Einen sterbenskranken Menschen trösten - für Ricardo Lange gehört das zum Alltag. Foto: dpa
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Berliner Intensivpfleger über das Sterben „An eine frühe Begegnung mit dem Tod denke ich oft“

Sterbende Patienten gehören für ihn zum Alltag. Intensivpfleger Ricardo Lange über Morphium, zuckende Muskeln und geöffnete Fenster.

Ricardo Lange, 38, ist Intensivpfleger in Berlin. Hier berichtet er ab sofort jede Woche von Schichten an der Corona-Front, Provisorien und Hoffnungsschimmern.

Weltweit gibt es inzwischen mehr als 219 000 Corona-Tote, täglich lesen wir schlimmere Zahlen. Ich frage mich, was es mit uns als Gesellschaft macht, permanent mit diesen Daten konfrontiert zu sein.

Der Tod gehört inzwischen zu meinem Alltag, aber ehe ich vor zehn Jahren die Ausbildung zur Pflegekraft gemacht habe, war Sterben ein Tabuthema für mich. Ich war jung, mein Leben schien mir endlos. 

Ein Seminar sollte uns vorbereiten. Wir lernten die fünf Sterbephasen nach Kübler-Ross auswendig, sprachen über kulturelle Unterschiede und eigene Erfahrungen. Aber nichts konnte mich auf das einstimmen, was ich in meiner Arbeit als Intensivpfleger erlebe.

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An eine frühe Begegnung mit dem Tod denke ich noch immer häufiger. Ich arbeitete damals auf einer neurochirurgischen Intensivstation. An diesem Tag hatte ich Spätdienst und betreute einen kleinen Jungen. Er war in einen Pool gefallen und mehrere Minuten unter Wasser geblieben. Die Ärzte diagnostizierten Hirntod.

Das passiert nicht leichtfertig. Der Arzt prüft dazu unter anderem, ob der Hustenreflex noch funktioniert, wischt mit einem Wattestäbchen über die Augenhornhaut, bewegt den Kopf des Patienten nach links und rechts - folgen die Augen starr der Bewegung, ist das ein Anzeichen, dass die Hirnstammreflexe erloschen sind.

Wir stellen auch sicher, dass kein Narkosemittel mehr im Blut ist, das die Ergebnisse verfälschen könnte. Am Schluss testen wir die Unumkehrbarkeit: In einem kontrastmittelgesteuerten CCT sehen wir, ob das Gehirn noch durchblutet ist. Manchmal lassen die Augen des Verstorbenen jetzt noch Tränen, die Angehörigen halten es für ein Weinen. Aber es ist nur ein Reflex, so wie Muskeln nach dem Tod noch zucken können.

"Ich habe noch nie so geweint"

Nach langem Gespräch mit den Eltern werden die Maschinen abgestellt, also die künstliche Beatmung und die Medikamente, die den Blutdruck aufrechterhalten. Der kleine Junge verstarb, während die Eltern bei ihm im Bett lagen. Ich habe noch nie im Leben so geweint wie an diesem Tag.

Heute, viele Jahre später, habe ich gelernt, die Zeichen zu deuten, zumal ich oft eine längere Zeit mit dem Sterbenden verbringe. Ich sehe, dass er an Gewicht verliert, blass wird, seinem Foto auf dem Nachttisch kaum noch ähnelt, dass die Atempausen länger werden, die Atmung flacher wird und er oft mit offenen Augen daliegt.

Häufig habe ich beobachtet, dass Menschen erst loslassen können, wenn eine wichtige Person sich verabschiedet hat. Meist aber sind es die Angehörigen, die ihn nicht gehen lassen können.

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Über die Jahre bin ich deshalb Verfechter von Patientenverfügung und Organspendeausweis geworden  - man macht es seinen Liebsten damit so viel leichter. Und bei mir liegen oft Patienten, die verzweifelt auf ein Spenderorgan warten, denen die Zeit davonläuft. Ich sehe auch ihre Seite.

Elektrische Kerze und Taschentücher

In den meisten Kliniken können sich die Angehörigen des Sterbenden von einem Pfarrer seelsorgerisch begleiten lassen. Auch wir Pfleger leisten unseren Anteil. Wenn eine Familie mit dem Arzt zusammen entschieden hat, dass der Patient gehen darf, stellen wir eine elektrische Kerze auf, Taschentücher bereit, bewegen uns leise im Zimmer.

Wir geben Morphium, das den Sterbenden in einen Dämmerzustand versetzt, ihm Angst, Atemnot und Schmerzen nehmen soll. Wer keine Angehörigen hat, mit dem rede ich immer dann, wenn es die Zeit zulässt, und halte seine Hand.

Ist ein Mensch verstorben, behandle ich ihn so respektvoll, als würde er noch leben. Ich wasche ihn vorsichtig, kämme seine Haare, stelle das Bett flach, lege seine Arme seitlich zum Körper, schließe seine Augen und ziehe ein Laken über seinen Körper. Und ich öffne das Fenster, damit die Seele raus kann - so abergläubisch bin ich dann doch.

"Ich wünsche mir Supervision"

Wir Pfleger versichern uns untereinander durch Blicke, ob es dem anderen gut geht. In einer Klinik, in der ich früher gearbeitet habe, haben wir den Leichnam immer nur gemeinsam in die Pathologie gebracht. Ich fände es toll, wenn es Supervision auf der Station gäbe, sodass auch wir mit einem unabhängigen Menschen reden können.

[Die anderen Folgen der Kolumne "Außer Atem" mit Ricardo Lange lesen Sie hier und hier. ]

Ricardo Lange an einem freien Tag in seinem Garten. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Ricardo Lange an einem freien Tag in seinem Garten. © Doris Spiekermann-Klaas

Inzwischen habe ich gelernt, solche Schicksalsschläge nicht mit nach Hause zu nehmen. Es ist gut, wenn ich eine halbe Stunde Autofahrt habe, um das, was ich erlebt habe, zu verarbeiten.

Mir hilft es, zu wissen, dass ich alles versucht habe. Trotzdem höre ich mich manchmal mit dem gerade Verstorbenen sprechen: „Es tut mir leid, dass wir dir nicht helfen konnten“.

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