Noch immer für die EU? Bei den Parlamentswahlen im Mai könnten Europa-Kritiker dramatisch an Einfluss gewinnen. Foto: Andreas Arnold/dpa
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Europa aus Sicht der Jungen „Die EU will man nicht zum Feind haben“

Charlotte Wirth
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Fünf junge Europäer streiten über finnische Wohlfahrt, britische Überheblichkeit, miserablen ungarischen Smalltalk – und die Zukunft eines Kontinents.

Hallo alle. Da wir ähnlich alt sind, hoffen wir, es ist ok, wenn wir uns duzen. Bevor wir das Gespräch beginnen, zunächst eine kleine Aufgabe. Wir haben Knete gekauft. Jeder hat fünf Minuten Zeit, um damit das zu bauen, was ihm in den Kopf kommt, wenn er an Europa denkt.

Stille am Konferenztisch im Brüsseler Stadtteil Ixelles. Kevin, der Ire, knetet sofort los, Livia, die Italienerin, überlegt lange. Áron aus Ungarn knetet am elegantesten.

Áron, was hast du geknetet?

ÁRON: Ich habe zwei Hände gebaut, die ineinandergreifen. In Europa geht es um Kooperation, wir helfen einander. Die Hände stehen aber auch für etwas, das ich liebe: Jesus. Ich bin Christ, das ist mir sehr wichtig zu erwähnen.

Alfiaz, was hast du modelliert?

ALFIAZ: Ich habe Menschen gemacht. Einen Mann, eine Frau, eine Frau mit Kopftuch und einen Menschen ohne erkennbares Geschlecht. Europa ist für seine Bürger da, so sollte es sein. Das Motto lautet „United in diversity“. Ich bin schwul, Muslim und der Sohn von Flüchtlingen. Mir ist diese Diversität wichtig.

KEVIN: Sorry, meins sieht nicht sehr elegant aus.

Eine zusammengeflickte Kugel?

KEVIN: Sie hat eine Bedeutung. Aus der Ferne schaut sie aus wie ein einheitlicher Ball. Geht man nah ran, sieht man, dass es aus vielen kleinen Teilen zusammengesetzt ist, dann sieht man die Unterschiede. Ist das jetzt eine Einheit oder sind das viele Einzelteile, die mühsam zusammen-kleben? Kann jeder selbst beantworten.

RIINA: Meins ist nicht gut geworden. Ich war vor allem von der blauen Farbe inspiriert. Das sind die Wellen eines Ozeans. Europa ist die Heimat von Millionen Tier- und Pflanzenarten. Die sollten wir schützen.

LIVIA: Ich habe zwei Sterne gemacht, weil ich an die Flagge denken musste. Nicht sehr originell, oder? Mein Problem ist, dass ich keine unmittelbare Verbindung zur EU spüre. Sie steht für mich für nichts. Also musste ich an das Symbol denken, das die EU uns zeigt.

Streitpartner

Alfiaz Vaiya, 29, kommt aus Großbritannien, lebte in Leicester, Leeds und London und leitet eine Gruppe im Europaparlament, die sich gegen Rassismus und für Diversität starkmacht. Ist sportverrückt.

Áron Giro-Szász, 26, kommt aus Ungarn, hatte es schwer in dieser Diskussion. „Alle gegen mich, so hatte ich es erwartet“, sagte der Ungar hinterher. Er stammt aus Budapest, studierte Jura und arbeitet in Brüssel als Assistent des Europaparlamentariers József Szájer von Viktor Orbans Partei Fidesz.

Riina Haavisto, 29, kommt aus Finnland, ist Umweltforscherin und untersucht, wie sich Großstädte an den Klimawandel anpassen können. Dass Finnen große Schweiger sind, sei ein Klischee, sagte sie vor dem Gespräch – und hielt sich dann auffällig zurück.

Kevin Hiney, 29, kommt aus Irland, arbeitet in Brüssel als Consultant, hat einen Master in European Policy an der LSE erlangt und sagt von sich, er provoziere gern mit steilen Thesen.

Livia Andrea Piazza, 28, kommt aus Mailand (Italien) und erklärt sich so, warum sie sich nicht als Italienerin fühlt: weil Mailand die unitalienischste Stadt des Landes sei. Arbeitet in Brüssel als freie Dramaturgin, Kuratorin und hat einen Doktortitel in Kulturwissenschaften.

Charlotte Wirth und Marius Buhl lernten sich in einem Brüsseler Coworking-Space kennen. Sie stammt aus Luxemburg, er aus Deutschland, gemeinsam führten sie dieses Interview auf Englisch. Es erscheint parallel beim luxemburgischen reporter.lu.

Die Disputanten (v.r.n.l.): Riina Haavisto, Áron Giro-Szász, Kevin Hiney, Livia Andrea Piazza, Alfiaz Vaiya, Charlotte Wirth und Marius Buhl. Foto: Patrick Galbats
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Du magst die EU nicht?

LIVIA: Doch, um Gottes Willen. Ich habe in drei europäischen Ländern gelebt, Deutschland, Belgien und Italien. Ich finde die Europäische Idee großartig. Aber dennoch ist sie für mich eher ein abstrakter Gedanke.

Länder haben Charakter, zumindest im Klischee. Welche zentrale Eigenschaft hat das Land, aus dem ihr kommt?

KEVIN: Wir Iren nehmen uns selbst nicht sehr ernst.

RIINA: Wir Finnen sind bodenständig.

ALFIAZ: Wir Briten sind skeptisch.

ÁRON: Das Erste, was mir zu den Ungarn einfällt, ist das Wort Mut. Wir sind eine starke Nation. Außerdem sind wir nicht so oberflächlich. Grauenhaft im Smalltalk zum Beispiel.

LIVIA: Wir Italiener können sehr schlecht mit Kritik umgehen.

Welches negative Klischee fällt euch zu einer der anwesenden Nationen ein?

RIINA: Die Italiener achten ständig auf ihr Aussehen.

LIVIA: Das stimmt, glaube ich. Soll ich was über Alfiaz sagen? Ihr Briten wirkt auf mich manchmal etwas verklemmt. Die Selbstkontrolle ist sehr tief im Nationalethos verankert.

ALFIAZ: Zu den Iren fällt mir nichts ein. In England nennen wir euch oft Bauern, aber Kevin sieht mir nicht nach einem aus …

KEVIN: Wir seien ständig besoffen, das hören wir oft.

ALFIAZ: Ich glaube, wir Engländer stehen euch da in nichts nach.

KEVIN: Mir fällt was zu Ungarn ein. Das Land steht für mich für eine gewisse Rauheit. Ihr wart ja auch lange hinter dem Eisernen Vorhang.

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