Sensation in der Bundesrepublik. Die Journalistin Wibke Bruhns verliest am 12. Mai 1971 im ZDF die Nachrichten. Foto: picture-alliance / dpa
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Frauen als Nachrichtensprecherinnen Frühe Welterklärerinnen

Amely Schneider

Vor 50 Jahren sorgte Wibke Bruhns als erste weibliche TV-Nachrichtensprecherin in der Bundesrepublik Deutschland für Aufsehen – seither hat sich der Journalismus gewandelt.

Eine Ankündigung gab es nicht. Als am 12. Mai 1971 bei der Spätausgabe der Nachrichtensendung „heute“ im ZDF unerwartet Wibke Bruhns’ Gesicht auf dem Bildschirm erschien, war das für das Fernsehpublikum in der Bundesrepublik Deutschland eine große Überraschung. Eine Frau hatten sie bis dahin noch nicht in einem Nachrichtenstudio erlebt.

Das ist 50 Jahre her, ein Jubiläum, an das als Meilenstein deutscher Fernsehgeschichte erinnert wird. Dabei bleibt jedoch oft unerwähnt, dass zu diesem Zeitpunkt im anderen Teil Deutschlands Nachrichtensprecherinnen bereits seit acht Jahren im Einsatz waren. Im DDR-Fernsehen hatte Anne-Rose Neumann eher unaufgeregt 1963 erstmals die Meldungen in der Sendung „Aktuelle Kamera“ verlesen. „Das zeigt, wie unterschiedlich die öffentlich erzeugten Frauenbilder schon zu diesem Zeitpunkt in West- und Ostdeutschland waren“, sagt Professorin Margreth Lünenborg, die am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin zum Schwerpunkt Journalismus forscht. In der DDR waren deutlich mehr Frauen berufstätig als in der Bundesrepublik.

In Briefen und Anrufen wurde vor allem ihr Äußeres kommentiert

Wibke Bruhns empfand das Ereignis für ihre Laufbahn als weniger bedeutsam, wie sie später immer wieder in Interviews berichtete. Sie war bereits eine gestandene Journalistin. Schon ein Jahr später verließ sie das ZDF, wurde Korrespondentin für den „Stern“ in Jerusalem und Washington. Und trotzdem: Wibke Bruhns’ TV-Auftritt sorgte damals in der Bundesrepublik für einigen Wirbel. Beim ZDF gingen zahlreiche Anrufe und Briefe ein, in denen vor allem ihr Äußeres kommentiert wurde: ihre Frisur, den Ausschnitt der Bluse, die Form ihrer Brille. „Das zeigt, dass damals Körper und Stimme der Frau als nicht angemessen wahrgenommen wurden, Nachrichten in der gebotenen Neutralität und Distanziertheit zu kommunizieren“, sagt Margreth Lünenborg. Nachrichten wurden extrem förmlich und nüchtern präsentiert. Frauen wurden dagegen vor allem mit Emotionalität verbunden. Im Fernsehen sah man sie nur in hoch stereotypen Rollen – als umsorgende Hausfrau, Ehefrau und Mutter.

Anne-Rose Neumann sprach am 8. März 1963, dem Frauentag, als erste Frau in der DDR die Nachrichten. Foto: picture alliance / arkivi Vergrößern
Anne-Rose Neumann sprach am 8. März 1963, dem Frauentag, als erste Frau in der DDR die Nachrichten. © picture alliance / arkivi

„Zwar gab es bereits einzelne Journalistinnen, die durchaus erfolgreich waren; Frauen waren in den Redaktionen jedoch bis weit in die 1980er Jahre hinein in deutlicher Minderheit“, sagt Margreth Lünenborg. „Journalistinnen: Frauen in einem Männerberuf“, diesen Titel trug noch Anfang der 1980er Jahre eine Studie der Kommunikationswissenschaftlerin Irene Neverla. Frauen im Journalismus blieben randständig und waren auf wohlwollende Unterstützung von Männern angewiesen. Die männliche Dominanz zeigte sich im Redaktionsalltag, wenn Männer in Redaktionskonferenzen viel selbstverständlicher das Wort bekamen, die Weltlage erörterten und Zuspruch für ihre Ideen erhielten, so die Kommunikationswissenschaftlerin.

Das Bewusstsein in Redaktionen hat sich allmählich gewandelt

Mit dem Aufkommen des privaten Hörfunks und Fernsehens kam es zu einer Öffnung des journalistischen Arbeitsmarktes, der Frauen den Zugang erleichterte. Ihr Anteil stieg bis 1990 auf 30 Prozent. Heute liegt er bei 40 Prozent im gesamten Berufsfeld. Bei Zeitschriften, die sich gezielt an eine weibliche Leserschaft wenden, gab es schon früh viele weibliche Redakteurinnen. Bei den überregionalen Medien gibt es mittlerweile auch eine deutlich höhere Anzahl von Frauen in Leitungspositionen. „Allmählich hat sich hier das Bewusstsein in Redaktionen gewandelt. Frauen sind als Leserinnen und Nutzerinnen ökonomisch relevant. Und auch in den Redaktionen ist der Druck gewachsen. Reine Männer-Bastionen, wie es der ,Spiegel‘ lange war, sind heute obsolet“, sagt Margreth Lünenborg.

Anders sehe es bei den Lokal- und Regionalzeitungen aus, die eine wichtige Rolle für die publizistische Vielfalt im Land spielen. Dort sei der Anteil von Frauen auf Leitungsebene nach wie vor sehr gering, wie die Wissenschaftlerin betont. Auch Nachrichtenagenturen seien weiterhin eher eine Männerdomäne. Die Initiative „Pro Quote“ ermittelt regelmäßig den Frauenanteil in Redaktionsleitungen: Bei Regionalzeitungen lag er zuletzt bei etwa sieben Prozent. Die überregionalen Tageszeitungen bringen es im Schnitt auf 25 Prozent.

Frauen haben eine starke Präsenz vor der Kamera

Nach Wibke Bruhns hat es 25 Jahre gedauert, bis in der ARD 1976 Dagmar Berghoff zur ersten Frau vor der Kamera bei der „Tagesschau“ wurde. Heute sind weibliche Sprecherinnen und Moderatorinnen von Informationssendungen nicht mehr außergewöhnlich. Im Gegenteil: Die großen Polit-Talks – „Anne Will“, „Maybrit Illner“, „Sandra Maischberger“ – werden bereits seit einiger Zeit vor allem von Moderatorinnen präsentiert. „Frauen haben heute eine starke Präsenz vor der Kamera. In den Chefetagen bildet sich dies jedoch nicht gleichwertig ab“, erläutert Margreth Lünenborg. Vor allem die Intendanzen seien weit von einem ausbalancierten Verhältnis der Geschlechter entfernt – ganze zwei Intendantinnen gibt es heute im öffentlich- rechtlichen Rundfunk.

Die digitalen Medien haben das journalistische Feld noch einmal geweitet. Dadurch gibt es eine größere Vielfalt an Medienangeboten und Medienorganisationen. Die Profession hat sich grundlegend verändert und ist stetem Wandlungsdruck ausgesetzt. Studien zeigen, dass sich im Hinblick auf die neuen Anforderungen wachsender Agilität divers besetzte Teams als besonders produktiv erweisen. Hier gilt es, neben einem ausgeglichenen Verhältnis der Geschlechter auch Vielfalt mit Blick auf soziale und kulturelle Herkunft zu integrieren. „Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Perspektiven auf die Welt bringen neue Aspekte in die Debatten ein“, sagt Margreth Lünenborg. „Genau das braucht Journalismus dringend, wenn er zeitgenössische Gesellschaften kompetent beobachten will.“

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