Mittelerde und Gletschersee

Genfs Kugelkirche Foto: Thomas Widmer
Absonderliche Orte im Heidi-Land Die Schweiz, wie sie keiner kennt

GENFS KUGELKIRCHE

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Heilige Kugel! Mit dem kaminartigen Aufsatz samt Kreuz sieht sie aus wie ein übergroßer Reichsapfel des Mittelalters. Oder, um respektlose Gemüter zu zitieren, wie eine Eierhandgranate.

Die Kirche Sainte-Trinité steht 15 Gehminuten entfernt vom Genfer Hauptbahnhof Cornavin an einer Straßenecke des Pâquis-Quartiers, geht auf den Architekten Ugo Brunoni zurück und ist mittlerweile etwas über 20 Jahre alt.

20 Meter Durchmesser, rosa Granit, Bullaugen, ein Wasserbecken, in das ihr Unterteil eingetunkt ist: Sicherlich ist das eine der originellsten Kirchen des ganzen Landes.

Eine Kugel als Antwort auf die Uno-Stadt, in der fast alles eckig und rechtwinklig ist.

Mittelerde in Jenins Foto: Thomas Widmer Vergrößern
Mittelerde in Jenins © Thomas Widmer

MITTELERDE IN JENINS

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Jenins, das Weindörflein im Kanton Graubünden. Der Weg des Besuchers führt zu einem Anwesen an einer Straße namens „Verduonig“. Ein Garten mit Blick auf Reben und Rhein, eine runde Tür aus grünen, senkrecht laufenden Holzplanken. Die Führerin erscheint, begrüßt alle im Greisinger Museum, öffnet die Tür.

Dahinter liegt Mittelerde, jene fiktive Welt, die der britische Philologe J.R.R. Tolkien, 1892 bis 1973, ersann samt allem Drum und Dran von Sprachen über Völker bis Geografie. Das Museum rühmt sich, weltweit das einzige Mittelerde-Museum zu sein. Die Sammlung, ausgestellt in einer Folge zum Teil unterirdischer Räume, hält einen mehr als zwei Stunden in Bewegung.

Gründer Bernd Greisinger, ein ausgestiegener Fondsmanager aus Deutschland, verwendete sein Geld dafür, in wenigen Jahren überall auf der Welt Tolkien-Objekte zu kaufen. In Bad Ragaz stapelten sich in einer Lagerhalle 400 Kisten. 2008 begann Greisinger in seinem neuen Lebensort Jenins mit dem Bau einer Villa am Hang und integriertem Museum, fünf Jahre später wurde dieses eröffnet.

Zur Kollektion gehören um die 600 Gemälde und Zeichnungen. Karten, Filmrollen, Kostüme, Requisiten und überlebensgroße Reproduktionen aller möglichen Fabelwesen. Sowie 3500 Bücher, darunter signierte Erstausgaben Tolkiens, der Erzählungen wie Der Herr der Ringe und Der Hobbit schrieb und praktisch im Alleingang das moderne Fantasygenre erfunden hat.

Nein, langweilig wird einem auf dieser Führung nicht! Am Ende tritt Greisinger selber auf in einer fellbesetzten Winterkriegermontur. Von der Leinwand des hauseigenen Kinos grüßt er, erzählt von der Entstehung des Museums und stellt die beteiligten Künstler vor. Nach einem Umtrunk an der Besucherbar heißt es „Adieu Mittelerde“, es geht retour in die sogenannte Realität.

DER CARALIN-SEE UNTER DEM PALÜGLETSCHER

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Nur schon die Vegetation: Türkenbund, Knabenkraut, Enzian. Und Edelweiß direkt am Weg.

Und dazu Gletscher und Berge rundum samt dem Piz Palü als Schutzpatron. Wir starten bei der Zughaltestelle beim Bernina-Hospiz, gehen den See entlang nach Süden bis zur Seespitze, steigen auf zum Sassal Mason, einem aussichtsreichen Punkt mit Hotelchen. Nach kurzem Abwärtsintermezzo halten wir auf einem gemäßigt steigenden, eine steile Halde querenden Pfad direkt auf den Palü zu; wir haben dessen Gletscher samt Wasserfällen vor uns, müssen gleichzeitig unter Bergbächen hindurch, die von rechts über den Weg schießen und uns frech bespritzen.

Ein Feld mit Felsbrocken ist auch zu durchqueren, man kann da Steinbock spielen. Schließlich, nach knapp zweieinhalb Gehstunden auf 2320 Metern der Gletschersee, der auf manchen Karten noch keinen Namen trägt und auf älteren gar nicht vorkommt.

Das Gewässer, das bisweilen arktisch anmutend Eisschollen trägt, ist bei aller Jugend von beachtlicher Größe und wächst kontinuierlich. Seine überirdische Schönheit beruht auf dem Leid eines anderen. Der Palügletscher hat sich seit 1850 um fast zwei Kilometer zurückgezogen und dürfte in 30 Jahren verschwunden sein.

Sein Schmelzwasser speist eine Serie prachtvoller Wasserfälle. Und es schuf besagten See, den es seit gut 15 Jahren gibt. Auf den Wanderwegweisern ist er unterdessen angeschrieben. Er heißt nach einem nahen Gipfel: Lagh da Caralin.

Der Autor gilt nicht nur in der Schweiz als "Wanderpapst" ("Spiegel"). Er schreibt Kolumnen für den Zürcher "Tagesanzeiger", außerdem den Blog widmerwandertweiter.blogspot.com. Seine schönsten Wanderungen gibt es als Bücher, zuletzt "Schweizer Wunder"

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