Im März kommt die ganze Welt zu Besuch

Jeden März lädt das Fringe Festival in die Parks ein (kleines Bild oben). Foto: SATC
Adelaide Hier herrscht eine Euphorie wie im Berlin der 90er

Am nächsten Morgen geht es los in einem Eco Caddy. Das Wahrzeichen der Stadt ist das Adelaide Oval, das Cricket- und Rugbystadion am nördlichen Zentrumsrand, eingebettet in Eukalyptushaine und für Golf getrimmte Wiesen. Jeden Morgen pflügen Kakadus durch den Boden, um Nahrung zu finden, und jeden Morgen versuchen Golfspieler, sie mit ihren Schlägern zu vertreiben.

Vor dem Oval erstreckt sich eine üppige Parklandschaft, wie ein Gürtel umschließt sie das Zentrum. Im März findet dort das Fringe Festival statt, das größte Kleinkunstevent der Südhalbkugel mit mehr als hundert Veranstaltungen in 30 Tagen. Akrobatikaufführungen, Stand-up-Comedyabende und Transvestitenshows beleben die Parks. „Mad March“ nennen die Einwohner diese Zeit, wenn die ganze Welt zu Besuch kommt.

Daniels Langeberg zeigt den Victoria Square, wo die Stadt vor 180 Jahren gegründet wurde, die Gerichtsgebäude, die mit pseudorömischen Säulen eine jahrhundertealte Vergangenheit vorgaukeln. Wenn die Besucher nach Osten schauen, sehen sie die Adelaide Hills, sanfte Hügel, in denen Kängurus leben und die besten Weinanbaugebiete Australiens beginnen. Geht die Fahrt nach Westen, steigt salzige Ozeanluft in die Nase. Der Strand von Glenelg ist nur zehn Kilometer vom Zentrum entfernt, Delfine schwimmen in der neuen Marina, weiter draußen auf dem Meer auch Haie.

Noch vor zehn Jahren waren kleine Bars verboten

Langeberg biegt in die Leigh Street ein, eine dunkle Verbindungsgasse zwischen zwei Hauptstraßen. Früher rannten die Büroangestellten so schnell wie möglich durch die Straße, um vom Bahnhof an ihren Schreibtisch zu kommen. Heute wollen sie nach der Arbeit gar nicht mehr weg. Eine schicke Bar neben der anderen zieht ihnen das Geld aus der Tasche. Eingezwängt zwischen zwei Bürogebäuden, wo vor drei Jahren noch Müll im Zugwind herumwirbelte, steht ein helles Spitzdachhaus wie aus einem Katalog für skandinavische Feriendomizile.

Im 3,50 Meter breiten Holzhaus empfängt der „Pink Moon Saloon“ Gäste. Der Saloon ist die am besten gestaltete Cocktailbar Australiens, wenn es nach den Preisrichtern diverser Fachmagazine geht. Eine Ehre, die bisher nur Bars in Sydney oder Melbourne vorbehalten schien. Drinnen fühlt man sich unter den robusten Balken wie in einer vergessenen Jagdhütte. Nur mit dem Unterschied, dass hier livrierte Barkeeper Drinks zusammenmixen, unter anderem sogar mit Berliner Weisse.

Gäste des Pink Moon Saloon trinken Cocktails in der innovativsten Bar Australiens. Foto: SATC Vergrößern
Gäste des Pink Moon Saloon trinken Cocktails in der innovativsten Bar Australiens. © SATC

Vor zehn Jahren hätten solche Absturzläden gar nicht existieren dürfen. Die Stadt vergab nur Schanklizenzen an Lokale mit mehr als 120 Sitz- oder Stehplätzen. Viele Bars, die Berlin, London oder New York so verrucht machten, wären in Adelaide verboten gewesen. Im November 2012 wurde das Gesetz geändert, seitdem öffnen kleine Lokale im Monatstakt. Von etwa 20 Kneipen im CBD stieg die Zahl auf rund 80 an.

Es herrscht eine Euphorie wie in Berlin der 90er Jahre

Auch Daniels Langeberg ist in ein viktorianisches Haus im CBD gezogen, wo jahrelang niemand leben wollte. In der Nähe hat er mit Freunden noch einen Co-Working Space gegründet, als hätte er mit seinen Ökorädern nicht genug zu tun. Das „Maché“ bietet 18 Menschen Arbeitsplätze, das Klebeband auf dem Boden markiert diese. Wo früher Rentner Bingo spielten, steht nun eine selbst gezimmerte Bühne für Diskussionspanels und Partys. Langeberg weiß, dass sie bald rausmüssen, ein Hotel mit elf Etagen soll an selbiger Stelle gebaut werden, doch bis es so weit ist, genießen sie die Freiheit. „Was habe ich zu verlieren?“, sagt er.

Koloniale Vergangenheit. In der Rundle Street stehen noch einige Häuserblocks aus dem 19. Jahrhundert. Foto: SATC Vergrößern
Koloniale Vergangenheit. In der Rundle Street stehen noch einige Häuserblocks aus dem 19. Jahrhundert. © SATC

Es ist wohl diese Energie der Stadt, ihre Lust, sich nach Jahrzehnten relativen Stillstands im Schatten der berühmteren Städte neu zu erfinden, die ihre Bewohner plötzlich mit sich fortträgt. Je mehr man sich mit den Menschen im Co-Working Space unterhält, mit den Radlern, die den Autofahrern die Straße streitig machen wollen und abends zur Ausfahrt kommen, desto stärker überträgt sich die Aufbruchseuphorie. Eine Stimmung wie im Berlin der 90er Jahre, als Menschen voller Ideen Orte ohne Zukunft besetzten. Nur dass in Adelaide diese Umwandlung von oben gesteuert ist.

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