Besonders berufstätige Mütter im Homeoffice waren emotional erschöpft, zeigt der TK-Gesundheitsreport 2021. Foto: imago images/Jochen Eckel
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Erschöpft, Einsam, Verängstigt Wie die Coronafolgen Beschäftigte getroffen haben

Neue Gesundheitsdaten zeigen: Die Pandemie hat Millionen Erwerbstätige belastet. Doch kaum einer war wegen Covid-19 krankgeschrieben – die Probleme liegen woanders.

Isolation, Homeoffice, Bewegungsmangel: Auch wer von einer Infektion mit dem Coronavirus verschont blieb, musste während der Pandemie wie viele Millionen Deutsche zusätzliche körperliche und psychische Belastungen ertragen. Das bedeutete teilweise mehr als ein ganzes Jahr Einsamkeit, Angst um Angehörige oder einige Kilos mehr auf der Waage. Wie sehr die Pandemiefolgen die Gesundheit von Beschäftigten in Deutschland beeinträchtigt haben, zeigen nun Ergebnisse eines am Mittwoch erschienenen Reports der Techniker Krankenkasse (TK).

Für die Untersuchung haben Gesundheitsforscher:innen im Auftrag der Krankenversicherung Krankschreibungen und Arzneimittelverordnungen von 5,4 Millionen Versicherten ausgewertet. Außerdem haben Forschende der Technischen Universität Chemnitz anhand von Befragungsdaten untersucht, wie stark die Pandemie die Menschen emotional erschöpft.

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42 Prozent der Menschen in Deutschland fühlten sich im März dieses Jahres stark oder sehr stark von der Corona-Situation belastet, wie aus dem TK-Report hervorgeht. Der Zeitraum fällt in die Hochphase des zweiten Lockdowns im Frühjahr. Verglichen mit dem Vorjahr (35 Prozent) stieg die wahrgenommene Belastung deutlich an. 

Bei der Frage, was die Befragten in der Coronakrise belastet, gab ein Großteil (89 Prozent) fehlende persönliche Treffen mit Freunden oder Verwandten an. An zweiter Stelle kommt die Angst, dass sich Freunde oder Familie infizieren könnten (60 Prozent), dicht gefolgt von Kita- und Schulschließungen (59 Prozent). Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) gab an, dass der vermehrte Stress im Arbeitsalltag eine Belastung gewesen ist.

Beschäftigte konnten sich nicht erholen

Studienleiter Bertolt Meyer kommentierte die Ergebnisse mit den Worten: „Der Bevölkerung war es durch die Lockdown-Maßnahmen über einen sehr langen Zeitraum nicht möglich, die eigenen Ressourcen wieder aufzufüllen, zum Beispiel durch Treffen im Freundeskreis, Sport- und Kulturveranstaltungen oder Reisen.“ Dieses Ungleichgewicht führe auf Dauer in die Erschöpfung, sagte der Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität Chemnitz.

Fehlende Kontakte zu Freunden und Verwandten wurden am häufigsten als Belastung genannt. Foto: imago images/Addictive Stock Vergrößern
Fehlende Kontakte zu Freunden und Verwandten wurden am häufigsten als Belastung genannt. © imago images/Addictive Stock

Die psychische Belastung war auch deshalb für die Befragten während der zweiten Corona-Welle im vergangenen Winter deutlich größer als während der ersten Welle im Frühjahr 2020. Besonders das Homeoffice mit Kind schlauchte offenbar: Hier waren mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent), die sich stark belastet fühlten, der Gruppe „Homeoffice mit Kind“ zuzuordnen, während es bei Arbeitnehmern im Homeoffice ohne Kind nur 31 Prozent waren.

Dabei zeigt sich ein auffälliger Geschlechtsunterschied: Frauen im Homeoffice waren stärker emotional erschöpft als Männer und Frauen, die nicht im Homeoffice arbeiten mussten. Die Erschöpfung zeigt sich auch bei der Einhaltung von Infektionsschutzregeln: Nach Daten der TU Chemnitz haben sich im Januar 2021 nur noch 60 Prozent der Befragten an das Kontaktverbot gehalten, während es im März 2020 noch 87,3 Prozent waren.

Krankenstand war sogar geringer als in Vorjahren

Die Daten zu Fehltagen im Pandemiejahr lieferten ein überraschendes Bild: Der Krankenstand von 4,14 Prozent lag für das Jahr 2020 sogar unten den Werten der Vorjahre 2019 (4,22 Prozent) und 2018 (4,25 Prozent). Der Wissenschaftler Thomas Grobe vom Göttinger aQua-Institut erklärt: „Das ist vor allem auf weniger Krankschreibungen mit Erkältungskrankheiten zurückzuführen.“ 

Zudem seien im Corona-Jahr so wenige Antibiotika verschrieben worden wie noch nie seit Beginn der TK-Auswertungen vor 20 Jahren. „Abstands- und Hygieneregeln haben offenbar nicht nur dazu beigetragen, die Verbreitung von Sars-CoV-2 zu reduzieren, sondern auch die vieler anderer Infektionserkrankungen.“

Beschäftigte in der Pflege und Kindererziehung waren sechsmal häufiger wegen einer Covid-19-Erkrankung krankgeschrieben als zum Beispiel Softwareentwickler. Foto: dpa/Christophe Gateau Vergrößern
Beschäftigte in der Pflege und Kindererziehung waren sechsmal häufiger wegen einer Covid-19-Erkrankung krankgeschrieben als zum Beispiel Softwareentwickler. © dpa/Christophe Gateau

Die meisten Krankgemeldeten fehlten im Jahr 2020 aufgrund psychischer Erkrankungen wie Depressionen auf der Arbeit, das waren etwa 19,8 Prozent. „Diesen Trend beobachtet wir schon seit Jahren“, erklärt Grobe. „Einen auffälligen ‚Corona-Peak‘ können wir aktuell nicht erkennen.“ 

Nur Bruchteil der Fehltage gingen auf Covid-19-Diagnosen zurück

Der zweithäufigste Grund waren Rückenprobleme im Speziellen und erkrankte Muskel-Skelett-Systeme im Allgemeinen, gefolgt von Erkrankungen des Atmungssystems. Nur 0,39 Prozent des gesamten Krankenstands im Jahr 2020 gingen auf Covid-19-Diagnosen zurück – das entspricht gerade einmal jedem 260. krankheitsbedingten Fehltag.

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Während Anwält:innen, Beratende oder Callcenter-Mitarbeiter:innen in der Pandemie das Büro gegen das Zuhause getauscht haben, mussten andere Berufsgruppen in Deutschland gezwungenermaßen weiterhin zur Arbeit erscheinen. Auch das schlägt sich in den Zahlen des Reports nieder: So waren zum Beispiel Beschäftigte in der Pflege und Kinderbetreuung im vergangenen Jahr sechsmal häufiger wegen Covid-19 krankgeschrieben als Software-Entwickler:innen oder Dozent:innen.

Frauen waren 37 Prozent häufiger wegen Covid-19 krankgeschrieben als Männer. Werden andere Risikofaktoren berücksichtigt, sind Frauen immer noch rund 12 Prozent häufiger als Männer von Covid-19-Krankschreibungen betroffen. Das geht laut dem Gesundheitsforscher Grobe auch auf eine unterschiedliches Berufsverteilung zurück: Demnach arbeiten Frauen häufiger in kontaktreichen Jobs wie in der Pflege, wo eine Infektion mit dem Coronavirus wahrscheinlicher ist.

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