Viele Berliner:innen fordern eine Umbenennung des Nachtigalplatzes im Wedding. Gustav Nachtigal galt als Schlüsselfigur der deutschen Kolonialpropaganda. Foto: Anni Dietzke
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Aufarbeitung des Kolonialismus „Kinder wissen nicht mehr, was in Afrika oder der Welt passiert“

Völkermord in Namibia? Schon im Schulunterricht mangelt es häufig an Aufklärung. Vielen Deutschen ist die koloniale Vergangenheit unbekannt.

Es ist ein stürmischer Montagmorgen im Juni als Assion Lawson am Domplatz in Magdeburg ankommt. Sein Terminkalender ist eng getaktet. Eine halbe Stunde hat er Zeit, dann muss er schnell weiter. Ab neun Uhr steht ein Projekttag in einer Kita an. 

Assion Lawson wohnt seit zwanzig Jahren in Stendal, etwa 50 Kilometer von Magdeburg entfernt. Seit vier Jahren arbeitet er im Weltladen Magdeburg und bietet neben Projekttagen in Kitas und Schulen auch koloniale Stadtführungen an.

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„Kolonialismus kann man überall erkennen – die Gebäude, wie Leute auf der Straße sprechen, in Supermärkten und auch in unserem Konsum. Kolonialismus ist sehr sehr präsent“, sagt der gebürtige Togolese. Präsent wurde der Kolonialismus zuletzt vor allem durch die Anerkennung des Völkermordes an den Herero und Nama 

Koloniale Vergangenheit ist vielen Deutschen unbekannt

Außenminister Heiko Maas benannte am 28. Mai die Ereignisse der deutschen Kolonialzeit im heutigen Namibia und insbesondere die Gräueltaten von 1904 bis 1908 offiziell als Völkermord. Doch mit einem Schuldeingeständnis sei es nicht getan.

Im Juli eröffnete das neue Humboldt Forum. Die Kolonialismus-Debatte um gestohlene Raubkunst hält an. Foto: Anni Dietzke Vergrößern
Im Juli eröffnete das neue Humboldt Forum. Die Kolonialismus-Debatte um gestohlene Raubkunst hält an. © Anni Dietzke

„Die Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft haben die Beziehungen mit Namibia lange belastet“, einen Schlussstrich unter der Vergangenheit könne es nicht geben, so Maas. Eine Aufarbeitung der geschichtlichen Ereignisse muss dringend voranschreiten, es mangelt jedoch an Aufklärung und vor allem an Bildungsmaßnahmen. 

Vielen Deutschen ist die koloniale Vergangenheit nur teilweise oder gar nicht bekannt. Laut Assion Lawson findet derzeit aber ein Wandel statt: „Jetzt geht es los, dass viele Leute wissen, dass etwas Schlimmes passiert ist.“ Was passiert ist, sei keine leichte Sache für die Afrikaner, sagt Lawson weiter. Mit seinen kolonialen Stadtführungen könne er ein wenig zur Aufklärung beitragen.

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Schwarze Politiker fordern koloniale Aufklärungs- und Bildungsarbeit

Der Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion Karamba Diaby wurde 2013 als erster in Afrika geborener schwarzer Mensch in den Deutschen Bundestag gewählt. Er denkt, „dass im Bereich Bildung viel gemacht werden muss, insbesondere im Bereich Erinnerungskultur“. 

Man müsse es als Bildungsauftrag sehen, sich mit kolonialer  Vergangenheit zu beschäftigen, sagt Diaby. Aminata Touré, antirassismuspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in Schleswig-Holstein, plädierte im März ebenfalls für eine Aufarbeitung des Kolonialismus.

Auf dem Friedhof Columbiadamm in Neukölln befinden sich der Hererostein und eine Namibia-Gedenkplatte. Foto: Anni Dietzke Vergrößern
Auf dem Friedhof Columbiadamm in Neukölln befinden sich der Hererostein und eine Namibia-Gedenkplatte. © Anni Dietzke

Laut Touré sollten unter anderem Straßennamen umbenannt und Denkmäler kritisch in Frage gestellt sowie Lehre und Forschung gestärkt werden. Nur so könne die Geschichte des deutschen Kolonialismus präsenter gemacht und „die Bedeutung von Kolonialismus für unsere heutige Gesellschaft aufgezeigt werden“. 

Fehlende Kolonialgeschichte im Schulunterricht

Ein großes Hindernis in der Aufklärungsarbeit der kolonialen Ereignisse stellt auch der Schulunterricht dar. „Wir haben das ab Grundschule gelernt, aber es fehlt hier in Europa“, bestätigt Assion Lawson. „Kinder wissen nicht mehr, was in Afrika oder der Welt passiert. Sie wissen nur den Zweiten Weltkrieg, mehr nicht.“ 

Für eine angemessenere Darstellung der Kolonialzeit im Schulunterricht spricht sich auch Ruprecht Polenz aus. Der deutsche Politiker (CDU) führte in den vergangenen Jahren für die deutsche Bundesregierung die Verhandlungen mit der namibischen Regierung zur Anerkennung des Völkermordes. 

Er erhoffe sich eine Initiierung von Schulbuchprojekten, wie sie bereits auch mit der polnischen und französischen Geschichte umgesetzt wurde. „Die Nachbarschaftsgeschichte ist mittlerweile in den Schulbüchern anders dargestellt und vor allem auch in der Breite und Tiefe umfangreicher“, so Polenz. Das müsse mit der Kolonialgeschichte ebenfalls passieren. 

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