Kontaktlos bezahlen. Ein dickes Portemonnaie wirkt neben einer Smartwatch fast gestrig. Foto: imago/Westend61
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Der Niedergang des Portemonnaies Es bar einmal ...

Für Generationen war das Portemonnaie ein intimer Begleiter. Mit dem Siegeszug des bargeldlosen Zahlens droht nun sein Ende. Eine Würdigung.

Inzwischen geht es beim Bäcker, im Taxi und sogar in der Kirche: Wer will, kann seine Brötchen, Fahrten und Sünden auch bargeldlos bezahlen. Einfach Geldkarte oder Handy mit Bezahl-App ans Lesegerät oder den digitalen Klingelbeutel halten. Für geringe Beträge ist nicht mal mehr die Geheimzahl erforderlich.

Ein dickes Portemonnaie wirkt neben einer Apple-Watch fast gestrig. Man merkt es bereits am Namen. Kaum jemand kann ihn schreiben oder aussprechen, ohne sich zu verstolpern. Wird das Wort auf der ersten oder letzten Silbe betont? Es klingt nach 19. Jahrhundert, als man noch übers Trottoir wandelte. Seit einigen Jahren ist auch die Schreibweise „Portmonee“ zulässig – man könnte es als erstes Anzeichen seiner schwindenden Bedeutung werten.

Mittlerweile zeichnet sich der Niedergang des Portemonnaies im Straßenbild ab. In den Städten tragen die Fashionistas an Kordeln befestigte Hüllen, in denen das Smartphone vor dem Oberkörper hängt. Damit nimmt es exakt den Platz ein, der früher dem Brustbeutel gehörte. Viele der Hüllen haben auf der Rückseite ein Einsteckfach für Karten. Nach CD-Sammlung und Fotoalbum verleibt sich das Telefon jetzt auch noch das Portemonnaie ein. Laut der Zeitschrift „Glamour“ war die Handykette 2018 das „heißeste Trend-Piece“.

Das Ende des Barzahlens?

Vergangenes Jahr hat der deutsche Einzelhandel erstmals mehr Umsatz mit Kartenzahlungen als mit Bargeld gemacht. Auch das kontaktlose Bezahlen wird geläufiger. Laut einer Studie der Beratungsfirma Oliver Wyman haben Anfang 2019 fast die Hälfte der Befragten angegeben, sie hätten bereits kontaktlos bezahlt, während es im Juli 2017 noch 15 Prozent waren. Ein Experte der Beratung sagt, dass mit dem Start von Google Pay und Apple Pay deutliche Veränderungen im Zahlungsverhalten einhergegangen seien.

Der Bedeutungsverlust des Barzahlens ist eine Zäsur. Immerhin begleitet uns das Münzgeld seit rund 2500 Jahren. So ist auch das Portemonnaie in unserem Alltag verankert. Was sich zum Beispiel an den abgewetzten Stellen auf den Gesäßtaschen vieler Herrenjeans ablesen lässt.

Weil man es so gut wie immer bei sich hat, wandern nicht nur Münzen und Scheine ins Portemonnaie, sondern auch alle möglichen andere Herzensdinge: Fotos, Liebesbriefe, Clubausweise, Kondome. Es verrät so einiges über seinen Besitzer. Hat er das klassische schwarze Ledermodell gewählt oder steht er auf LKW-Plane? Hat er Kind oder Katze, ein Theater- oder Fitnessclub-Abo, ist er chaotisch oder penibel? Für den Wirtschaftspsychologen Alfred Gebert ist der Geldbeutel eine „Visitenkarte der Persönlichkeit“.

Ein ledernes Stück Unabhängigkeit

Der Moment, in dem man als Kind sein erstes Portemonnaie geschenkt bekommt, hat etwas von einem Ritterschlag. Ein kleines ledernes Stück Unabhängigkeit! Spielgeld war gestern. Wie anders es sich gleich anfühlt, vor dem Kiosk oder Spielzeugladen aufzulaufen – die Welt, eine Möglichkeit.

Ein Hochgefühl, auf das man nicht mehr verzichten will. Nicht mal im Freibad, wo man zwischen Becken, Liegewiese und der Schlange für Pommes-Cola-Eis pendelt und Piktogramme vor Taschendieben warnen. Gut, dass es dafür eine Spezial-Geldbörse gibt. Das kleine Röhrchen aus Hartplastik baumelt um den Hals und schützt die Schätze in seinem Inneren sogar vor dem Wasser.

Wenn man sein Portemonnaie verliert, fühlt sich das fast so an, als wäre ein Teil von einem selbst abhandengekommen: Personalausweis! Führerschein! Bankkarte! Vom Ärger, sich alles wieder zu beschaffen, gar nicht zu reden. Am häufigsten kommt eine verlorene Geldbörse übrigens zu ihrem Besitzer zurück, wenn sich auch ein Schlüssel darin befindet. Das hat gerade eine internationale Studie ergeben. Die Forscher glauben, dass das für die selbstlosen Motive der Finder spricht. Denn der Schlüssel hat für sie keinen Wert, während er für den Besitzer unentbehrlich sein könnte. Diese Erkenntnis würde man am liebsten gleich allen Smartphonehüllen-Designern zurufen. Wenn die Handyhülle das neue Portemonnaie ist, arbeitet doch bitte ein Schlüsselfach ein! Es könnte euren Kunden eines Tages von größtem Nutzen sein.

„Analog ist das neue Bio“

Die Erhebung hat eine zweite unerwartete Einsicht ergeben: Die Finder gaben die Portemonnaies umso häufiger zurück, je mehr Geld darin steckte. Für die Wissenschaftler bedeutet das, dass die meisten Finder Skrupel haben, höhere Beträge zu behalten, weil sie sich sonst vorkämen wie ein Dieb.

Die Deutschen gelten als besonders bargeldverliebte Nation. Noch werden laut einer Studie etwa drei Viertel aller Zahlvorgänge an deutschen Kassen bar beglichen. Als die Bundesbank 2016 verkündete, zukünftig keine neuen 500-Euro-Scheine mehr auszugeben, versammelten sich in Frankfurt zahlreiche Demonstranten zu einer Kundgebung unter dem Motto: „Finger weg vom Bargeld!“

Menschen, die auf das Bezahlen mit dem Smartphone grundsätzlich verzichten, nennen als Hauptgrund Sicherheitsbedenken. So sorgen sich 61 Prozent, dass Hacker auf ihr Konto zugreifen könnten, wie eine Studie des Branchenverbands Bitkom von Ende 2018 zeigt. Datenschutz spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. In seinem Buch „Analog ist das neue Bio“ schreibt der Berliner Politikwissenschaftler Andre Wilkens: „Kaum ein Datensatz sagt so viel über unser Leben aus wie unsere Finanztransaktionen, nämlich was du isst, wo du isst, was du anziehst, was du in deiner Freizeit machst, wohin du reist und wie, ob du in einem Fitness-Club bist, ob du Alkohol trinkst und wie viel.“ Bankkarten seien reinste Datenbagger.

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