"Deshalb gibt es auch keine erotische Spannung mehr"

100 Jahre Büstenhalter „Nichts aus Hollywood ist erotisch“


Camille Paglia Foto: Michael Lionstar Vergrößern
Camille Paglia © Michael Lionstar

Meiner Meinung nach hat das amerikanische Showbusiness jeden Sinn für Erotik vollkommen verloren. Der Körper wird routinemäßig zur Schau gestellt. Es gibt kein Gespür mehr für Tabus oder Überschreitungen, und deshalb gibt es auch keine erotische Spannung mehr, wenn man gegen Grenzen verstößt. Wenn es aber nichts mehr gibt, was irgendwie unanständig ist, was ist dann so besonders daran, seinen Körper auszustellen? Wissen Sie, ich finde eigentlich nichts von dem, was heute aus Hollywood kommt, irgendwie erotisch. Das Einzige, was vielleicht noch interessant war, sind die freizügigen Aufnahmen, die Rihanna von sich machte. Ihre Selfies aus Barbados vermitteln den Eindruck, dass sie etwas von der Welt im physischen Sinn versteht, die Verbindung zwischen Sex und den Kräften der Natur.

Was ist mit Lady Gaga?

Kommen Sie mir nicht mit Lady Gaga, die ist bloß eine Madonna-Imitatorin. Jede ihrer Ideen hat sie sich doch von jemand anders ausgeborgt, ob das nun David Bowie ist, Grace Jones oder Daphne Guinness.Die jungen Leute haben nie die Originale gesehen, und deshalb denken sie vielleicht, dass das, was Lady Gaga macht, irgendwie neu sei und von ihr stamme. Stimmt aber nicht. Sie hat gar kein Gespür für die symbolischen Bedeutungen, die sich möglicherweise hinter ihrem Outfit verbergen. Da geht es ihr leider wie vielen jungen Menschen ohne historisches Bewusstsein. Lady Gaga hüllt sich einfach nur in Sachen wie ein Kind, das ein Halloween-Kostüm anzieht. Sie wechselt ihre Kleidung jeden Tag fünf Mal. Ihr wichtigster Stylist, Nicola Formichetti, hat übrigens aufgegeben, weil es manchmal zwölf Kostüme am Tag waren. Und damit, fand er, hat sie eine Grenze erreicht.

Was könnte die Zukunft des BHs sein? Es heißt, die Japaner hätten bereits einen denkenden BH entwickelt, der sich nicht öffnen lässt, bevor er nicht die wahre Liebe spürt.

Die Zukunft des BHs hängt von der Zukunft des Busens ab. Werden wir in eine androgyne Zukunft eintreten, in der die Geschlechter miteinander verschmelzen und Brüste keine besondere sexuelle Bedeutung mehr haben? Oder steuern wir auf einen kompletten Zusammenbruch der Zivilisation zu, mit Männern, die wieder Männer sind und Frauen wieder Frauen...

... Sie meinen die althergebrachten Rollenbilder ...

... ja, dann wird der Büstenhalter zurückkehren, wie er früher war. Einige der wirklichen sexy Bilder des 20. Jahrhunderts stammen aus den Männermagazinen der 30er bis 50er Jahre. Diese Zeichnungen von Vargas, die Frauen in einer Art Ankleidezimmer zeigen, gekleidet in hauchdünne Nachthemden, wie reife Früchte, die man einfach pflücken und verzehren möchte. Die hatten eine Qualität, die es einfach nicht mehr gibt, die vollkommen verloren gegangen ist.

Warum ist das so?

Weil dieses Tabu nicht mehr existiert, das die Frau und ihren Körper umgab. Frauen waren das große Unbekannte und die Welt, die ihr Körper stillschweigend implizierte, war eine der Sinnesfreuden, vergleichbar den Haremsdamen in der Malerei des 19. Jahrhunderts. Frauen hatten ihre eigene Sphäre. Das ist vorbei. Frauen sind heute überall präsent und finden ihren Platz in der Welt der Männer. Sie können alles machen, was Männer auch tun. Die Feministinnen alten Stils glaubten, dass die Welt davon profitieren würde, wenn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verschwänden. Ich sorge mich allerdings um die Sexualität in solch einer Welt.

Wollen Sie damit sagen, der Feminismus ist auch schuld am Untergang der klassischen Pornografie?

Ich war immer gegen die Attacken amerikanischer Feministinnen auf jede Form von Pornografie. Das war eine brutale Auseinandersetzung, die in den 80er Jahren losging und bis in die 90er dauerte. Tödlich für die Männermagazine in den USA war aber erst die ständige Verfügbarkeit pornografischer Bilder im Internet, einem der wichtigsten Motoren für den kommerziellen Erfolg dieses Mediums. Ich bin immer noch jemand, der illustrierte Layouts schätzt, und ich bedauere das Ende der anspruchsvollen Magazine.

Welche meinen Sie?

„Penthouse“ war einer meiner Favoriten, weil sie es verstanden, Dessous auf eine erotische Weise zu inszenieren. Während der „Playboy“ immer nur den Typ Nachbarmädchen zur Schau stellte, Nacktheit ohne jedes Gespür für sexy Outfits.

Sie haben sich intensiv mit Hollywood beschäftigt. Fallen Ihnen andere Beispiele der letzten Jahrzehnte ein, bei denen Dessous geschickt eingesetzt wurden?

Alfred Hitchcocks „Psycho“ von 1960 war ein Meilenstein in vielerlei Hinsicht. Die Gewaltdarstellung war ja ein Verstoß gegen den seit 30 Jahren geltenden Production Code, eine Art Selbstkontrolle der Studios ohne gesetzliche Grundlage. Außerdem lag der Fokus auf Janet Leighs Büstenhalter, für mich einer der größten Momente in der Geschichte des Kinos. Erst trägt sie einen amazonenhaften weißen BH und dann ein ebenfalls ziemlich amazonenhaftes schwarzes Modell. Hitchcock deutet durch diesen BH-Wechsel an, wie Janet Leigh sich vom guten, folgsamen Mädchen in eine kriminelle Diebin verwandelt.

Hitchcock arbeitete mit Schwarz und Weiß, in Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ trägt Hanna Schygulla einen silbernen BH.

Oh ja, das ist einer meiner Lieblingsfilme. Tatsächlich, da haben Sie eine Heldin, die so etwas wie eine Rüstung anlegt. Wunderbarer Film. Europäische Filme waren immer in der Lage, ein Gespür für Sinnlichkeit zu transportieren. Aber davon ist leider auch viel verloren gegangen.

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