Legt seine Eier in die Nester anderer Vögel: Der Fratzenkuckuck gilt als der größte Brutparasit der Welt. Foto: imago/Ralph Peters
© imago/Ralph Peters

Berliner Schnauzen Warum der Fratzenkuckuck missverstanden wird

Böser Blick, entsetzlicher Schnabel: Der Fratzenkuckuck mutet an wie ein wütendes Ungetüm. In Wahrheit ist er ein umgänglicher Tollpatsch.

Stumm und fast reglos sitzt er auf seinem Ast. Verborgen im Fasanenhaus des Berliner Zoos lebt abseits von Besucherströmen der Fratzenkuckuck. Kein Schild am Käfig weist auf seine Existenz hin. Es wirkt, als wolle man die Welt vor dieser Kreatur schützen – dem größten Brutparasiten der Welt.

Eine furchteinflößende Gestalt. Durchscheinende Adern lassen die Augen des Männchens in einem knalligen Rot erscheinen. Sein blutunterlaufener Blick geht ins Nichts. Schmutzig graues Gefieder und ein enormer Säbelschnabel vollenden das martialische Erscheinungsbild. Die mit ihm eingesperrten Dolchstichtauben und Blauscheitelmotmots bleiben lieber auf Distanz. Verständlich: Wie alle Kuckucksarten legt der Fratzenkuckuck seine Eier vorzugsweise in die Nester anderer Vögel. Und während es die hierzulande bekannte Standardvariante gerade mal auf gut 100 Gramm Lebendgewicht bringt, wiegt dieses ursprünglich in Australien entdeckte Ungetüm das Siebenfache.

Viel Masse, um Angst und Schrecken unter den anwesenden Vögeln zu verbreiten. Oder sich zumindest schlecht zu benehmen: Einmal kackt das Berliner Exemplar einem anderen Käfigbewohner beinahe auf den Kopf. Für sein sinistres Schweigen dürfen Besucher indes fast dankbar sein. Anstatt des aus heimischen Wäldern bekannten Rufs bringt der Fratzenkuckuck – wenn er überhaupt mal ein Geräusch von sich gibt – nur schrilles Gekrächze hervor. Als Stundenansager für eine Kuckucksuhr wäre er gänzlich ungeeignet.

Die fiese Augenfarbe ist ein Schönheitsmerkmal

Bei diesem Auftreten wundert es nicht, dass der Vogel den Gattungsnamen Scythrops trägt. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und lässt sich mit „grimmiges Gesicht“ oder „wütendes Auge“ übersetzen. Einziger Vertreter der Gattung: der Fratzenkuckuck. Es kann halt einfach keiner so böse gucken wie er.

Aber wie das mit Äußerlichkeiten so ist – sie können täuschen. Die fiese Signalfarbe der Augen ist in Wahrheit ein Schönheitsmerkmal. Sie ziehe Weibchen an und verbessere die Fortpflanzungschancen, erklärt Pfleger Tobias Rahde. Und der garstig aussehende Schnabel dient in freier Wildbahn vor allem dazu, Feigenfrüchte von Bäumen zu rupfen (Im Zoo bekommt er Insektenlarven, Mäuse und gelegentlich Obst).

Der Fratzenkuckuck sei letztlich ein missverstandener Tollpatsch, „durch seine Größe ruppig im Flugverhalten, aber relativ umgänglich“, sagt Rahde. Nicht so wie die Flötenvögel in der Nachbarvoliere, die aus Neugier gerne mal andere Tiere drangsalierten. Ja, der Scythrops nutzt Nest und Care-Arbeit anderer Vögel aus. Aber, erzählt Rahde, wo seine europäischen Artverwandten teilweise noch die Eier der Gastgeber aus der Brutstätte schmeißen, verzichte der Fratzenkuckuck auf solche Übergriffe. Sein Nachwuchs wird so schnell groß und stark, dass er sich leicht zwischen den fremden Küken behaupten kann.

Nur an seinen Manieren beim Toilettengang muss der Vogel noch arbeiten. Kein Wunder bei der Kinderstube.

Fratzenkuckuck im Zoo
Lebenserwartung: Bis zu 30 Jahre
Fütterungszeiten: Frisst den ganzen Tag
Interessanter Nachbar: Straußwachtel

Zur Startseite