Geschändete Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Kröpelin. Die Zunahme von antisemitischen Delikten ist in der letzten Jahren rasant angestiegen. Foto: Bernd Wüstneck dpa/lmv
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Antisemitismus in Deutschland Angst ist überlebensnotwendig

Louis Lewitan

Wer als Jude angstfrei durchs Leben schlendert, ist naiv, meint Louis Lewitan. Unser Gastautor fragt sich, ob es für deutsche Juden Zeit ist, Koffer zu packen.

Louis Lewitan ist Diplom-Psychologe, Coach, Autor und der führende Stress-Experte. 1955 in Lyon geboren, lebt Lewitan heute mit seiner Familie in München.

Was eint und entzweit Antisemiten und Juden? Es ist die die Angst. Jüdisch sein bedeutet, mit Angst aufzuwachsen, mit Angst zu leben und manchmal vor Angst zu sterben; der Angst, ermordet zu werden. So beinahe geschehen in Halle. Antisemit sein bedeutet, vor lauter Angst anderen Angst zu machen. Warum? Nur in einem Klima der Angst gedeiht die Macht der Antisemiten. Allein ist er nur gehässig, gemeinsam sind sie kriminell.

Die Angst von Juden ist eine reale, die von Antisemiten eine imaginäre. Oder haben Sie jemals gehört, dass Juden Altersheime anzünden, Friedhöfe schänden und Kirchen bomben? Die diffuse Angst der Antisemiten vor allem Jüdischen wurde über Jahrtausende geschürt. Die Verteufelung der Juden seit der Antike führte direkt nach Auschwitz.

Die Kirche verbreitete Ritualmordlegenden, Martin Luther sprach von der jüdischen Pestilenz, die Nazis verunglimpften Juden als Schädlinge und Krankheitskeime. Aus dem vormals christlichen Antijudaismus wuchs ein rassistischer und völkischer Antisemitismus.
Die nur bedingt heilbare Judeophobie ist eine Krankheit, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Sie passt sich zwar dem Zeitgeist an, ihre Wesensstruktur aus Angst, Neid und Ignoranz aber bleibt unverändert. Judenfeindschaft ist zeit- und grenzenlos. Sie macht weder Halt vor Friedhöfen noch vor Schulen und Synagogen.

Die Judenfeindschaft eint Extremisten von links und rechts ebenso wie radikale Sunniten und Schiiten. Ihr Hass richtet sich gegen alles Demokratische, Liberale, Jüdische. Der Iran verunglimpft Israel als Krebsgeschwür, erkennt sein Existenzrecht nicht an und attackiert Juden in und außerhalb Israels. Und Europa schweigt laut.

Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch

Wer als Jude angstfrei durchs Leben schlendert, ist naiv. Angst ist überlebensnotwendig. Angst hält wach, mahnt zur Vorsicht, macht erfinderisch. Panik lässt erstarren, Angst weckt kreative Kräfte. Diese Kräfte haben das jüdische Volk am Leben erhalten und es immunisiert gegen alles Autoritäre und Totalitäre. Das jüdische Volk hat gelernt, der Angst zu trotzen und mit ihr zu leben.

So lernen jüdische Kinder in Deutschland hinter Panzerglas, üben für den Notfall, bewacht von Polizisten mit Maschinenpistolen. Diese Anormalität wird von der Zivilgesellschaft mit Achselzucken hingenommen. Das ist ebenso beschämend wie die Tatsache, dass Juden immer noch als fremd, anders, undeutsch wahrgenommen werden. Laut einer jüngst veröffentlichten Befragung ist jeder vierte Bundesbürger ein Antisemit. Ein Viertel der Bevölkerung mag Juden nicht, verabscheut sie gar, will sie weghaben. Wie damals, 1933.

Dies, obwohl Juden Deutsche sind. Deutsche wollen Deutsche weghaben. Selbst in Zeiten von Wohlstand verdrängt die Menschenverachtung die Nächstenliebe. Die Bedrohungslage ist real, die Täter sind reell, die Antisemiten wählbar. Wer Björn Höcke gewählt hat, denkt und wählt antisemitisch. Es gibt also reichlich Anlass, sich um Deutschlands Zukunft zu sorgen. Besorgtheit allein wird uns jedoch nicht weiterhelfen.

Eine Demokratie darf keinen Antisemitismus dulden

Die Demokratie steht unter Stress. Sie wird von Neonazis, Linksextremisten, Terroristen und Salafisten täglich auf die Probe gestellt. Antisemiten erinnern uns daran, dass der Zivilisationsbruch im Land von Kant und Goethe sich wiederholen kann. Wird die zivile Gesellschaft wie 1933 versagen?

Belastendes zu verdrängen und Beschämendes zu vergessen, ist keine deutsche Eigenart. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gedeihen im benachbarten Österreich, in Frankreich und Ungarn. Kein Zweifel, Deutschland setzt sich wie keine zweite Nation aktiv mit seiner Vergangenheit auseinander. Wir Juden stehen keineswegs allein da. Die Politik, die Justiz, die Polizei stehen an unserer Seite.

Psychologe und Stress-Experte Louis Lewitan. Foto: Stefan Nimmesgem Vergrößern
Psychologe und Stress-Experte Louis Lewitan. © Stefan Nimmesgem

Ist es wieder Zeit, Koffer zu kaufen? Ja. Ist die Zeit gekommen, die Koffer zu packen und auszuwandern? Nein. Die Demokratie ist wehrhaft, in vielen Städten und Gemeinden zeigt sie Risse. Justiz und Polizei sind zwar wachsam, allerdings nicht überall und nicht jederzeit.

Schmelzender Wohlstand stellt Toleranz auf die Probe

Protestanten und Katholiken in Deutschland stellen sich ihrer geschichtlichen Verantwortung und verurteilen unisono Antisemitismus als unchristlich. Das Maßnahmenpaket der Koalition ist ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Dennoch bleibt die Angst hierzulande eine ständige Begleiterin der jüdischen Bürger.

Solange die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit niedrig ist und das soziale System stabil ist, ist es keine Kunst, Demokrat zu sein. Die wahre Probe wird erst dann kommen, wenn der wirtschaftliche Wohlstand schmilzt, die Arbeitslosigkeit steigt und der soziale Frieden brüchig wird.

Die Demokratie fußt auf Vielfalt, Freiheit und Respekt. Eine Demokratie, die Antisemitismus toleriert, schaufelt sich ihr eigenes Grab. Jede Form von Antisemitismus ist ein Angriff auf die freiheitliche Demokratie. Antisemitismus zeigt den moralischen Kompass einer Gesellschaft an und dieser schlägt zunehmend in Richtung Demokratieverdrossenheit, Geschichtsrevisionismus und völkischer Nationalismus.

Wer schweigt, macht sich schuldig

Die Enkel-Generation der Täter und Mitläufer hat keine Schuld auf sich geladen. Als erste Generation, die von Geburt an in Freiheit, Frieden und Wohlstand aufgewachsen ist, hat sie die moralische Pflicht, jede Form von Ausgrenzung, Benachteiligung und Diskriminierung zu bekämpfen, auf dem Pausenhof, an der Uni, im Fußballverein oder am Arbeitsplatz: Wer schweigt, macht sich schuldig.

1933 haben zu viele Bürger geschwiegen und weggeschaut. Heute sollten wir uns empören, gemeinsam demonstrieren, sich gegenseitig stärken, wenn Menschen wieder angegriffen werden. Ich habe keinen Zweifel, dass die Deutschen stolz auf die Demokratie sind und willens sind, sie zu schützen. Die Zivilgesellschaft darf nicht einen Millimeter nachgeben. Es gibt Grund zur Angst, es gibt keinen Grund, in Panik zu erstarren.

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