Das filigrane Meditationshaus des Stararchitekten Kengo Kuma. Foto: David Schreyer
© David Schreyer

Die Bayern können auch Japan Fernost an der Zugspitze

Ein Meditationstempel unter Tannen, ein schweigsamer Architekt aus Tokio und ein 40 Grad heißes Onsen-Bad. Wie ein bayerisches Berghotel japanisch wurde.

Zaghaft schält sich die Bergspitze aus den Wolken, emsig kraxelt die Sonne über die Anhöhe, bis das Gipfelkreuz glitzert. Kirschblütenrosa leuchtet die Zugspitze an diesem Morgen ins Tal hinab. Oder ist es der Fuji?

Kurz konzentrieren, der Dampf des 40 Grad heißen Wassers, das einen umgibt, kann leicht die Sinne vernebeln. Das Becken aus schwarzem Granit, dem vornehmen Nero Assoluto, lässt einen glauben, man sei fern. Fernost. Bayern oder Japan also?

Nur kurz vor Garmisch-Partenkirchen im Fünf-Sterne-Hotel Kranzbach! Die überdimensionierte Badewanne, in der man zum Sonnenaufgang schwebt, erinnert an ein Onsen, eine jahrhundertealte japanische Wellness-Tradition.
Aber in Japan wären die anderen Gäste hier nackt. Frauen und Männer besuchten getrennte Becken. Tätowierungen müssten überklebt werden, die verbinden die Japaner mit der Yakuza-Mafia. Dort hätte vor dem Baden auch das Waschen gestanden und nicht ein Saunabesuch mit Eukalyptusduft und Aufgussmeister Martin.

Niemals hätten sich fernöstliche Onsen-Gäste mit einer Dusche begnügt, auf Hockern reinigen und rasieren sie sich gründlich vor Spiegeln, hantieren mit Schwämmen und Schüsselchen, bevor sie ins schwefel-, calciumnitrat- und chloridhaltige Wasser steigen, das aus heißen Vulkan-Quellen sprudelt. In Japan sagen sie, ein Onsen könne alles heilen. Bis auf Liebeskummer.

Das Badehaus im Hotel Kranzbach vor der Alpenkulisse. Foto: Kranzbach Vergrößern
Das Badehaus im Hotel Kranzbach vor der Alpenkulisse. © Kranzbach

Doch auch das erhitzte Wasser der Kranzbach-Quelle hinterlässt die Haut geschmeidig und rosig, die Muskeln weich. Anders als in Japan, wo die Etikette nur kleine Handtücher, die Tenugui, vorsieht, hüllt man sich jetzt, nach dem Bad, in flauschige Bademäntel und trinkt Holundersirup mit kühlem Quellwasser statt Maulbeertee.

Vor dem Fenster wiegen sich keine Bambusstämme im Wind, sondern blaue Enziane neben Schafgarbe und Johanniskraut. Die saftigen Buckelwiesen sind eine spezielle Biotop-Form, entstanden zum Ende der Eiszeit. Hunderte geschützer Arten wachsen darauf, jedes Jahr werden die Wiesen von Hand gemäht.

Seien Sie unerreichbar!

Wie klar die Welt plötzlich ist! Als habe jemand den Regler der Kamera auf scharf gestellt. Vielleicht ist es die gute Luft der 1030 Meter überm Meeresspiegel? Vielleicht die Nachwirkung der Saftkammer beim Frühstück – ein ganzer Raum voll Obst zum Selberpressen. Vielleicht sind es die Stunden der Stille, die bereits hinter einem liegen.

Ins Kranzbach-Tal führt nur die eigene Straße, es gibt keine Nachbarn und keinen Ort, aus dem es après-skiig herüberschallt. „Seien Sie von nun aus unerreichbar“, steht an der Pforte geschrieben. Ein hochsensibles Mikrofon am Gartenflügel-Gebäude misst die Laustärke, die Aufzeichnung ist auf der Hotel-Webseite einsehbar. 35 Dezibel, etwas lauter als Flüstern, bedeutet schon Krach. Da müssen wohl Vögel gezwitschert haben. Oder Hunde gebellt.

Die sind im Kranzbach willkommen, seit Jakob Edinger 2002 mit seinem Golden Retriever Cassy auf der Suche nach einer Unterkunft einkehrte. Im nahe gelegenen Schloss Elmau wollten sie die Hündin nicht beherbergen, so landeten sie hier. „Cassy hat den Ort erschnuppert“, sagt Edinger, 76, inzwischen Kranzbach-Besitzer, als man ihn, Onsen-entspannt im Kaminzimmer trifft. In Gedenken an diese Heldinnentat erhalten Gäste mit vierbeiniger Begleitung noch heute zur Begrüßung eine „Cassy-Bag“ inklusive Leckerli, und auf den Hunde- Zimmern gibt’s eigene Kuschelkissen für die Tiere.

Jakob Edinger hat das Kranzbach gegründet. Foto: Andreas Friedle Vergrößern
Jakob Edinger hat das Kranzbach gegründet. © Andreas Friedle

Edinger, aufgewachsen in einem Tiroler Postwirtshaus am Wilden Kaiser, ausgebildet zum Tourismus-Experten, sah damals den natursteingemauerten Landsitz mit Doppelgiebel, den die englische Aristokratin Mary Isabel Portman vor mehr als 100 Jahren in Auftrag gegeben hatte. Edinger sah die Pförtnerhäuschen, die rotweißen Fensterläden, den schweigenden Wald.

Er erfuhr, dass Portman das vollendete „Englische Schloss“, wie sie es hier in der Gegend nennen, nie betreten hatte. Der Erste Weltkrieg war ihr dazwischengekommen. Er lernte, dass das Kranzbach seitdem ein Erholungsheim für Kinder und US-Offiziere gewesen war und inzwischen der Evangelischen Kirche gehörte.

Edinger beschloss, das Kranzbach zu kaufen und in Portmans Sinne weiterzuführen: Kein Booking.com, keine Kataloge, keine Tagungen, keine Hochzeiten, keine Kinder unter zwölf, kein Day Spa und keine Restaurantbesucher von auswärts. Keine teure Kunst an den Wänden, kein Juwelier im Keller, kein Shop am Ausgang. „Mein Hideaway“ hatte die Britin – übrigens eines Freundin von Virginia Woolf – ihre Entdeckung, die stillen Bergwiesen, genannt. Sie, die Violinistin, hatte gehofft, dass hier künftig die europäische Elite gemeinsam musizieren würde. Heute gluckert der Onsen.

Die Gäste wünschten sich Stille

Wie also, Herr Edinger, haben Sie als Österreicher das englische Schloss auf bayerischem Grund japanisch gemacht? „Es waren die Gäste“, sagt Edinger, ein Foto von Mary Portman im Rücken, das sie mit ihrer Stradivari zeigt.

Die Gäste wünschten sich extra-heißes Wasser. Solch ungewöhnlich hohe Temperaturen mussten erst genehmigt werden – das dauerte. Die Gäste wünschten sich Stille. Noch mehr Stille? In Japan, erzählt Edinger, nahmen die Samurai ihr Bad im Onsen einst vor der Meditation. Edinger meditiert auch, sagt er, aber eher beim Gehen, auf Skitouren.

Edingers Sohn baut von Beruf Häuser, er hatte einen Einfall. Gemeinsam mit einer japanischen Mitarbeiterin schrieben die Edingers einen Brief an den Stararchitekten Kengo Kuma. Der interpretiert seine Kultur neu, verbindet Natur mit Menschengemachtem, zuletzt hat er das Olympiastadion für die Spiele 2020 in Tokio entworfen.

Kuma antwortete knapp. Zwischenstoppte vier Stunden auf dem Weg nach Paris in Bayern. Saß schweigend neben Edinger, der ihn ins Kranzbach-Tal chauffierte. Also schwieg auch Edinger. So begann Teil zwei von Bayerns Japanwerdung.

Hier geht auch Waldbaden gut - mit Blick auf das Haupthaus des Kranzbach. Foto: Anneliese Kompatscher/Hotel Kranzbach GmbH Vergrößern
Hier geht auch Waldbaden gut - mit Blick auf das Haupthaus des Kranzbach. © Anneliese Kompatscher/Hotel Kranzbach GmbH

Das Hotel wollte Kuma nicht anschauen. Er wollte sofort in den Wald. Stunden wanderten die beiden Männer durch Fichten und Zirben, Frauenfarn und Sauerklee. Bis Kuma stehen blieb und rief: Hier ist der magische Platz! Mit vier Pflöcken markierte er den Ort, an dem einige Bäume gefällt werden sollten, und reiste ab. Edinger bat Kuma, kein normales Gebäude zu erschaffen, sondern über eine Kapelle, einen Tempel nachzudenken, ohne die Natur zu dominieren. Kuma bat Edinger, sich nicht mit den Behörden rumschlagen zu müssen.

Das übernahm ein Architekturbüro vor Ort. Es gewann die Diskussionen mit dem Amt, dass das Haus wirklich keine Regenrinne brauche. Doch wie sollte das Zinkblechdach – das, wie von Edinger gewünscht, an eine Kapelle erinnert – die in Oberbayern zu erwartenden Schneelasten tragen? 450 Haken drauf, die das Gewicht verteilen!

Waldbaden und Waldmedizin

Kuma schickte zwei Entwürfe. Edinger beauftragte alte Handwerksbetriebe. Im Winter, wenn der Wald schläft, fällten sie die wenigen Bäume, ein Pferd transportierte die Stämme behutsam den Hang hinab.

Aber, sagt Edinger, schauen Sie selbst!

Der Weg zu noch mehr Stille führt über weichen Rindenmulch, Wurzeln und Moosteppiche. Gleich atmet man ruhiger. Als „Shinrin-yoku“ kannten die Japaner schon in den 80er Jahren das heutige „Waldbaden“, an japanischen Universitäten wird „Waldmedizin“ sogar gesondert gelehrt. Die Terpene, also die Stoffe, die Pflanzen miteinander austauschen, sollen demnach gut fürs Immunsystem sein. Ein Schild am Wegesrand bittet um Ruhe, weil gleich der Meditationskurs beginnt. Dahinter türmt sich ein gewaltiger Holzstapel auf: Kumas Kunstwerk!

Bayerische Sommerwiese vor dem Hotel. Foto: Hotel Kranzbach GmbH Vergrößern
Bayerische Sommerwiese vor dem Hotel. © Hotel Kranzbach GmbH

Drei sachte, demütige Schritte voran und Farne und Äste spiegeln sich im Glas der Flanken des Hauses. Keine Schwelle markiert den Beginn des menschlich Geschaffenen. Der Wald fließt einfach ins Gebäude über.
1550 ineinander verstrebte Schindeln werfen Schattenmuster auf den Eichenboden und duften würzig. Weißtanne, ein heimisches, leises Holz, so hatte Edinger es sich vorgestellt. Die bodentiefen Fenster sind so sauber, dass man glaubt, von drinnen die Nadeln der Bäume berühren zu können. Espenlaub zittert in der Ferne, Staubkörner tanzen in der Sonne.

Ein paar weitere Schritte, diesmal auf Socken, dann ertönt der Gong aus Messing. Dies sei kein Bahnhof, sondern ein Ort des Erwachens, sagt der zierliche Meditationslehrer im grauen Gewand und verbeugt sich. Er erzählt vom Glück und vom ewigen Jetzt, von der Unerreichbarkeit von Zukunft und Vergangenheit. Er ermutigt, den Atem zu beobachten, das Gewicht an die schwarzen Sitzkissen abzugeben, den eigenen Zweifel zu erwecken. Bayern oder Japan? Fern oder nah?

Regen tropft von Baumstämmen

Die Stunde endet im Nebenraum. Unter den Füßen geben die Tatami-Matten nach, die Kuma nach einer heiligen Ordnung neu verlegt hat, nachdem der bayerische Bodenleger sie willkürlich angeordnet hatte. Wände aus Reispapier filtern das Licht milchig. Eng ist es, ein bisschen stickig. Definitiv Deutschland, denkt man.

Der Lehrer reicht Grünen Tee in flachen Tassen, erklärt, wie man sie auf den gekrümmten Fingern balanciert, das Yang das Ying stützt. Drei Schlucke, wie es die Zeremonie erfordert. Dann schiebt er die Tür beiseite.

Der Raum öffnet sich zum Wald. Regen tropft inzwischen von den Baumstämmen, Flechten schimmern grün und gelb.

Das hier ist nah. Und ganz weit weg.

Reisetipps: Mit dem Zug aus Berlin in gut vier Stunden nach München, von dort mit der Regionalbahn anderthalb Stunden weiter Richtung Seefeld bis Klais, da holt einen das Kranzbach-Shuttle ab. Sparpreise ab 60 Euro.

Für 420 Euro kann man im Hotel Kranzbach im Doppelzimmer übernachten, Superior-Halbpension, inklusive leichtem Mittagessen, Nutzung des Badehauses mit eigenem Frauen-Spa, daskranzbach.de. Die Reise wurde unterstützt vom Kranzbach-Hotel.

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