"Der Staat ist verantwortlich, dass die Leute etwas bekommen"

Ein Taxi vor dem Flughafen Schönefeld. Foto: Caroline Seidel/dpa
Als Nicht-Akademikerkind an die Universität „Dann wirst du doch eh nur Taxifahrer"

Gibt es Dinge, die Sie anderen als Nicht-Akademikerkind voraushaben?
Die Bodenständigkeit zum Beispiel. Ehrgeiz und Fleiß. Viele Arbeiterkinder sind selbstdiszipliniert, haben eine hohe Frustrationstoleranz. Man will was schaffen. Und sie haben ein anderes Gespür für die Gesellschaft. Ich weiß, wie bestimmte Milieus ticken. Wir haben bei uns Studierende, die sagen: Meine Eltern wählen AfD. Darüber reden wir. Das ist hart, vielen auch peinlich. In der Uni trauen sie sich nicht, das zu sagen.

Und reden hilft?
Das ist bei uns ein großes Thema: auszusprechen und zu reflektieren. Wenn man sich in einer Situation unwohl fühlt, denkt man oft, dass es an einem selbst liegt. Viele müssen erst erkennen, dass das ein strukturelles Problem ist. Als ich gesagt habe, ich will studieren, haben mir Verwandte entgegnet: Wieso, dann wirst du doch eh nur Taxifahrer. Den Spruch hat die Hälfte unserer Community gehört.

Zur Community gehört auch das Netzwerken. Ist das Neuland für die Nicht-Akademikerkinder?
Mein Partner ist damit aufgewachsen, dass seine Eltern gesagt haben: Komm, ich besorg dir einen Praktikumsplatz, wir kennen doch den. Unter Arbeiterkindern herrscht eine Riesenabwehr gegen sowas. Die wollen durch Leistung überzeugen. Sie denken, wenn sie gute Noten haben, läuft das von alleine. Wir müssen daran arbeiten, dass unsere Studierenden anfangen, sich zu vernetzen, sich zum Beispiel bei Xing ein Profil anlegen.

Rund 30.000 Menschen suchen jährlich bei Ihnen Hilfe. Was belastet die?
Oft mangelt es bei anderen am Verständnis für finanzielle Probleme. Wenn ich auf einer Konferenz darüber spreche, kommt ein Professor und sagt: Ach, stellen Sie sich nicht so an. Mit einem Professorengehalt kann man sich nicht vorstellen, was es bedeutet, kein Sicherheitsnetz zu haben.

Sie berichteten in einem Tweet von einer Abiturientin, die sich den Studienbeginn nicht leisten konnte, weil ihr die 400 Euro zur Einschreibung fehlten.
Wer aus einer Hartz-IV-Familie kommt, darf kaum mehr auf dem Konto haben. Es würde sofort einkassiert. Da ist ein Fehler im System. Noch bevor die jungen Leute das Studium beginnen, müssen sie den Semesterbeitrag überweisen, eine Wohnung finden, Kaution zahlen. Es ist vorgesehen, dass die Eltern das übernehmen und auch sonst helfen.

Wie ist der Fall ausgegangen?
Der Tweet hat Aufmerksamkeit erzeugt. Sie hat einen Kredit gekriegt vom Studentenwerk und ein Jobangebot. Für die Einzelfälle finden wir immer eine Lösung. Aber das ändert nichts am Grundproblem. Daran, dass die Leute an die Uni kommen, und nicht mal wissen, was das Studentenwerk ist.

Ihr Bruder ist in die Politik gegangen, er sitzt für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Wäre das auch eine Option für Sie?
Dafür bin ich zu ungeduldig. Diese stundenlangen Sitzungen würden mich in den Wahnsinn treiben. Ich will direkten Einfluss haben. Einmal rief eine Mutter an, die wissen wollte, wie sie Schüler-Bafög für ihre Tochter beantragen kann. Ich habe eine Stunde im Internet gebraucht, um das herauszufinden. Und das als Akademikerin, die auf dem Gebiet versiert ist. Da merkt man, wie schwer es den Leuten gemacht wird. Ich würde gern mal einen Bafög-Antrag im Bundestag austeilen.

In Deutschland studieren 2,8 Millionen Menschen. Handwerker fehlen. Setzen Sie da richtig an?
Das Problem ist, dass etliche das Potenzial haben, an die Uni zu gehen, sich aber nicht trauen. Oder die Eltern es ausreden. Wir möchten, dass alle eine informierte Entscheidung treffen. Ohne Bildung wird es immer schwieriger, einen Job zu finden.

Sie haben mal gesagt: Je mehr Bildung, desto besser. Ist das unendlich steigerungsfähig?
Wenn man an der Uni war, bildet man sich auch später immer weiter. Akademiker denken häufig über Nicht-Akademiker: Die sind so wie wir, die haben nur nicht studiert. Sie unterschätzen, wo sie wären, wenn sie das nicht getan hätten. Man lernt, wie gesellschaftliche Zusammenhänge funktionieren. Ohne Bildung kann man keinen Widerspruch einlegen gegen einen BAföG- oder Hartz IV-Bescheid, keine vernünftigen Briefe schreiben. Wir hatten mal eine junge Frau hier, die war sehr rebellisch, weil sie so frustriert war. Dann haben wir ihr geholfen, ein Stipendium zu bekommen. Jetzt ist sie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und es ist interessant zu sehen, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Auf einmal merkt sie, wie sie partizipieren, mitgestalten kann.

Die „Brigitte“ hat Arbeiterkind.de eine kleine Revolution genannt. Was bräuchte es zu einer großen?
Die Hürden für Menschen aus finanzschwachen Familien müssten gesenkt werden – von der Kita bis zum Studium. Außerdem muss umgedacht werden: Der Staat ist verantwortlich, dass die Leute etwas bekommen. Und nicht: Der Staat wartet mal, bis jemand Ansprüche stellt.

Ihr pragmatischer Optimismus wirkt sehr amerikanisch. Sie haben ein Jahr an der Boston University studiert. Hat das abgefärbt?
Was ich toll finde an Amerika, ist die Ermutigungskultur. Wenn ich was auf meiner Facebook-Seite poste, schreiben meine amerikanischen Freunde: Congratulations! Wonderful! Das hat so was Euphorisches – ja, mach weiter. In Deutschland ist man immer ein bisschen verhalten. Sicher gibt es in den USA Probleme. Aber ich wurde dort unterstützt, an mich zu glauben. Ich war mal Studentin der Woche. Das klingt ein bisschen albern, aber es macht was mit einem. Auch dieser Satz: You can make a difference. Das hab’ ich am Anfang nicht für möglich gehalten. Aber im Endeffekt ist es ja so gekommen.

KATJA URBATSCH, 39,schloss als Erste in ihrer Familie ein Studium ab: Nordamerikanistik, Betriebswirtschaftslehre und Kommunikationswissenschaft in Berlin und Boston. Inspiriert von ihren Erfahrungen als Nicht-Akademikerkind gründete die gebürtige Ostwestfalin vor zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Wolf Dermann und ihrem Bruder Marc Urbatsch ehrenamtlich arbeiterkind.de, ein Netzwerk für Studierende der ersten Generation. Heute ist Urbatsch Geschäftsführerin der Organisation, in der mittlerweile 6000 Ehrenamtliche in 75 Lokalgruppen Schüler auf ihrem Weg in das Studium – und später ins Berufsleben – unterstützen. Mehr als 30.000 Menschen erreicht „Arbeiterkind“ jährlich. Viele Preise gab es dafür. Erst kürzlich wurde Katja Urbatsch im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ebenfalls ausgezeichnet wurden an diesem Tag unter anderem Otto Waalkes und Annette Humpe.Das Gespräch findet in der Zentrale von „Arbeiterkind“ statt, in den Sophienhöfen in Berlin-Mitte. Kaffeeküche. An den Wänden hängen Plakate. Eines wie ein Liebesbrief. Die Universität fragt, ob man mit ihr gehen will. „Studieren: Ja. Nein. Vielleicht.“ Klar, wo das Kreuz sitzt. Gerade schreibt Urbatsch übrigens noch an ihrer Dissertation. Weil bisher die Zeit fehlte, macht sie das nebenbei.

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