Eine NGO bringt Kreative und Vermieter zusammen

unger Unternehmer. Rob McRae in seinem Geschäft „Leatherworks“. Foto: Julian Cebo
Adelaide Hier herrscht eine Euphorie wie im Berlin der 90er

Tim Boundy wartet vor einem geschlossenen Warenhaus in der Rundle Street. In der gesamten Straße stehen dreigeschossige Häuser aus der Kolonialzeit, manche mit einem Vordach wie ein Western-Saloon, andere mit großformatigen Street- Art-Gemälden auf freien Wänden. Boundy, ein Mittdreißiger im schicken Arbeitsdress, Hemd, Sakko, Baumwollhose, ist Geschäftsführer von „Renew Adelaide“. Die Non-Profit-Organisation vermittelt im Auftrag der Stadt zwischen Vermietern und Kreativen.

Ihre Mission: leer stehende Geschäfte oder Lokale zu finden. Seit 2010 hat die Agentur mehr als 120 Gründern zu einem Geschäftslokal verholfen – und zwar mietfrei für die ersten Monate. Mehr als ein Drittel der Läden existiert bis heute und hat inzwischen einen Gewerbemietvertrag. Der Vorteil für die Jungunternehmer: Sie können in einer Testphase ohne größere finanzielle Investitionen ausprobieren, ob ihr Geschäftsmodell trägt. Die Vermieter schätzen die Aufwertung der Immobilie, die eine Zwischennutzung mit sich bringt.

Von Pop-up-Modedesignerläden über Seifenmanufakturen hin zu Restaurants mit saisonaler Küche reicht die Bandbreite der dadurch gegründeten Geschäfte. Tim Boundy tut, was er am liebsten tut, er lässt Zahlen sprechen. Lebten vor 20 Jahren nur 9000 Menschen in der Innenstadt, sind es heute bereits 20 000 – vor allem junge Leute wie Daniels Langeberg – und bis 2030 soll die Zahl auf 50 000 steigen. Dann wäre man wieder beim Stand von 1920.

Das Lederfachgeschäft von Rob McRae ist eine Erfolgsstory

Nicht nur jungen Kreativen hilft Renew Adelaide. Tim Boundy geht hinüber zur Regent Arcade, einer überdachten Einkaufszeile aus dem frühen 20. Jahrhundert und einer der Sehenswürdigkeiten von Adelaide. 1928 wurde in dem Komplex das Regent Theatre eröffnet, damals das luxuriöseste Kino Australiens. Bis Innenstadtverfall und DVD-Boom 2006 dem Zeitalter der Leinwandhelden und Fummeldates ein Ende setzen.

Drum herum gingen die kleinen Läden pleite. Um die Lücke zu füllen, schrieb Renew Adelaide einige Ladenlokale zur Zwischennutzung aus. Und eine der sympathischsten Erfolgsstorys in der historischen Mall begann – offensichtlich eines der Lieblingsprojekte von Tim Boundy, so ehrfürchtig, wie er das Projekt vorführt. „Leatherworks“ zog ein, ein Lederfachgeschäft gegründet von Rob McRae, einem 59-jährigen Handwerker.

Grüne Zukunft. Die Fahrradfahrer des wöchentlichen „Night Ride“ grüßen ein landendes Flugzeug in der Küstenstadt. Foto: Erick Watson Vergrößern
Grüne Zukunft. Die Fahrradfahrer des wöchentlichen „Night Ride“ grüßen ein landendes Flugzeug in der Küstenstadt. © Erick Watson

McRae steht in Shop 4, hinter einem selbst gezimmerten Holztresen rückt er seine Brille zurecht. Er ist frisch rasiert, trägt einen Seitenscheitel, ein sauber gebügeltes kariertes Hemd, darüber eine dunkle Lederschürze und braune Schnürschuhe aus Leder. Seine ganze Erscheinung strahlt Grandezza, Ruhe und Lebenserfahrung aus. Er könnte nicht weiter weg sein vom Image eines erfolgsnervösen Start-up-Gründers mit Bart, Oversize-T-Shirt und Designerturnschuhen. Alles an McRae sagt: Ich habe meinen Weg gefunden.

Aus Adelaide wegzugehen, daran denkt jetzt niemand mehr

Der gebürtige Adelaider erzählt, wie er vor beinahe 30 Jahren in der Jam Factory, einem Künstlerzentrum in einer umgebauten Marmeladenfabrik, begann, das Gerberhandwerk zu erlernen, wie er Jacken und Taschen aus Kalbsleder anfertigte und an Läden im CBD verkaufte. Wie er später den Beruf wechselte, für eine Textilfirma Fabriken in China, Indonesien und Malaysia aufbaute, nach 20 Jahren jedoch lieber das ganze Jahr bei seiner Familie sein wollte – und den Job aufgab.

In der eigenen Garage fing er wieder an, Leder zu verarbeiten. Seine Tochter half ihm, über soziale Medien seine Taschen und Portemonnaies zu verkaufen. Bei Renew Adelaide bewarb er sich um den Laden – und war selbst erstaunt, dass er als relativ alter Unternehmer genommen wurde. Tim Boundy nickt und erklärt, dass dem Gremium die Ideen wichtig seien, nie das Alter oder die Ausbildung der Bewerber.

Rob Mc Rae schiebt nun die Brille hoch in die Stirn. Er schwärmt von seinen neuen Nachbarn, den Jungs im Plattenladen, die Vinyl verkaufen, „tolles Zeug“, sagt er. „Die Leute suchen wieder Produkte mit Geschichte.“ Deshalb seien sie neugierig auf Vinyl genauso wie auf seine Weekender und Handtaschen. Unikate aus Adelaide. Trotz der happigen Preise zwischen 200 und 500 Dollar gibt es inzwischen eine Warteliste. Rob McRae überlegt nun, die Preise zu erhöhen, um die Nachfrage zu dämpfen.

Abends treffen sich wieder die Radfahrer bei Daniels Langeberg. Noch sind sie Revolutionäre auf der Nebenspur. In der Gruppe zischen sie durch ruhige Vorstadtstraßen, achten auf jedes schneller fahrende Auto, halten am Flughafenzaun und winken landenden Maschinen zu. Jeder hat ein Kompliment für das Fahrrad des anderen. „Wenn deine Bremse so laut quietscht, weiß ich, dass ich aufpassen soll, danke.“ Aus Südaustralien wegzugehen, daran denkt in der Gruppe niemand. Jetzt, wo es richtig losgeht mit Adelaide.

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