Das Hotel Zoe füllt seit zwei Jahren elegant und freundlich eine Baulücke in Mitte. Foto: promo
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Ein Refugium im Luxus-Slum Wo Sehnsucht nach dem Berlin der 90er aufkommt

In der Gegend, die sich so schnell häutet wie eine Britin auf Fuerteventura, ist das Hotel Zoe fast schon eine Konstante. Die Hotelkolumne „In fremden Federn“.

Triggerwarnung! 90er-Nostalgie mit Nachwende-Glorifizierung und Gallagher-Brüdern!

Einchecken im Hotel Zoe. Hotel am Wendehammer träfe es viel besser. In der Großen Präsidentenstraße parken drei Straßenbahnen nebeneinander, die erleuchteten Kabinen strahlen wie Aquarien in der Nacht, man sieht die Fahrer mit Thermoskannen und Butterbrotdosen hantieren und quatschen. Pause.

Ein heimeliges Bild in einer Ecke, wo alles auf Amüsemang und Satisfaction aus ist: Beate Uhse, Fun Factory, Maskworld, gegenüber vom Späti in der Oranienburger wartet im Hauseingang eine Frau mit Korsett über der Jacke, der Hackesche Markt ist mit Sitz- und Saufgelegenheiten für die Massen vollgestellt. Scharfe Currywurst! Knusprige Minipizza! Knackige Poke Bowl!

Wo eben ein Laden war, hängt schon wieder ein Schild: „For rent“ oder „Wir renovieren“. Mango und Uniqlo sind im Kiez, sogar Chanel mit Telefonshop-Luftballons an der Fassade, what’s next? Pop endlich up, neuer Flagshipstore im Luxus-Slum.

Rauf auf die Dachterrasse

Alt ist, wer eine ungefähre Ahnung hat, wie es in dieser Ecke früher ausgesehen hat, ein Fossil, wer sich erinnert, wie es vor dem Wendehammer war. Die Gegend häutet sich so schnell wie eine Britin auf Fuerteventura.

Da hat sich das Zoe, das seit zwei Jahren elegant und freundlich eine Baulücke füllt, schon fast zur Konstante qualifiziert – so wie das Mutterhaus an der Rosenthaler, ein paar Blöcke weiter. Mit dunkler Atmosphäre umarmt es seine Gäste, ohne sie zu erdrücken. Die Gin-Bar G&T im Erdgeschoss verleitet mit dem Oasis-Zitat „I’m feeling supersonic / Give me Gin and Tonic“ zur Vergangenheitsbewältigung.

Im Zimmer läutet irgendetwas, das Handy? Nein, ein Tablet auf dem Schreibtisch vibriert: „Eingehender Anruf Hr. X, Front Desk“. Daneben steht ein Festnetztelefon. Ist das ein Videocall? Unentschlossen betrachtet man das Gerät. Wird Herr X einen jetzt beim Zähneputzen beobachten können? Dann hört es auch schon auf zu dongeln. Stille. Das vertraute Quietschen der S-Bahn. Gezwitscher.

Ein Refugium zum Hof, mit Blick auf das DGB-Haus. Per Fahrstuhl kann man rauf auf die Dachterrasse gleiten. Wie 1995, als „Wonderwall“ rauskam und die meisten Dächer von Mitte für die Mieter begehbar und nicht von Reichen und ihren Palmen bewohnt waren.

Lieber persönlich bei Herrn X nachfragen, was er wohl wollte. „Nur wissen: Ist alles in Ordnung?“, sagt er. Ja. Danke. Alles ganz wunderbar! Aber bitte #makemittegreatagain.

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