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Das Corona-Tagebuch – letzte Folge Gibt es zum zweiten ersten Schultag eigentlich Schultüten?

Der Unterricht beginnt wieder. Irgendwie. Das Tagebuch gegen den Lagerkoller endet. Vorerst ...

Unsere Autoren arbeiten seit mehr als sieben Wochen im Homeoffice und betreuen insgesamt fünf Schul- und Kitakinder. Hier führten sie täglich Tagebuch über den Lagerkoller.

Tag 54 – Prenzlauer Berg – Ein Jahr voller erster Schultage

So, das war’s jetzt? Das kam nun doch plötzlich. Mitte vergangener Woche dachten wir noch, dass unsere Kinder bis zu den Sommerferien gar keine Schule mehr von Innen sehen würden, dann schrieb die Klassenlehrerin am Donnerstag, es gehe wieder los. Und zwar quasi sofort – aber dann auch wieder nicht so richtig. Stand ist: Seit heute hat meine Tochter wieder Unterricht. An zwei Tagen die Woche. Für je drei Stunden. Gerade ist sie durch die Tür.

Mein erster Gedanke, als die E-Mail kam, war: Was, nur zwei Tage? Aber im Vergleich zu anderen Kindern, können wir uns da gar nicht beschweren, ergab eine Blitzumfrage im Bekanntenkreis. Der Sohn einer Freundin, der in die zweite Klasse geht, soll bis auf weiteres nur donnerstags unterrichtet werden. Nun ist allerdings gleich sein erster Schultag ein Feiertag …  

Gibt es zum zweiten ersten Schultag Schultüten?

Angehängt an die Mail von der Lehrerin meiner Tochter war ein offizielles Schreiben mit Regeln und Maßnahmen zur Hygiene. Die Ankunft auf dem Schulhof wird nun wie im Rangierbahnhof getimet, wir sollen Feuchttücher einpacken, die Toiletten und Handläufe werden regelmäßig desinfiziert. Die Erzieher passen auf die Abstandregeln auf. In der Schule kann ich mir das ja sogar noch vorstellen, aber wie das in den Kitas werden soll, die ab Donnerstag wieder die Vorschulkinder betreuen sollen? Meine Tochter beschäftigt derweil die Frage: Gibt es zum zweiten ersten Schultag eigentlich auch eine Schultüte? Und wie sähe das beim dritten Neustart aus? Und wie beim vierten?

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Statistisch betrachtet ist es ja nur eine Frage der Zeit, bis im Umfeld der Schule oder Kita ein neuer Corona-Fall auftritt und der ganze Laden wieder dicht gemacht werden muss. Unter den Eltern laufen schon Wetten, ob das vor oder erst nach den Sommerferien passieren wird. Was ich sagen will, liebe Esther, auch ich stelle mich mental mal darauf ein, dass wir dieses Experiment „Homeoffice mit Kindern“ nochmal wiederholen werden.

Der Stress hatte auch sein Gutes

Und bei allem Stress, den die letzten Wochen gemacht haben: Zumindest was Familienzeit und Bildung angeht, hatte der Lockdown ja auch sein Gutes. Mein vierjähriger Sohn hat in den vergangenen Wochen dank seines Experimentierkastens ein Grundstudium in Physik absolviert, kann das Alphabet, erste Wörter schreiben sowie die ersten Plus- und Minusaufgaben lösen. Meine Tochter wiederum hat dank Was-ist-Was in den vergangenen Wochen den Dr. h.c. in Ägyptologie gemacht und arbeitet inzwischen nebenberuflich selbst als Pädagogin. Als ich ihre finalen Schulaufgaben korrigierte, sah ich, dass sie ihrerseits die Arbeitsblätter der Lehrerin korrigiert hatte. Die hatte sich einmal vertippt und bei den Textaufgaben im Vordruck zweimal Plus und Minus vertauscht. Der Ausnahmezustand setzt allen zu. Ich glaube, wir brauchen alle eine kleine Pause davon. Hoffen wir, dass sie ein bisschen andauert ... Bis dahin, liebe Esther, alles Gute und bleibt gesund.

Mit diesem Eintrag endet unser Homeoffice-mit-Kindern-Tagebuch. Vorerst …

 

Tag 53 – Mitte – Happy Mother's Day!

Junge, sitz gerade! Foto: Fotolia Vergrößern
Junge, sitz gerade! © Fotolia

Wir haben Mails von der Schule. Für den Drittklässler geht’s wieder los. Die Kinder werden in zwei Gruppen eingeteilt und künftig wochenweise im Wechsel unterrichtet. Gruppe A startet am 18. Mai, Gruppe B am 25. Mai. In welcher wird der Junge sein? Wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wann wir das erfahren. Fest steht nur: Heute ist Montag, und die neuen Hausaufgaben und Wochenpläne bilden eine neue Gewitterwolke in der Cloud. Und wir sind zwei Wochen im Verzug.

Ich spare mir ab sofort die Hausaufgaben, lieber Moritz. Der Achtjährige hat meinem eh schon angeschlagenen privaten Laptop den Todesstoß gegeben – wahrscheinlich durch das unkontrollierte Öffnen verschiedener Browser und Tabs. „Mama, das Laptop föhnt so komisch“, rief er aus seinem Homeoffice in meins. „Jetzt klackert es auch.“

Er lernte, wie eine Mutter aussieht, wenn sie in Panik nach dem letzten Backup und der externen Festplatte sucht: gar nicht gut. Und jetzt? Ein eigener Computer mit acht Jahren? Dann wird der Junge nie eine Handschrift haben und später seine Liebesbriefe aus Vorlagen zusammensetzen. Corona macht mich bildungskonservativ. Dabei bin ich es so leid, Screentime-Regeln zu machen, deren Einhaltung zu überwachen und Verstöße zu ahnden.

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Und das ist nur die Grundschule! Eine Freundin, Mutter eines Gymnasiasten, rief mich gestern mit gesenkter Stimme an. „Ich mache gerade Herzkranzgefäße mit Fritz.“ Sie stand kurz vor dem Infarkt. Happy Mother’s Day!

Und die Kita? Keine Ahnung. Der Vorschüler kann angeblich ab Donnerstag wieder gehen, doch von der Kita oder vom Träger kommt keine Information. Wir werden die beiden Kleinen wahrscheinlich dann in die Notbetreuung geben, wenn es für den Großen wieder losgeht – vermutlich deutlich kürzer als die sieben Stunden, die sie bisher dort betreut waren. Aller Erfahrung nach werden sich die beiden alsbald einen Infekt zuziehen, so dass wir dann Homeoffice mit kranken Kindern machen müssen und am Ende selbst krank werden. Das war das einzig Gute an dieser Verrückten Zeit: Durch die Isolation und die frische Waldluft waren wir alle gesund, nicht mal ein Schnupfen.

Jetzt will der Grundschüler den Dienstlaptop. Ich muss Schluss machen.

Fiese-Mutter-Moment: Der Fünfjährige isst unendlich langsam seine Abendstulle. Ich treibe ihn an.

Spiel, das funktioniert: Grillkohle mit einem Küchensieb zu schwarzem Staub reiben.

Lieber Moritz, das war die letzte Folge meines Tagebuchs. Wollen wir beim nächsten Lockdown weiterschreiben?

 

Tag 50 - Prenzlauer Berg - Eine Begegnung der unheimlichen Art

Als die Kinder sich begegneten, guckten sie wie der Junge Elliott, als er auf ET traf. Foto: imago/Cinema Publishers Collection Vergrößern
Als die Kinder sich begegneten, guckten sie wie der Junge Elliott, als er auf ET traf. © imago/Cinema Publishers Collection

Steht da wirklich eine 50, Esther? Sitzen wir jetzt echt schon 50 Tage zu Hause? Verrückt! Und sollen wir das beweinen? Oder feiern? So von wegen „Alles Gute zum Goldenen Homeoffice!“ …

Der Esoterik-Blog herzvertrauen.de, über den ich gerade stolperte, als ich die Bedeutung der Ziffer googelte, spricht sich für Party aus: „Die Zahl 50 symbolisiert auch, dass man an einem Punkt angekommen ist, der für Zufriedenheit und Erfüllung steht“, erfahre ich. Echt jetzt? Zufriedenheit? Erfüllung? Mach ich was falsch?

Wo ich mal spionieren möchte, hattest du gestern gefragt, Esther. Bei Leuten, die sich so einen Quark ausdenken!

Der zweite Teil der Deutung trifft zu

Aber vielleicht sollte ich auch nicht so überheblich sein. Schließlich warnt der zweite Teil der Deutung doch recht zutreffend: „Zugleich besteht jedoch auch die Gefahr, in eine Erstarrung, Bequemlichkeit oder Leere zu verfallen.“

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Das mit der Erstarrung hat mir dann wirklich zu denken gegeben. Vor ein paar Tagen hatte ich ja schon darüber nachgedacht, wie das wohl für die Kinder ist, wenn sie irgendwann nach Monaten wieder in die Kita kommen. Ob sie ihre Freunde überhaupt wiedererkennen? Ob das ein Schock wird? Nachdem ich jüngst im Park einen kleinen Eindruck bekommen durfte, fürchte ich schlimmstes.

Linkisch beäugten sie sich, in ihren Schädeln ratterte es

Ich war draußen mit den Kindern, weil meine Frau dran war mit Arbeiten, als uns ein Kitakumpel meines Sohnes über den Weg stolperte. „Mist“, dachte ich. „Ich kann den Kleinen doch jetzt schlecht verbieten, miteinander zu spielen.“ Doch so weit kam es gar nicht. Statt sich vor Wiedersehensfreude um den Hals zu fallen, froren beide Kinder ein wie Katzen vor dem Spiegel. Linkisch beäugten sie sich. Ich musste an das erste Treffen von Elliott und ET denken. Man sah, wie es in ihren kleinen Schädeln ratterte, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Zehn, fünfzehn Sekunden verharrten sie so, dann drehten sie sich um und rannten in entgegengesetzte Richtungen fort …

Vielleicht, Esther, ist es Zeit, das Projekt Homeoffice mit Kindern abzubrechen, bevor der Nachwuchs bleibenden Schaden erleidet. Ich schlaf nochmal ne Nacht drüber. Am besten bis Sonntag. Die Zahl 53 steht angeblich für „Entschlossenheit – Freiheit – Provokation“ …

Spiele, die funktionieren: Mathezaubereien.

Erschütternder-Papa-Moment: Wir lesen gerade „Momo“, und ich fürchte, ich bin auch Besitzer eines Kontos bei der Zeit-Spar-Kasse der grauen Herren.

Esther, was sparst du dir?

Die Antwort von Esther Kogelboom lesen Sie am Montag um 9 Uhr.

Tag 49 - Mitte - Minipizza im Regen

Sand im Getriebe der Normalität. Foto: dpa Vergrößern
Sand im Getriebe der Normalität. © dpa

Liebe Spielplätze dieser Stadt! Heute möchte ich mich bei euch entschuldigen. Es tut mir leid! Beinahe neun Jahre lang haben wir euch strapaziert, ohne uns bei euch mal richtig zu bedanken. Ja, ich war manchmal sogar sehr genervt von euch. Was, schon wieder zum Spieli an der Ecke – im November? Doch jetzt, nachdem eure nie richtig schließenden Minitore zum ersten Mal eine zeitlang wirklich geschlossen waren, wird mir klar, was ihr mir bedeutet. Innerstädtischer Auslauf ist eine willkommene Unterbrechung vom Homeoffice.

Gibt es einen besseren Ort, einen Zweijährigen bei 12 Grad aus Matschhose, Jeans und Windel zu pellen als das sandige Spielhäuschen neben der Rutsche? Nirgends sammele ich lieber herumwehende Takeawayboxen ein, die im Flug Reste von Kimchi und Papierservietten mit scharfer Sauce verteilen, und stopfe sie in den überquellenden Mülleimer. Kein Strand der Welt, an dem man nur mit Hilfe einer Kinderschaufel mehr Schätze findet als im Sand eines durchschnittlichen Spielplatzes in Berlin-Mitte: kleine Schnellverschlussbeutel mit Graskrümeln, Zigarettenkippen, bunte Scherben, Kondome, ein herrlich glitzernder Böllerrest von Silvester.

"Hey Jayjay, Alter, jetzt geht's gleich richtig los!"

Außerdem ist es mal wieder eine gute Abwechslung, andere Eltern bei Parenting zu beobachten. Die haben in letzter Zeit alle so seltsam versteinerte Gesichter, als trügen sie eine unsichtbare Last. Hoffentlich kehren die lustigen Freaks aus dem Buch „Eltern, die auf Schaukeln starren“ von Silke Denk und dem Kollegen Felix Denk bald zurück. Besonders vermisse ich den darin so treffend beschriebenen Kumpelpapa: „Hey, Jayjay, Alter, jetzt geht’s gleich richtig los!“

Eine Hand am Handy, die andere an der Schaukel – sehr lange hatte ich ein schlechtes Gewissen deswegen. Jetzt nicht mehr. Ich arbeite! Und schreibe sehr abgelenkte Slack-Nachrichten, die kurze Zeit später beantwortet werden mit: „Du weiß schon, das Pdf hat 5 Seiten, gell?“ Ich hatte nur Seite 1 gesehen.

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Moritz, wie geht es dir nach dem Lego-Unfall inzwischen? Ich fühle deinen Schmerz! Du fragst, was bei uns verboten ist. Gestern haben mir meine Kinder was untersagt. „Lasst uns doch mal ohne Snacks vor die Tür!“, rief ich. „Ihr habt doch gerade gegessen!“ – „Das geht nicht, Mama. Wir kriegen sofort Hunger, wenn wir auf dem Spielplatz sind. Man darf den Spielplatz ohne Snacks nicht betreten.“ – „Aber das ist physiologisch unmöglich. Ihr könnt jetzt Äpfel haben.“ – „Ja, gerne, aber dann haben wir halt wieder Hunger.“ – „Quatsch.“

45 Minuten später standen wir mit Minipizzen unter einem Baum. Ein Schauer verwandelte den trockenen Sand in feuchten Sand – perfekt zum Buddeln.

Fiese-Mutter-Moment: Ich zeige dem Vorschulkind nur die halbwegs neutralen Ranzen, nicht die mit den Rennautos und kariösen Dinosauriern.

Spiel, das funktioniert: Geheimdienst gründen und Zentrale aufbauen.

Moritz, wen würdest du gerne ausspionieren?

Die Antwort von Moritz Honert lesen Sie morgen um 9 Uhr.

Tag 48 - Prenzlauer Berg - Kondo vs Lego

Die Kondo-Methode: Alles muss raus! Foto: Reuters Vergrößern
Die Kondo-Methode: Alles muss raus! © Reuters

Wofür ich kämpfe, Esther? Derzeit kämpfe ich vor allem gegen etwas. In erster Linie das wachsende Chaos um mich herum. Über das lange Wochenende haben wir irgendwie die Spur verloren. In den ersten Wochen sah die Wohnung den Umständen entsprechend immer ganz okay aus, aber jetzt ...

Im Wohnzimmer liegt Lego, im Flur liegen ... Haare?

Es ist ja schön, dass die Kinder so selbstständig spielen, aber dafür liegen jetzt im Wohnzimmer die Trümmer eines abgestürzten Lego-Raumschiffs, auf dem Küchentisch trocknet die Wasserfarbe ein, in der Spüle der Abwasch, und im Flur finde ich … Haare? „War ich nicht“, sagt der Vierjährige, was sich bei einer kurzen Kontrolle seines Kopfes als glatte Lüge erweist. Offensichtlich beschränkt sich seine Schnippelfaszination nicht mehr nur auf Papier. Ich mache mir Sorgen. Neigen nicht auch Käfigtiere nach einer Weile zu autoaggressivem Verhalten? Vielleicht sollten wir den Kurzen doch mal wieder in die Kita schicken ... 

Was genau für den neuen Zustand verantwortlich ist, weiß ich nicht. Fehlt uns nach sechs Wochen Homeoffice einfach die Kraft? Fügen wir uns angesichts der kommenden Wochen schlicht in das Unvermeidbare? Sind die Heinzelmännchen in Quarantäne?

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Doch wie es der Zufall oder geschicktes Marketing will, hat die Ordnungspäpstin Marie Kondo gerade ein neues Buch veröffentlicht. „Joy at work“ heißt es und beschäftigt sich natürlich auch mit dem Homeoffice. Wenig überraschend hat Kondo auch in Coronazeiten kein Verständnis für Unordnung. In meinen Ohren klingen solche Aussagen unglaublich unsympathisch, aber ich bin an dem Punkt, wo mir jede Hilfe recht ist. Leider habe ich keine Zeit das komplette Buch zu lesen, ich muss zu viel Aufräumen, doch nach dem Überfliegen eines Interviews auf der Webseite der britischen Grazia (Fragen Sie jetzt bitte nicht …), weiß ich auch, warum es geht. 

„Dem Homeoffice einen persönlichen Touch zu geben, könnte es besser machen als das Büro“, flötet Kondo da zum Beispiel. Ob Sie die Paw-Patrol-Figuren unter dem alten Kartenspieltisch meiner Oma, den ich Mitte März ins Schlafzimmer gestellt habe, gelten lassen würde?

Was ist stabiler? Das Fernsteuerauto oder meine Nerven?

Um einen bewusste Trennung von Privatleben und Arbeitszeit zu gestalten, empfiehlt Marie Kondo das Anschlagen einer Stimmgabel. Ich habe sogar eine. Leider kann ich sie nicht wirklich hören, weil die Waschmaschine gerade schleudert, und die Kinder nebenan experimentieren, was stabiler ist: das Fernsteuerauto, die Fußleiste oder meine Nerven?

Ansonsten rät Kondo natürlich, was sie immer rät: Alles wegschmeißen. Ich war nie ein großer Freund dieser Methode. Wofür hat man schließlich einen Keller? Als ich aber zum achten Mal schreiend über Bauklötzchen stolpere (Merke: Es gibt Schmerz, großen Schmerz und Auf-Lego-treten), folge ich ihrer Empfehlung. Komischerweise führt das weder bei mir noch den Kindern zu einem Funkenregen der Freude …

Ich tröste mich mit Einstein: "Der Kleingeist hält Ordnung, das Genie überblickt das Chaos!"

Spiel, das funktioniert: Gemeinsam Lego bauen.

Gemeiner-Papa-Moment: Alle Scheren sind jetzt erstmal unter Verschluss.

Esther, was ist bei euch verboten?

Die Antwort von Esther Kogelboom lesen Sie morgen um 9 Uhr.

Tag 47 - Mitte - Boni fürs Kitapersonal!

Wir euch auch! Foto: dpa Vergrößern
Wir euch auch! © dpa

Während alle über Lockerungen reden, bin ich total verspannt. Der Zweijährige bleibt weder am Esstisch noch im Kinderwagen sitzen. So habe ich am Herd einen rudernden Zwölfkilobrocken auf der Hüfte, der nicht ins kochende Wasser fallen darf. Beim Spaziergang sitzt er auf meinen Schultern und staucht rhythmisch wippend meine Nackenmuskulatur zusammen. Nachts kämpfe ich gegen ein undurchdringliches Geflecht aus Armen und Beinen um meine 30 Zentimeter breite Liegefläche im Bett, morgens sitze ich garantiert nicht orthopädisch sinnvoll am Schreibtisch.

Muskeln aus Stahl

Krippen-Erzieherinnen müssen eine Muskulatur aus Stahl haben. Die Kita ist ihr Gym, wahrscheinlich gibt es schon geheime Erzieherinnen-Wettkämpfe im Gewichtheben und Ringkämpfe, bei denen sie Runde um Runde den Hausmeister auf die Matte werfen. Es ist eigentlich ein Witz, dass kleine Kinder mit Avengers-Shirts rumtaumeln, wo sie doch die wahren Superheldinnen täglich vor der Nase haben – nicht nur jetzt, in der Notbetreuung, riskieren sie eine Infektion. Krippen-Erzieherinnen sind seit jeher täglich von den miesesten Viren umgeben, die man sich vorstellen kann. Sie stehen täglich knietief in Fäkalien und Erbrochenem, und ja, sie fluchen dabei nicht, sondern singen dabei „Die Räder vom Bus“.

Spielstraßen? Konnte ich mir nicht vorstellen

Hildegard Müller vom Verband der Automobilindustrie soll dieses Jahr mal anregen, alle Boni unter den Erzieherinnen zu verteilen. Vielleicht kann VW ja auch staatlich geförderte E-Lastenräder entwickeln, für die neuen Pop-Up-Radwege. Lieber Moritz, welches Urteil ich gerne zurücknehmen würde? Spielstraßen in der Innenstadt konnte ich mir vor einigen Wochen noch nicht vorstellen – undenkbar. Inzwischen glaube ich, dass es sich wieder lohnen könnte, dafür zu kämpfen.

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In unserer Nachbarschaft wurde vor der Krise ein kleines Stück Straße abgesperrt. Jetzt dient es vielen als Federball-Fläche, Inlineskate-Arena und Laufrad-Parcours. Können wir bitte den Schlüssel für den Minibagger haben, der am Straßenrand parkt? Der Zweijährige möchte gern mal rein.

Fiese-Mutter-Moment: Ich gucke einen fremden Vater böse an, der sein Kind auf derselben Kletterspinne turnen lässt wie ich meine.

Spiel, das funktioniert: Stöcke sammeln (die Kleinen), Englisch sprechen (der Große) 

Moritz, für was kämpfst du?

Die Antwort von Moritz Honert lesen Sie morgen um 9 Uhr.

Tag 43 - Prenzlauer Berg - Wo bleibt die Renaissance der Ratio?

Schmuck an einem Weihnachtsbaum Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Schmuck an einem Weihnachtsbaum © Ottmar Winter PNN

Wie ich mir den Sommer vorstelle? Ich sag mal so: Wir haben die Suche nach einem Wochenendgrundstück im Umland intensiviert. Den Kindern will ich die Hoffnung noch nicht nehmen, aber dass wir im Juli in Frankreich surfen gehen werden, sehe ich derzeit nicht. Wenn also jemand einen Tipp hat …

Lockdown bei Eisregen und Dunkelheit

Gar nicht vorstellen möchte ich mir hingegen den kommenden Winter. Wenn sich die Modellrechnungen bewahrheiten sollen, nachdem das Virus sich in Wellen ausbreitet, und die Lockerungen hierzulande zu früh kommen, dann steht uns zum Weihnachtsfest vielleicht wieder ein wochenlanger Lockdown ins Haus. Und zwar nicht bei Sonnenschein und T-Shirt-Temperaturen, sondern bei Eisregen und Dunkelheit. Oh, du fröhliche … Vielleicht sollte man das zumindest im Hinterkopf haben, wenn man jetzt - bei allem Verständnis für die Sorge um das wirtschaftliche Desaster, in das wir sehenden Auges reinrauschen - lautstark nach einem sofortigen Ende aller Beschränkungen schreit und die „Diktatur der Experten“ geißelt.

Stärkt die Krise das Vertrauen in die Wissenschaften?

Ich muss gestehen, dass mich das doch ein wenig frustriert. (Deutlich mehr als Diskussionen mit meiner Tochter, die meint "Rechtschreibung ist mir egal, ich will Tierärztin werden".) Irgendwo hatte ich die vage Hoffnung, dass diese Krise mittelfristig das Vertrauen in die Wissenschaft stärken würde.

Die "Hygiene-Demos" verbinden Bürgertum, Aluhuträger und Rechtsradikale. Foto: Reuters Vergrößern
Die "Hygiene-Demos" verbinden Bürgertum, Aluhuträger und Rechtsradikale. © Reuters

Dass nach all den Fake-News und alternativen Fakten das Wort von seriösen Forschern wieder mehr zählt im öffentlichen Diskurs als gefühlte Wahrheiten. Schließlich haben wir, wenn die Pandemie einmal endet, immer noch mit Dürresommern und demagogischen Populisten zu kämpfen.

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Nach einer großen Renaissance der Ratio sieht es momentan aber nicht aus. Fake News zirkulieren weiter. Theatermacher Frank Castorf möchte sich nicht von Merkel vorschreiben lassen, wann er sich die Hände wäscht und ruft zu „republikanischem Widerstand“ auf. Vor seiner ehemaligen Wirkungsstätte am Rosa-Luxemburg-Platz haken sich währenddessen Bürgertum, Aluhutträger und Rechtsradikale unter, um bei „Hygiene-Demos“ gegen Politik, Medien und Pharmalobby zu wettern. Beobachter erwarten „mittelfristig auch die Radikalisierung von Teilen der Bevölkerung“. Im Internet kursieren Fantasien vom Mord an Charité-Virologe Drosten. Es kann nicht mehr lange Dauern und die Frage „Schickst du deine Kinder schon wieder zur Kita?“ wird bei manchen Mitmenschen ähnlich heikel wie eine Debatte übers Impfen. Das wird ein ganz toller Sommer ...

Spiele, die funktionieren: Ich nehme alles zurück, was ich vor ein paar Tagen über die Bezirksbürgermeister gesagt habe. Unser Skatepark ist wieder offen.

Pädagogischer-Papa-Moment: Ich lasse das Diktat ausfallen, stattdessen üben wir Schleife binden.

Liebe Esther, welches Urteil möchtest du zurücknehmen?

Die Antwort von Esther Kogelboom lesen Sie am Montag um 9 Uhr.

Tag 42 - Mitte - Friedhof statt Südtirol

Fünf vor Zwölf. Zeit den Rechner runterzufahren Foto: Fotolia Vergrößern
Fünf vor Zwölf. Zeit den Rechner runterzufahren © Fotolia

Ich habe etwas verbockt, und zwar ganz massiv. Der Fehler passierte schon vor Wochen: Ich habe bei den Kindern Vorfreude auf den Sommerurlaub geschürt. Hütte in Südtirol, mit Schwimmbad daneben. Fahrradfahren am Fluss, Almkühe streicheln auf der Wiese, danach Kaiserschmarrn aus mindestens zehn Eiern.

„Was machen wir als Erstes, wenn wir ankommen?“, fragen sie einander jetzt täglich. Es ist eine Art Spiel geworden. „In den Pool springen!“ – „Zu den Kaninchen gehen!“ Langsam wird es Zeit, die große Vorfreude vorsichtshalber zu zerstören, und es bricht mir das Herz. So wie sich Kinder freuen, können sich eben nur Kinder freuen.

Baguettes auf den Gebeinen der Preußengeneräle

Dieses Jahr also wahrscheinlich keine verschlafenen „Wir sind schon auf dem Brenner“-Gesänge. Stattdessen gehen wir einfach weiter auf den alten Friedhof, und so wie jeden Tag werde ich rufen: „Komm‘ von Ferdinand von Stülpnagel runter!“ – „Lass Karl Ludwig von Oppeln-Bronikowski in Frieden ruhen!“ Und wir werden weiterhin über den Gebeinen der Preußengeneräle vietnamesische Baguettes essen und ein leichtes Fitnessprogramm absolvieren. Auch schön, aber es ist nicht dasselbe wie Urlaub – sondern Homeoffice forever.

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Lieber Moritz, du willst das Recht auf Heimarbeit im Grundgesetz sehen. Ja, gern. Doch wer kontrolliert dann, ob die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit eingehalten wird? Es wurde viel über das Ende des Feierabends lamentiert, im Homeoffice wird’s den nicht mehr geben: Bürotür zu, Fahrrad, Wohnungstür aufschließen. Es erfordert unendlich viel Selbstdisziplin, nicht nochmal schnell das Laptop aufzuklappen. Im Moment denke ich an Arbeit, wenn ich bei den Kindern bin und bei der Arbeit an die Kinder – außer, sie schlafen.

"Wer hat hier Limo getrunken?"

Doch gestern Abend stand auf einmal ein kleiner blonder Geist im Apfelschlafanzug im heimischen Großraumbüro, geweckt von einem Alptraum, an den er sich nicht mehr erinnern konnte. Sein Blick wanderte über das Chaos auf dem Schreib-Küchentisch. Verschlafen maulte er: „Wer hat hier Limo getrunken? Und warum esst ihr Chips, wenn wir im Bett sind?“

Spiel, das funktioniert: Wasser für Sachkunde beim Verdunsten zusehen.

Fiese-Mutter-Moment: Ich hole kein Wasser mehr vor dem Einschlafen, weil es vorher genug zu trinken gab. Oder?

Moritz, wie stellst du dir den Sommer vor?

Die Antwort von Moritz Honert lesen Sie morgen um 9 Uhr.

Tag 41 - Prenzlauer Berg - Hubertus Heil muss Kanzler werden!

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil brachte ein Recht auf Homeoffice ins Gespräch - auch nach der Krise. Foto: AFP Vergrößern
Bundesarbeitsminister Hubertus Heil brachte ein Recht auf Homeoffice ins Gespräch - auch nach der Krise. © AFP

Allein zu Hause … Ja, klingt schön. Oder besser klang schön. Allein zu Hause heißt in diesen Tagen ja vor allem, dass meine Frau mit den Kindern draußen ist, damit ich in Ruhe arbeiten kann, bevor ich wieder dran bin mit Kinderbetreuung, damit sie in Ruhe arbeiten kann. Familie im Schichtbetrieb.  Arbeiten gegen die Uhr. Allerdings mache ich mir momentan weniger Gedanken, wie wir unseren Krisen-Alltag organisieren. Das hat sich so langsam eingependelt. Ich frag mich eher, wie das mal werden soll, wenn es eines Tages heißt: Zurück ins Büro! So als wäre nichts gewesen. Geht das überhaupt?

Etwas ähnliches habe ich schonmal erlebt

Ich habe so etwas Ähnliches schon mal erlebt. Bevor meine Tochter eingeschult wurde, waren wir zu viert zwei Monate in Australien und Neuseeland. Die Tage dort waren denen jetzt – denkt man sich die Arbeit mal weg – gar nicht so unähnlich: Wir lebten ständig zusammen als Familie auf begrenztem Raum, in kleinen Zimmern oder auch mal wochenlang in einem Mini-Campervan. Wir aßen dreimal am Tag zusammen, waren viel in der freien Natur.

The horror, the horror

Die ersten Wochen nach der Rückkehr ins Berliner Büro waren der blanke Horror. Ich starrte auf den Monitor und dachte: Wieso sitze ich hier den ganzen Tag drinnen? Geht das nicht anders?

Ein bisschen befürchte ich, dass das diesmal ähnlich wird. So anstrengend diese Ausnahmesituation hier auf Dauer ist, je länger sie anhält, umso mehr erscheint sie mir als der natürlichere Zustand. Je mehr Zeit ich mit meiner Familie verbringe, desto absurder kommt es mir vor, wie wenig ich es sonst im Alltag tue.

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Natürlich nervt es, dass ich mich sonntagabends um halb zehn nochmal hinsetzen muss, um vorzuarbeiten für den nächsten Tag, weil meine Frau da Termine hat. Aber wird das nicht zehnmal davon aufgewogen, dass ich dafür bei schönstem Sonnenschein einfach zwischendurch ein paar Stunden mit den Kindern in die menschenleere Natur fahren kann, wo sie mit dem Fernglas Habichte beobachten? Ja, das ständige Absprechen und Unterbrechen der Arbeit ist stressig, aber dafür kann ich meinen Kindern jeden Tag ein Vater sein. Und das nicht nur zwischen 6.30 und 7:45 Uhr und 18 und 21 Uhr.

Das Recht auf Homeoffice muss ins Grundgesetz

Gut, vielleicht muss in Zukunft nicht jede Woche so aussehen wie die jetzigen, aber wenn du mich fragen würdest, Esther, welche Lehre ich aus fast sechs Wochen Homeoffice ziehe, dann wäre es diese: Das Recht auf Arbeit von zu Hause muss ins Grundgesetz, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil muss Kanzler werden!

Spiele, die funktionieren: Sandburgen bauen mit extra für diesen Zweck gekauften und geleerten Bierbechern.

Dämlicher-Papa-Moment: Ich merke nach acht Stunden, dass man die Batterien im Tiptoi nicht per USB-Adapter an der Steckdose laden kann. Mein Sohn verzeiht mir.

Esther, was hast du verbockt?

Die Antwort von Esther Kogelboom lesen Sie morgen um 9 Uhr.

Tag 40 – Mitte – Wasserbomben auf Unbelehrbare

Pizza Hawaii und Spaß dabei. Foto: Esther Kogelboom Vergrößern
Pizza Hawaii und Spaß dabei. © Esther Kogelboom

Was meine Kinder sich wünschen, lieber Moritz? Der Zweijährige eine echte „Bormassine“, der Fünfjährige einen Lamborghini, der Achtjährige einen Tesla. Die Jungs lieben Krach und dicke Karren, ich kann nichts dagegen tun. Wenn wir durch die Straßen laufen, linsen sie in jedes Auto ab 250 PS. Neulich habe ich den Fünfjährigen kurz unsere Familienkutsche lenken lassen, davon redet er jetzt täglich. Deswegen war es ganz leicht, die Kinder zu einer Spazierfahrt mit dem Papa zu überreden. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, piepsten meine Ohren – so wie früher, um 4 Uhr morgens, auf dem Weg vom Club nach Hause. Ich. War. Allein. Zum ersten Mal seit Ende Februar.

Mama, wir haben Essen vergessen!

Handybrummen: „Mama, wir haben Essen vergessen! Kannst du uns bei der Pizzeria in Mahlsdorf Takeaways bestellen? Hawaii!“ Die Bestellung klang so appetitlich, dass ich umgehend in der Filiale in Mitte anrief und mir auch eine Pizza mit Schinken und Ananas bestellte. Zufrieden ging ich los, um sie abzuholen. Da fiel mir auf: Ich mag gar nicht so gerne Fleisch auf Pizza. Und großen Hunger hatte ich auch nicht. Was wollte ich wirklich? Keine Ahnung. Hatte vielleicht beim vielem kontaktlosen Bezahlen auch den Kontakt zu mit selbst verloren.

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Dann schaute ich zwei Folgen von „After Life“ mit dem wunderbaren Ricky Gervais, ja, mitten am Tag, die Sonne schien extra passiv-aggressiv ins Zimmer. „So Kinder, jetzt aber ausschalten, ihr werdet ja ganz rammdösig“, hörte ich eine Stimme sagen. War es meine, oder die meiner Mutter?

Schließlich faltete ich vier Maschinenladungen saubere Wäsche, sortierte Socken und schwor mir, nie wieder Multipacks zu kaufen, also beispielsweise fünf Sockenpaare, die zwar alle schwarz-weiß sind, aber unterschiedlich gemustert. Schon gar nicht in verschiedenen Größen. Wie konnte ich nur bei H&M an der Kasse darauf hereinfallen.

Im Spiegel sah ich eine fremde Frau im grauen Kapuzenpulli, ich reichte ihr einen Euro.  

Es war ein besinnlicher, sehr leiser Nachmittag. Und er endete viel zu schnell.

Fieser Mutter-Moment: Siehe oben.

Spiel, das funktioniert: Latexhandschuhe mit Wasser füllen und aus dem Fenster auf größere Menschengruppen werfen.

Moritz, wann warst du zuletzt Home alone?

 Die Antwort von Moritz Honert lesen Sie morgen um 9 Uhr.

Tag 37 - Prenzlauer Berg - Wer ist schon konsequent?

Ab dem 4. Mai wird wieder gewaschen, geschnitten und geföhnt. Foto: Doris Spiekermann-Klaaas Vergrößern
Ab dem 4. Mai wird wieder gewaschen, geschnitten und geföhnt. © Doris Spiekermann-Klaaas

Wie ich mich entschieden habe, liebe Esther? Für was? Für wen? Auf welcher Grundlage? Ich hab das Gefühl, je länger diese Corona-Krise andauert, je mehr ich höre und lese, desto weniger weiß ich eigentlich.

 Erst hieß es, Raucher seien gefährdeter, an Covid-19 zu erkranken, jetzt wurde allen Ernstes gemeldet, sie trügen vielleicht ein geringeres Risiko. Drosten und Kekulé sind für Masken, Weltärztepräsident Montgomery dagegen. Sind Mehrfach-Ansteckungen nun möglich oder nicht? Warum stecken manche Leute sich nicht an? Gibt es Kreuzimmunitäten?

 Oft gibt es gute Gründe, aber keine Studien

Vieles, was wir gestern zu wissen glaubten, ist heute Quatsch und umgekehrt. Bei anderen Sachen gibt es zwar gute Gründe, sie anzunehmen, aber keine validen Studien. Und selbst wenn, wer ist in seinen Entscheidungen schon konsequent? Die meisten Eltern, die ich so kenne, tragen Mundschutz im Supermarkt und besuchen keine Verwandten, haben sich aber schon vor Wochen mit einer anderen Familie zusammengetan, um sich ab und an mal in freier Natur zum gemeinsamen Spazieren zu treffen. Vertretbare Entscheidung im Sinne der Kinder, die Kontakt mit Gleichaltrigen brauchen? Fahrlässige Entscheidung wegen des Ausbreitungsrisikos? Wer will da den Richter spielen?

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 Andere hatten ja nicht so ein Problem mit dem Entscheiden. Ich rede von den Bezirksbürgermeistern. Die wollen nun am 30. April die Spielplätze wieder öffnen. Die Bolzplätze und – wenn ich das richtig verstanden habe - die Skateparks aber lassen sie zu. Kann man verstehen, muss man aber nicht. Achtet man auf dem Brett wegen der Kollisionsgefahr nicht viel eher auf Abstand als an der Wippe und im Sandkasten?

 Meine Frisörin ruft an

So, jetzt hat gerade meine Frisörin angerufen. Am 4. Mai darf sie wieder öffnen. Ob ich meinen im April ausgefallen Termin nachholen möchte, hat sie gefragt? Ich hab kurz gezögert und dann aus dem Bauch heraus gesagt: ja. Ästhetisch war das die absolut korrekte Entscheidung. Im Videocall halten mich inzwischen nicht wenige für den wiederauferstandenen Christoph Schlingensief. Auch aus solidarischer Sicht, war das sicher richtig. Von irgendwas muss die Frau ja ihre Angestellten bezahlen. Aber von epidemiologischer Warte aus betrachtet? Ich entscheide, dass ich diesen Zwiespalt jetzt einfach mal aushalte.

 Spiel das funktioniert: Langsam gehen mir die Ideen aus. Gut, dass wir damals bei der Anschaffung des Tiptoi-Stifts in wiederaufladbare Batterien investiert haben.

 Guter-Papa-Moment: Die Kinder dürfen sich was zum Abendessen wünschen. Es gibt Popcorn.

 Liebe Esther, was wünschen sich deine Kinder?

Die Antwort von Esther Kogelboom lesen Sie morgen um 9 Uhr.

Tag 36 – Mitte - Babyklappe light

Eine Kinderkrippe in Chiasso, Schweiz. Foto: dpa Vergrößern
Eine Kinderkrippe in Chiasso, Schweiz. © dpa

Lieber Moritz, ich schwindle gerade tagein, tagaus. Manchmal höre ich mich sagen: „Ich rufe gleich zurück“, dann tippen meine Finger den Satz: „Melde mich im Laufe des Tages nochmal“. Doch jetzt will ich zur Abwechslung mal ehrlich sein. Du hast gestern in einem Kommentar geschrieben, wie du die schrittweise Öffnung der Kitas findest: „Was die Verbreitung von Läusen, Bakterien und Viren angeht, ist jede Kita ein kleines Ischgl. Social Distancing in der Buddelkiste? Guter Witz!“ Uff. Das hat mir ziemlich die Laune verdorben.

Gestern war ich mit dem Zweijährigen in unsere Kita, um einmal durch die Scheibe zu winken. Der Kita-Leiter, gerade in Erwartung einer für fünf Stunden anberaumten Telefonkonferenz mit dem Träger, schilderte seine Verzweiflung. „Nach der Konferenz sind wir vielleicht schlauer. Aber allein die Hygieneempfehlungen sind ein Witz. Das Krippenkind ist beim morgendlichen Abgeben auf eine Matte zu setzen. Dann soll sich die Mutter entfernen, damit die Erzieherin das Kind übernehmen kann.“ Babyklappe light.

Hurra, ab Montag wieder Konzentration! Oder?

Natürlich war mein erster Gedanke, nachdem die Zwei-Eltern-Regelung gekippt worden war: Hurra! Ab Montag wieder ungestörte Konzentration – und ganz vielleicht sogar eine halbe Stunde im Bad, allein. Doch dann dachte ich an die Erzieherinnen und die Gefahr, in die wir sie bringen. Und auch an uns: Angenommen, die Kinder fangen sich einen ganz normalen Kita-Infekt ein, dann denken wir doch gleich, es ist Corona und müssen uns alle testen lassen. Ein einziger Verdachtsfall genügt, und die Einrichtung schließt erstmal.

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Wir müssen uns fragen: Isolieren wir uns weiterhin so umfangreich wie möglich und helfen damit, die Reproduktionsrate zu drücken? Oder geben wir die Kinder weg, um ungestört unserer Erwerbsarbeit nachgehen zu können?

Klar, wir könnten schon irgendwie so weitermachen - ist der Teint erst ruiniert, betreut es sich ganz ungeniert. Doch wie schrieb Lorenz Maroldt: „Fulltime-Homeoffice mit Kleinkind grenzt nach vier Wochen an Körperverletzung, danach beginnt die Folter.“ Was ist dann Fulltime-Homeoffice mit einem Kleinkind, einem Vorschüler und einem Grundschüler?

Noch haben wir vier Tage, uns zu entscheiden. Das ist wohl die neue Eigenverantwortung, von der jetzt alle reden. Fühlt sich aufregend an.

Fiese-Mutter-Moment: Ein Kind schläft sehr schmutzig und ohne Abendbrot im Auto ein. Ich lege es direkt ins Bett.

Spiel, das funktioniert: Softball-Tennis.

Moritz, wie hast du dich entschieden?

Die Antwort von Moritz Honert lesen Sie morgen ab 9 Uhr.

 

 

Tag 35 - Prenzlauer Berg - Reise nach Ischgl zu gewinnen!

Der Skiort Ischgl gilt als einer der kritischen Ansteckungsherde mit dem Coronavirus in Europa. Foto: dpa Vergrößern
Der Skiort Ischgl gilt als einer der kritischen Ansteckungsherde mit dem Coronavirus in Europa. © dpa

Wir standen im Grünen, fast allein auf weiter Flur. Zu Hause hatte uns die Decke auf den Kopf zu fallen gedroht, jetzt genossen wir den blauen Himmel. Die Kinder rannten über die Felder, einen Drachen im Schlepptau. Wir hatten Butterbrote und Kekse dabei. Es war fast wie in einem Buch von Enid Blyton.

Meine Frau und ich hatten die Köpfe in den Nacken gelegt und schauten dem flatternden Fluggerät zu, als plötzlich ein Passagierflieger in unser Blickfeld geriet, der einen einsamen Kondensstreifen an den Himmel malte. „Schaut mal, Kinder, ein Flugzeug“, rief ich. „Früher gab es davon ganz viele.“

Plötzlich überlief mich ein Schauder

Eigentlich sollte das ein Witz sein, aber kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, da überlief mich ein Schauder. Eine Parallelwelt tat sich auf. Die Sonne verfinsterte sich, in meinem Kopf hallten die Worte von T. S. Eliot „Auf diese Weise endet die Welt: Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern.“ Enid Blyton war weg. 

Stattdessen wähnte ich uns in einem Untergangsszenario von Gudrun Pausewang. „Die letzten Kinder vom Erpetal“, oder so. Es dauert eine ganze Weile, bis ich das beklemmende Gefühl abschütteln konnte …

Anscheinend geht mir die Krise langsam ans Gemüt

Was ich sagen will: Anscheinend geht mir diese Krise langsam doch mehr ans Gemüt, als ich wahrhaben will. Die meiste Zeit tut man ja so, als könne einem die schwelende Bedrohung wenig anhaben. Gibt sich stoisch, beißt die Zähne zusammen, schiebt die Sorgen mit schwarzem Humor weg. Und dann, aus heiterem Himmel, senst es einem doch die Beine weg.

Das hat mich, um deine Frage von gestern zu beantworten, liebe Esther, überrascht. Noch mehr als die Tatsache, dass die Kollegen von der „Brigitte“ in ihrem Kreuzworträtsel derzeit tatsächlich eine Reise nach Ischgl verlosen …

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Apropos Selbsterkenntnis. Ich habe versucht, mal wieder was zu lesen. Leider sind mir dann als erstes die gesammelten „Fragebogen“ von Max Frisch in die Hände gefallen, die mir meiner Mutter kürzlich geschickt hatte: „Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr?“ „Sind Sie stolz drauf Vater zu sein?“ 

Auweia, dachte ich, das vertage ich mal auf später und einen stabileren Zustand. Stattdessen widmetet ich mich einem vermeintlich unverfänglicheren Fragebogen der Uni Bamberg, den mir ein Freund weitergeleitet hatte. 

Ich sage nur so viel: Ich erlebte die nächste böse Überraschung. Wer sich stark genug fühlt, mal einen ganz ehrlichen Blick in den Spiegel zu werfen, der kann sich ja mal an die Studie „Familien mit Kitakindern in der Coronazeit“ wagen. 

Beschweren Sie sich aber nicht bei mir, wenn nach der ehrlichen Bewertung von Aussagen wie „Ich bin ein gutes Beispiel für werdende Eltern, von dem sie lernen könne“ oder „Für jede Schwierigkeit in der Erziehung meines Kindes finde ich eine Lösung“ auch Ihr Selbstbild in Trümmern liegt.

Corona-Gardening. Foto: Moritz Honert Vergrößern
Corona-Gardening. © Moritz Honert

Spiel das funktioniert: Gemüse züchten. Offensichtlich haben die Kinder und meine Frau grüne Daumen. Die Fensterbank ist voll mit Setzlingen von Gurken. Gut, dass wir noch Gin haben.

Gemeiner-Papa-Moment: Ich sage, mein Handyakku sei leer, weil ich keine Lust habe, auf der Rückfahrt vom Ausflug schon wieder „Die drei ???“ zu hören.

Wann hast du zuletzt gelogen, Esther?

Die Antwort von Esther Kogelboom lesen Sie morgen um 9 Uhr.


Tag 34 – Mitte – Niemand versteht die Schul-Cloud

Auch in Spanien kämpfen die Mütter mit dem Homeschooling. Venceremos, Schwestern! Foto: dpa Vergrößern
Auch in Spanien kämpfen die Mütter mit dem Homeschooling. Venceremos, Schwestern! © dpa

Huch, es ist Dienstag, ist ja schon längst wieder Schule! Wie kommen wir denn jetzt an die neuen Aufgaben? Da gibt’s für unseren Drittklässler zwei Wege.

Entweder ich fische die Aufgaben aus einem Meer von unterschiedlichen Mails und drucke sie dem Kind aus. Oder ich registriere den Jungen bei lernraum-berlin.de, wo die Lehrerinnen und Lehrer die Wochenarbeitspläne abgelegt haben. Der Lernraum ist, laut Pressemitteilung des Bildungssenats, ein „auf Dauer kostenfreies digitales Lernmanagementsystem“, welches „als Leitprojekt des eEducation Berlin Masterplans firmiert“ und auf der „Open-Source-Lösung Moodle basiert“.

Von der Grundschule gab es einen Leitfaden, wie man sich dort anmeldet.

1. Registrierung: Wähle den Bezirk, klicke auf „Benutzerkonto anlegen“. Gib deine persönlichen Daten ein und klicke auf „Nutzerkonto anlegen“. Du bekommst eine automatische Email, die du bestätigen musst.

2. Anmeldung: Wähle den Bezirk, gib deinen Anmeldenamen und dein Kennwort ein. Klicke auf Login.

3. Kurs suchen und einschreiben: Trage nun unter „Kurssprung“ unsere Schulnummer (fünfstellige Nummer bestehend aus Ziffern und Buchstaben) und die dazugehörige Klasse dazu ein, in der du bist. Beispiel für die Klasse 6c: „Schulnummer + 6c“. Wähle bei den Suchergebnissen deine Klasse aus. Gib nun den Einschreibeschlüssel für deinen Kurs ab. Beachte: Für die Einschreibung gibt es zwei Optionen: a) Schüler*innen b) Lehrer*innen. Du gibt’s (wirklich so geschrieben!) den Einschreibeschlüssel bei Schüler*innen ein. Der Einschreibeschlüssel sind Passwörter, die sich für jeden Kurs/Klasse folgendermaßen zusammensetzen: NamederSchule_(Klasse). Du bist nun in deiner Klasse eingeschrieben.

Mein Boris-Becker-Moment! „Ja, bin ich da schon drin, oder was? Ich bin drin!“

Im Ernst. Ich kenne Hammelsprung, Eisprung und Quantensprung, aber was ist ein Kurssprung? Und wie soll sich ein Achtjähriger durch selbstständig bewegen, die passenden Aufgaben finden, ausdrucken und lösen – in einer Ordnerstruktur, die an eine Matrjoschka erinnert?



„Antolin“ dagegen geht ganz leicht und intuitiv. Vom Westermann-Verlag betrieben, können sich Grundschüler dort einloggen und Multiple-Choice-Fragen zu gelesenen Büchern beantworten. Vorsicht, Suchtgefahr! Nach zwei Tagen will der Junge wissen, was Pippi Langstrumpf nochmal genau im Taka-Tuka-Land gemacht hat, und schon bin ich auch süchtig. Es liegt in der Familie: Deadlines werden erst am letzten Abgabetag interessant, und ein lustiges Quiz sticht qualvolles Erarbeiten von Wissen.

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Fehlt noch die Buchpräsentation – die Aufgabe war eigentlich schon vor Ostern zu erledigen. Der Junge will sie aufnehmen und seiner Lehrerin schicke. Okay. Doch ich kann das fünfminütige Filmchen am Handy nicht mehr in meine Dropbox laden, weil der Speicherplatz nicht mehr ausreicht. Könnte jetzt die Familienfotos auf einer externen Festplatte sichern … gut, ich kaufe ein Upgrade. Funktioniert trotzdem nicht. Zwischendurch zwei Anrufe, zahllose Notifications und Pings. Wir probieren es nochmal von vorn. Da kommt der Vierjährige und möchte photoshoppen: „Papa sagt, du kannst mir einen Agentenausweis machen, mit Wasserzeichen!“ Eingehender Videocall der Oma.

Heute Abend um 18.30 Uhr hat das Kitakind übrigen eine Zoom-Konferenz mit seiner Kitagruppe.

Moment, da kommt gerade ein kluger Gedanke per Airdrop in meinem Gehirn an … ich lade ihn kurz runter … 58% … 79% … leider eingefroren, tut mir leid.

Spiel, das funktioniert: Aus einer Rolle Müllsäcke ein Lasso basteln - sogar mit Sollbruchstellen.

Verrückte-Mutter-Satz: "Wenn du nicht sofort alle Geräte in den Schrank legst, dann - äh, ja, gibt's heute Rucola!"

Moritz, womit überraschst du dich selbst?

Die Antwort von Moritz Honert lesen Sie morgen um 9 Uhr.

 

Haus-Aufgaben im Haus. Sind Pädagogen Hellseher? Foto: Moritz Honert Vergrößern
Haus-Aufgaben im Haus. Sind Pädagogen Hellseher? © Moritz Honert



Tag 33 – Prenzlauer Berg – Was eine Erstklässlerin über die Schulschließungen denkt

Die Stimmung in den Chatgruppen? Ratlosigkeit und Frust, liebe Esther. Nicht nur, weil viele nicht wissen, wie sie die Wochen bis August eigentlich organisieren sollen, sondern auch, weil etliche noch eine andere andere Sorge umtreibt: Eine Mutter im Kitachat schrieb stellvertretend für viele: „Das ist verrückt. Wie sollen wir Eltern das tragen können? Und was macht das mit den Kindern?“

Gute Frage. Ich weiß es nicht. Also habe ich mich an zwei Experten gewandt: Meinen Sohn (Kitakind, fast 5) und meine Tochter (Erstklässlerin, 7). Hinweis der Redaktion: Das nachfolgende Interview fand nicht per Videocall statt. Alle trugen Schlafanzüge.

Liebe Leute, an diesem Montag sollten eigentlich wieder die Schule und die Kita anfangen. Pustekuchen. Wie findet ihr, dass ihr jetzt weiter zu Hause bei Papa und Mama bleibt?
Sohn: Doof. Ich würde mir wünschen, dass gestern Corona aufgehört hätte.
Tochter: Also, ich finde schön, dass ich mehr Zeit mit euch verbringen kann. Aber ich vermisse auch die Schule.

Das war jetzt aber sehr diplomatisch. Was vermisst ihr denn besonders?
Tochter: Meine Schulfreunde.
Sohn: Dass ich nicht mit meinen Kitafreunden fangen spielen kann.

Versteht ihr, warum die Schule und die Kita zu sind?
Tochter: Ja, in der Schule, da sitzen wir ganz nah nebeneinander. Dann kann das Corona einfach rüberhopsen.

Und das wäre gefährlich?
Sohn: Ja. Weil man da sterben kann.
Tochter: Deshalb ist erst mal besser, dass die Schule zu ist.



Habt ihr Angst vor dem Corona-Virus?
Sohn: Ich hab schon ein bisschen Angst. Wenn ich Corona kriege, dann springt das auf einen alten Menschen. Und bei Mama kann das gefährlich werden. Die hat Husten!

Du meinst Asthma. Macht euch das Sorgen?
Tochter: Also, ich schlaf meistens sehr gut. Und wenn niemand Corona erwähnt, ist das ehrlich gesagt manchmal so, als wenn Corona für eine kurze Zeit weg wäre.

Wie ist denn die Stimmung zu Hause? Streiten wir mehr als sonst?
Sohn: So wie immer. Fast.
Tochter: Also, ich finde, wir streiten mehr. Wie sollen wir uns streiten, wenn mein Bruder in der Kita ist, ich in der Schule, du bei der Zeitung und Mama bei Ihrer Arbeit.

Was hat sich am meisten verändert, seit es das Corona-Virus gibt?
Sohn: Die Leute sterben.

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Äh, ja ... Aber ich meinte, was sich ganz direkt für euch geändert hat.
Tochter: Wir dürfen viel mehr Fernsehen gucken!
Sohn: Ich darf nicht ins Schwimmbad. Dabei habe ich erst kürzlich Schwimmen gelernt. Und ich finde es schade, dass Opa und Nana in Spanien nicht mehr raus dürfen. Nur zum einkaufen.
Tochter: Ich finde doof, dass ganz viele Plätze, wo man skaten kann, zu sind. Da wo wir jetzt fahren, ist es total huckelig. Blöd ist auch, dass wir nicht einfach zu unseren Freunden gleich um die Ecke gehen können. Wir dürfen uns nur noch Nachrichten schicken.

Freut ihr euch denn, die anderen Kinder wenigstens auf Video zu sehen?
Sohn: Ich finde das schon ein bisschen doof.
Tochter: Mich macht das traurig, weil es mich dran erinnert, wie lange ich sie nicht sehe.

Habt ihr Sorge, dass ihr euch vielleicht gar nicht mehr kennt, wenn ihr euch so lange nicht seht?
Tochter: Ich glaube, wir sind danach noch genauso befreundet wie vorher. Aber ich wünsche mir, trotzdem, dass die Schulen und die Spielplätze bald wieder aufmachen.


Spiel, das funktioniert: Sich bei Spaziergängen die Jackentaschen mit Steinen vollstopfen.

Fieser Papa-Moment: Ich schnauze rum, weil ein kinderfaustgroßer Kiesel in der Waschmaschine poltert und droht, den Glasdeckel zu zerschlagen.

Esther, mit womit hast du zuletzt gedroht?

Die Antwort von Esther Kogelboom lesen Sie morgen um 9 Uhr.



Tag 30 – Mitte – Meine Affäre mit dem Späti-Mann

Fernsehturm, blinke für uns! Foto: dpa Vergrößern
Fernsehturm, blinke für uns! © dpa

Nach 22 Uhr, lieber Moritz, beginnt normalerweise die Eigentlich-Zeit. Eigentlich müsste ich jetzt den Kühlschrank putzen und für morgen vorkochen. Socken sortieren. Ein Päckchen für Oma und Opa packen. Nochmal ins Homeoffice und telefonieren, doch dann erklingt aus den Tiefen des Vorratsschranks das Knistern der Goldhasen-Armee. „Schnell, die Kinder schlafen“, raunen sie. „Wir opfern dir die Löffel! Wir wollen endlich Rocketman zu Ende sehen!“

Gestern allerdings haben wir hier versucht, einen Schlachtplan zu machen. 1. August also. Dreieinhalb weitere Monate Heimarbeit mit zwei Kitakindern. Das bedeutet auch: wahrscheinlich keine entspannte Übergangszeit von der Vorschule zur Schule für den Mittleren, eine zweite Eingewöhnung für den Kleinsten – und der Große wird bei diesem Zirkus wahrscheinlich zu kurz kommen.

Sollen sie doch Morgenkreis per Zoom machen!

Es ist wie immer. Die Interessen der Krippen- und Kitakinder und ihrer Betreuerinnen sind weiterhin nachrangig. Natürlich sind die Abschlussklassen wichtig, ist ja klar. Doch ob die Welt der Zweijährigen völlig aus den Fugen gerät, wenn sie ihre Vertrauten aus der Kita nicht mehr sehen, zu denen sie über Monate hinweg enge Beziehungen aufgebaut haben, ist völlig schnuppe. Die Haltung 1. August: Sollen sie doch Morgenkreis per Zoom machen, und mal ehrlich, bei Mutti ist es doch für die kleinen Superspreader eh am schönsten. (Sie wachsen doch auch so schnell; früher haben die es doch auch hinbekommen, sogar ohne Waschmaschine.)

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In den Eltern-WhatsApp-Gruppen, in denen wir sind, macht sich echte Verzweiflung breit. Das ist eine valide Einschätzung, denn wir sind in sehr, sehr vielen dieser Gruppen. Mütter berichten, dass sie auf dem Küchenboden liegen und heulen, Väter von ihren Minusstunden und der Angst vor dem generellen Kontrollverlust. Wer Single ist, scannt den Bekanntenkreis nach systemrelevanten Späti-Betreibern, um noch schnell eine Ehe für die Notbetreuung einzugehen. Vielleicht frage ich unseren, ob er hier einziehen will.



Allen gemeinsam ist der Wille, sich außerhalb dieser geschützten Gruppen wenig bis gar nichts anzumerken lassen. Das können wir Eltern: Augen zu und durch. Das Prinzip Kotze aufwischen.

Gestern nach 22 Uhr standen mein Goldhase und ich am Fenster und betrachteten den Fernsehturm. „Könntest du nicht zur Aufmunterung mal blinken, so wie an Silvester?“, murmelte der Hase. Berühmte letzte Worte.

Spiel, das funktioniert: Kletterparcours auf leeren Fahrradständern

Moritz, wie ist die Stimmung in deinen Chatgruppen?

Die Antwort von Moritz Honert lesen Sie morgen ab 9 Uhr.




Tag 29 – Prenzlauer Berg – Do Androids Dream of Electric Redaktionskonferenzen?


Paranoia oder Stoizismus? Zwei sehr unterschiedliche Blicke in den Spiegel. Foto: Moritz Honert Vergrößern
Paranoia oder Stoizismus? Zwei sehr unterschiedliche Blicke in den Spiegel. © Moritz Honert

Was ich mit einem freien Vormittag anfangen würde? Ach, ich will gar nicht drüber nachdenken, nachdem uns jetzt zwei weitere Wochen Schul- und Kitafrei – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Haus stehen. Minimum. Bevor der ganze Zirkus dann ein paar Wochen später von vorne losgeht, wenn die Prognosen zutreffen.

Aber gut: Was würde ich tun, wenn ich einen freien Vormittag hätte? Vielleicht einfach mal einen lieben Menschen auf einen Kaffee treffen. So mit Abstand, aber immerhin von Angesicht zu Angesicht.

Das ganze soziale Distanzieren und der erzwungene Rückzug in die eigenen vier Wände zeigt nämlich langsam Folgen. Und ich rede nicht davon, dass sich aufgrund der permanenten Präsenz meiner (immer noch geliebten) Kinder und Frau inzwischen der halbwöchentlichen Supermarkt-Run schon anfühlt wie Urlaub und meine neues Hobby Duschen ist.

Was verschiebt sich im sozialen Geflecht?

Was ich meine ist: Mich treibt die Sorge, was sich durch die langen Phasen des Nicht-Sehens von Freunden so im sozialen Geflecht verschiebt. Kürzlich hatte ich einen Traum, in dem sich ein mir lieber Kumpel wie ein Arsch verhalten hat. Normalerweise ist sowas ja total egal. Man wacht auf, wundert sich ein wenig, was das wohl zu bedeuten haben mag, und das unangenehme Gefühl des Misstrauens der Person gegenüber wird beim nächsten Treffen einfach durch das reale Zusammentreffen überschrieben im Gehirn. Und jetzt? Sitze ich zu Hause und hege Groll gegen einen Menschen, der nix schlimmes gemacht hat.

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Whattsapp-Nachrichten allein überschreiben jedenfalls nix, stelle ich fest, was in die Frage mündet: Wie real ist diese digitale Realität, die wir gerade alle erkunden, überhaupt? Wenn Philip K. Dick Recht hatte, als er in „Do Androids Dream of Electric Sheep“, der Vorlage zum Film „Blade Runner“, schrieb: „Die elektrischen Dinge haben auch ihre Leben. So kümmerlich diese auch sein mögen“, wie echt sind dann Menschen, die man nicht anfassen kann? Und bin ich der einzige, dem die Rektionskonferenzen auf Zoom manchmal vorkommen wie ein erstaunlich reales Computerspiel?

Paranoia oder Stoizismus

Antworten darauf haben auch die Apostel des Transhumanismus nicht, die sich angesichts der derzeitigen im Turbogang betriebenen Verlagerung des Lebens ins Digitale kurz vor dem Endsieg wähnen. Vielleicht ist die Antwort aber auch einfach: Ich sollte mitten in einer Pandemie weniger Bücher eines amphetaminabhängigen Paranoikers lesen und mehr in den "Selbstbetrachtungen" von Marc Aurel: "Keinem Menschen widerfährt etwas, was er nicht seiner Natur nach auch ertragen könnte."

Spiel das funktioniert: Die Kinder werfen sich mittels Walkie-Talkies kreative Beleidigungen wie „Du verschimmelter Kackakopf“ an selbigen. Und zwar auf eine Entfernung, auf die man eigentlich keine Funkgeräte braucht.

Schwacher-Moment: Es ist soweit. Während ich diese Zeilen tippe, trage ich Jogginghose und trinke Bier. Zu meiner Verteidigung: Es ist gleich zehn Uhr abends.

Esther, was machst du eigentlich so gegen 22 Uhr?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.



Tag 28 - Mitte - Live vom Planeten Melmac

Abnehmende Tendenz: Diese Corona-Grafik versteht jeder. Foto: Esther Kogelboom Vergrößern
Abnehmende Tendenz: Diese Corona-Grafik versteht jeder. © Esther Kogelboom

Lieber Moritz, Du fragst, was wir uns hier noch vornehmen. Die Antwort: fast gar nichts mehr. Denn während ich hier in der finstersten Ecke unserer „Wohnung ohne Balkon und Garten“ (Steinmeier in seiner Oster-Ansprache) bei Gebrüll und Chaos diese Sätze schreibe, hängt die Kanzlerin in einem wahrscheinlich stundenlangen Videocall mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, um eine mögliche Exit-Strategie zu besprechen. („Irgendjemand hat das Mikro an? Volker? Malu?“) Mit anderen Worten: Keine Ahnung, wie lange das so weitergeht. Wie soll man da Pläne schmieden? Wir halten es mit John Lennon: „Life is what happens while you’re busy making other plans.“

Was tun die dänischen Eltern jetzt den halben Tag? Erstmal streiten

Eine Freundin gab mir den Tipp, es gegen allgemeine schlechte Laune mit ALF zu versuchen. Ungemein stärkend fürs Familiengefüge sei es, den Kindern den eigenen popkulturellen Hintergrund zu vermitteln. Tatsächlich. ALF ist extrem gut gealtert, jeder Witz sitzt nach wie vor auf den Punkt, die beiden Großen lachen über den flauschigen Außerirdischen, bis sie nach Luft schnappen. Und weil unbegleiteter Medienkonsum ja schädlich ist, gucke ich länger mit als geplant und wähne mich vor dem Fernseher im Wohnzimmer meiner Eltern, Teewurstbrot in der einen, Tasse Nesquik in der anderen Hand. 1988, das Jahr von ALF und Gladbeck.

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Ich vermisse meine Eltern! Die sitzen 600 Kilometer von hier und lassen sich von ihren Nachbarn mit Lebensmitteln beliefern. Wie gerne würde ich ihnen helfen, mal einen Kuchen vor die Tür stellen, solche Sachen. Wir telefonieren, aber das ist nicht dasselbe. Obwohl sie normalerweise geübt im Sofasitzen und Überleben von allerlei Krankheiten sind, werden sie langsam unruhig. Wer hat mit 70 schon Zeit zu verplempern?

Heute öffnen die Kitas und Grundschulen in Dänemark wieder, unter strengen Hygienevorschriften. Was tun denn die dänischen Eltern jetzt den halben Tag? In Ruhe streiten. Erstmal aufräumen. Einen heißen Kaffee trinken.

Spiel, das funktioniert: „Lerne, die Beatles von den Stones zu unterscheiden“
Super-Mutter-Moment: 60 Fuß- und Fingernägelchen geschnitten während Diensttelefonat
Moritz, was würdest Du mit einem Vormittag ganz für Dich alleine machen?

Die Antwort von Moritz Honert gibt's morgen ab 9 Uhr.



Tag 27 – Prenzlauer Berg - Noch ein Tag der Abrechnung

Mein Spanisch auffrischen im Homeoffice? Hahaha ... Foto: Moritz Honert Vergrößern
Mein Spanisch auffrischen im Homeoffice? Hahaha ... © Moritz Honert

Liebe Esther, wann ich mich das letzte Mal so richtig bekloppt gefühlt habe? Im Supermarkt. Inzwischen haben wir das ganz gut raus, dass ich nur so alle fünf, sechs …. nee, warte mal. Diesen Einstieg habe ich ja kürzlich schon mal geschrieben. Tut mir leid, aber langsam weiß ich wirklich nicht mehr so richtig, welcher Tag es ist. Dadurch, dass es keine Wochenenden mehr gibt, weil da liegengebliebene Arbeit nachgeholt oder vorgearbeitet wird, und die Kinder nicht mehr in die Schule beziehungsweise Kita gehen, verschwimmt alles zu einem schwer zu unterscheidenden Strom an Eindrücken.

Warteschleife statt Mittelmeer

 Wenigstens das ist vergleichbar mit dem Urlaubsmodus, in dem wir uns jetzt eigentlich befinden sollten. Gemeinsam mit einer Freundin und deren Kindern hatten wir ein Häuschen auf Mallorca gemietet. Aus den bekannten Gründen wurde daraus nichts, und so haben wir jetzt einen Teil des Osterwochenendes statt im warmen Mittelmeer in der Warteschleife von Easyjet verbracht

Keine Freude. Auch wegen der Musikauswahl der Airline. Allerdings, das muss ich dann schon sagen: Als nach fünf mal 45 Minuten Gedudel endlich jemand ran ging, zeigten die sich ganz nett und versprachen zügige Bearbeitung. Vielleicht war das aber auch nur Taktik. Mitten im Satz flogen wir nämlich wieder aus der Leitung ...

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 Die Stunden, während mir aus dem Telefonhörer die Killers oder Pharrell Williams entgegendudelten, habe ich dann genutzt, um auch mal ein wenig Bilanz zu ziehen. Schließlich läuft jetzt schon seit mehr als dreieinhalb Wochen dieses Experiment Homeoffice und optimistisch wie ich bin, rechne ich derzeit mal damit, dass wir das Bergfest schon geschafft haben. 

Das Ergebnis hat mich ernüchtert. In der Zeitung habe ich von Kollegen gelesen, die die Corona-Tage daheim nutzen, endlich mal Projekte und Träume anzugehen, zu denen sonst die Zeit fehlt. Und ich? Von den 576 Stunden der vergangenen dreieinhalb Wochen habe ich

  • in die Auffrischung meines Spanisch-Wortschaftes investiert: 0
  • mich der dringend notwendigen Entrümpelung des Kellers gewidmet: 0
  • an der Steuererklärung gearbeitet: 0
  • mit der mir lange vorgenommenen Lektüre der Gebrüder Karamasow verbracht: 0
  • mich den Masterclass-Video-Workshops gewidmet, die meine Frau und ich uns zu Weihnachten geschenkt hatten: 0

Und was habe ich vorzuweisen?

  • Stunden, die ich gearbeitet habe: 144 (gestückelt in handliche 15 bis 20-Minuten-Einheiten)
  • Stunden, die ich mit Kochen und Backen verbracht habe: 100
  • Stunden, die für das nachträgliche Aufräumen und Spülen drauf gingen: 200 (gefühlt)
  • Stunden, die ich vorgelesen habe: 200 (gefühlt)
  • Stunden, in denen ich Papierflieger gebaut habe: 300 (gefühlt)
  • Stunden, in denen ich Sätze gehört habe, die entweder mit „Papa“, „Aber“ oder „Papa, aber ...“ begannen: 576

 Mathematisch geht das nicht auf? Ach, nee. In der Praxis irgendwie auch nicht! Ich bin gespannt, was am Mittwoch in Bezug auf die Schul- und Kitaschließungen entschieden wird. Irgendwann hätte ich nämlich auch gerne mal wieder ein klitzekleines bisschen Freizeit. Jetzt muss ich aber erst mal wieder die Spülmaschine aus- und einräumen.

 Spiele, die funktionieren: Die Buchstaben des Alphabets durchgehen und abwechselnd einen Begriff nennen, der mit dem jeweiligen Buchstaben anfängt und zu einem vorher festgelegten Thema passt. Anfänger wählen Oberbegriffe wie „Obst“ oder „Tiere“ (Also: Affe, Bär, Chamäleon …), Könner versuchen sich an „Krankheiten“ oder „Verbrechen“.

 Heldenhafter-Papa-Moment: Ich antworte ohne zu Seufzen auf „Papa ...?“ mit „Ja?“

 Was hast du dir eigentlich noch vorgenommen, Esther?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.



Tag 23 - Mitte - Wo war ich?

Kaffeetasse auf dem Boden? Anfänger. So stellen sich Bildagenturen das Homeoffice vor. Foto: www.imago-images.de Vergrößern
Kaffeetasse auf dem Boden? Anfänger. So stellen sich Bildagenturen das Homeoffice vor. © www.imago-images.de

Heute läuft bei uns mal wieder alles aus dem Ruder. Während ich diese Zeilen schreibe, steckt der Zweijährige Hey, lass das sein! Nicht die Fernbedienung in den Drucker! Oh je. Alles klar. Wo war ich?

Die Vereinbarkeit der Jobs klappt in unserer Familie nicht. Es ist eine ganz einfache Rechnung: Mein Mann arbeitet sieben Stunden täglich, ich sollte acht Stunde am Schreibtisch sitzen. Mach bitte sofort den Gürtel vom Hals deines Bruders. Du strangulierst ihn ja! Der kriegt keine Luft mehr. Wenn ihr Hund spielen wollt, spielt doch Hundefreilaufplatz. Ergibt zusammen 15 Stunden, die wir uns in Schichten aufteilen. Natürlich ist die Morgenschicht beliebter, doch dann klingelt morgens um 5 Uhr 30 der Wecker – kein gemeinsames Frühstück. Abends dagegen ...so viel Club Mate kann ich gar nicht trinken. Und leg den Gürtel bitte wieder zurück, wo hast du den überhaupt her? – Verdammt, hör‘ auf, deinen Bruder zu zwicken. Schepperndes Geräusch aus der Küche. Oh nein, das war der Teller, den du zur Geburt bekommen hast! Nein, den kann man nicht mehr kleben. Alle weinen, danach Hörspiel.

Ein Doppeldienst reiht sich an den nächsten

Okay, eingehender Videoanruf der Schülerzeitungs-AG. Wenn ich den Großen jetzt ans Handy lasse und den Mittleren nicht, ist die Stimmung wieder hin. Mit sehr schlechtem Gewissen drücke ich den Anruf weg. Weiter im Text: Obwohl wir uns die Zeit irgendwie aufteilen, werden wir permanent unterbrochen. Ist der andere „kurz“ einkaufen, bereitet eine Mahlzeit vor oder ist mit nur zwei Kindern unterwegs, ist der Arbeitende trotzdem im Doppeldienst.

Schabendes Geräusch aus dem Kinderzimmer. Was ist das? Was macht der Kleinste da? Bitte, bitte nicht das Trampolin vors Fenster … Ich schneide jetzt erstmal ein bisschen Obst, vielleicht braucht er einen Snack. Wie die Küche aussieht! Erstmal den Tisch schrubben, der durch die Extrembelastung der vergangenen Wochen eine schaurige Patina bekommen hat. Aus den Krümeln, die zwischen unseren Dielen verschwunden sind, könnte man ein großes Brot bauen. Alle Arbeitsflächen klebrig, in der Spülmaschine steckt schmutziges Geschirr und auch sauberes, das schon wieder ein bisschen schmutzig ist.

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Brauchst du eine neue Windel? Es ist dringend. Komm her, ich wickle dich. Schneller Blick aufs Handy. Slack blinkt nervös, ein freier Autor erinnert per Telegram an den versprochenen Rückruf, er habe Kinder, sein Zeitfenster schließe sich in zehn Minuten. Eingehender Videocall der Schülerzeitungs-AG. Der Kleinste muss gebadet werden. Ich lasse Wasser ein. Die beiden anderen streiten lautstark im Kinderzimmer, einer findet das Hörspiel zu gruselig. Wenn es dir zu unheimlich ist, komm ins Baaaaaad! Das Ende der Sowjetunion? Guck im Geschichtsbuch nach!

Moritz, du fragst, was ich nicht unter Kontrolle habe. Ich habe gar nichts unter Kontrolle. Lass uns einfach über die Feiertage Pause machen, ja? Frohe Ostern!

Spiel, das funktioniert: Wettrennen auf der völlig leeren Straße.

Gute-Mutter-Moment: Obwohl weit nach Schlafenszeit, lese ich vier weitere Kapitel des nervigen Ritter Trenk vor.

Die nächste Folge von Moritz Honert lesen Sie kommenden Dienstag ab 9 Uhr.




Tag 22 - Prenzlauer Berg - Just beat it!

Hymne der Hoffnung: Wir sind ein Team – Wir kriegen das hin Foto: Moritz Honert Vergrößern
Hymne der Hoffnung: Wir sind ein Team – Wir kriegen das hin © Moritz Honert

Ob ich es manchmal auch schon alles satt habe? In erster Linie bin ich dauernd satt, Esther. Mir erzählen ständig Leute, dass sie nach dem Ende Pandemie wohl zu den Weight Watchers müssten. Ich weiß nicht, wo bei mir die Corona-Kilos herkommen sollen. Ich fühle mich seit drei Wochen wie eine Flipperkugel, die im Fünf-Minutentakt zwischen Schreibtisch, Kinderzimmer, Handy und Herd hin- und herballert. Ich stehe derart unter Strom, dass ich gar keinen Appetit entwickeln kann.

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Früher war mir das Frühstück heilig. Seit dem Start der Homeoffice-Saison fällt es regelmäßig aus. Stress-Esser bin ich offensichtlich nicht. Im Gegenteil. Wenn ich unterzuckert bin, werde ich nervös, was dazu führt, dass ich noch weniger Hunger verspüre. Ein Teufelskreis? Der Jackpot? Keine Ahnung, wie ich mich damit fühlen soll.

Wir sind ein Team - wir kriegen das hin

Vielleicht frage ich mal die Kinder. Die bilden sich nämlich seit ein paar Tagen dank Dauerrotation der CD „Eule findet den Beat – mit Gefühl“ zu Hobbypsychotherapeuten aus. In dem dritten Produktion der Hörspiel-Reihe besucht Eule ihre Freunde im Wald, die dann in schmissigen Popsongs ihr jeweilige Gefühlslage verarbeiten. Die Eichhörnchen schmachten verliebt, der Igel grölt seine Wut raus, die Wölfin heult mit dem Cello ihre Traurigkeit in die Nacht. Die Kinder lieben es und heulen lautstark mit. Was unsere derzeitige Familien-Situation angeht, ziehe ich am meisten Hoffnung aus der Hymne der Ameisen: „Wir sind ein Team – Wir kriegen das hin“.

Hören mit Schmerzen. FM Einheit wäre stolz auf uns. Foto: Moritz Honert Vergrößern
Hören mit Schmerzen. FM Einheit wäre stolz auf uns. © Moritz Honert

Aktivität, die funktioniert: Damit die Kinder nicht nur Mitsingen, sondern auch Mitmusizieren können, haben mein vierjähriger Sohn und ich ein Mini-Schlagzeug aus Plastikbechern, Glas und Pappe zusammengeklebt. Als Drumsticks nimmt er Essstäbchen. Funktioniert leider sehr gut. FM Einheit wäre stolz auf uns, was mich schmerzhaft daran erinnert, dass auch das Konzert der Einstürzenden Neubauten am 19. April, auf das ich gerne gegangen wäre, ein Opfer der Pandemie geworden ist.

Nerviger-Papa-Moment: Ich kriege seit Tagen den REM-Song „It's the end of the world (as we know it)“ nicht aus dem Schädel und gehe meiner Familie mit meiner Summerei zunehmend auf den Senkel.

Was kannst du nicht kontrollieren, Esther?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.



Tag 21 - Mitte - „Sie sind zu hektisch!“

Abgesperrt. Foto: dpa Vergrößern
Abgesperrt. © dpa

Konnte ich mich trauen, diesen täglichen Weg in den Wald ohne Snacks anzutreten? Moritz, hättest Du das getan? Die Kinder hatten vor zehn Minuten bergeweise Schupfnudeln gegessen, danach Eis. Sie wirkten satt – für mindestens zwei Stunden. Eine große Flasche Wasser und das obligatorische Windelpaket, okay, das reicht.

Pfeifend machte sich unsere Durchseuchungseinheit mal wieder auf den Weg ins sonnige Gehölz. Auf Wiedersehen, Schneeanzug! Frühling! Der Zweijährige, generell nicht gut auf Änderungen zu sprechen, schaute verstimmt aus seinem Wagen.

Der Große hievte den Kleinen mit der Räuberleiter auf einen Baum. Endlich kein Geschwisterstreit mehr, der uns ansonsten täglich an die Grenzen bringt, stattdessen Mannschaftsgeist. Ist ein Abenteuer in Sicht, halten sie zusammen.

Das ging eine halbe Stunde gut. Dann schallte es vom Ast: „Mama, ich hab‘ Hunger!“ – „Was hast du dabei?“

„Nix“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Später zuhause dann wieder.“ Ich durchwühlte den Rucksack und fand ein trockenes Viertel Eierwaffel. So schnell waren die Jungs noch nie vom Baum gekommen. „Köstlich“, rief der Fünfjährige.

Leichte Unterzuckerung auch bei der Mutter

Was um alles in der Welt hatte ich mir nur dabei gedacht, ohne belegte Stullen an die Luft zu gehen? Und inzwischen verspürte auch ich leichte Unterzuckerung, hatte ich doch von den Schupfnudeln kaum welche abbekommen. Inzwischen geht es bei uns so gut wie nur noch ums Essen. „Wir halten auf dem Rückweg am Supermarkt“, versprach ich.

Fünf Minuten alleine im Auto – das musst gehen. Ich erinnerte die Kinder nochmal an die Regeln „Nicht abschnallen“ und „Ruhe bewahren“, raste in das Geschäft, nahm vier Wraps aus dem Kühlregal und scannte sie an einer Kasse für Leute mit Kleineinkauf selbst ein. Der vierte hakte irgendwie, wahrscheinlich war der Strichcode zerknickt. Gerade probierte ich es nochmal, da rief ein Mann in Supermarkt-Uniform: „Sie da! Bleiben Sie doch einfach gleich zu Hause!“

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Ich sagte sowas wie „Hä?“ und stellte mich mit den Wraps an der normalen Kasse an. Bestimmt hatten sich die Kinder schon abgeschnallt und spielten Cockpit. Der Supermarkt-Mann beobachtete mich weiter, und er sah nicht freundlich aus.

Nachdem ich bezahlt hatte, ging ich nochmal zu ihm. „Fand ich nicht in Ordnung, diesen Satz, dass ich zu Hause bleiben soll. Sie hätten mir ja auch mal helfen können.“ – „Sie sind zu hektisch, viel zu hektisch!“ Der Mann wurde laut. Ich jetzt auch: „Der Strichcode war fehlerhaft!“ Ein Security-Mann, auf dessen Sweatshirt SECURITY stand, näherte sich mir und sprang gleich zurück als ich „Mindestabstand!“ rief. Der Supermarkt-Mann zischte: „Los, schreiben Sie das ins Internet oder gehen Sie zum Fernsehen!“

Im Auto hatten sich alle abgeschnallt und spielten Zentrale eines Geheimagentenbüros. Ihren Hunger hatten sie vergessen. Pünktlich zur Abendschicht erreichten wir das Homeoffice.

Spiel, das funktioniert hat: "Sendung mit der Maus"-App

Fiese-Mutter-Moment: Alle 1000 Momente, in denen ich aufs Handy starre.

Moritz, hast Du das alles auch manchmal so satt?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen ab 9 Uhr.



Tag 20 - Prenzlauer Berg - Zusammenstoß am Kühlregal

Wenn Hefe das neue Gold ist und Blumenerde das neue Klopapier, was ist dann Mehl? Foto: Moritz Honert Vergrößern
Wenn Hefe das neue Gold ist und Blumenerde das neue Klopapier, was ist dann Mehl? © Moritz Honert

Liebe Esther, wann ich mich das letzte Mal so richtig bekloppt gefühlt habe? Im Supermarkt. Inzwischen haben wir das ganz gut raus, dass ich nur so alle fünf, sechs Tage hin muss und dann so viel besorge, wie ich in drei Einkaufstüten noch irgendwie mit dem Fahrrad nach Hause kriege. Jetzt war es mal wieder soweit.

  Als ich beim Markt in der Kulturbrauerei ankomme, steht da eine 50 Meter lange Schlange auf dem Hof. Einlass nur noch nach Aufforderung. Manche sind amüsiert, manche genervt, Menschen mit Ost-Sozialisation fühlen sich an ihre Jugend erinnert: „Ist wie früher, seht ihr mal, wie das ist.“ Wer weiß: Vielleicht schafft ja die Coronakrise für die Deutsche Einheit, was 30 Jahre Solidaritätszuschlag nicht zu erreichen vermochten. Während wir warten, werden Wetten drauf abgeschlossen, was es heute wohl nicht gibt. Quizfrage: Wenn Hefe das neue Gold ist und Blumenerde das neue Klopapier. Was ist dann Mehl? Das neue Koks?

 Gilt an der Kühlung die StVO?

Als ich dann endlich drin bin, geht das Affentheater weiter. Kein Gang ist breit genug, um den gewünschten Abstand einzuhalten. Der Weg durch die Regalreihen fühlt sich an wie eine Life-Action-Version von „Das verrückte Labyrinth“.

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Unklarheit besteht auch weiterhin bei Zusammenstößen am Brötchenregal und beim Greifen nach dem Frischkäse in der Kühlung. Regelt man die mit Höflichkeit („Nein, Sie bitte. Nein, Sie“) oder mit der StVO (Rechts vor Links)? Ich gewinne übrigens die Wette: Es gibt kein Mehl.  An der Kasse dann das nächste Dilemma. Versuchen sie mal, durch einen Mundschutz und Plexiglasscheibe mit dem Kassierer zu kommunizieren. „Mötkarte.“ „Mötkarte!“ „MÖT KARTE!“

 Und noch eine Quizfrage: Wo und wie packt man nun eigentlich am sinnvollsten einen Einkaufswagen an? Eine Freundin hatte von Leuten gehört, die Klorollen aufzuschneiden und als Griffe zu verwenden. Das war mir dann aber doch etwas zu affig. 

Die Vampire können kommen. Foto: Moritz Honert Vergrößern
Die Vampire können kommen. © Moritz Honert

Spiele, die funktionieren: Schnitzen! Wir haben den Kindern Stock und ein Taschenmesser gegeben und zwei Stunden nichts von ihnen gehört. Ja, Finger sind noch dran.

Heldenhafter-Papa-Moment: Hallo? Ich habe meine vier und sieben Jahre alten Kinder unbeaufsichtigt mit scharfen Messer spielen lassen!

 Was hast du dich zuletzt getraut, Esther?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.


Tag 17 - Mitte - Willkommen im rechtsfreien Raum

Leider kein Fall von Taschendiebstahl: Cops in New York. Foto: REUTERS Vergrößern
Leider kein Fall von Taschendiebstahl: Cops in New York. © REUTERS

Lieber Moritz, natürlich bin ich bei uns der Bad Cop. Die Badewannenstöpselzieherin, die Insbettsteckerin, die Sockenanzieherin und die Aufdieuhrguckerin - normalerweise. Doch während dieser Pandemie hat sich die Gesetzeslage geändert. Das Haus verlassen darf zwar nur noch, wer einen triftigen Grund hat, dafür herrscht innerhalb der Wohnung inzwischen eine Art rechtsfreier Raum, darin sind wir Eltern uns einig. Gestern gab es Hühnersuppe aus der Dose und zum Nachtisch Eis aus dem Tiefkühlfach. Beim Essen durfte der Zweijährige einen Schrank ausräumen und reinkrabbeln.

„Wollt ihr nicht endlich mal wieder das Tablet?“, hörte ich mich rufen. Doch einmal vor die Wahl gestellt, entschied sich der Fünfjährige für ein Bügelperlenbild und der Achtjährige spitze die Buntstifte. Danach doch ein bisschen YouTube: „Verstehen Sie Spaß?“ Was gerade hilft, ist erlaubt. (Außer Kloppen.) Von mir aus auch Wände bemalen. Die Baumärkte sind immer noch offen.

Wie ein Regentag im Urlaub

Wenn ich von den Kindern wissen will, was das Beste war, das sie jemals gemacht haben, nennen sie kein Spaßbad und keinen Urlaub. Sie sagen: „Als wir einmal das Zelt im Wohnzimmer aufbauen durften.“ Das ging ganz einfach und war gratis. Matratze rein, Decke drüber, viele Kissen, kleine Lampe. Es sind doch immer die Ausnahmen, die man nicht vergisst. Bei mir ist es ein Regentag im Urlaub, an dem ich den ganzen Tag im Hotelzimmer bleiben und Enid-Blyton-Bücher lesen durfte. Hoffentlich behalten die Kinder diese „Ferien“ so ähnlich in Erinnerung.

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Während ich diese Zeilen schreibe, steckt ein Kind den Kopf durch die Tür: „Mama, möchtest du ein Brot mit Frischkäse und Kirschmarmelade?“ Ich beiße glücklich rein – in eine dicke Schicht Zahnpasta. Danke, „Verstehen Sie Spaß?“. Wenn es der Stimmung dient und ich meiner Erwerbsarbeit nachgehen kann, esse ich auch Elmex.

Sätze, die der Zweijährige plötzlich spricht: "Ich bin gleich fertig", "Warte, warte", "Nur ganz kurz".

Spiel, das funktioniert hat: Sackhüpfen in Mehrwegtüten von Edeka

Fiese-Mutter-Moment: Ich brülle von Schreibtisch Kommandos durch die Wohnung.

Moritz, wie machst Du Dich gerade auch zum Affen?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es am Montag um 9 Uhr.



Tag 16 – Prenzlauer Berg - Der Tag der Abrechnung

3+ 15 + 18 +15 + 14 +1 = Kreisch! Foto: Moritz Honert Vergrößern
3+ 15 + 18 +15 + 14 +1 = Kreisch! © Moritz Honert


Du findest nichts mehr lustig, schreibst du? Das war ja wohl ein Aprilscherz, oder? Nicht mal die alternativen Matheaufgaben, die gerade die Runde machen? Die hier zum Beispiel: Übersetz mal jeden Buchstaben von Corona in die Ziffer, die seiner Position im Alphabet entspricht. Also C = 3, O = 15, R = 18 … Macht zusammengerechnet? 66. Jetzt die sechs Buchstaben von Corona dazu und du hast … 666. Kreisch! Die Nummer des Antichristen!

Kommt erst das Geld? Oder das Ende?

Wenn man 666 nun wiederum mit 13 und das Ergebnis nochmal mit 18 multipliziert (also den Zahlen der Textstelle in der Offenbarung des Johannes, in der von der Zahl des Tieres gesprochen wird), kommt erschreckend exakt die Wartenummer raus, die die Investitionsbank Berlin jedem mir bekannten Selbständigen für einen Antrag auf Corona-Hilfe zugeteilt hat. Bleibt die Frage: Kommt erst das Geld? Oder das Ende der Welt?

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Aber du hattest ja nicht nach kabbalistischem Blödsinn gefragt, sondern dem Keller. Da war ich in den letzten Tagen tatsächlich öfter. Erst habe ich aus einer Kiste mit Reisesouvenirs einen alten vietnamesischen Mundschutz rausgekramt. Dann habe ich den Keyboardständer geholt, um den Kindern das E-Piano aufzubauen, das hier seit ein paar Jahren hinter der Tür verstaubt. Und in den vergangenen Tagen war ich dann tatsächlich täglich unten. Zum Bogenschießen.

Zing, Pumpf. Zing, Pumpf. Zing, Pumpf … Foto: Moritz Honert Vergrößern
Zing, Pumpf. Zing, Pumpf. Zing, Pumpf … © Moritz Honert

Ist ein bisschen niedrig, aber wenn ich breitbeiniger stehe, geht das schon. Außerdem, was bleibt mir übrig? Freunde mit Garten kann ich ja gerade nicht besuchen, und im Park patrouilliert momentan definitiv zu viel Polizei. Die Zielscheibe habe ich mir aus einem mit Altpapier vollgestopften Karton gebastelt.

Nach 20 Minuten ist der Kopf leer

Zing, Pumpf. Zing, Pumpf. Zing, Pumpf … Meditation ist nichts dagegen. Wenn ich das 20 Minuten gemacht habe, ist der Kopf leer und ich bin bereit für die nächste Runde im Irrenhaus. Außerdem stärkt es den Rücken. Mein alter Holzstuhl, den mir meine Oma vermacht hat, und auf dem ich gerade in meinem Homeoffice sitze, ist zwar wunderschön, aber von Ergonomie hatten die Schreiner vor 100 Jahren anscheinend keinen blassen Schimmer. 

Spiel, das funktioniert: Indoor-Camping. Wer kein Zelt hat oder Angst, mit den Stangen die Dielen zu verkratzen, kann einfach eine Matratze unter den Schreibtisch schieben. Profis bekleben die Tischplatte dann von unten mit Leuchtsternen.

Guter-Papa-Moment: Ich lasse die Kinder dann auch tatsächlich dort schlafen.

Liebe Esther, wer ist eigentlich bei euch, wenn es um Erziehung geht, der gute und wer der böse Bulle?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.


Tag 15 - Berlin-Mitte - „Juuuschuknaitgong!“

Privater Waldkindergarten: Windeln, Thermoskanne, Waffeln, Leuchtfeuerpistole. Alles dabei. Foto: Esther Kogelboom Vergrößern
Privater Waldkindergarten: Windeln, Thermoskanne, Waffeln, Leuchtfeuerpistole. Alles dabei. © Esther Kogelboom

Gestern waren wir wieder am See, irgendwo bei Schwante. Eine Stunde wandern, dabei sind uns zwei Menschen und einige Puten begegnet. Ein bisschen ist es so, als würde ich einen privaten Waldkindergarten betreiben: Im Rucksack steckten mehrere Pakete Frischeiwaffeln, belegte Stullen, eine Thermoskanne Kräutertee, Windeln, Feuchttücher, Wechselwäsche, Ersatzschnuller, das Reise-Schach, Trillerpfeife, eine Leuchtfeuerpistole und was man sonst noch so braucht in der Einsamkeit Brandenburgs, wenn man mit drei Jungs unterwegs ist.

Rote Wangen, zerrissene Hosen

Der Kleinste schlief im Kinderwagen, die Großen sprangen bei vier Grad über eine Wiese, bewarfen sich mit Stöckchen, kriegten rote Wagen und Hunger. Sie zerrieben ihre Hosen an Rinden, tränkten ihre Schuhe mit Schlamm, rutschten aus, brüllten rum, kloppten sich und rannten dann doch zusammen weg, obwohl sie in Sichtweite bleiben sollten.

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Auf dem Rückweg erfuhren wir auf Radio Eins vom Weltschlagzeugertag, der am kommenden Samstag gefeiert wird. Die Moderatorin spielte ACDC. Seitdem hat der Zweijährige einen neuen Lieblingshit: „Juuuschuknaitgong!“ Und der Fünfjährige wollte wissen, was das eigentlich bedeutet. „Du hast mich die ganze Nacht durchgeschüttelt“, wagte ich eine zweifelhafte Übersetzung. Eines Tages werden sie mir auf die Schliche kommen.

Wir sind jetzt Halbtagslandeier

So viel frische Luft wie in den vergangenen zwei Wochen haben wir selten geatmet. Wir sind zu Halbtagslandeiern geworden. Demütig, lieber Moritz, bin ich gerade sozusagen permanent. Denn wir sind gesund, haben Arbeit, Musik und eine Menge Hausaufgaben. Leichte Hausaufgaben.

Ein Freund schrieb mir gestern, dass er mit den Matheaufgaben seines Teenagers nicht klarkommt und schickte dazu dieses Video:

Es könnte immer schlimmer sein.

Eine Sache verstört mich jedoch zunehmend: Ich finde in letzter Zeit kaum noch was richtig lustig und musste mir schon anhören, dass ich zum Lachen eine Etage tiefer gehe. April, April.

Spiel, das funktioniert: "Fang mich doch, du Eierloch"

Fiese-Mutter-Moment: Ich werfe die restlichen Schoko-Bons aus dem Fenster, um mich bei den Nachbarskindern einzuschleimen.

Moritz, wozu gehst Du in den Keller?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen um 9 Uhr.



Tag 14 - Prenzlauer Berg - Die Coronaparty fällt aus

Coronago! Die Pandemie macht alle zu Ninjas. Foto: privat Vergrößern
Coronago! Die Pandemie macht alle zu Ninjas. © privat

Hilfe! Uns gehen die Rollen aus! Mittelfristig steuern wir da auf ein konkretes Problem zu. Nein, nicht Klopapier. Tesafilm! Der Vierjährige hat ein neues Lieblingsspiel und klebt mit Hingabe Pappe, Plastik und Papier zu multidimensionalen Müllskulpturen zusammen. Schön, dass er so kreativ ist. Weniger schön: Er zwingt auch mich zur Kreativität. Wenn es darum geht, einen Großteil des Krempels zu entsorgen, ohne dass er es merkt. Aber Raum ist nun mal endlich. Erst recht im Homeoffice.

Ansonsten haben wir uns natürlich an Atemschutzmasken aus Küchenrolle, Malerkrepp und Gummibändern versucht. Ob es was bringt? Drosten ist dafür, dir WHO dagegen. Ich kann nur sagen: Die Kinder freut es. Die erinnert das an Ninjago! An der Stabilität der Dinger müssen wir aber noch feilen. Soviel zu deiner Bastelfrage von gestern.

Die Geburtstagsfeier musste ausfallen

Noch mehr als mit Basteleien haben wir uns in letzter Zeit mit Puzzlen beschäftig. Meine Tochter ist sieben geworden und bekam zum Geburtstag ein paar neue geschenkt. Sie hat sich darüber gefreut, auch wenn sie doch sehr enttäuscht war, dass ihre Party ausfallen musste. „Hätte Corona nicht wenigstens bis zu meinem Geburtstag warten können?“ Gute Frage. Ich frage mich, ob ich mir Sorgen machen muss, weil ich beim Singen von „Happy Birthday“ automatisch anfange, die Hände zu reiben. Bleibt diese synaptische Verbindung jetzt für den Rest des Lebens bestehen? 

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Allerdings muss man ja dann doch bei all dem Alltagsgejammer sagen: Andere Menschen haben wirkliche Probleme. Kurz nach dem Aufwachen erreichte mich eine Whatsapp einer Freundin. Die hängt mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in Indien fest. Eigentlich wollten sie dort mehrere Monate Sabbatical und einen Reise-Podcast machen. Soul Tripping heißt der. Mehr als fünf Folgen werden es wohl nicht werden. Während ich das hier schreibe, warten sie darauf, bald ausgeflogen zu werden. Ihre größte Freude:  Nach einer Woche Shutdown, in der sie sich primär von Reis und Dhal ernährten, weil auch die Supermärkte dicht gemacht wurden, auf dem Markt drei Zwiebeln, ein Kilo Kartoffeln und ein paar Clementinen ergattert zu haben ...   

"Just a scratch on the surface / Of time that will wash away / We delude ourselves with the notion / That we are here to stay" Foto: washyourlyrics.com Vergrößern
"Just a scratch on the surface / Of time that will wash away / We delude ourselves with the notion / That we are here to stay" © washyourlyrics.com

Spiele, die funktionieren: Auf washyourlyrics neue Handwaschsongs aus dem Repertoire von Napalm Death und Cannibal Corpse basteln.

Gemeiner-Papa-Moment: Ich schnauze die Kinder an, weil sie mit ihrem Essen spielen.

 Esther, was hat dich zuletzt demütig gestimmt?

 Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.


Tag 13 - Berlin-Mitte - Zeitumstellung, auch das noch!

Foto: Esther Kogelboom Vergrößern
© Esther Kogelboom

Die Zeit ist eine Schüssel voller Pfannkuchenteig, nachdem das Backpulver seinen Dienst angetreten hat. Zäh und cremig, an der der Oberfläche schon leicht blubbernd. Gute Tage sind freundlich hellgelb, andere beigefarben und voller Klümpchen … Moritz, bitte streiche diese Metapher! Du tilgst sonst auch jedes schiefe Sprachbild.

Ok. Du schläfst hoffentlich noch, denn es ist eigentlich erst kurz nach 5. Die Zeitumstellung, Feindin aller Eltern, hat wieder zugeschlagen. Erkennt jemand den Vorteil daran, dass die Kinder jetzt erstmal wieder später einschlafen und dafür früher Radau machen? Ehrlich, schlummernde Jungs zu betrachten, war schon immer ganz nett. Gerade ist es wunderschön. Der Tiefschlaf der anderen gibt mir die Energie, nach der Du fragtest. Er bedeutet: Ruhe.

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Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, am Wochenende mit den Kindern was zu basteln. Vielleicht sogar einen großen Regenbogen, den wir ins Fenster hängen, so wie diese Leute in Brooklyn? Ich wollte endlich mal einige der schicken Ausmalbögen runterladen, die Künstler und Designer gerade kostenlos ins Netz stellen, Ostereier gestalten und mit dem Kleinsten kneten. Doch dann hängen alle matt am Basteltisch, bis der Zweijährige sagt: „Mama, Büffero malen.“ Axel Scheffler, bitte übernehmen Sie! Endlich ist es nützlich, dass bei uns nur die braunen Buntstifte überleben.

Jetzt nur noch ein bisschen Sachkunde ...

Ansonsten: viele, viele Hausaufgaben in Sachkunde. Einen Stadtplan lesen und verstehen, Wege vom Neptunbrunnen bis zum Gendarmenmarkt finden und einzeichnen, Grünflächen und bebaute Flächen schraffieren. Mit Google Maps überfliegen wir lieber den Brenner und reisen zum Ferienhaus in Südtirol, das wir in den Sommerferien gebucht haben. Die Bilder stammen aus einer anderen Zeit.

Trappelnde Schritte im Flur, ich muss Pfannkuchen ausbacken.

Beschäftigung, die funktioniert: auf Bäume klettern.

Fiese-Mutter-Moment: eine Entschuldigung nicht sofort annehmen.

Moritz, woran bastelt Ihr so?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen um 9 Uhr.




Tag 10 - Prenzlauer Berg - Scheitern als Chance

Tauschanfragen bitte an sonntag@tagesspiegel.de, danke! Foto: Moritz Honert Vergrößern
Tauschanfragen bitte an sonntag@tagesspiegel.de, danke! © Moritz Honert

Was gegen schlecht Laune hilft? Kann ich dir genau sagen, Esther. Du musst mir nur verraten, von wem du das wissen willst. Je nachdem, ob du meine Frau und mich oder meine Kinder fragst, fällt die Antwort sehr unterschiedlich aus.

Bei den Kleinen hilft sehr gut, wie bekloppt von der Küche in den Flur durchs Wohnzimmer zurück in die Küche zu trampeln und dabei schrille Schreie auszustoßen.

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Leider ist das etwas, was meiner Frau und mir spätestens in der 18. Wiederholung extrem schlechte Laune macht, was dann auch der Grund ist, dass sich nun doch auch in unserem Homeoffice eine gewisse Grundgereiztheit breitgemacht hat.

Meine Frau ist seit vier Tagen krank

Richtig vorwerfen kann ich den Kindern ihren Bewegungsdrang nicht. Wir kommen in den letzten Tagen leider deutlich weniger vor die Tür. Meine Frau liegt seit vier Tagen mit Husten und Kurzatmigkeit darnieder, und bis ich nun quasi auf mich alleine gestellt mit der Arbeit, den Schulaufgaben, dem Neuinstallieren von Skype für den Gitarrenunterricht sowie dem Kochen durch bin, und wir raus können, ist es meist schon späterer Nachmittag. Heute Abend nach dem Vorlesen gehe ich ans offene Fenster und stoße aus Solidarität mit allen Alleinerziehenden da draußen schrille Schreie aus.

Irgendwie ist es ja auch ein Geschenk

Du merkst schon, ein Rezept für gute Laune kann ich dir nicht aufschreiben. Aber in den letzten Tagen beschlich mich immer mal wieder ein Gedanke, der mir zumindest ein wenig Trost schenkte. Irgendwie, dachte ich, sind die kommenden Wochen ja bei allem Chaos, Getrampel, Stress und Geplärre auch ein riesiges Geschenk.

Welche Eltern - seit der Abschaffung der Kinderarbeit und des Mehrgenerationenhofs – konnte so viel Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen? Meine nicht! Vielleicht schauen wir in ein paar Jahren auf diese Tage zurück, und uns wird nicht grausen, sondern ganz warm ums Herz. Hope dies last ...

Spiel, das nicht mehr funktioniert: Pokémon. Die Sechsjährige hat in der Schule ohne Sinn und Verstand ihre Karten getauscht. Jetzt finden wir zu zahlreichen Basis-Monsterchen keine Entwicklungen mehr – und gleichzeitig sitzen wir auf einem Haufen inkompatibler Energiekarten.
Fieser-Papa-Moment: Ich strecke das Knuspermüsli, als die Kinder nicht hinschauen, mit Haferflocken. Wenn die Brut gerade etwas nicht braucht, dann einen extra Zuckeranschub!
Woraus ziehst du gerade Energie, Esther?
Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es am Montag um 9 Uhr.
 


Tag 9 - Berlin - Mitte - Die Schere schleifen

Wartet, Kinder, die Bürste ist gleich aufgeladen. Foto: Esther Kogelboom Vergrößern
Wartet, Kinder, die Bürste ist gleich aufgeladen. © Esther Kogelboom

Triggerwarnung! Hier kommt ein Klagelied.


Die Laune ist langsam im Keller. Es schlaucht, dass immer ein Erwachsener alle drei Kinder hat, während der andere arbeitet. Betreust du drei Kinder gleichzeitig, wirst du keinem gerecht – jedenfalls nicht, wenn unser Zweijähriger dabei ist.

Wie soll ich mit dem Großen Hausaufgaben machen, wenn die Hauptbeschäftigung des Kleinen im Moment „runtersmeißen“ ist und der Mittlere die größten Seeed-Hits auswendig lernt? „Wir sind blau, wir sind spitz / Zu Hause sitzt die Frau mit Kids …“

Moritz, ich bin auch bald schwerhörig. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn wir eines Tages wieder in der Redaktion sitzen und uns anbrüllen.

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Du fragtest, wie wir es mit unseren Outfits halten. Noch kämpfen wir mehr oder weniger erfolgreich gegen die Verlotterung. Alle tragen Jeans und Pullis und putzen sich die Zähne. Und das Parfum, das ich kurz vor Toresschluss mit einem wiedergefundenen KaDeWe-Gutschein gekauft habe, benutze ich täglich. Schade nur, dass das Duftgedächtnis selbst Chanel zu Corona No 19 umprogrammieren wird.

Wie schnell Kinderhaare wachsen!

Unser Problem sind vielmehr die Frisuren. Ich fürchte, für die Kinder muss ich bald die Schere schleifen: Blonde und braune Büschel wuchern unkontrolliert über Ohren, schlängeln sich ungut in den Nacken. Nie war es wichtiger, die äußere Form zu wahren. Das Virus können wir im Gegensatz zu unserem Haarwuchs oder den Hausaufgaben nicht kontrollieren.

Diese Hausaufgabenberge! In sozialen Medien las ich einige Debatten darüber, ob die bewertet sollen oder nicht. Meine Meinung: natürlich nicht. Schön für die Familien, die es hinkriegen, ein Igel-Plakat zu gestalten und eine Buchpräsentation einzuüben. Wir schaffen es nicht, weil wir zwei Vollzeitjobs, drei Mahlzeiten plus Snacks, 165 Spülmaschinen und 63846 Waschmaschinen organisieren müssen.

Die schönste Anerkennung für diesen Zirkus kam vom Mittleren, als er sich etwas Essen aus dem Topf fischte: „Mama, ich hab‘ dich nicht so lieb wie kalte Nudeln.“

Spiel, das funktioniert: aktuell keins.

Fiese-Mutter-Moment: Ich trinke beim abendlichen Vorlesen Bier. 

Moritz, was hilft bei Euch gegen schlechte Laune?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen um 9 Uhr.




Tag 8 - Prenzlauer Berg - Brüll! Mich! An!

Die Kinder treffen Opa und Oma. Aber warum nur schreien sie dabei so? Foto: Moritz Honert Vergrößern
Die Kinder treffen Opa und Oma. Aber warum nur schreien sie dabei so? © Moritz Honert

Bei uns zu Hause sind neuerdings alle nur noch am Brüllen. Nein, nicht wegen dem Lagerkoller, der hält sich noch in Grenzen. Der Grund ist die Videotelefonie.

Warum alle Menschen doppelt so laut reden, wenn sie ihr fernmündliches Gegenüber nicht nur hören, sondern auch sehen, erschließt sich mir nicht wirklich. Aber anscheinend ist das jetzt die neue Realität, an die ich mich im Homeoffice gewöhnen muss, nun da auch wir unsere erste Ressortkonferenz auf Zoom hatten.

Die Kinder können gar nicht anders

Auch die Kinder schreien ins Tablett, wenn sie mit den Großeltern facetimen. Aber ehrlich gesagt brüllen die Kinder sowieso den ganzen Tag - egal, ob sie sich zoffen, oder fragen, ob sie heute noch in die Badewanne dürfen. Wenn das hier noch ein paar Wochen so weitergeht, bin ich taub.

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Ansonsten wird im Kontakt mit den Großeltern, nach dem du fragtest, die komplette Kommunikations-Klaviatur bespielt.  Mit den Eltern meiner Frau in Spanien, die seit Tagen de facto in ihrer Wohnung eingesperrt sind und nur zum Einkaufen raus dürfen, wird vor allem gefacetimet. Meine Mutter versendet gern Audionachrichten über WhatsApp. Die Uroma hingegen schickt dicke Briefe mit Anhängern, christlichen Motivkarten und diversen Zeitungsausschnitten, die sie interessant fand. Die Kinder bedanken sich dann artig mit selbstgemalten Bildern. Kein schlechter Tausch. Heute kam wieder ein dicker Karton mit Keksen an.

Man lebt vorrauschauender

Früher hätten wir die sofort verspachtelt. Doch in letzter Zeit stelle ich fest, dass ich mehr darüber nachdenke, wie man die Vorräte rationiert, damit man nicht so oft in den Supermarkt muss. („Wenn ich den Feta jetzt nicht in den Salat tue, könnte ich damit morgen zusammen mit den Kartoffeln und den Zucchini schon wieder ein Mittagessen machen ...“) Man lebt vorrausschauender. Heute morgen hatte ich auch schon den Langhaarrasierer, mit dem ich mir sonst den Bart stutze in der Hand, und überlegte, ob ich mir nicht auch gleich einen Buzzcut verpassen soll. So schnell sehe ich meine Friseurin nämlich nicht wieder, fürchte ich.

Langsam sickert die Erkenntnis ein: Das kann noch dauern hier. Hoffentlich machen meine Ohren das mit.

Was funktioniert: Vorlesen! Zum Beginn des Homeoffice haben wir den „Hobbit“ angefangen und sind schon durch den Düsterwald durch und angekommen am Einsamen Berg. Ich war skeptisch, ob das schon was ist für die Kinder (fast fünf und quasi sieben), aber die lieben es!

Schwacher Moment: Wir haben den Klosterfrau Melissengeist probiert. Fazit: Riecht leider wesentlich besser, als er schmeckt. „Uh, das ist ja, als würde man Parfüm trinken“, meinte meine Frau.

Benutzt ihr eigentlich noch Duftwässerchen und frisiert euch die Haare, Esther? Oder arbeitet ihr schon in Jogginghosen?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.


Tag 7 - Berlin-Mitte - Von Vampiren und Hamstern

Als Kind dachte ich, Rüdiger sei cool und nett. Passiv-aggressiv und gemein wäre treffender. Foto: promo Vergrößern
Als Kind dachte ich, Rüdiger sei cool und nett. Passiv-aggressiv und gemein wäre treffender. © promo

Ob das richtig ist? Wir schirmen die Kinder so gut es geht von den Nachrichten ab, und damit auch von Bildern der Kolonne italienischer Militärlaster mit Särgen drin. Doch natürlich spüren die Kinder das Unheil, deswegen beantworten wir, meistens beim Zubettgehen, die FAQs: Warum kann ich nicht zu Béla / Emil / Pauli / Lilli? Warum können Béla / Emil / Pauli / Lilli nicht zu uns? Und warum fahren wir nicht zu Oma und Opa? Werden Oma und Opa jetzt krank?

Der Fünfjährige tapst jetzt wieder jede Nacht ins Elternbett

Die Sorge um die Großeltern ist es wahrscheinlich, die den Fünfjährigen nun wieder Nacht für Nacht ins Elternbett tapsen lässt. Kann aber auch sein, dass ich es mit dem Vorlesen von „Der kleine Vampir zieht um“ etwas übertrieben habe – Kapitel um Kapitel wühlen wir uns durch die morbide Geschichte: Der stets bemühte Anton ermöglicht seinem Vampirfreund Rüdiger, seinen Sarg vorübergehend im Familienkeller aufzustellen. Und Rüdiger, von dem ich als Kind immer dachte, er sei cool und nett, reagiert total passiv-aggressiv und gemein.

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Vielleicht heitert das Kind ja ein kleines Nagetier auf, überlege ich. Das hat er sich schon lange gewünscht. Die Baumärkte sind geöffnet – und mit ihnen die Tierabteilung, an deren Scheiben er sich schon oft sehnsüchtig die Nase plattdrückte. Als ich das mit dem Drittklässler bespreche, wird er sauer: „Und was machen wir, wenn der Hamster stirbt? Wenn schon Haustier, dann unsterblich. Schildkröte oder so.“

Der Tod muss abgeschafft werden

Erst vor kurzem hat der Große bei einem Sonntagsausflug das gelbe Blechschild mit dem Zitat von Bazon Brock vorgelesen, das gegenüber von Barcomi’s an einer Hofwand hängt: „der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“.

Neuerdings bastelt er an einem Familienstammbaum. Das Projekt hat den Vorteil, dass es die Großeltern gleich mitbeschäftigt. So trudeln hier täglich neue Fotos unserer Ahnen ein – mich würde nicht wundern, wenn auch eine von Schlotterstein darunter wäre, so fahl, wie wir in letzter Zeit aussehen.

Spiel, das in der Wohnung funktioniert: „Nicht den Boden berühren“.

Fiese-Mutter-Moment: Als er zu einer Gruppe Leute rennen will, schnalle ich den kreischenden Zweijährigen im Buggy an - obwohl er im Park endlich frei laufen könnte.

Moritz, wie haltet Ihr Kontakt zu den Großeltern?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es am Montag um 9 Uhr.


Tag 6 – Prenzlauer Berg - Der Tod und das Toastbrot

Virus aus Toast. "Wenn du das isst, bist du tot!“ Foto: Moritz Honert Vergrößern
Virus aus Toast. "Wenn du das isst, bist du tot!“ © Moritz Honert

So, seit gestern hustet meine Frau. Ja, trocken. Keine Ahnung, was das bedeutet. Ansonsten hat sie nämlich keinerlei Symptome. Vielleicht hat sie sich ja auch nur verkühlt, als sie mit den Kindern im Skatepark bei uns um die Ecke war.

 Auf dem Platz hinter der Tankstelle haben wir die vergangenen Tage wechselseitig mehrere Stunden zugebracht. Irgendwann möchten man ja auch mal mehr als 20 Minuten am Stück arbeiten. Außerdem müssen die Kinder irgendwie die Energie loswerden, und wenn sie Skateboard fahren, packen sie weder verseuchte Klettergerüste an, noch kommen sie andern Leuten zu nah. Ganz automatisch. Sonst droht Crashgefahr. Während ich den Skatepark umrundete, um auf meine 10000 Schritte am Tag zu kommen, erinnere ich mich an ein sehr beliebtes Videospiele meiner Jugend: „Skate or die!“ hieß das ...

 Auch den Kindern hilft Galgenhumor

Anscheinend hilft nicht nur mir, sondern auch den Kindern Galgenhumor durch die Krise. Am Frühstückstisch biss die Sechsjährige heute kichernd ein Corona-Virus aus ihrem Nutella-Toast. „Ah!“, schrie der vierjährige Bruder. „Wenn du das isst, bist du tot!“ Großes Gewieher. Sollte ich mir Sorgen um meinen schlechten Einfluss machen?

Auf dem Platz hinter der Tankstelle haben wir die vergangenen Tage wechselseitig mehrere Stunden zugebracht. Foto: Moritz Honert Vergrößern
Auf dem Platz hinter der Tankstelle haben wir die vergangenen Tage wechselseitig mehrere Stunden zugebracht. © Moritz Honert

An dem des Fernsehens kann der schwarze Humor jedenfalls nicht liegen. Du hattest ja gefragt, Esther, wie wir das mit „Screentime“ handhaben. Bis jetzt ganz okay, denke ich. Für Smartphones und Computer sind die beiden noch zu klein. Für das Fernsehen haben sie auf unserem Tagesplan einen Fernsehgutschein für eine Stunde „Sendung mit der Maus“ oder „Checker Tobi“.

Television - The drug of the Nation

Ist der Gutschein aufgebraucht, ist vorbei. Das akzeptieren sie auch, allerdings drehen sie danach regelmäßig durch. Ich erinnere mich an einen Song aus meiner Jugend: „Television - The drug of the Nation“. Bis ich Kinder hatte, dachte ich immer The Disposable Heroes of Hiphoprisy meinten das im Sinne von „Opium fürs Volk“. Bei meinen Nachwuchs wirkt Fernsehen eher wie Speed.

Ordnungsversuche. Unser modularer Tagesplan. Foto: Moritz Honert Vergrößern
Ordnungsversuche. Unser modularer Tagesplan. © Moritz Honert

Um die Screentime der Kinder mache ich mir aber trotzdem gerade weniger Sorgen. Mehr um die der Erwachsenen. Man ertappt sich ja selbst ständig dabei, auf das Gerät zu schielen, ob irgendwo in der Welt wieder was Schlimmes passiert ist. Selbst beim Waldspaziergang am Wochenende sehe ich Menschen mit ihren Telefonen vor dem Gesicht herumrennen. Und nein, die gucken nicht auf´s GPS. Das erkenne ich auch aus 1,5 Metern Abstand. Ein Freund hat sich verordnet, nur noch morgens und abends Nachrichten zu lesen. Eigentlich eine gute Idee. Stress ist ja auch Gift für das Immunsystem. Ich weiß nur nicht, wie das als Journalist gehen soll ...

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Was funktioniert gerade? Zusammen mit den Kinder haben wir aus Stöcken und Schnur Pfeil und Bogen gebastelt. Jetzt üben sie fleißig Zielschießen im Flur. Wer weiß, wofür das nochmal gut ist …

 Böser-Papa-Moment: Kinder drehen nach dem Fernsehen durch. Der Gutschein für morgen ist weg.

 Ist der Tod angesichts der Nachrichten aus Italien bei euch ein Thema, Esther?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.


Tag 5 - Berlin-Mitte - Plötzlich Bürogemeinschaft

Beschäftigung, die heute funktioniert hat: die Kostümkiste öffnen und verkleiden. Foto: Esther Kogelboom Vergrößern
Beschäftigung, die heute funktioniert hat: die Kostümkiste öffnen und verkleiden. © Esther Kogelboom

Vor dem Mittagessen gehen wir kurz raus. Levy rüttelt am Törchen zum Spielplatz gegenüber. „Geht nis auf!“ Fragend schaut der Zweijährige seine großen Brüder an. Die vergraben ihre Hände in den Hosentaschen. Der geliebte Spielplatz ist abgesperrt. Sowas hat es noch nie gegeben. Schnell hat Martin, 5, die Lösung: „Wir klettern einfach rüber!“ Die Idee klingt machbar, der Zaun ist vielleicht 70 Zentimeter hoch – und wir wären ganz allein. Kann bitte die Kanzlerin kommen und an die Vernunft des Zweijährigen appellieren?

Zirkeltraining auf dem Gehweg

Ich schieße schnell die kaputten Bierflaschen zur Seite, dann machen wir eine Art Zirkeltraining auf dem Gehweg: die Treppen zu einer (ebenfalls geschlossenen) Sportalle hochrennen, oben drei Hampelmänner, wieder zurück. Zwei Männer, die Bürostühle vor sich herschieben, betrachten uns misstrauisch. Mal sehen, wie lange die Frischluftbetankung vorhält.

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Ja, Moritz, danke der Nachfrage, bei uns gibt’s viele Vorräte – trotzdem würden wir sehr gerne eure selbst gemachte Nutella probieren. Unser Speiseplan ist recht schlicht: Alle können sich auf klassisches Kinderessen einigen, sofern keine grünen Bestandteile drin sind. Lasset die Fischstäbchen-Spiele beginnen! Mag der Eierkuchenteig niemals enden und der Rübensirup ewig fließen! Drei Mahlzeiten am Tag für fünf Personen plus Snacks bereitzustellen, ist ungewohnt. Wir brauchen einen besseren Plan.

"Klick doch nicht so hektisch"

Und Homeoffice? Auf unserem „Schreibtisch“ steht jetzt auch ein riesiger 27-Zoll-Monitor. Plötzlich sind mein Mann und ich eine Bürogemeinschaft. Er beschwert sich über meine Kaffeetassen, ich kommentiere seine schiefe Sitzhaltung. Er fragt: „Warum schreibst du nicht schneller?“ Ich sage: „Klick doch nicht so hektisch.“ Allerdings mag ich seine Diensttelefonstimme, die ich bisher nicht kannte. Die Kinder spielen unterdessen mit dem Tablet, schon seit einer Stunde. Das ist nicht gut. Der Kleine hat irgendwann keine Lust mehr und leert eine Shampooflasche aus.

Beschäftigung, die heute funktioniert hat: die Kostümkiste öffnen und verkleiden.

Fiese-Mutter-Moment: Das versprochene Eis gibt’s erst morgen.

Moritz, wie hältst Du es mit Screentime?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es am Montag um 9 Uhr.


Tag 2 - Prenzlauer Berg - Ein Crashkurs in Relativitätstheorie

Mein Name ist Hase ... Foto: Moritz Honert Vergrößern
Mein Name ist Hase ... © Moritz Honert

Moritz, wie macht Ihr es?, fragte Esther Kogelboom gestern.

Wie wir das machen, fragst du? Mit Klosterfrau Melissengeist! Meine Frau hat eine Flasche gekauft, um die Handys zu desinfizieren, nachdem wir festgestellt hatten, dass das Spray aus der Drogerie vor drei Jahren abgelaufen war und auch nur 40 Prozent Alkohol hatte. Wohl zu wenig, um das Coronavirus zu killen. Momentan nutzen wir den (wie ich sagen muss, überraschend wohlriechenden) 79-prozentigen Kräuterschnaps tatsächlich nur zur äußeren Anwendung. Aber wenn das so weitergeht, mal sehen ...

Heute ist doch nicht gestern. Oder?

Heute Morgen hatten meine Frau und ich unseren ersten Einsatz in unserem neuen Zweitjob: Lehrer. Eigentlich sollte das schon gestern losgehen, aber wie du schon bemerkt hast, die Zeit reicht gerade vorne und hinten nicht. Auf dem Stundenplan stand Schreibschrift und Rechnen, aber dann wurde doch erstmal ein Crashkurs in Sachen angewandte Relativitätstheorie draus. Warum? Weil die Sechsjährige zu weinen anfing, da sie nicht verstand, warum sie am Mittwoch die Aufgaben von Dienstag erledigen sollte. „Heute ist doch nicht gestern …“ Ich bin nicht sicher, irgendwie schwimmen die Tage schon ineinander.

Lektion eins:  Das Bedürfnis der Kinder nach einem strukturierten Alltag sollte man nicht unterschätzen.

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Irgendwann waren die Tränen getrocknet, dafür dann aber kurz darauf die verteilen Aufgabenblätter nass. Der Vierjährige hatte seinen Apfelsaft drüber gekippt.

Lektion zwei: Hat schon Sinn, dass die Kinder in der Schule nicht im Unterricht essen und trinken dürften. Naja, Küchenrolle haben wir noch und der Strom für den Fön wurde auch noch nicht abgestellt.

Auch die gefühlte Bedrohung ist relativ

Nachmittags war ich kurz auf der Straße. Ich musste zu einer Kollegin ein paar Straßen weiter, weil wir per Skype ein Interview für eine der kommenden Ausgaben des „Sonntag“ zu führen hatten.

Lektion drei: Auch das Bedrohungsgefühl der Menschen ist relativ. Während die betrunkenen Zehntklässler vor dem Supermarkt aufeinanderlagen, und der Schnapsladen um die Ecke mit dem Spruch „Das Virus ist alkoholsensibel“ warb, hatte der Pizzadienst bereits aus einem Stuhl und Stangen eine kontaktlose Pizza-Übergabeschranke improvisiert. 

Ich dachte immer, ich kenne eine ganze Menge Papierflieger. Jetzt weiß ich: Ich wusste nix. Foto: Moritz Honert Vergrößern
Ich dachte immer, ich kenne eine ganze Menge Papierflieger. Jetzt weiß ich: Ich wusste nix. © Moritz Honert

Spiele die funktionieren? Papierflieger! Ich dachte immer, ich kenne eine ganze Menge. Jetzt weiß ich: Ich wusste nix. Danke Internet. Anleitungen gibt es zum Beispiel hier. Wenn man genug Flieger hat, kann man damit im Flur prima Flugzeug-Boule spielen. Einen Flieger werfen und dann gucken, wer am nächsten mit seinen Modellen dran kommt.

Super-Papa-Tat? Nutella selber gemacht! 200 Gramm Haselnüsse im Ofen rösten, abkühlen lassen, Schalen entfernen, ab in die Küchenmaschine damit und schreddern, bis ein öliges Mus draus wird. Dauert ein paar Minuten. Dann zwei Esslöffeln Kakao und einen Esslöffel Ahornsirup oder Honig dazu und bei laufender Maschine vorsichtig so viel Wasser zugeben, bis die gewünschte Cremigkeit erreicht ist.

Was habt ihr eigentlich so an Vorräten im Haus, Esther?
Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.


Tag 1 - Berlin-Mitte - Dürfen die das?

Seit wann hat der Junge eine eigene E-Mail-Adresse? Foto: Esther Kogelboom Vergrößern
Seit wann hat der Junge eine eigene E-Mail-Adresse? © Esther Kogelboom

Homeoffice? Geht nicht. Bin unabkömmlich. So redete ich noch vor wenigen Wochen – als Kitas und Schulen geöffnet waren. Jetzt sitze ich am Esstisch, vor mir der aufgeklappte Laptop, eingehender Anruf, das Handy knackt und pingt, der Kaffee wird kalt. Schon wieder eine Mail: „Sie haben eine Grußkarte von GMX erhalten“. Ich klicke drauf, die Animation startet. „Die Liebe einer Mutter ist genauso endlos wie ihre Telefonate. Dein Oskar“ Auf der anderen Seite des Esstischs kichert der Achtjährige in das Familientablet ...

Wie soll man Bildschirmzeit reglementieren, wenn man selbst permanent ins blaue Licht starrt? Und seit wann hat der überhaupt eine eigene Mailadresse? „Opa hat mir die eingerichtet“, sagt er. Die beiden Kleinen werden vom Papa betreut. Nur noch eine halbe Stunde, bis er zur Arbeit geht. Wir wollen versuchen, die Tage 50:50 aufzuteilen. Ich werde in meiner Hälfte nicht fertig.  

So systemrelevant ist Frühlingssonne

Gegen 16 Uhr verlassen wir das Haus. Ah, so systemrelevant fühlt sich Frühlingssonne an! Die Kinder wollen auf den Spielplatz gegenüber, der ist fast genauso voll wie sonst um diese Zeit. Männer in kurzen Hosen spielen Beachvolleyball, auch die Tischtennisplatten sind besetzt. In Mitte ist die Lage zu diesem Zeitpunkt ungeklärt: Dürfen die das, dürfen die das nicht?

Schwierig, den Kindern das Schaukeln jetzt zu verbieten Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
© Kitty Kleist-Heinrich

Schwierig, den Kindern das Schaukeln jetzt zu verbieten. Dieser ganz normale Nachmittag soll irgendwie gefährlich sein? Wir klettern ins Auto. „Mama, wohin fahren wir?“, fragt der fünfjährige Martin – „Kleine Rundfahrt“, fasele ich. „Wir spielen Sightseeing-Bus.“ Normalerweise benutzen wir die Karre selten, schon gar nicht für Stadtfahrten. Ich bin froh, sie zu haben, um wenigstens kurz den Himmel zu sehen. Am Strausberger Platz jubeln wir über die vielen Osterglocken, die Marzahner Gärten der Welt schauen wir von außen an, im Radio läuft Tocotronics Version von „Der letzte Kranich“. Der Zweijährige Levy ist betroffen. „Kranich is traubig, Kranich weint!“

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Struktur bringt Halt und Sicherheit

Die Kita verschickt eine Broschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. „Ein strukturierter Tagesablauf mit festen Schlaf- und Essenszeiten gibt Halt und Sicherheit“, steht da. Ich musste mindestens 35 werden, um das zu verstehen. Bis jetzt, denke ich beim Abendessen, scheinen die Kinder es zu genießen, so viel Zeit mit ihren Eltern zu verbringen. Fragen zur Pandemie werden kaum gestellt. Schule zu, Kita zu, okay, der Rewe hat geöffnet? Super, dann reißt der Strom an Union-Sammelkarten nicht ab.

Spiele, die heute funktionieren: Aus Sockenpaaren Bälle machen und im Flur „Schweinchen in der Mitte spielen“. Besonders gut für die Stimmung ist, wenn ich das Schweinchen bin und mich ungeschickt anstelle. Levy bekommt sein eigenes Sockenpaar und wird mehrfach umgerannt. Tränen. Es gibt kein Spiel, das alle drei Kinder gleichzeitig gut beschäftigt. Einer heult immer.

Fiese-Mutter-Moment: Ich habe das Set zum Züchten von Urzeitkrebsen ganz hinten im Kleiderschrank versteckt und die Batterien aus dem Lenkrad des Bobby Cars genommen.

Moritz, wie macht Ihr es?
Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen um 9 Uhr.

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