Im Stalinismus geht keiner einfach nach Hause. In Russland ist „Dau: Natascha“ bereits wegen Propagierung von Pornografie verboten. Das Berlinale-Programmheft nennt den Film eine „ebenso radikale wie provokative Erzählung über Gewalt“. Foto: Phenomen Film
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Gefährliches Spiel mit Fiktion und Realität Wird „Dau: Natasha“ der Skandalfilm dieser Berlinale?

Gedreht wurde drei Jahre lang, ohne Drehbuch, mit Laien. Am Ende stand bei „Dau: Natasha“ ein Exzess.

Noch hat keiner den Film gesehen, aber schon ist die Aufregung groß. Es gibt in „Dau: Natasha“ eine Szene, in der einer nackten, gefesselten Frau während eines Verhörs eine Flasche in die Vagina eingeführt wird. Ja, wenn das im Drehbuch gestanden hätte! Aber es gab kein Drehbuch. Dieser Exzess entstand gewissermaßen spontan, aus der Situation heraus. Menschenversuch? Pornografie? Gewalt? Manche sprechen bereits von einem Triumph des männlichen Voyeurismus drei Jahre nach #MeToo.

Der Rahmen: eine stalinistische Parallelwelt, in der rund 400 Menschen über drei Jahre lebten. Gewissermaßen ein außer Kontrolle geratener Filmset. Sein Initiator: der russische Regisseur Ilja Krschanowski. Oder der Diktator eines selbst erschaffenen Reichs? Aber Diktatoren schreiben die Drehbücher ihrer Herrschaft grundsätzlich selbst.

Manche machen zu dem Drei-Buchstaben-Wort ein ungemein eingeweihtes Gesicht, als zerfiele die Welt in diejenigen, die wissen, was „Dau“ ist, und die anderen. Alles klar, sagen nur die IT-Leute, Dau ist der „dümmste anzunehmende User“, wer sonst? In Berlin sollte in seinem Namen sogar die Mauer wieder aufgebaut werden, wenn auch nur in Mitte und nur für ein paar Wochen. Das war 2018.

Der russisch-jüdische Physiker und Nobelpreisträger Lew Landau sprach, wenn er auf die geistige Insuffizienz seiner Mitwelt hinweisen wollte, mehr von „Wisenten“. Das waren für ihn vor allem schon etwas ältere Physiker. Das Wisent ist ein Rindvieh.

Stalin und die Führung der KPdSU bezeichnete Lew Landau nicht unmittelbar als Wisente, das waren für ihn mehr „Faschisten“. Der erste sowjetische Nobelpreisträger war sehr freigiebig mit diesem Wort. Ein freier Radikaler, physikalisch gesprochen, mitten im großen Terror. Seine Studenten nannten ihn nur Dau. Wenn das kein Film wird!

Eine Million Meter Material, 700 Stunden

Einer? Inzwischen gibt es mehr als eine Million Meter Material, 700 Stunden. Man könnte also einen Monat lang, ohne eine Minute zu schlafen, nur Dau gucken. 13 fertige Filme, auch Serien sind entstanden. Das Problem ist: Nur die wenigsten haben sie bis jetzt gesehen. Nun ist noch ein 14. Film hinzugekommen, der läuft an diesem Mittwoch im Wettbewerb der Berlinale, „Dau: Natasha“. Und fast am Ende des Festivals folgt „Dau: Degeneratsia“ in den Specials, der dauert sechs Stunden. Gedreht wurde drei Jahre lang, von 2008 bis 2011.

Wann bitte?

Im Juni 2008 bekam der Kameramann Jürgen Jürges einen Anruf, ob er Lust habe, sich mit einem jungen russischen Regisseur, mit Ilja Krschanowski, zu treffen. Auch Jürges hörte das Wort Dau zum ersten Mal. Entweder der junge Russe hatte Fassbinders „Angst essen Seele auf“ gesehen oder Michael Hanekes „Funny Games“ oder Wim Wenders’ „In weiter Ferne so nah“, oder alles zusammen und noch viel mehr. Kamera jedes Mal: Jürgen Jürges.

Propagiert der Film Pornografie? Russische Gerichte sind dieser Meinung. Foto: Phenomen Film Vergrößern
Propagiert der Film Pornografie? Russische Gerichte sind dieser Meinung. © Phenomen Film

Jürges sitzt in der Bio-Bäckerei seiner Wahl, niemandem steht der kleine Punktbart unter der Unterlippe besser als ihm. Jürgen Jürges wird bald 80 Jahre alt, aber seine wasserblauen Augen werden noch blauer, als er sagt: „Ilja ist ein sehr charismatischer Mensch, wissen Sie!“ Soll heißen: Er hatte nie eine Chance, abzulehnen.

Zwei Monate später, im August 2008, fand er sich im ukrainischen Charkiw wieder. Da wusste er noch nicht, dass er für drei Jahre zum Sowjetbürger werden würde, in seinem Vertrag stand: drei, höchstens vier Monate. Sie drehten einen ganz normalen Kinofilm, nach einem ganz normalen Drehbuch von einem allerdings supranormalen Autor – Wladimir Sorokin – mit einem fast noch normalen Budget von Arte und verschiedenen Filmförderungen.

"Im Westen hätte man jetzt ein Close-up davon gedreht"

„Meine erste Szene war die Ankunft Lew Landaus aus Kopenhagen, wo er lange bei Niels Bohr gearbeitet hatte. Und dann rollte eine Kalinin K-7 direkt auf mich zu“, sagt der Kameramann.

Die Kalinin K-7 war ein reales sowjetisches Riesenflugzeug, originalgetreu nachgebaut. Was Jürges aber noch mehr beeindruckte als die Kalinin K-7 war die Reaktion seines Regisseurs, als ein Planenpritschenwagen vorbeifuhr, aus dem die Füße übereinandergestapelter Leichen staken. „Im Westen hätte man jetzt ein Close-up davon gedreht“, erklärt Jürges, und wie er das „im Westen“ ausspricht, klingt eine seltsame Distanz darin. Fragend muss der Kameramann seinen Regisseur angesehen haben, der sagte nur: „Wir machen keins. Wenn man’s sieht, ist es gut. Wenn man es nicht sieht, ist es auch gut.“ Das, dachte Jürges, sagt er, ist Souveränität.

Die Scharaschka ist „der erste Kreis der Hölle"

Und dann, ab Frühjahr 2009 wurde in Charkiw das Moskauer Physikalische Institut nachgebaut, an das man Landau 1937 berief. Auf dem absoluten Höhepunkt des stalinistischen Terrors übernahm der Mann, der selbst Albert Einstein ins Wort fiel, die Leitung der Abteilung Theoretische Physik. Das Institut war eine Scharaschka. Das Wort ist kaum übersetzbar, aber Alexander Solschenizyn schaffte es dennoch: Die Scharaschka ist „der erste Kreis der Hölle. Sie ist – beinahe – das Paradies“.

Und dessen allererster Bewohner wollte auf der Parade zum 1. Mai 1938 ein Flugblatt folgenden Inhalts verteilen lassen: „Genossen! Das große Ziel der Oktoberrevolution wurde schmählich verraten … Millionen Unschuldiger wurden ins Gefängnis geworfen und niemand weiß, wann er selbst an der Reihe sein wird.“ Und dann: „Mit seinem wütenden Hass auf den wahren Sozialismus ist Stalin zum Ebenbild von Hitler und Mussolini geworden.“

Seltsame Veränderungen beim Regisseur

Das erfüllt den Tatbestand der Tollkühnheit. Wenn das kein Film wird!

Das Moskauer Institut also. Im ukrainischen Charkiw wurde es auf dem Gelände eines sowjetischen Schwimmbades nachgebaut. Und der Kameramann von Rainer Werner Fassbinder bemerkte an seinem Regisseur seltsame Veränderungen. Er hat das Ergebnis einmal in den rücksichtsvollen, die eigene Verzweiflung gut verbergenden Satz gebannt: „Ilja wollte das alles etwas weiter fassen.“

Regisseur Ilja Krschanowski erschuf in Charkiw eine Parallelwelt. Foto: S. Maximishin/Agentur Focus Vergrößern
Regisseur Ilja Krschanowski erschuf in Charkiw eine Parallelwelt. © S. Maximishin/Agentur Focus

Im Drehbuch hatte das Moskauer Physikalische Institut ganze zehn Seiten. Aber der Regisseur sah jetzt ohnehin immer öfter auf das, was ganz ohne Drehbuch an diesem Ort geschah, das „Set“ zu nennen ihm wohl nie eingefallen wäre. Als „Set“ war das bald ohnehin zu groß, viel zu echt, und vor allem: viel zu bewohnbar. „Ich glaube, am Ende hatte unser Institut 47 Zimmer“, sagt Jürges.

Von der Stolowaja – der Kantine – bis zum Vortragsraum, von Landaus Luxus-Institutswohnung bis zur Kommunalka, der Gemeinschaftswohnung, von der institutseigenen Zeitungsredaktion und dem Schweinestall bis zu den Gefängniszellen. Und nirgends das kleinste Elementarteilchen Jetztzeit, vom Strumpf bis zum letzten Suppenlöffel plus Suppe war alles aus hundert Prozent Vergangenheit.

Es fehlte an nichts - außer an Schauspielern

Am Ende des Geldes hatte Krschanowski dem Kleinoligarchen Sergej Adoniew erklärt, dass dieser mit ein paar von seinen rund 700 Millionen Dollar doch viel mehr machen könne als noch mehr Millionen, die er nicht brauche, also etwas, das bleibt. Kunst eben, große Kunst, vor allem groß. Russen sehen so etwas ein, manchmal.

Also fehlte es an nichts am Institut, oder doch: Es gab keine Schauspieler. Schauspieler sind nicht echt, da kann man sagen, was man will. Auch wollen sie immer irgendwann nach Hause gehen. Aber im Stalinismus geht keiner einfach nach Hause.

Es geht um ihr Leben, um ihr Schicksal

Darum arbeiteten in der Redaktion echte Journalisten, in den Verhörzellen echte (frühere) KGB-Leute, in den Labors echte Wissenschaftler und in der Kantine echte Kantinenfrauen wie Olga Schkarbarnja und Natalja, „Natasha“ Bereschnaja. Natasha, die diesem Film nicht nur ihren Namen gab. Es geht um ihr Leben, um ihr Schicksal – in dieser Parallelwelt, aber wer wollte das noch auseinanderhalten? Der erste Kreis der Hölle, gesehen mit den Augen einer Kantinenfrau. Lew Landau kommt hier gar nicht vor.

Natalja Bereschnaja, eine Frau, mit der das Leben nie rücksichtsvoll umgegangen ist. Auch darum hat Krschanowski ihr diese Rolle, nein, diese Drei-Jahres-Tag-und-Nacht-Stelle angeboten.

Reality-Show. Disneyland

Immer wieder hat das Kino versucht, die Grenze von Realität und Fiktion zu verschieben, zugunsten der Wirklichkeit. Die großartigen dänischen Dogma-95-Filme sind so entstanden. Quasi-dokumentarisch werden! Die Gefahr liegt beim Kurzschluss von Realität und Fiktion. Reality-Show. Disneyland.

Aber Jürges, der Kameramann, hätte um ein Haar alles hingeworfen. Genauer, er hatte es getan. Und zwar in dem Moment, als Krschanowski ihm erklärte, dass es beim Film nichts Störenderes gebe als einen Kameramann, näherhin seine Scheinwerfer. Denn einen Nachteil haben Laien natürlich. Wenn sie glauben, sie stehen im Scheinwerferlicht, fangen sie womöglich an zu spielen. Also besser: kein Licht! – Aber Film ist Licht!, habe Jürges widersprochen.

Ein menschlicher Kernreaktor

Kurz darauf muss man den damals fast 70-Jährigen, die 16-Kilogramm-Kamera auf der Schulter, durch den ersten Kreis der Hölle laufen sehen haben, Treppen hoch, Treppen runter, manchmal in die Knie gehend, jederzeit dort, wo gerade etwas geschah. Mit Billigung des Regisseurs hatte Jürges zuletzt überall Halogenspots und Reflektoren versteckt. Die Verabredung im Institut lautete: Jeder darf zu jeder Zeit in allen Lebens- und Liebeslagen gefilmt werden. Ein menschlicher Kernreaktor, unter der Doppelführung von Wissenschaft und KGB. Und ganz ohne Drehbuch, wie bei jeder gewöhnlichen Kernschmelze auch.

Was ist Realität in "Dau: Natasha"? Was ist Fiktion? Foto: Phenomen Film Vergrößern
Was ist Realität in "Dau: Natasha"? Was ist Fiktion? © Phenomen Film

In Russland ist „Dau: Natasha“ bereits wegen Pornografie verboten. Jürges aber musste das drehen. „Eine ebenso radikale wie provokative Erzählung über Gewalt“, wie das Ergebnis im Programmheft der Berlinale angekündigt wird. Der KGB-Mann Wladimir Azhippo war Jürges ohnehin viel zu echt. Der hatte nicht erst gestern gelernt, wie man Verhöre führt. Würde Natasha ihm standhalten? „Sie war, glaube ich, Verkäuferin in Charkiw“, sagt Jürgen Jürges, also, ehe er sie anstellte. Und fügt an, mit tiefstem Respekt, in den sich noch immer eine Spur Unglauben mischt: „Sie trägt diesen Film.“ Und in keinem Augenblick habe sie ihre Würde verloren.

Auf die Grenze der Grenzüberschreitung kommt es an. Jürges hatte sie klar definiert: Sobald jemand direkt in die Kamera schaut, höre ich auf! Es ist nie geschehen.

In Berlin ist das Dau-Projekt gescheitert

Im Fall des Moskauer Physikalischen Instituts wäre zu ergänzen, dass der Entdecker der Superfluidität des Heliums Lew Landau die Superfluidität auch als angemessene Verkehrsform zwischen den Geschlechtern ansah, zur größten Irritation seiner Ehefrau. Daus freie Liebe und freie Wissenschaft inmitten des GAUs, der größtmöglichen anzunehmenden Unfreiheit, des Terrors?

Vielleicht ist es der Sinn für solche Paradoxe, für Paradoxe überhaupt, der Kinder des Ostens noch immer unbändig fasziniert. „Ich habe noch nie so gearbeitet wie in den eineinhalb Jahren, als wir in Berlin das Dau-Projekt vorbereitet haben“, erklärt der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender. In Berlin sollte das Moskauer Institut noch einmal wiedererstehen, als innerstädtisches Ausland, Rahmen für 700 Stunden Film. Hirnfühlen, fühldenken! Ausnahmezustand der Erkenntnis! Pro-Putin’scher stalinistischer Erlebnispark, argwöhnten die Skeptiker.

Im Innern des Palais am Festungsgraben war die sowjetische Kommandantur längst fertig, als das Projekt gestoppt wurde. Nie wieder eine Mauer in Berlin!, riefen vereint in vorästhetischer Wahrnehmung alte West-Berliner und DDR-Bürgerrechtler. Dass ein russischer Beinahe-Oligarch die Sache maßgeblich finanzierte, machte sie nicht gelassener. Adoniew hat viel Geld verloren in Berlin. Drei Millionen? Denn die Verwaltung des Bezirks Mitte erklärte zuletzt sinngemäß, dass sie für nichts garantieren könne, wenn irgendwelche Künstler mit sieben Schiffen über die Spree kommen und binnen zwölf Stunden die Mauer wieder errichten wollen.

Klassischer Kurzschluss von Kunst und Realität. Aber ist das ganze Dau-Projekt nicht ein solcher? Jetzt liegt alle Beweislast beim Film, bei „Dau: Natasha“ und „Dau: Degeneratsia“.

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