Dann red' ich jetzt mal wieder! Donald Trump unterbricht gern und hat dafür auch Gründe. Foto: Michael Reynolds, picture alliance / dpa
© Michael Reynolds, picture alliance / dpa

Debatten als Machtspiel Diese Methode steckt dahinter, wenn Trump anderen ins Wort fällt

Raj Persaud

Wer anderen dauernd ins Wort fällt, hindert sie am Denken und wertet sie ab? Ja, aber nicht immer. Über Motive und Folgen von Unterbrechungen. Ein Gastbeitrag.

- Raj Persaud ist Psychiater mit Sitz in London. Mit Mai 2020 hat er zusammen mit Peter Bruggen das Buch "Street-wise Guide to getting the best Mental Health Care" herausgebracht. Copyright: Project Syndicate, www.project-syndicate.org, Übersetzung aus dem Englischen von Eva Göllner

Um zu verhindern, dass Donald Trump und Joe Biden sich gegenseitig unterbrechen, hat die US-Kommission für Präsidentschaftsdebatten während des zweiten TV-Duells vergangene Woche die Mikrofone teilweise stumm geschaltet. Grund hierfür war die überwiegend ablehnende Publikumsreaktion auf Trumps ausufernde Unterbrechungen in der ersten Debatte am Ende September.

Dabei verbirgt sich hinter der Taktik des Unterbrechens eine wirkungsvolle Psychologie. Hätten diese beiden erfahrenen Wahlkämpfer - und besonders Trump - sie nicht zu ihrem Vorteil nutzen können, um dominanter und durchsetzungsfähiger zu erscheinen?

Psychologische Studien haben ergeben, dass diejenigen, die mehr unterbrechen, als fähiger, selbstbewusster, dominanter und überzeugender eingeschätzt werden. Dies hat jedoch seinen Preis, denn Unterbrecher werden in der Regel auch als weniger sympathisch und attraktiv angesehen.

Inmitten einer Pandemie mögen einige Wähler den dominanteren Kandidaten bevorzugen und weniger darüber besorgt sein, wie sympathisch er oder sie ist. Die psychologischen Folgen einer Unterbrechung können also sowohl positiv (man erscheint durchsetzungsfähiger) als auch negativ (man erscheint unhöflich) sein.

Einige Untersuchungen haben ergeben, dass Männer mehr unterbrechen als Frauen (besonders mit aufdringlichen Unterbrechungen). Andere Studien weisen darauf hin, dass Frauen häufiger unterbrochen werden als Männer, und dass Männer Frauen wesentlich häufiger unterbrechen als andere Männer. Vieles hängt jedoch von der genauen Art und dem Zeitpunkt der Unterbrechung ab.

Verschiedene Arten der Unterbrechung haben verschiedene Auswirkungen. Weitreichende und „aufdringliche” Unterbrechungen versuchen, das Thema zu wechseln und die andere Person am Sprechen zu hindern. Bei „überlappenden Unterbrechungen” unterbricht jemand, wenn eine andere Person anscheinend am Ende ihrer Ausführungen angelangt ist. Es gibt sogar so genannte stille Unterbrechungen, bei denen jemand z.B. vorübergehend das gesuchte Wort vergisst oder innehält, um den richtigen Satz zu finden, und sein Gegenüber eingreift, um ihn zu ergänzen, dann aber das Gespräch übernimmt.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Ein kürzlich durchgeführtes psychologisches Experiment, das die Auswirkungen verschiedener Arten von Unterbrechungen untersuchte, fand überraschenderweise heraus, dass ein Publikum so genannte „Uneinigkeits”-Unterbrechungen (vielleicht die Art, die in der ersten Trump-Biden-Debatte am häufigsten vorkam) positiver bewertete als Unterbrechungen zum Thema „Themenwechsel”. Diese positive Bewertung hielt auch bei hochfrequenten Unterbrechungen an.

Eine mögliche Erklärung für diesen Befund ist den Autoren der Studie zufolge, dass Unterbrechungen durch „Uneinigkeit” zumindest ein starkes Engagement für das Thema suggerierten und nicht notwendigerweise die gleiche Missachtung des unterbrochenen Sprechers implizierten, wie dies bei „Themenwechsel”-Einwürfen der Fall war. Mit anderen Worten, es scheint Möglichkeiten zur Unterbrechung zu geben, die gerechtfertigt erscheinen.

Wenn Sie merken, man will Sie unterbrechen, sprechen Sie schneller

Aber als Debattiertaktik, bei der das Ziel darin besteht, einen Gegner rhetorisch zu besiegen, ist die Unterbrechung psychologisch gesehen eine starke Waffe. Wenn Sie zum Beispiel wissen, dass Ihr Gegner dazu neigt, zu unterbrechen, und ständig nach einer Gelegenheit sucht, Ihnen das Wort zu entziehen, dann sprechen Sie vielleicht schneller, als Sie es normalerweise tun würden.

Die Furcht davor, eine Gelegenheit für eine „stille” Unterbrechung zu bieten, kann Sie in ein unbekanntes Gesprächsgebiet drängen und dazu führen, dass Sie stolpern oder sich versprechen, was zu einem verbalen Fauxpas führt, den Ihr Gegner ausnutzen kann.

Wenn Sie sich darüber hinaus bewusst sind, dass Ihr Gegner Sie unterbricht und Ihnen damit mehr Redezeit verschafft, fühlen Sie sich möglicherweise unter Druck gesetzt, in gleicher Weise zu reagieren. Wenn Sie jedoch im Unterbrechen weniger geübt sind, ist Ihr Timing möglicherweise schlechter, und Ihre Wahl der Gelegenheit könnte dann ein schlechtes Licht auf Sie werfen. Am Ende sind Sie derjenige, der unhöflich erscheint.

Unterbrechungen hindern am klar denken

Es gibt sogar die Taktik, zu unterbrechen, indem man sagt, dass man zustimmt. Das kann den anderen Redner so sehr überraschen, dass er innehält und Ihnen die Gelegenheit gibt, zu erklären, dass das, womit Sie einverstanden waren, nicht das war, was er sich erhofft hatte. Wenn sie Ihnen nicht die Möglichkeit geben, sich zu äußern, wenn Sie behaupten, dass Sie jetzt zustimmen, lässt dies Sie wie denjenigen aussehen, der Konflikt und Konfrontation sucht.

Der tatsächliche psychologische Einfluss der Unterbrechung zeigt sich vielleicht nicht einmal konkret in der Präsidentschaftsdebatte, sondern vielmehr in der Art und Weise, wie sie die Denkmuster des anderen Kandidaten stört. Hier liegt die eigentliche Gefahr: Unterbrechungen gelingen, indem sie einen daran hindern, klar zu denken.

[Mit dem Newsletter „Twenty/Twenty“ begleiten unsere US-Experten Sie jeden Donnerstag auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung: tagesspiegel.de/twentytwenty. ]

Aber es gibt noch einen anderen subtilen und vielleicht tiefer gehenden Aspekt des Unterbrechens: Sie stellt auch eine Machtbeziehung zwischen zwei Menschen in einem Dialog her, vielleicht sogar auf einer unbewussten Ebene. Es ist bekannt, dass Vorgesetzte in einer Hierarchie - etwa im Büro - dazu neigen, Untergebene mehr zu unterbrechen als umgekehrt. Manche Menschen, insbesondere diejenigen, die am meisten an Macht interessiert sind, beobachten vielleicht Unterbrechungsmuster, um zu bestimmen, wen sie dominieren können und wen nicht.

Einige neuere Forschungen ergaben, dass so genannte „subklinische” Psychopathen (Menschen, die eher Organisationen leiten als Banken zu überfallen) dazu neigen, eher zu erkennen, wer sie unterbricht, und als Folge davon weniger an einer potenziell ausbeuterischen zukünftigen Beziehung interessiert sind. Mit anderen Worten: Wenn Sie einen Psychopathen mehr als üblich unterbrechen, während er versucht, seinen Standpunkt zu verdeutlichen, merkt er dies schnell und schließt daraus, dass er weniger in der Lage sein könnte, Sie zu manipulieren oder zu benutzen - und wendet sich anderen Zielen zu. Als Trump Biden in den beiden Debatten unterbrach, ging es also unter der Oberfläche um viel mehr als nur Unhöflichkeit.

Zur Startseite