Erst neophob, dann neophil

Die ersten Jahre sind die entscheidenden, da wird das Essverhalten geprägt. Foto: David Hecke/ddp
Geschmacksentwicklung bei Kindern Ist das etwa Gemüse?

Immerhin verstehen wir ihn etwas besser nach all den gescheiterten Versuchen, sein Interesse für gesundes Essen zu wecken. Schließlich durchlebt er gerade seine neophobe Phase. Neue Nahrungsmittel sind Kindern dann grundsätzlich suspekt. Wie Babys tun sich Kleinkinder mit sauren und bitteren Geschmäckern schwer. Als wir noch in Wäldern lebten, war diese Angst überlebenswichtig. Sie schützte Kinder davor, sich giftige Pflanzen in den Mund zu schieben. Heute hält sie diese eher davon ab, Gemüse, manchmal auch Fleisch oder Fisch zu essen.

Unsere Hoffnungen ruhen nun auf der neophilen Phase. Die kommt etwa mit fünf Jahren. Dann sind Kinder offener für neue Geschmackserlebnisse. Essen ist auch für sie etwas Soziales, mit dem man sich in der Gruppe positioniert. Wer einen besonders wagemutigen Geschmack hat, kann sich hervortun. Manche aber, nach Schätzungen ein Viertel, überwinden die neophobe Phase nie.

Leuchtendes Beispiel Japan

Andere Länder haben das Problem mit den wählerischen Kindern besser gelöst. Als leuchtendes Beispiel gilt Japan, das so gut wie keine Fettleibigkeit kennt. Anders als in Amerika, wo das durchschnittliche Lunchpaket meist noch mehr Zucker, Kalorien und Kohlenhydrate hat als das Schulessen, ist die Bentobox, die kleine Japaner in die Schule mitbekommen, ausgewogen. In kleinen Fächern stecken Reis, Gemüse, Proteine in Form von Fisch, Fleisch oder Tofu. Oft sind die Boxen so schön verziert, dass sie millionenfach fotografiert auf Instagram geteilt werden.

Finnische Pioniere

In Europa gehört Finnland zu den Pionieren. Geschmackssensorik wird schon in der Kita unterrichtet. Mit Erfolg. Mal pflücken die Kinder Beeren, mal beschreiben sie, was sie schmecken, sie machen Tests und Spiele mit dem Essen. Hier gibt es kein „Iss deinen Teller auf“. Die Wahrnehmung zu schulen und ihren Geschmack zu schärfen ist ein wichtiges Bildungsziel. Immerhin waren um die Jahrhundertwende überdurchschnittlich viele finnische Kinder adipös. Um die gesundheitlichen Folgen abzufedern und damit auch die Kosten für das öffentliche Gesundheitssystem, hat die finnische Regierung 7000 Pädagogen ausgebildet. Mit großem Erfolg: Die Zahl der fettleibigen Kinder hat sich in vielen Gemeinden halbiert. Mittlerweile wird dieses Modell in Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz angewandt. Warum eigentlich nicht in Deutschland?

In zwei Jahren kommt Oskar in die Schule. Vielleicht tut sich bis dahin ja noch was. Sonst ziehen wir nach Japan.

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