannten.

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Vielleicht ist das keine schlechte Voraussetzung, um zum Künstler zu werden: Allein im Sand sitzen bleiben, während die Anderen baden gehen. Aufs Meer schauen und träumen. Großes Kino! Letztlich sind auch Fellini-Filme nichts anderes als überlange Traumsequenzen.

Wahrscheinlich träumte vor über zehn Jahren auch Riminis Bürgermeister Andrea Guassi, als er beschloss, seine Stadt neu zu erfinden. Könnte man aus Parkplätzen nicht wieder richtige Plätze machen? Aus innerstädtischen Straßen Boulevards? Ist es nicht an der Zeit, Federico Fellini gebührend zu ehren?

Zwar hat kein Filmregisseur irgendwo auf der Welt ein eigenes großes Museum bekommen, aber was heißt das? Es ist schließlich Fellini: Als er 1993 starb, füllten Tausende Rimineser die Straßen und gaben ihm das letzte Geleit.

Nachbau in Rom

Wenn Kritiker über die besten Filme aller Zeiten nachdenken, tauchen regelmäßig mehrere Fellinis auf: „La Strada“, „La dolce vita“, „Achteinhalb“. Oder „Amarcord“, sein Rimini- Film schlechthin, die Erinnerungen seiner Kindheit. Doch weil er mit dem Meer oder richtigen Städten nicht viel anfangen konnte, ließ er Rimini 1973 in Cinecittà, der Filmstadt Roms, nachbauen.

Regelmäßig im Herbst starb der Ort an der Adria, gegründet fast 300 Jahre vor Christus. Bis hierher reichte die römische Konsularstraße, die Via Flaminia. Von hier aus gedachten die Römer den Norden zu erobern. Von Rimini läuft die Via Emilia schnurgerade gen Nordwesten bis nach Mailand.

Amphitheater und Tiberiusbrücke

Wenn man an Rimini denkt, hat man die Apokalypse des Massentourismus vor Augen, jedoch nie die römische Stadt. Das ist ein schwerer Irrtum, denn Augustusbogen und Tiberiusbrücke haben bis heute überdauert. Jedem neuzeitlichen Verkehrsinfarkt hielt die alte Brücke stand, doch von nun an gehört sie den Fußgängern. Sogar die Ruinen eines riesigen Amphitheaters wurden gefunden, und die Straßen folgen noch dem antiken Grundriss.

Damals lag Rimini unmittelbar am Meer, heute muss man vom Zentrum bis zum Strand doch etwas laufen, zu weit für einen schnellen abendlichen Bummel hin und zurück. Dennoch: Die Verbindung der beiden Paralleluniversen Strandbetonhotellerie und Stadt gehört zum Projekt. Und wieder darf es sich auf Fellini berufen.

Im Grand Hotel übernachtete Fellini stets im selben Zimmer. Grand Hotel Rimini Vergrößern
Im Grand Hotel übernachtete Fellini stets im selben Zimmer. © Grand Hotel Rimini

Immer wieder kam er zurück, was hieß: Er bezog das Grand Hotel am Strand, stets war eine Suite für ihn reserviert, immer dieselbe, die 315. Das deutet keineswegs auf bloßen Snobismus. Im Gegenteil, das Grand Hotel war ein Hauptort seiner Jugend. Hier saß er mit Duldung des Empfangspersonals in der Lobby und zeichnete die Gäste. Damals trugen die Chauffeure noch weiße Stiefel.

Als Cartoonist hat der sonst unauffällige Sohn der Provinz später auch in Rom begonnen, wo er eigentlich studieren sollte. Wenn er, längst berühmt, mitunter das Gefühl hatte, es fiele ihm nichts mehr ein, möglicherweise nie wieder, fuhr er umgehend ins Grand Hotel, denn dort war ihm seine Fantasie immer so unendlich erschienen wie die Welt. Das Hotel, erbaut 1908, ist ohnehin umwerfend, nicht wegen seines Belle-Epoque-Stil-Potpourris in Weiß, sondern vor allem, weil es das Meer souverän ignoriert.

Direkten Seeblick haben hier die Wenigsten, schon gar nicht von den besten Zimmern: Das Gebäude steht im rechten Winkel zur Adria, wahrscheinlich waren seine ersten Direktoren der gleichen Auffassung wie der Regisseur: Ob ich auf graue Plastikplanen oder aufs Wasser blicke, kommt aufs selbe hinaus, auf die gleiche fulminante Ereignislosigkeit. Und so schaute die Herberge lieber auf den luxuriösen Kursaal gegenüber, den gesellschaftlichen Mittelpunkt.

Heute blickt es mehr aufs Nichts, denn die Stadt hat den Kursaal nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen, obwohl er im Gegensatz zu ihr vollkommen unzerstört blieb. Aber die örtlichen Faschisten hatten ihn zu ihrem bevorzugten Versammlungsort gemacht. Daher lautete die Maxime: Abreißen! Denn was nicht mehr da ist, hat es das jemals gegeben?

Möglicherweise ist das die Primärform jeder Vergangenheitsbewältigung. Fellinis „Amarcord“ dagegen stellt bereits eine fortgeschrittene Reflexionsform dar: Die Stadt unter dem Faschismus, gesehen mit den Augen eines Jungen. Mussolini kam im Oktober 1922 an die Macht, es lässt sich nicht leugnen, der Duce lag wie ein großer Schatten über seiner Kindheit, aber zugleich war sie viel mehr, wie jede Kindheit, wenn sie eine ist.

Die primär sexuell interessierten Blicke der Jugend

Schwer zu sagen, ob Fellini heute noch einen Fellini-Film drehen dürfte. Wohl eher nicht. Wer sich an die „Amarcord“-Szene erinnert, wie die Bauersfrauen ihre Fahrräder besteigen, weiß warum. Was für unglaubliche Hintern!

Ihre Inhaberinnen kamen regelmäßig aus den Dörfern nach Rimini, um ihre Hühner und Schweine in der Kapelle des wundertätigen Heiligen Antonius vor Krankheiten, Diebstahl und anderen Misslichkeiten schützen zu lassen. Die männliche Jugend der Stadt bezog schräg gegenüber Beobachtungsposten. Auch das Denkmal der Stadt für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs war vor den primär sexuell interessierten Blicken der Jugend nicht sicher, „Amarcord“ zeigt es.

Der Regisseur Federico Fellini, aufgenommen 1972 in Rom. Foto: Imago Vergrößern
Der Regisseur Federico Fellini, aufgenommen 1972 in Rom. © Imago

Ganz Rimini ist genau genommen eine Fellini-Freilicht-Ausstellung, und eine Stadtführung – neues Museum inklusive – kann schon mal acht Stunden dauern, oder waren es achteinhalb? Das eigentliche Museum ist in das Castel Sismondo eingezogen, erbaut von den Malatesta im 15. Jahrhundert. Die Malatesta, wörtlich: schlechter Kopf, waren die einstigen Herren der Stadt, gänzlich unbegabt zum Frieden, weshalb Dante sie unumwunden „Bluthunde“ nannte. Später wurde das Castello zum Gefängnis, so kannte es noch Fellini, also nur von außen. Jetzt zieht sein Geist hier ein, das hätte ihm gefallen.

Der große Platz schräg vor dem festungsartigen Bau, neben dem stolzen, von Verdi eröffneten Theater, gehörte früher dem Zirkus. Hätte der Junge die wichtigste Piazza seiner Heimatstadt nennen sollen, es wäre gewiss diese gewesen. Vor ihr lag eine lange trostlose Karriere als Parkplatz, die bis eben währte.

Fellinis Geist spukt durchs Castello

Das schöne Theater nebenan, im Krieg zerstört, fristete die Jahrzehnte als Ruine, und auch die Burg der Malatesta stand leer, nachdem das Gefängnis geschlossen wurde. Was für eine innerstädtische Tristesse!

Nun ist das Theater wieder aufgebaut und besitzt den Ehrgeiz, zu den großen Italiens aufzusteigen. Auf dem Riesenparkplatz steht kein einziges Auto mehr, dafür ist ein großes Rondell da, ein angedeutetes Zirkusrund. Das Castello ist das neue Fellini-Universum. Man betritt es, wie für Burgen üblich, über eine Brücke, der innerstädtische Teich links und rechts ist nagelneu. Die Vorgabe lautete: Den Charakter des alten Castels zu achten, wiederherzustellen und zu betonen, ansonsten dürfe Fellinis Geist bedingungslos durch alle Räume spuken. Und das macht er.

Filmenthusiasten müssen noch im Hof mit einer leichten Irritation rechnen. Denn gleich am Eingang begrüßt sie ein lebensgroßer, weißer, leicht orientalisch anmutender Kunststoffmann auf einer ebenso weißen Schaukel. Das ist der „weiße Scheich“. Nur wer kennt ihn?

Dieser frühe Fellini-Film – ein absoluter Flop – war außerhalb Italiens bisher nirgends zu sehen, jetzt ist er in restaurierter Fassung da, mit deutschen Untertiteln, die der deutschen Audio-Fassung unbedingt vorzuziehen sind. „Der weiße Scheich“, gedreht 1951, ist schon ein richtiger Fellini, der erste in diesem umwerfenden Ineinander von Fantasie und Wirklichkeit: Eine junge Frau auf ihrer Hochzeitsreise nach Rom will, nur einmal, den Mann ihrer Träume treffen. Sie kennt ihn aus dem Kino, er spielt dort einen edlen Beduinen, jenen „weißen Scheich“. Und als sie ihm zum ersten Mal begegnet, sitzt er eben auf dieser Schaukel.

Mastroianni ist sein Alter Ego

In der Ausstellung finden Besucher viele Stunden Film, Musik, aber garantiert keine Kinoplakate. Gleich der zweite Raum gehört dem größten der frühen Fellini-Filme und dessen Frau, Giulietta Masina, ohne deren clowneske Kindfrau-Anmut „La Strada“ von 1954 undenkbar gewesen wäre. Der Moped-Planwagen des „großen Zampano“, gespielt von Anthony Quinn, steht da, und an den Wänden wechseln Filmszenen mit Giulietta Masina.

Bei „Achteinhalb“ besticht die Idee, auf einer Seite nur den schweigenden, zuhörenden Marcello Mastroianni zu zeigen, während sein Alter Ego auf der anderen Seite unablässig redet. Marcello Mastroianni: Für Fellini war er sein Stellvertreter auf der Leinwand, schöner zwar, aber vor allem nicht stellbar, eine Gesicht gewordene Unwägbarkeit, das war entscheidend.

Eine Nachbildung der schlafenden Anita Ekberg liegt im Museum. Comune di Rimini Vergrößern
Eine Nachbildung der schlafenden Anita Ekberg liegt im Museum. © Comune di Rimini

Die typische Fellini-Frau hätte man früher „üppig“ genannt. Die berühmteste Szene eines Fellini-Films ist wohl das nächtliche Bad von Anita Ekberg im römischen Trevi-Brunnen aus „La dolce vita“. Eine riesige schaumstoffgefüllte Blondine mit Wollhaaren im schwarzen Cocktailkleid, lasziv auf dem Boden liegend und kompromisslos begehbar, nimmt fast einen ganzen Raum ein.

Als der Film 1960 in die italienischen Kinos kam, standen vor den römischen Kirchen Schilder mit der Aufforderung, für den Regisseur, den großen Sünder, zu beten. Aber der fing gerade erst an: Wer sich an die große Modenschau der Kardinäle aus „Roma“ (1972) erinnert, sieht hier die Ornate im Orginal, eins absurder als das andere, gemacht aus Schokoladenpapier und Weihnachtsbaumkugeln, bis hin zum „leuchtenden Kardinal“, der wie ein Flipperautomat blinkt.

Die wichtigsten Weggefährten haben eigene Stationen, Fellinis lebenslanger wunderbarer Filmkomponist Nino Rota sogar einen eigenen Raum, und oben durch die Decke kommt schon die Abrissbirne wie in „Orchesterprobe“. Erst sie schlichtet den Streit der Musiker. Und dann ist da noch Fellini als Werbefilmer, Fellinis Bibliothek, Fellinis „Traumtagebuch“, geschrieben und gezeichnet über Jahrzehnte, ein sehenswertes Protokoll seines immer Co-Regie führenden Unterbewusstseins.

Das Castello ist jedoch nur ein Teil des Museums, der nächste wird noch in diesem Winter über dem vielleicht berückendsten Kino von ganz Italien eröffnet. Das „Fulgor“ war das Kino seiner Kindheit, hier sah er seinen ersten Film, bloß ist es jetzt noch schöner als damals, denn Fellinis Bühnenbildner Dante Ferretti hat es – sein Tribut an den Meister – in wunderbaren Ornamentreihen so gestaltet, dass der Zuschauer den ganzen Zauber des Kinos schon vor dem Film spürt.

Es ist nicht überliefert, was Federico Fellini dazu gesagt hat, als sein Grand Hotel links und rechts immer neue Nachbarn aus Beton bekam, eins so blicklos wie das andere, unterschieden lediglich nach den Schweregraden ihrer Hässlichkeit. Was soll’s, mag er gedacht haben, ich bin gleich wieder weg, aber das Meer muss die jeden Tag anschauen!

Für Federico Fellini trug die Apokalypse schon einen anderen Namen: Es war der Beginn des Fernsehens. Das war ihm die vollendete Entzauberung der Welt, während er das Projekt ihrer vielfach gebrochenen Wiederverzauberung doch gerade begonnen hatte.

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