Diätcamp. Die Strahlenschildkröten im Zoologischen Garten ernähren sich vegan. Foto: imago/Olaf Wagner
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Berliner Schnauzen Was man sich von den Strahlenschildkröten abschauen kann

Ihr Panzer strahlt Widerstandsfähigkeit aus, ihr verhutzeltes Antlitz Erfahrung. Aber sind sie wirklich so weise?

Wer gerade dabei ist, seine Neujahrsvorsätze über den Haufen zu werfen, sollte sich die Strahlenschildkröte zum Vorbild nehmen. Ja, wirklich – obwohl sie neben dem Faultier das Wappentier der Bequemlichkeit ist. Schaut man nämlich ins Terrarium der Schildkröten im Aquarium, sieht man neben den ruhenden Exemplaren auch einen Sportler: Er läuft beständige Runden um die Bäume und um seine Artgenossen. Die wiederum kauen Gras und Kräuter. Ein wahres Diätcamp.

Schon Schriftsteller Terry Pratchett wusste, dass Schildkröten ausdauernd und alles andere als nicht faul sind. Seine „Scheibenwelt“, ein parodiertes Paralleluniversum, ruht auf dem Rücken vierer Elefanten, die wiederum auf der Schildkröte Groß-A’Tuin stehen, ein Motiv aus der indischen Mythologie. Der Gott Vishnu hob in seiner Inkarnation als Schildkröte gleich mal einen ganzen Berg aus dem Ozean. Groß-A’Tuin wiederum schwimmt gemächlich, aber stetig durchs Weltall. Ihrer beständigen Gelassenheit wegen gilt die Schildkröte auch den Ureinwohnern Nordamerikas als stärkebringendes Seelentier.

Weise sollen sie ebenfalls sein, die Schildkröten, was wohl an ihrer Lebensspanne liegt. Über 100 Jahre werden die Tiere alt, und ihr verhutzeltes Antlitz strahlt selbst bei jungen Exemplaren Erfahrung aus, ihr Panzer Widerstandsfähigkeit. Die älteste Strahlenschildkröte, die es nachweislich gab, starb nach 188 Jahren. Sie wurde von Captain James Cook an die Königsfamilie der Tonga verschenkt, sah das britische Empire untergehen und überlebte auf Ozeanien zwei Weltkriege.

Für Schildkrötenverhältnisse sind sie ein Usain Bolt

Nur: Ganz so weise sind sie dann doch nicht. Denn ließe man sie gewähren, würden sie sich bis zum Platzen vollfressen. Tatsächlich sind Salat und Kräuter eine Zwangsdiät, am liebsten naschen die Kröten süße Früchte wie Mangos. Das Problem: Nicht verbrannter Zucker wird genauso wie bei Menschen in Fett umgewandelt und landet unter dem Panzer. Der aber wächst nicht mit dem Körperumfang. Wird die Schildkröte zu dick, drückt das Fett auf die Organe, die Kröte stirbt im schlimmsten Fall. Nur gut, dass in den Trockenmischwäldern Madagaskars, wo die Strahlenschildkröte zu Hause ist, meist nur Blätter herumliegen.

Mit einer Generationenspanne von 42 Jahren pflanzen sich die Schildkröten nur gemächlich fort. Wegen ihres hübschen Panzers, der sonnenartige, orangefarbene Strahlenmuster auf dunklem Grund aufweist, sind sie leider ein beliebtes Beutetier für Wilderer und lagen wahrscheinlich bei so manchem Seemann schon als Mitbringsel im Rucksack. Weil eine Strahlenschildkröte mit drei km/h ungefähr halb so schnell ist wie ein spazierengehender Mensch – und damit für Schildkrötenverhältnisse geradezu ein Usain Bolt –, ist sie leichte Beute, etwa auch für Liebhaber von Schildkrötensuppe. Abholzung und Überweidung gefährden außerdem ihren Lebensraum. Geht das so weiter, wird es die Art in 45 Jahren nur noch in Terrarien geben.

Die Berliner Schildkröten sind also die Hoffnung ihrer Art. Dafür drehen sie ihre Runden, lassen sich von ihren Tierpflegern kraulen und mümmeln unter der Wärmelampe am Salat. „Sleep, eat, run, repeat“ – das Motto vieler Ausdauerathleten könnte bei den Schildkröten abgeschaut sein.

Strahlenschildkröte im Zoo

Lebenserwartung:  bis zu 150 Jahre, gelegentlich auch mehr

Fütterungszeiten:  jeden Morgen

Interessanter Nachbar: Ringelschildechse

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