Bunte Abwechslung. Berliner Clubs sind Tempel der Coolness, aber ihre Eisschicht schmilzt hier und da. Foto: Eduardo Dorantes/Unsplash
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Clubmusik Berlins Szene erlebt einen Klimawandel

Techno in Berlin – das bedeutete lange: harte Beats und schwarzer Einheitslook. Jetzt wird zu Vintagesounds aus Afrika, der Karibik und Italien getanzt.

Die Luft im Club am Berliner Landwehrkanal fühlt sich an wie nach einem mehrstündigen Flug Richtung Süden. Draußen noch kroch der Frost durch die Kleidung, jetzt drückt die Hitze schwül aufs Gesicht. In einem Wäldchen aus Topfpalmen steht das DJ-Pult. Der Floor ist mit schwitzenden Leibern gefüllt, jemand hat tatsächlich die Heizung aufgedreht. Das ist die Szenerie von „African Acid Is The Future“, einer Partyreihe, die seit einigen Jahren regelmäßig vom gleichnamigen Kollektiv vor allem in der Neuköllner Loftus Hall veranstaltet wird. Es geht um „Techno und Afro und alles dazwischen“, was nur so lange gewöhnungsbedürftig anmutet, bis man es selbst einmal erlebt hat.

Die Bassline ist Techno, kennt man. Darüber aber liegt eine Art akustischer Filter, der Farben erzeugt, wo sonst Kontraste herrschen. Instrumentalparts, die man in Clubs normalerweise nicht hört, sind untergemischt, die träumerische Mbira etwa, ein südafrikanisches Lamellophon, das mit Daumen und Zeigefingern gespielt wird; oder auch Vokalsamples, die einen gefühlt in Subsahararegionen beamen. Stammesgesänge treffen auf Funk und Disco. Dazu muss man anders tanzen, kein Staccato in Armen und Beinen, sondern Beyoncé in einer Raffaello-Werbung. Lasziv, ausgelassen, auf keinen Fall minimalistischer Techno-Stampf.

Berliner Clubs sind Tempel der Coolness, aber ihre Eisschicht schmilzt hier und da. 130 oder mehr Beats pro Minute, schwarze Kleidung von Kopf bis Fuß, harte, kalte Bässe, Lines ziehen auf dem Klo, Gästeliste. Das ist immer noch das Aushängeschild der Szene, aber mehr und mehr Clubgänger entdecken nun die Abwechslung, die bunten und warmherzigen Spielarten von Clubmusik, gerade Afro-Disco bietet sich da an. Summer is coming.

Der Afro-Hype wird von weißen DJs vorangetrieben

Vielleicht liegt es an den übereinander gelagerten Polyrhythmen in vielen Afro-Tracks. So lautet zumindest eine Theorie des Berliners Hans Reuschel. Er ist eine Hälfte des Duos Africaine 808, das Musik aus Afrika mixt, dazu kommen Live-Instrumentalparts. Als DJ Nomad erweitert er sein Spektrum noch um Tropical, also die karibischen Spielarten von Disco und Funk. Die Rhythmen, erklärt er, basieren „auf Mustern, mit denen früher Voodoogeister beschworen wurden. Das kann einen bestimmten, entrückten Zustand auslösen“. Auch ohne Drogen, sagt er. „Techno und House sind doch für viele nur der Soundtrack zum nächsten High, das ist oft so platt und arrogant.“

Zuletzt wühlte er sich in einer Lagerhalle in Trinidad durch Berge von Schallplatten, die dort keiner mehr haben will. Ungeziefer hatte die Papphüllen angefressen, wegen der Schimmelsporen in der Luft trug Reuschel eine Atemmaske. Hans Reuschel ist ein Getriebener, hält im Gespräch spontan musikhistorische Vorträge, spannt Bögen über das alte Afrika, die Sklavenschiffe, die Südstaaten und zurück ins Afrika des 20. Jahrhunderts. Er wehrt Kritik ab, dass er sich als Weißer Musik aneigne, die ihm nicht zusteht. „Ich sehe mich als Infotainer.“ Klar ist aber auch, der Afro-Hype wird zumindest in Berlin vornehmlich von weißen DJs vorangetrieben. „Die, die hier leben und Wurzeln in Afrika haben, interessieren sich oft nicht für alte Sachen, das ist die Musik ihrer Großväter.“

Diese alten Sachen – Afro-Synth etwa, karibisch-kreolischer Zouk, westafrikanischer Boogie – sind für ihn „Soundlandschaften“, die er mit Jazz, Techno, Krautrock mischt. Besonders gut passt das in einen weiteren kleinen Berliner Underground-Club, das Sameheads nahe dem Rathaus Neukölln: Oben eine Bar, die aussieht wie der Klassenraum eines Kunst-Leistungskurses, alles ist bunt, glitzert, blinkt, Schaufensterpuppen und Girlanden, die Trash-Deko hat zusammen wohl nicht mehr als 100 Euro auf dem Flohmarkt gekostet. Unten die Tanzfläche, ein winziger Raum, auch hier herrschen verlässlich die klimatischen Bedingungen einer tropischen Nacht. Alles im Sameheads schreit Eklektizismus, es gibt keinen stillschweigend vereinbarten Dresscode, außer vielleicht: Humana, vorletzte Saison. Oder was einem halt aus dem Schrank entgegen fällt. Dagegen muten das Berghain und die anderen großen Techno- und House-Clubs wie Kasernen für Elite-Einheiten an. Das Sameheads bietet Partys für Bonvivants und Hippies im Herzen.

Italienische Vocals und Lamettavorhänge

Es ist auch das Wohnzimmer von Franz Scala. Der in Berlin lebende Italiener dürfte mitverantwortlich dafür sein, dass Italo-Disco wieder ein Ding geworden ist. War es in Deutschland in den 80er Jahren ja schon mal, lustigerweise „mehr als jemals in Italien“, erzählt der 37-Jährige. Vielleicht liegt das ja an der ewigen Sehnsucht der steifen Deutschen nach dekadenter Eleganz. Scala produziert neue Tracks, die alt klingen – als würde man in einem Alfa Romeo durch die Nacht fahren, auf der Autostrada bis zur Adria, einen Prosecco zu viel intus. „Italo-Disco braucht ein paar kitschige Vocals oder Melodien, sonst ist es keine Italo-Disco.“ Im „Beate & Uwe“ nahe des Alexanderplatzes, noch so ein kleiner Schuppen, darf es bei den „Automaticamore“-Partys schon sehr cheesy werden, erklärt der 37-Jährige. Italienische Vocals, Lamettavorhänge, das ganze Programm. Sonst ist das, was Scala auflegt – er nennt es „Italo Dance Wave“ – düster bis hypnotisch, molto funky. „Synthiemusik mit einer Italo-Bassline, Elemente aus verschiedenen Genres und Ären werden über ihre Gemeinsamkeiten verlinkt.“

Das interessiert auch die Macher der PanoramaBar, die zum Berghain gehört. Seit letztem Sommer verwandelte sie sich zweimal in die ItaloramaBar. Scala war beide Male dabei, außerdem Italo-Veteranen wie Daniele Baldelli. Der war Ende der 70er Jahre ein Star im legendären Baia degli Angeli, dem Studio 54 Italiens. Zum traditionell wichtigen, weil besonders intensivem Oster-Wochenende im Berghain wurde er wieder gebucht. Italo-Vintage-Sounds verströmen eine Dekadenz, die man in Berlins legendärstem Club sehr gut nachempfinden kann.

Nicht nur Reggae, Rap und R’n’B

Vor wenigen Monaten legte auch der Musikethnologe, Blogger und Labelgründer Brian Shimkovitz erstmals in der Panorama-Bar auf. Mit seinem Projekt „Awesome Tapes from Africa“ widmet sich der US-Amerikaner bis dato weitgehend unbekannten Aufnahmen von den 70ern bis zu den Nullerjahren. Vieles ist nur auf Kassette erschienen, weswegen Shimkovitz an Tape Decks steht, wenn er als DJ gebucht ist. Afro-Disco, Afro-Beat, AfroDance, Afro-Funk, für europäische Ohren klingt das fremd und vertraut zugleich. Shimkovitz digitalisiert seine Fundstücke, bringt manche auf Vinyl neu heraus. Es gibt einen wachsenden Sammlermarkt für diese Art von Musik, immer mehr Menschen entdecken, dass Afro nicht nur Reggae, Rap und R’n’B bedeutet. Die viel zu weiße Clubszene macht jetzt einen überfälligen Kurs in Weltoffenheit.

Ein Künstler, der gerade beispielhaft für diese Entwicklung steht, ist der Ghanaer Ata Kak. Die schnellen Highlife-Tracks, die er Mitte der 90er Jahre aufnahm, hatten selbst in seiner Heimat keinen Erfolg. Brian Shimkovitz fiel Ata Kaks selbstproduzierte Kassette „Obaa Sima“ während eines Forschungsaufenthaltes in Ghana in die Hände. Der titelgebende Song klingt, weil in der Wohnung des Künstlers und mit vorgefertigten Beats aus einem Synthesizer aufgenommen, bezaubernd roh, genau wie Ata Kaks zackige Rap-Parts auf Twi, einer in Ghana weit verbreiteten Sprache. Shimkovitz brauchte Jahre, um den Ex-Musiker ausfindig zu machen, heute tourt der 1960 geborene Ata Kak durch Europa, Shimkovitz veröffentlichte „Obaa Sima“ auf seinem Label. Als musikalischer Goldgräber und Archivar hat er eine wachsende Fangemeinde. Wer sich für Afro interessiert, stößt irgendwann automatisch auf seinen Blog oder erlebt ihn als DJ.

Auch den Leuten von „African Acid Is The Future“ geht es nicht nur ums Feiern und volle Dancefloors, sondern darum, Filterblasen und Hörgewohnheiten zu durchbrechen. Anfang des Jahres starteten sie eine Livekonzertreihe im Grünen Salon an der Volksbühne. Ihr erster Act: Der Senegalese Sourakata Koité. Er spielt Kora, ein Instrument, das aussieht wie eine Kreuzung aus Gitarre und Harfe.

Auf einmal ist das, was man lange recht allgemein als Weltmusik bezeichnete, etwas für Musiknerds und Clubgänger. Auf einmal ist Oldschool-Musik aus Afrika richtig heißer Scheiß.

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