Selbermachen statt kaufen

Schweben durch Brandenburger Alleen. Das Adrenalin von der Geschwindigkeit macht glücklich. Foto: imago/Schöning
Die neue Biker-Generation Verknallt in das Motorengeräusch

Entstanden ist der neue Geist am Strand. Ausgangspunkt in Europa war das „Wheels and Waves“ in Biarritz. Das Festival in Südfrankreich gibt es seit 2012. Etwa 80 Leute trafen sich damals vor ein paar Bretterbuden an der Atlantikküste, um zusammen zu surfen, zu skaten und an ihren Maschinen zu schrauben. Organisiert hatten das Treffen ein paar Typen aus Toulouse, die sich als „Southsiders“ hin und wieder verabredet hatten.

Ein Jahr später kamen 1000 Gäste, dann 3000, schließlich 10 000. Sie brausten auf umgebauten Maschinen heran, also auf ausgeschlachteten Bobbers, frisierten Cafe Racern, auf völligen Schrotthaufen, das Gegenteil von hochmodernen Neufahrzeugen. Selbermachen statt kaufen. Individualismus statt Konformität.

Auch die Hersteller merken das. „Das Motorradfahren war jahrelang verschrien, man hatte die ganz Schnellen oder die Reisenden“, sagt Tim Diehl-Thiele, Marken-Manager bei BMW, Marktführer in Deutschland. Nun verändere sich die Kundschaft. „Auf unsere Messen kommen ganz neue Leute, viel jüngere als noch vor einigen Jahren“, sagt er. „Die Lust am Analogen nimmt zu.“

Die neuen Kunden wollten Maschinen in Retro-Optik und mit moderner Technik: runde Scheinwerfer, sichtbarer Motor. Bikes, die sie individuell verschönern, an denen sie selber herumschrauben können. Oder die zumindest so aussehen.

Born to be Wild als Auslaufmodell

Auf der Suche nach dem Ursprung meines Trends bin ich auf ein Buch gestoßen, bei dem ich mich sofort ertappt fühlte. „Markenmanagement in der Motorradindustrie“ heißt es, verfasst hat es unter anderem Wolfgang Fischer, ein „selbstständiger Berater in der Motorradbranche“, wie er sich beschreibt. Das Buch ist aus dem Jahr 2005 und beschäftigt sich mit der damaligen Branchenkrise, der Untertitel lautet: „Born to be Wild als Auslaufmodell – eine Branche im Generationswechsel.“

Fischer und seine Mitautoren beschreiben darin, wie die Industrie ihre Werbung ändern sollte, damit eine neue Generation, also Leute wie ich, weiter Motorräder kauft. „Situative Konditionierung“, nennen sie das. „Betrachten wir folgendes Szenario“, steht da. „Ein Student verlässt das Universitätsgebäude, befestigt seinen Laptop Case mit einem Klick an der Gepäckbrücke seiner individuell zusammengestellten City Enduro, zieht sich per Klettverschluss die schützenden Nike-Stulpen über die Turnschuhe und die Multifunktionsjacke über das Shirt.“

Werber-Sprech, schließlich ruft der Autor die Hersteller auf: „Ride the Winds of Change!“ Es gehe um ein „Herauslösen des Motorradbegriffs aus antiquierten Anwendungsszenarien.“

Meine Maschine und ich

Vielleicht haben nicht Pfläging, vielleicht nicht das „Wheels and Waves“-Festival, sicher nicht ich und mein Einsteigermotorrad die Szene verändert. Womöglich hat die Industrie einfach unser Bild verändert, ist dieser Surf-Skate-Bike-Mix die Erfindung von Werbung. Vielleicht ist es beides zusammen.

Wie unromantisch, also lieber zurück zum „Easy Rider“-Gefühl. Maulfaule Typen, eine Straße, die Maschine knattert. Das Adrenalin, das bei Beschleunigung durch die Venen schießt. Meine Maschine und ich schweben durch Brandenburger Alleen, Sonnenlicht fällt durch die Blätter der Bäume am Straßenrand. Ich rieche die frisch gepflügte Erde auf den Feldern, atme klare Sommerluft, der Wind zerrt an mir.

Da piekst mich was im Hinterkopf. Wahrscheinlich das Adrenalin von der Geschwindigkeit oder irgendwas anderes, was glücklich macht. Der Piekser wird zu tausend Stecknadeln. Gänsehaut im Kopf.

Und nähme mir jetzt jemand meinen schwarzen Helm ab, sähe er mich selig lächeln wie ein Kind mit drei Kugeln Erdbeereis. Das ist es, das ist mit nichts zu vergleichen. Das ist Liebe.

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