An persönliche Hygiene ist in Moria zurzeit kaum zu denken. Foto: Elias Marcou/Reuters
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Flüchtlingslager Moria und das Coronavirus „Wenn man jetzt krank wird, hat man Pech“

Abstand halten? Hände waschen? In Moria ist das unmöglich. Deswegen könnte das Coronavirus im Flüchtlingslager auf Lesbos schlimmer wüten als irgendwo sonst.

Schlange stehen, das ist das erste, was er an jedem Morgen macht. Erst in der Schlange vor den Containern mit den Toiletten: 20 Minuten. Duschen: 40 Minuten. Frühstück: 30 Minuten. „Minimum“, sagt Zabi. Überall Menschenschlangen, wenn doch gerade alle Welt vom Abstandhalten predigt, von „social distancing“. Abstand, hier? Zabis Lachen klingt bitter durchs Telefon. Er lebt im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos.

Moria, der Name steht mittlerweile stellvertretend für das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik.

Ein Lager, angelegt in den Hügeln der Insel für etwa 3000 Menschen, nun Wohnort von knapp 25.000 Frauen, Männern und Kindern. Sie haben den riskanten Weg über die Türkei und das Mittelmeer hinter sich gebracht, um jetzt hier festzustecken.

Seitdem sich das Corona-Virus in Europa verbreitet, scheint ihre Lage aussichtsloser als je zuvor.

Am Sonntagmittag waren laut der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität in Griechenland mehr als 1000 Menschen infiziert, schon vor rund drei Wochen soll es einen Fall auf Lesbos gegeben haben.

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Nicht ob, sondern wann das Virus das Lager erreicht, ist die Frage

Die Bewohner von Moria dürfen das Lager höchstens für kurze Zeit verlassen, für einen Spaziergang in den nahen Olivenhainen, wo auch Zabi zu erreichen ist. Die Straße hinunter, in die Hauptstadt Mytilini gar, darf niemand mehr.

Ob das Corona-Virus das Flüchtlingslager erreicht, ist keine Frage mehr. Die Frage ist: wann?

Wenn ein Bewohner in Moria sich mit dem Corona-Virus infiziert, dann werden es bald alle haben. Das sagen die Flüchtlinge - in Videos, die im Netz kursieren, in Interviews. Es werde Tote geben. Alle Appelle, das Lager zu evakuieren, sind bisher verhallt.

Am Freitag forderte der Präsident des Europaparlaments, David Sassoli, ein sofortiges Ende des Elends. „Wir müssen sofort anfangen, zumindest die Risikogruppen zu evakuieren, die verletzlichsten Menschen, das heißt Personen über 60, Kranke, Mütter und natürlich Kinder“, sagte der sozialdemokratische Politiker aus Italien dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“. Man dürfe keine Zeit mehr verlieren.

Mitte der Woche schlug die Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline Alarm. Die Menschen in Moria würden sich selbst überlassen, hieß es auf Twitter. Viele NGOs haben Mitarbeiter abgezogen, medizinische Versorgung im Lager ist auf ein Minimum reduziert, auch die Zahnklinik, in der Zabi als Zahnarzthelfer arbeitete, ist vorerst für einen Monat geschlossen. „Wenn man jetzt krank wird, hat man Pech“, sagt er.

Er erzählt ruhig, ohne Groll

Der 31-Jährige sei vor einem halben Jahr in Moria angekommen, er stamme aus Afghanistan, erzählt er, wo er als Übersetzer für Ärzte und Psychologen gearbeitet habe, sagt Zabi. Über seinen Asylantrag sollte in wenigen Monaten entschieden werden. Aber das ist nun alles hinfällig, das Büro des European Asylum Support Office (EASO) sei geschlossen.

Er erzählt das ruhig und ohne Groll. Als sei ein bewilligter Asylantrag nicht das allerwichtigste. Und vielleicht ist es das im Moment auch nicht.

Damit die Bewohner in Moria informiert sind und wissen, wie sie sich schützen sollen, seien Plakate aufgehängt worden, sagt Zabi. Dass häufiges und gründliches Händewachsen ein einfacher Schutz gegen die Verbreitung des Virus sein kann, ist bekannt. Aber wie befolgen, wenn es das Wichtigste dafür nicht ausreichend gibt: Wasser. „Es ist nicht genügend in den Leitungen“, sagt Zabi, „wir brauchen mehr.“

Als er vor Wochen vom ersten bestätigten Corona-Fall auf Lesbos hörte, deckte er sich im Supermarkt mit Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken und Einweghandschuhen ein. Auch andere Flüchtlinge habe er dazu ermuntert, sagt Zabi. Diese Schätze bewahre er nun im Container auf, den er sich mit neun weiteren Männern teile. Einer sei stets vor Ort und bewache den Besitz der anderen. Nichts ist sicher in Moria.

Die Menschen seien müde, sagt Zabi

Die Stimmung, ohnehin schon angespannt, wird in diesen Tagen nicht besser. Die Menschen seien müde, sagt Zabi, müde vom langen Warten im Asylverfahren. Viele litten unter psychischen Problemen, Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen – so wie er. Dass er nach einigen Nächten auf dem Boden nach seiner Ankunft im Lager relativ schnell einen Schlafplatz in einem Container bekam, liege auch an seinem Gesundheitszustand, erklärt er. Täglich nehme er Medikamente.

Frauen aus dem Camp von Moria nähen in Räumen der NGO "Team Humanity" Gesichtsmasken. Foto: Manolis Lagoutaris/AFP Vergrößern
Frauen aus dem Camp von Moria nähen in Räumen der NGO "Team Humanity" Gesichtsmasken. © Manolis Lagoutaris/AFP

Die Arbeit in der Zahnklinik habe ihn beschäftigt und abgelenkt. Nun muss er sich anderweitig davon abhalten, in Trübsal zu verfallen. Ein Spaziergang zwischen Olivenbäumen sei schonmal nicht schlecht, sagt Zabi und schickt per Whatsapp das Foto einer Blume. Um seine Gedanken beisammen zu halten, lese er medizinische Fachbücher, die er sich aufs Handy lade, den Koran samt ausführlicher Anmerkungen; er telefoniere mit Verwandten in Afghanistan und nutze Facebook.

Mag sein, dass es ihm so gelingt, die Realität zu verdrängen. Mag sein, er erzählt das Gegenteil einfach nicht.

"Mindestens einmal pro Woche bricht ein Abwasserrohr"

„Moria ist kein sauberer, hygienischer Ort“, sagt er und fast klingt das zynisch in Anbetracht der Bilder, die seit Monaten und Wochen aus Lesbos in die Welt gehen. Erst vor wenigen Tagen berichtete die englischsprachige Ausgabe des Magazins "Vice" über die Zustände vor Ort: Es gibt keine konstante Elektrizität im Camp, fließendes Wasser unregelmäßig, heißes Wasser gar nicht. Überquellende Müllcontainer stehen an den Straßenrändern. „Mindestens einmal pro Woche bricht ein Abwasserrohr und ein Strom menschlicher Fäkalien fließt durch das Camp.“

Mission Lifeline schrieb am Mittwoch auf Twitter, in Moria sei die Krätze ausgebrochen. Und am gleichen Tag: „Für Kinder und Jugendliche wird die Essensversorgung auf 1000 kcal/Tag reduziert. Pro Familie wird die Ausgabe von Trinkwasser in Flaschen auf 9 Liter pro Tag herabgesetzt – auch für Familien mit mehr als 6 Personen.“

Zum Vergleich: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für Kinder von sieben bis unter zehn Jahren je nach körperlicher Aktivität eine Kalorienzufuhr von 1700 bis 2000.

Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, schrieb auf Twitter: „Statt die Inseln endlich zu evakuieren warten die europäischen Regierungen einfach ab, bis sich #Corona dort ausbreitet. Das ist eine tödliche Politikverweigerung.“ Lang unterstützt die Kampagne und Petition ihres Parteikollegen Erik Marquardt – „LeaveNoOneBehind“ – der sich dafür einsetzt, die Flüchtlinge möglichst schnell aus Moria herauszuholen.

Das Virus macht nicht alle Menschen gleich

In Zeiten, in denen jeder um seine eigene Sicherheit bangt, ist Solidarität rar. Das Virus, das Menschen auf der ganzen Welt auf die gleiche Art bedroht, macht nicht alle zu Gleichen. Der Fall Moria offenbart auf erschreckende Weise das Gegenteil.

„Wir sind vor Gewalt und Armut aus unseren Heimatländern geflüchtet und jetzt stecken wir hier in Moria fest“, sagt Zabi, der von einem Leben in Deutschland träumt. Er sei froh, dass zumindest die Kinder im Lager, viele von ihnen unbegleitete Flüchtlinge, noch nicht viel von internationaler Politik und Corona mitbekämen.

Auch der 36-jährige Mehmed ist vor sieben Monaten mit seiner ganzen Familie in Moria angekommen, sein Sohn ist fünf, seine Tochter zwei Jahre alt. Die kurdische Familie stammt aus Afrin im Nordwesten Syriens. Vier Jahre lang hätten sie in der Türkei gelebt, bevor sie die Überfahrt nach Lesbos wagten. Beinahe alle seine Verwandten lebten in Europa, sagt Mehmed am Telefon. Zwei Brüder, einer in Dänemark, der andere in Bulgarien, schickten ihm Geld, er selbst wolle weiter in die Niederlande.

Anders als Zabi spricht Mehmed kein geschliffenes Englisch, aber Türkisch. Als hätten die Jahre als Flüchtling ihn vorsichtig gemacht, formuliert er unbewusst viele seiner Aussagen als Fragen.

Er, der gelernter Elektriker sei, habe in der Türkei Hochzeitskleider genäht, ein Jahr im Gefängnis gesessen – weil er öffentlich Kurdisch gesprochen habe. In Moria habe er für 50 Euro ein paar Paletten gekauft, zusammengeschoben und mit einem Zelt überdacht. Da lebe er nun mit seiner Familie.

Mehmed erzählt, dass das Wasser im Lager nur stundenweise aus den Hähnen komme, manchmal nur spät am Abend oder früh morgens. Händewaschen sei schwer möglich, von Duschen zu schweigen. Die Toiletten seien sowieso in einem erbärmlichen Zustand. Und ohne Wasser… Er selbst bade alle zwei Wochen. Das muss reichen.

Am 25. März, so berichtet Mission Lifeline auf Twitter, wurde die Wasserversorgung im Lager zwischenzeitlich eingestellt.

Im Hintergrund erstreckt sich ein Meer aus Zelten

Aufgeregt erzählt Mehmed auch vom Brand in Moria Mitte März. Es war nicht der erste im Lager. Mehmed schickt Videos über Whatsapp, dicke schwarze Rauchwolken über dem Camp, Männer filmen mit ihren Handys, die Feuerwehr bahnt sich den Weg durch die Menge. Später wird berichtet werden, dass die Feuerwehr Probleme gehabt habe, den Brandherd schnell zu erreichen – die Container im Lager seien zu dicht aneinandergebaut. Es heißt, im Feuer sei ein sechsjähriges Mädchen gestorben. Mehmed schickt ein Bild: Ein verkohlter kleiner Körper, Arme und Knie angezogen, der Schädel aufgeplatzt. Es mag das Mädchen sein. Vielleicht auch nicht. Nachprüfen lässt sich das nicht.

Auf einem anderen Foto ist Mehmed selbst zu sehen. Es ist das Selfie eines stabil gebauten Mannes, der mit ernstem Gesicht und zusammengekniffenen Augen in sein Handy schaut. Im Hintergrund erstreckt sich ein Meer aus Zelten. Auch ein Video der Müllberge schickt er. Blaue und schwarze Säcke, meterhoch aufgestapelt am Straßenrand. Ein paar Meter weiter: Dixiklos.

Machtlos einer Situation ausgeliefert sein – was derzeit die ganze Welt erlebt, kennen die Männer, Frauen und Kinder in Moria schon lange. Doch der Schrecken, dem sie sich und ihre Familien ausgesetzt haben, schien halbwegs kalkulierbar. Er ist es ganz und gar nicht mehr.

„Manchmal atme ich tief ein und sage: Gott, wenn es nicht in meiner Hand liegt, hilf mir bitte, sagt Zabi am Telefon. Und dann wartet er.

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