Mit den 68ern setzte ein Wandel der Küche ein

Zukunftslabor. Der Designer George Nelson stilisierte die Küche in den späten 50er Jahren zur heimischen Kommandozentrale. Foto: Bettmann/Getty Images
Geschichte der modernen Küche Kochst du noch oder lebst du schon?

Mit der aufkeimenden ökologischen Bewegung der Nach-1968er-Jahre setzte auch sukzessive ein Wandel der Küche ein. Der kritiklose Fortschrittsglaube der Moderne wurde ebenso infrage gestellt wie die gerade erst lieb gewordene Einkaufstüte. „Jute statt Plastik“ wurde zu einer berechtigten Forderung, die die Gesellschaft erst 50 Jahre später erfüllte. Eine zum ersten Mal nahezu vollversorgte Gesellschaft besann sich neu auf gesundes Kochen, variantenreiches, vielfältiges und international inspiriertes Essen sowie auf nachhaltige und ethische Nahrungsmittelerzeugung. Und der legendäre Designer Otl Aicher schrieb das Buch „Die Küche zum Kochen“, das gleichzeitig einen Know-how-Transfer aus den Profiküchen in die Privathaushalte propagierte und das Handwerkliche des Kochens wieder betonte. Die Küche wurde zur „Werkbank“ erhoben oder degradiert, neu strukturiert, funktionalisiert und von ästhetischem Ballast befreit.

Rollenmuster und Gleichberechtigung

Werbungen für Kücheneinrichtungen, Kochgeräte und Lebensmittel aus den 1960er und 1970er Jahren taugen heute vielfach nur noch als Comedy-Vorlagen. In ihnen wird ein männlicher Chauvinismus sichtbar, den wir heute nicht mehr für möglich halten. Die Gesellschaft scheint sich in den letzten Jahren hinsichtlich der Geschlechterrollen und der Gleichberechtigung bewegt zu haben, auch wenn noch nicht alle Ziele erreicht sind. Und die Sozialgeschichte lehrt uns, dass Veränderungen in der Gesellschaft zu neuen Wohnformen, Möbeln und Produkten führen. Die Frauenerwerbsquote liegt heute in Deutschland bei 72 Prozent mit steigender Tendenz. Die der Männer liegt im typischen Erwerbsalter von 35 bis 60 zwischen 80 und 90 Prozent. Die Geschlechter nähern sich an. Wenn beide arbeiten, wer kocht dann und kümmert sich um den Haushalt?

Workspace. Die italienische Marke Ceasar, 1968 von Kunsttischler Sante Vittorio Cester begründet, steht für ein minimalistisch-zweckmäßiges Design. Foto: Living Kitchen/Andrea Ferrari Vergrößern
Workspace. Die italienische Marke Ceasar, 1968 von Kunsttischler Sante Vittorio Cester begründet, steht für ein minimalistisch-zweckmäßiges Design. © Living Kitchen/Andrea Ferrari

Die Küche der Gegenwart ist längst mutiert von einem Raum der Hausfrau zu einem Ort für alle. Diese Partizipation verlangt aber nach neuen Konzepten: Wie kann miteinander gekocht werden? Wer bestimmt die Abläufe und Ordnungen? Wer regiert die Küche? Die neue Küche ähnelt eher einer italienischen Piazza. Sie gehört allen, ist ein Ort der Kommunikation und Präsentation, der Freiheit, des Vergnügens. Und trotzdem herrscht dort noch soziale Kontrolle.

Die Zukunft der Küche

Die Küche der Zukunft wird bestimmt sein von Reduktion und Besinnung auf das Wesentliche („original unverpackt“, „Ökokiste“, Handarbeit, internationale Gerichte), von den Wünschen nach körperlicher und seelischer Selbstoptimierung durch Lebensmittel und Getränke und von einer digitalen Aufladung und Vernetzung, die mit dem Internet völlig neue Nutzungsszenarien ermöglicht. Mit einem selbst hergestellten Smoothie in der linken Hand träumen wir von der Natur und dem Landleben, während wir mit dem Smartphone in der rechten Hand durch Kochvideos scrollen. Die Füße stehen dabei fest auf urbanem Grund, der Kopf schwebt in den Wolken. Wir bleiben komplexe und multiple Persönlichkeiten mit vielfältigen und widersprüchlichen Bedürfnissen und Wünschen, auch in der Küche.

Prof. Kilian Stauss ist Designer. Er betreibt das Büro „stauss processform“ in München und unterrichtet an der Fakultät für Innenarchitektur der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Rosenheim, wo er zu Themen wie Möbeldesign und Küche forscht. Foto: promo/Stauss Processform München Vergrößern
Prof. Kilian Stauss ist Designer. Er betreibt das Büro „stauss processform“ in München und unterrichtet an der Fakultät für Innenarchitektur der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Rosenheim, wo er zu Themen wie Möbeldesign und Küche forscht. © promo/Stauss Processform München

Der Autor dieses Textes, der Designer Kilian Stauss, hat ein Buch zu diesem Thema geschrieben mit dem Titel: "Die Küche zum Leben – Perspektiven für den Lebensraum Küche". DVA 2018, 192 Seiten, 40 Euro. Einen Überblick über aktuelle Konzepte und Einrichtungsideen gibt das Buch "Kitchen Living. Neues Design für wohnliche Küchen". Gestalten Verlag, Berlin 2019, 256 Seiten, 39,90 Euro

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

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