Zoya Mahfoud (hier im Gespräch mit Jochen Krüger von der Stiftung), betrachtet die neue ständige Ausstellung mit anderen Augen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP
© Doris Spiekermann-Klaas TSP

Flucht, Vertreibung, Versöhnung Nur wer Flucht erlebt hat, kann sie begreifen

Zoya Mahfoud

Am 23. Juni eröffnet in Berlin das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Zoya Mahfoud ist vor fünf Jahren aus Syrien nach Berlin geflohen. In der Ausstellung erinnert sie sich an eigene Erlebnisse – und vergleicht.

Ich habe einmal gelernt, dass alle Menschen gleich sind. In der am 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es in Artikel 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Das ist ein schönes Ideal.

Im Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ können wir sehen, was tatsächlich in der Welt passiert ist und passiert. Ja, bei meinem Besuch dort wollte ich die Bilder der Ausstellung, die kalten Wände berühren. Eigentlich wollte ich nur weinen.

Geflohene Kinder zeigen selbstgemalte Bilder ihrer Flucht, die Ängste und Schrecken des Krieges. Vielleicht können sie mit ihren kleinen Händen diese arrogante Welt bewegen. Frauen, die ihre Babys auf dem Schoß halten, starren in die Kameralinse und fixieren mit ihren Augen diese Welt. Es ist ein Schrei der Angst und Wut.

Man darf nur nach vorne schauen. Sonst kann man kein neues Leben beginnen

Krieg ist immer Krieg. Flucht ist immer Flucht. Exil ist immer Exil. So geht es weiter ohne Ende. Wenn ich mir die Fotos ansehe, erinnere ich mich an viele Situationen, die ich selber erlebt habe, Situationen, in denen man nur nach vorne schauen darf oder muss. Wenn man das nicht schafft, dann gelingt es einem auch nicht, ein neues Leben zu beginnen.

Ich habe gelesen, wie es damals war, nach dem Zweiten Weltkrieg, als Millionen Deutsche vertrieben wurden. Ich war erstaunt, dass auch viele Deutsche damals in Deutschland unerwünscht waren. Eine deutsche Freundin hat mir, bei einem Kaffee auf einer schönen Terrasse, von ihren persönlichen Erfahrungen dieser schmerzhaften Zeit erzählt. Sie war damals 15 Jahre alt.

Etwa 14 Millionen Deutsche wurden aus ihrer Heimat vertrieben – und heute sprechen wir in der globalen Syrienkrise auch von etwa zwölf Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Es ist meine Flucht, und es war es ein Weg mit vielen Dornen. Nur wer den Fluchtweg durchlebt hat, kann ihn begreifen. Ich trug auf meinem Rücken einen Rucksack voller Erinnerungen und einer Hose, Medikamente für den Magen und gegen Kopfschmerzen und einige Ausweispapiere wie meinen Personalausweis, meine Abschlusszeugnisse und meinen Presseausweis. Ich weiß nicht, welche der damaligen Freunde mir rieten, den Presseausweis mitzunehmen, oder ob sie mich vielleicht verspotteten. Auf dem Fluchtweg traf ich viele Menschen, Frauen und Männer, Jugendliche und sogar Kinder ohne ihre Familie. Ein Faden, der uns alle verband, war, dass wir alle Fremde waren und uns nicht kannten und nicht wussten wohin. Aber wir flohen alle, verängstigt, hilflos. Nichts war klar, nur unsere Schritte in diesen kalten Dezembernächten auf der Insel Kos. Wir wollten alle auf die andere Seite der Welt fliehen. Aber wir wussten nicht, wohin uns das Schicksal schleudern würde. Mich hat es nach vielen Stationen schließlich nach Berlin gebracht.

"Du musst dich sofort beim Lageso registrieren"

Dort, am Bahnhof Zoo hat ein Freund auf mich gewartet. Ich erinnere mich an diesen Tag, den 23. Dezember, um zehn Uhr nachts, einen Tag vor Weihnachten. Ich weiß nicht, ob ich noch unter der Narkose dieser schmerzhaften Reise war. Ich sagte ihm, ich möchte nur schlafen. Er sagte: „Du kannst jetzt nicht. Du musst dich sofort beim Lageso registrieren, sonst bekommst du kein Bett.“ Dort habe ich sofort meine syrischen Papiere abgegeben und als Asylbewerberin das erste Papier mit deutschem Stempel erhalten.

Viele Leute glauben, dass sich Menschen freiwillig entschließen zu fliehen. Ich glaube nicht, dass Flucht jemals freiwillig ist, heute nicht und auch früher nicht. Die Ausstellung zeigt Geschichten von vielen Fluchten und Vertreibungen. Die Frage ist, ob wir die Erfahrungen von Geflüchteten und Vertriebenen heute und damals vergleichen können. Teilen sie ein gemeinsames Schicksal? Natürlich ist jede Erfahrung, jedes Leiden anders. Für die neuen Flüchtlinge gibt es heute viele Herausforderungen, wie vor allem die Sprache, die Mentalität, ethnische Zugehörigkeit, Bräuche, Traditionen, unterschiedliche Kulturen.

Aber auch die geflohenen Menschen von damals erinnern sich an solche Herausforderungen. Als ich meine ältere deutsche Freundin fragte, mit welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten sie als Flüchtlinge konfrontiert waren und ob es auch wie heute Programme und Projekte zur Integration gab, konnte sie nur lachen. „Wir gehörten auch einer anderen Kultur an und wir wurden behandelt wie heute viele Ausländer“, sagte sie. „Auch unsere Sprache war für viele Menschen fremd und wir mussten eine neue deutsche Sprache lernen, weil wir andere Dialekte sprachen.“ Der Kellner unterbricht uns mit einem leckeren Eis. Meine Freundin isst davon und sagt: „So ein Eis war ein Traum für uns. Wir waren zu dritt – meine Mutter, meine kleine Schwester und ich. Wir haben erlebt, wie es ist, Flüchtlinge in unserem eigenen Heimatland zu sein.“

Ohne die neue Sprache konnte ich kein neues Zuhause bauen

Vor fünf Jahren musste ich mich radikal von Familie, Freunden, meiner gewohnten Umgebung trennen, neue Freunde, einen neuen Ort suchen. Ich musste wieder lernen, ein neues Alphabet beginnen, um sicher auf den Boden zu treten und ein neues Zuhause zu bauen. Vor allem die ersten Monate nach Ankunft waren schwierig: Ich konnte mit niemandem über meine Probleme sprechen, es war sehr schwer. Dabei war es wichtig, schnell Deutsch zu lernen und sich auch im Alltag verständigen zu können. Das Leben hier ist mit großen bürokratischen Hürden verbunden. Briefe von Ämtern und Behörden werden immer in einer offiziellen, bürokratischen Sprache verfasst.

Am Anfang war ich nicht stabil. Ich hatte immer das Gefühl auf einem Koffer zu sitzen. Als wären diese Orte, Straßen und Häuser nichts anderes als Bahnhöfe, an denen ich auf einen Zug wartete, von dem ich nicht wusste, wann und wie er kommen würde.

Heute ist mir das neue Leben vertrauter geworden. Heute ist dieses Land ein Zuhause für mich, und meine Heimat ist vielleicht die Erinnerung. Es ist für mich schwierig, die Frage zu beantworten: „Wollen Sie nach Syrien zurückkehren, wenn …?“, weil ich keine klare Antwort auf diese Frage weiß.

Heute versuche ich hier mein Haus mit all diesen Widersprüchen zu bauen. Jede Geschichte ist einzigartig und erzählt von der Flucht und dem Ankommen in der neuen Gesellschaft. Je mehr wir davon hören, desto mehr verstehen wir die Kraft und Widerstandskraft, die Menschen dafür aufbringen müssen.

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