Alles unter Kontrolle? Zumindest sollen das die Kollegen denken. Foto: Imago
© Imago

Gebt Ruhe, ihr Homeoffice-Angeber Die Krise ist kein Kräftemessen!

Arbeit, Kinder, Haushalt: natürlich alles im Griff. So tönen manche Eltern aus dem Corona-Homeoffice. Doch diese Botschaft hilft jetzt niemandem. Ein Kommentar.

BING! Das ist der Sound of Homeoffice, im Sekundentakt treffen die Nachrichten auf Laptop und Handy ein. News von der Corona-Front, Absprachen für den Arbeitstag, Alltägliches und Alarmierendes, Lustiges und Trauriges. Wie durchs All trudelnde Astronauten senden die abgekoppelten Arbeitnehmer pausenlos Botschaften ans vermeintlich führerlose Mutterschiff und die anderen Trabanten, hallo, hier bin ich, ich lebe noch. BING!

Jetzt, in der Corona-Krise, mischt sich ein neuer Unterton in all die Kurznachrichten und Mails. Im Homeoffice scheinen viele Menschen beweisen zu wollen, wie gut sie die Ausnahmesituation im Griff haben, wie lässig sie Arbeit, Kinder und Haushalt meistern. Die Botschaft: Guckt mal, wie ich das hinkriege! Dabei schwingt stets unausgesprochen mit: Na, und bei euch so? Könnt ihr mithalten?

So sieht unser Schicksal für die kommenden Wochen nunmal aus

Ja, ich arbeite auch so gut und so viel, wie es geht. Nein, ich bin wahrscheinlich nicht so produktiv wie üblich. Und bestimmt auch nicht so entspannt. Aber so geht es doch allen, das ist unser Schicksal für die kommenden Wochen! Da hilft es niemandem, wenn ihr aus der Krise einen Wettbewerb macht.

Doch genau darum scheint es einigen Leuten zu gehen. Warum sollte man in Nachrichten an Kollegen sonst betonen, wie toll die eigenen Kinder schon am ersten Tag der Schulschließungen per Lern-App ihr Mathematikpensum vorantreiben? Wie nebenbei erwähnen, dass man selbstverständlich am Abend nochmal in die Mails reinschauen wird, sobald die Tochter im Bett ist? Oder Fotos vom adrett aufgeräumten Arbeitsplatz am Küchentisch verschicken?

[Behalten Sie den Überblick: Corona in Ihrem Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihren Bezirk. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de]

Im Homeoffice vermischt sich das Dienstliche noch stärker mit dem Privaten, als das im normalen Arbeitsalltag ohnehin schon der Fall ist. Das ist unausweichlich und verständlich. Und natürlich versuchen gerade Eltern, ihren Vorgesetzten und Kollegen zu zeigen, dass sie trotz aller Hindernisse und familiären Verpflichtungen erreichbar, belastbar, leistungsfähig sind.

Es ist nichts Verwerfliches dabei, das auch beweisen zu wollen, auf Anerkennung oder ein Lob aus zu sein. Davon ist wohl niemand frei, ich bin es ganz bestimmt nicht.

Man darf jedoch nicht vergessen, wie die Jubelmeldungen auf jene Kolleginnen und Kollegen wirken, die vielleicht gerade ein schreiendes Kind trösten müssen, während der Partner an einer Telefonkonferenz teilnimmt (der hat nämlich auch einen Job und sitzt nur ein Zimmer weiter). Oder die sich schlecht fühlen, weil es Tiefkühlpizza gab und das Kind ewig ferngesehen hat. Oder sich abends nicht noch einmal einloggen wollen, weil sich der Abwasch in der Küche stapelt. Und die Couch echt verlockend aussieht.

Homeoffice mit Kindern manchmal auch Scheitern

Die Lösung des Problems: Ehrlichkeit. Ruhig mal sagen, wenn etwas nicht klappt, wenn die Kinder ihr gutes Recht verlangen, wenn alles zu viel wird. Denn diese Momente gibt es zurzeit in allen Familien, alles andere wäre ein Wunder. Mails an die Kollegen schreibt aber niemand darüber. Homeoffice mit Kindern bedeutet Kompromisse und Stress, manchmal auch Scheitern. Das muss man nicht ständig vor sich hertragen, aussprechen darf man es aber sehr wohl.

Und in ein paar Wochen werden wir über Texte wie diesen hier hoffentlich lachen. Uns fragen, was eigentlich mit uns los war. Und drei Kreuze machen, dass es vorbei ist.

Zur Startseite