Adolf Winkelmann mit seinem Ragotto Foto: Winkelmann
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Auf nach Dortmund! Herz aus Stahl

Wer das Ruhrgebiet verstehen möchte, muss seine Filme schauen. Regisseur Adolf Winkelmann führt durch seine Heimat.

Adolf Winkelmann steht vor dem Dortmunder Hauptbahnhof und trägt ein U auf dem Kopf. Die Basecap mit dem Buchstaben stammt zwar aus Los Angeles, ein Geschenk seines Sohns. Aber das U ist sein Erkennungszeichen.

Und Dortmund, L.A., was soll’s, der Regisseur ist ein Mann von Welt, wie er mit seiner Kleidung – lässig elegant – demonstriert. Den ganzen Nachmittag wird der Filmemacher die Kappe aufbehalten, wie ein Tourguide durch Hollywood. Nur dass der 75-Jährige durch seine unglamouröse Heimatstadt führt. Ganz entspannt. Dass er ein paar Stunden auf den Zug der Journalistin warten musste, kann ihn nicht aus der Ruhe bringen. Obwohl er am nächsten Morgen in seine zweite Heimat Italien fährt. Er nimmt sich Zeit für die Tour, die auch eine Zeitreise ist: Von den Schauplätzen seiner Kultfilme „Die Abfahrer“ (1978) und „Jede Menge Kohle“ (1981) ist nicht mehr viel übrig geblieben. Kein Grund für Sentimentalität. „Ruhrgebietsfolklore, das ganze Gedöns,“ interessiert ihn nicht.

An Adolf Winkelmann führt in Dortmund kein Weg vorbei. Trotz allen Erfolgs und vieler Preise, die ihm mit 29 eine Professur in Dortmund einbrachten – so viele Menschen haben seine Filme im Kino nie gesehen wie seine Installation hier. In der Nähe des Hauptbahnhofs steht das „U“, einst Brauerei, ein Wahrzeichen wie der Kölner Dom, von weitem zu sehen, neun Meter hoch der Buchstabe, der auf dem mächtigen Backsteingebäude hockt. Und darunter – bewegt sich was. In diesem Moment huscht eine Frau (Filmfans erkennen die Schauspielerin Caroline Peters in ihr) durch die Fensterkolonnaden, sie schiebt einen Kinderwagen vor sich her, guckt rein, Entsetzen – kein Baby drin.

Reine Kunst - keine Werbung

Es ist die heutige Folge der „Fliegenden Bilder“. Dort, wo bei einem Hut die Krempe wäre, laufen unter der Spitze des Turms Winkelmanns Videoinstallationen im Loop, in der Regel jeden Tag eine andere, 150 gibt es insgesamt. Reine Kunst, „keine Werbung“, darauf habe er bestanden. Vor elf Jahren installiert, wurden sie gerade für mehrere Millionen renoviert.

Die Tauben im U - mit Coronaabstand Foto: Winkelmann Vergrößern
Die Tauben im U - mit Coronaabstand © Winkelmann

Mit größtem Vergnügen steuert der Filmemacher seine Kreationen jetzt vom Handy aus. Der Mann hat Spässkes. Wenn der BVB spielt, erscheinen schwarz-gelbe Tischkicker, mal ziehen Wolken vorbei, dann wieder fliegt Müll durch die Luft. Zu jeder vollen Stunde tauchen Tauben im Fenstersims auf. Im Moment mit Coronaabstand, von Flatterband markiert. So viel Witz muss sein.

Das U stand mal für Union Brauerei. Doch in dem Klotz aus den 1920er Jahren wird schon lange kein Bier mehr produziert. Der westfälische Ort war einst Europas Hauptstadt der Brauereien, die Nummer zwei der ganzen Welt. Heute erinnert nur noch ein Museum an die glorreiche Vergangenheit. Die alten Marken, die das Zechensterben überlebt haben, gehören fast alle Dr. Oetker.

Heute steht das U für Wandel. Das verkommene Brauereigebäude wachte als Kulturzentrum wieder auf, eine Art WG verschiedener Institutionen, Kunstmuseum, Medienverein, Hochschulen. „Buon giorno, Adolfo!“, ruft der Pförtner fröhlich rüber. Mit der Rolltreppe geht’s nach oben, vorbei an einer weiteren Videoinstallation des Künstlers, in der etwas zerrupft aussehende Musiker in Bergmannsuniform eine Mischung aus La Paloma und Steigerlied spielen, ein ironischer Abgesang.

Als erstes an die Bude

Auf der Dachterrasse lenkt Winkelmann den Blick über die Stadt, die im Krieg praktisch komplett zerstört wurde. Fast sein ganzes Leben hat er hier verbracht – abgesehen vom Intermezzo in Kassel, wo er Kunst studiert und seine ersten Experimentalfilme gedreht hat. Wenn er damals zu Besuch in seine Heimat kam, fuhr er als erstes zu einer Trinkhalle, kaufte irgendwas, einfach nur, um „den Klang der Sprache aufzusaugen“. Er muss bis heute niemandem erklären, wo er herkommt. Man hört’s. Eine Lieblingsbude hat er noch: Die „Bude 19.51“, die in diesem Jahr 70 wird. Allerdings – „da ich seit geraumer Zeit nicht mehr rauche, brauche ich sie nicht mehr so nötig“.

Der Regisseur hat das Ruhrgebiet auf die große Leinwand gebracht. Seine Tragikomödien erzählen von Arbeitslosigkeit, der Schließung von Hütten und Zechen. Mit den lakonischen Dialogen, der Anarchie der Figuren, der eigenwilligen Musik wirken sie noch immer frisch. Nicht zuletzt dank der Darsteller, von denen nur die wenigsten Profis waren. Fleischverkäuferinnen, Anwohner am Drehort, die eigene Mutter, der Regisseur bezog alle mit ein. Nach einem Tipp für ein Dortmunder Restaurant befragt, erzählt er vom Lokal, das seine Hauptdarstellerin Beate Brockstedt aus „Die Abfahrer“ inzwischen an einer Laubenkolonie betreibt. „Zur Quelle“ heißt die Brasserie, „da gehen alle hin“.

„Der erste Film aus Dortmund“, so bewarb die Münchener Produktionsfirma „Die Abfahrer“. Als der 1978 ins Kino kam, hat Werner Boschmann sich den Film gleich fünf Mal angeguckt. Für den früheren Lehrer und heutigen Verleger Winkelmanns war das ein Schlüsselerlebnis. Damals, erinnert er sich, versuchte man den Schülern das dat und wat auszutreiben. Das Ruhrgebiet war als dreckig verpönt, als Region im Untergang. Und da kamen die Typen plötzlich so selbstbewusst daher wie Helden aus einem Western.

Für Winkelmann ist Dortmund allerdings nur interessant als Teil eines fünf Millionen Menschen großen Ganzen, des Reviers, wo man eh nicht weiß, wo die eine Stadt endet und die andere beginnt. Weswegen er sich aufregen kann, wenn die Politiker, statt sich zusammenzutun, mal wieder in Konkurrenz zueinander treten.

"Die sind so bescheuert"

Der Tourguide kommt von der Rheinischen Straße nicht weg. Hier, gegenüber vom U, hat Winkelmann ein Haus gekauft, eine alte Schweineschlachterei, der er eine schwarze Fassade verpasst hat – so viel ironische Referenz an die Kohle, die hier nirgends mehr gefördert wird, muss sein. Im Erdgeschoss setzt Winkelmann sich in die Galerie für Street-Art, „44309“, und genießt durchs große Fenster den Panoramablick aufs U. Solange es geht. Das Wahrzeichen wird gerade mit Häusern zugestellt. „Hauptsache bauen. Die sind so bescheuert!“

On fire: Das Dortmunder U Foto: Winkelmann Vergrößern
On fire: Das Dortmunder U © Winkelmann

Nebenan bei Kugelpudel gibt’s ein fast schwarzes Schokoeis auf die Hand. Bio, vegan, dort ist alles zu haben, das Unionsviertel entwickelt sich zum Szenekiez. Ein paar Hundert Meter die Straße runter steht noch das Haus, in dem Winkelmann einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Aus seinem Zimmer konnte er die Union Brauerei sehen. Riechen sowieso: Es stank. Geärgert hat er sich über die Union, weil er auf dem Weg zum Gymnasium, wo er als Erster in der Familie das Abitur machte, das kolossale Gelände weiträumig umradeln musste. Auf der rechten Seite das Werk, in dem sein Großvater malocht hat. Auf dem Gelände – „schon dreimal verkauft“ – soll jetzt ein neues Quartier entstehen.

Mit dem Auto geht’s zum Phoenix-See, glitzerndes Beispiel für den Strukturwandel. Vom grünen Hügel aus blicken die Spaziergänger:innen auf die teuren Villen der Fußballspieler. Vor 20 Jahren stand hier noch ein Stahlwerk. Der Filmemacher hat zugeguckt, wie die Chinesen es „bis auf die letzte Schraube“ auseinandergenommen haben, um es zu Hause wieder aufzubauen.

Wandel als Dauerzustand

Das Revier, glaubt Winkelmann, ist besser für morgen gerüstet als andere Regionen: weil der Wandel hier Dauerzustand ist. „Wir haben den Bergbau verloren, die Stahlindustrie, die Brauereien. Wenn man alles verloren hat, kann man nichts anderes machen als in die Zukunft zu schauen.“

Distelfalter auf kohleschwarzer Wand: Streetart im Pott. Foto: 44309 Streetart Gallery Vergrößern
Distelfalter auf kohleschwarzer Wand: Streetart im Pott. © 44309 Streetart Gallery

Unter der Brücke sitzen Jugendliche und machen Musik. Im Hintergrund sind die Hochöfen von Phoenix-West zu sehen. Heute liegt das stillgelegte Werk an der Route der Industriekultur, auf dem Skywalk kann man durch die imposante, rostige Kulisse wandeln. Hier hat Winkelmann Szenen für „Jede Menge Kohle“ aufgenommen, als alles noch in Betrieb war.

Heute lassen sich im Gewerbegebiet Start-ups nieder. Und es wird wieder Bier gebraut und ausgeschenkt. Bergmann-Bier. Ein alter Name, neu belebt, als Craftbeer schwer angesagt. Wenn’s schon keine echten Bergleute mehr gibt...

Gäste, die unbedingt deren Welt von einst erleben wollen, schickt Winkelmann gern ins Besucherbergwerk Graf Wittekind, wo er auch schon gedreht hat. „Wenn man da mal anderthalb Stunden durchgekrochen ist ... Unvorstellbar, wie die sich da mit den Händen reingefressen haben!“ Respekt: ja, Nostalgie: nein.

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