Jared Diamond warnt vor Selbstmitleid in der Politik. Foto: Andreas Labes
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Evolutionsbiologe Jared Diamond „Zum ersten Mal gibt es die Möglichkeit eines weltweiten Kollapses“

Pulitzer-Preis-Träger Jared Diamond warnt die Politik, sich nur auf den Klimawandel zu konzentrieren. Das Zusammenspiel mehrerer Krisen sei das Gefährliche.

Jared Diamond, geboren 1937 in Boston an der US-Ostküste, ist Evolutionsbiologe und Anthropologe. Er hat ebenso über menschliche Sexualität geschrieben, wie über die Spaltung zwischen Arm und Reich und warum sich dominante Kulturen vor allem in Europa und Asien ausbildeten. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Wie Nationen sich erneuern können". Darin beschreibt er, wie Staaten mit den Megaherausforderungen der Zukunft wie dem Klimawandel umgehen können.

Herr Diamond, in Ihrem neuen Buch untersuchen Sie, wie Staaten in ihrer Geschichte mit existenzbedrohlichen Situationen umgegangen sind. Ist die Krise angesichts von politischer Polarisierung, Terror und Brexit nicht der neue Normalzustand?

Für mein Buch fand ich es sinnvoll, Krise als etwas zu definieren, das nur alle paar Dekaden oder alle zwei, drei Generationen vorkommt. Trump wäre demnach keine neue, sondern Teil einer längerfristigen Krise. Doch natürlich erlebe auch ich jeden Tag eine Krise in meinem Leben. Heute Morgen zum Beispiel: Vor 15 Minuten war ich noch nicht sicher, ob ich es schaffe, Skype zum Laufen zu bringen, damit wir sprechen können. Zugegeben, eine kleine Krise.

Erleben wir durch die weltweiten Probleme heute eine größere Bedrohung als beispielsweise nach dem Börsencrash von 1929?

Man kann darüber streiten, ob die Probleme der USA heute größer oder geringer sind als damals. Aber die Welt trägt heute wohl ein so großes Risiko für einen Zusammenbruch wie noch nie. Schuld ist die Globalisierung. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte gibt es die Möglichkeit eines weltweiten Kollapses. Bis vor Kurzem war es immer so: Wenn ein Land zusammenbrach, waren die anderen nicht betroffen. Als im 9. Jahrhundert mit den Maya die damals fortschrittlichste Kultur unterging, bekam man davon nebenan in Mexiko nichts mit. Würden heute Somalia oder Afghanistan kollabieren, beträfe das die ganze Welt.

Welche ist in Ihren Augen die derzeit größte Krise?

Vielleicht, dass die Welt versucht, die größte Krise von allen zu finden. Wir stehen einer Anzahl von Problemen gegenüber, von denen uns jedes einzelne ruinieren könnte. Falls wir den Klimawandel, die Ungleichheit und den Ressourcenmangel bewältigen, aber die Ausbreitung von Nuklearwaffen nicht, sind wir geliefert. Wenn uns die nukleare Abrüstung gelingt, aber wir den Klimawandel nicht aufhalten, sind wir ebenfalls dran. Das ist wie bei einer Ehe. Wenn mich jemand fragt: Was ist der wichtigste Faktor für eine funktionierende Partnerschaft?, dann weiß ich schon, das wird nichts. Eine stabile Beziehung hängt nicht an einem einzelnen Punkt. Dafür müssen Sie Dutzende Dinge gleichzeitig organisieren.

Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Lassen sich aus den historischen Begebenheiten wie dem Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion 1939 oder der Besiedlung Australiens, die Sie untersuchen, überhaupt Schlüsse für heute ziehen?

Natürlich. Ein Problem bei uns in den USA ist jedoch, dass wir glauben, wir wären einmalig. Das stimmt ja auch, daraus leiten wir jedoch ab, dass wir von anderen Ländern nichts lernen können. Tatsächlich aber stehen wir heute Problemen gegenüber, die auch Demokratien wie Deutschland, Kanada oder Großbritannien haben: in der Bildung, der Gesundheitsversorgung, bei Gefängnissen, Renten … Und man muss schon sagen, dass die damit oft erfolgreicher umgegangen sind als wir.

Um Probleme anzugehen, braucht es Einigkeit. Die USA sind jedoch wie Europa extrem gespalten.

Das stimmt. Das ist auch einer der Auslöser für nationale Krisen. Zum Überwinden muss es eine Art von landesweitem Konsens geben. Sowas haben wir in den USA nicht. Anders als zum Beispiel die Finnen im Jahr 1939. Als die Sowjetunion angriff, gab es über Nacht eine nationale Einigung. Jeder in Finnland, inklusive der Kommunisten, sah ein, dass das eine existenzielle Bedrohung sei und sich Finnland gegen die Sowjets verteidigen müsse.

Also brauchen die USA nur einen starken Feind?

Ich sehe nicht, dass diese 50/50-Teilung in naher Zukunft verschwindet. Das ist kein neues Phänomen. Diese Polarisierung entwickelt sich seit Anfang der 1990er Jahre. Den Anstoß gab wohl die Politik des Republikaners Newt Gingrich, der, als Bill Clinton gewählt wurde, sagte, dass seine Partei nun gegen alles stimmen würde, was der Präsident zu tun gedenke. In jüngerer Zeit haben die Republikaner sich gegen alles gestellt, was Barack Obama tat. Was das beenden könnte, wäre wohl ein schreckliches Ereignis wie der Angriff auf das World-Trade-Center. Damals wurden für einige Zeit viele Gräben überwunden.

Mit Nietzsche gesprochen: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.

Es hilft, eine Krise zu haben. Ein Land ist weniger geneigt, etwas zu unternehmen, wenn es sich mit einem schleichenden Problem konfrontiert sieht. Der britische Autor Samuel Johnson hat das im 18. Jahrhundert schön formuliert: „Glaubt mir, Sir, wenn ein Mann weiß, dass er in zwei Wochen gehängt wird, schärft das seine Aufmerksamkeit ungemein.“ Das gilt für Nationen wie für Menschen. Nicht umsonst besteht das chinesische Schriftzeichen für Krise aus zwei Elementen, dem Zeichen für Gefahr und dem für Chance. Das Ende meiner ersten Ehe war fürchterlich schmerzhaft, allerdings habe ich dadurch auch gelernt, was ich falsch gemacht hatte. Das Gleiche gilt für meine heutige Frau Marie, auch sie hatte schon eine Ehe hinter sich, als wir 1982 heirateten. Das Ergebnis ist, dass wir nun seit fast 40 Jahren sehr glücklich miteinander sind.

Die Geschichte kennt nicht immer ein Happy End.

Ja. Es besteht durchaus ein Risiko, dass die USA auseinanderbrechen. Wenn ich ein Buch schreibe, teste ich die Thesen immer an meinen Studenten. Ich kann an ihren Gesichtern ablesen, wenn meine Erklärung unklar oder falsch ist. Das Beispiel, das ihnen am meisten Sorge bereitete, war Chile. Die Parallele ist so deutlich. Da ist ein Land, das stolz war auf seine lange demokratische Geschichte. Als ich 1967 in Chile lebte, und meine Freunde mir ihr Land erklärten, sagten sie: „Du denkst vielleicht, wir sind wie Brasilien oder Peru. Wir Chilenen sind aber keine Lateinamerikaner, wir sind eher Europäer. Wir sind eine Demokratie, wir wissen, wie wir uns regieren.“ Sechs Jahre später beendete ein Staatsstreich die Demokratie. Auch für die USA sehe ich eine Möglichkeit, dass wir das Ende der Demokratie erleben.

Durch einen Putsch wie durch Pinochet?

Nein. Das US-Militär hat sich nie in die Politik eingemischt. Wenn die Demokratie untergeht, ist es die Folge aktueller Entwicklungen. Zum Beispiel die Einschränkungen des Wahlrechts. Ich lese jeden Morgen zum Frühstück die „New York Times“ und die „Los Angeles Times“. Dann schalte ich den Rest des Tages das Radio und den Fernseher nicht mehr ein. Das würde mich nur aufregen, ich könnte nicht mehr schlafen. In den USA muss man sich zum Beispiel registrieren, um zu wählen. Die Hürden dafür sind unterschiedlich hoch. Im Staat Alabama etwa regieren die Republikaner, große Teile der Bevölkerung aber sind schwarz und würden eher demokratisch stimmen. Also verlangt Alabama einen Führerschein, damit man wählen kann. Viele Afroamerikaner jedoch haben keinen. Später wurden in primär schwarzen Bezirken auch noch die Zulassungsstellen geschlossen.

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