Deutsche Vertriebene 1945 in der Nähe der Elbe, syrische Kurden auf der Flucht in die Türkei 2014 bei Kobani. Fotos: Hulton Deutsch/Stringer/Getty Images. Montage: Sabine Miethke
© Fotos: Hulton Deutsch/Stringer/Getty Images. Montage: Sabine Miethke

Flucht, Vertreibung, Versöhnung Die dunkle Seite der Moderne

Michael Schwartz

Am 23. Juni eröffnet in Berlin das Zentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Als Phänomen entstand Zwangsmigration im 20. Jahrhundert – doch sie prägt unsere Gegenwart und Zukunft mit.

Vielleicht ist es der Raum der Stille, der im neuen Dokumentationszentrum am Askanischen Platz angesichts von millionenfachem Leiden eine gemeinsame Erinnerung ermöglicht – der Raum, an dem Versöhnung eine Chance erhält. Denn traumatische Erlebnisse von Flucht und Vertreibung sind kein Phänomen der Geschichte. Sie sind brutale Gegenwart. Der neue Lern- und Erinnerungsort bildet mit anderen Einrichtungen in nahezu direkter Nachbarschaft ein überaus notwendiges Zentrum für die Darstellung und Folgen von Zwangsherrschaft, Terror und menschenverachtendem Handeln. Zur Eröffnung erklärt der Historiker Michael Schwartz, wie das 20. Jahrhundert und gewaltsame Migration zusammenhängen.

Der Soldat war mit seiner Armee tief in das angegriffene Land eingedrungen. Im Winter stieß er auf einen Zug, der meist aus Viehwaggons bestand, „dicht besetzt“ mit Menschen, die von seiner Regierung aus ihren Heimatorten ausgewiesen worden waren. Ein Kleinkind war fast erfroren. Der Soldat war erschüttert: „Sie haben nichts mehr. Sie haben auch nichts mehr zu essen. Die Polizei ist gekommen und hat sie aus ihren Wohnungen herausgetrieben, in 10 Minuten mußten sie das Haus verlassen, alles dalassen, nur das Notdürftigste haben sie zusammengerafft.“ Am liebsten wollte er, dabei an seine eigenen Kinder zu Hause denkend, die hungernden und frierenden Kinder des anderen Volkes in den Arm nehmen und trösten, er wollte all die verzweifelten Menschen um Verzeihung bitten, dass man „so ruchlos unbarmherzig, so grausam unmenschlich“ mit ihnen umging: „Woher ist dieser teuflische Plan, wer kann so mit Menschen umgehen?“

Dies schrieb der deutsche Feldwebel Wilm Hosenfeld, der an Hitlers Angriffskrieg auf Polen teilgenommen hatte und im Dezember 1939 diesen Vertriebenen aus den damaligen polnischen Westgebieten begegnet war. Dieses Ergebnis prägte ihn für immer. Während des Krieges rette der mittlerweile zum Hauptmann aufgestiegene Hosenfeld verfolgten Juden das Leben. Er starb 1952 in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager.

Zu Beginn des Krieges vertrieben Deutsche eine Million Polen

Im Grunde aber sind Personen, Nationen und Orte austauschbar, denn das 20. Jahrhundert wurde – besonders in seiner ersten Hälfte – vielerorts zu einer Hochphase solcher Zwangsmigrationen. Die zahlenmäßig größte war in Europa die Vertreibung und Zwangsaussiedlung von zwölf bis 14 Millionen Deutschen aus Ostdeutschland und Osteuropa, eine bittere Folge des gescheiterten NS-Angriffskrieges, zu dessen Beginn Hosenfeld den Beginn der Vertreibung von rund einer Million Polen durch Deutsche nach Osten beobachtete.

Die Jahre 1939 bis 1948 wurden zum Höhepunkt massiver Vertreibungspolitik, die im Falle der europäischen Juden in Hitlers Machtbereich zum millionenfachen Völkermord radikalisiert wurde. Konzentriert man sich auf ethnisch motivierte Zwangsmigrationen, belief sich die Gesamtzahl der Opfer auf rund 60 Millionen Menschen während der 1940er Jahre in Europa. Zwischen 1939 und 1943 sollen bis zu 30 Millionen Menschen vor allem durch Entscheidungen Hitlers und Stalins vertrieben, zwangsumgesiedelt oder deportiert worden sein. Auf die Niederlage Hitler- Deutschlands folgten von 1944 bis 1948 erneute Zwangsmigrationen von 31 Millionen Menschen. Die erste Welle dieser Zwangsmigrationen wurde bei Kriegsende für die Überlebenden größtenteils rückgängig gemacht, die zweite Welle durch dasselbe Kriegsende erst ausgelöst. Bedenkt man, dass es außerhalb Europas damals ebenfalls massenhaft Opfer gewaltsamer Bevölkerungsverschiebungen gegeben hat, deren Größenordnung allein für die Fälle Indien/Pakistan und Israel/Palästina auf 22 Millionen Zwangsmigranten geschätzt wird, ist die globalhistorische Bedeutung der 1940er Jahre als dunkler Höhepunkt ethnischer „Säuberung“ unverkennbar.

Für uns Deutsche ist die Einschätzung von Timothy Snyder wichtig, dass einerseits die Deutschen mit der „gewaltigen“ Zahl von über zwölf Millionen die deutlich größte Opfergruppe der damaligen Zwangsumsiedlungen gewesen sind, dass aber ihre Vertreibung andererseits „nicht den größten Teil der erzwungenen Umsiedlungen während und nach dem Krieg“ ausmachte. Zwei Millionen Nichtdeutsche seien zur selben Zeit von sowjetischen oder polnischen Behörden deportiert worden. Acht Millionen von den Deutschen verschleppte Zwangsarbeiter hätten in die Sowjetunion zurückkehren müssen, oft gegen ihren Willen. Während des Krieges seien in der UdSSR und in Polen über zwölf Millionen Menschen – insbesondere Ukrainer, Polen und Weißrussen – geflohen. Außerdem seien auch die von den Deutschen bis 1945 ermordeten rund zehn Millionen Menschen – insbesondere Juden und Polen – zuvor meist „verschleppt“ worden. Die größte Nachkriegs-Zwangsumsiedlung nach derjenigen der Deutschen dürfte jene von bis zu 2,5 Millionen Polen aus jenen polnischen Ostgebieten gewesen sein, die Stalin 1939 durch seinen Pakt mit Hitler annektiert hatte und auch nach 1945 behalten durfte. Im Gegenzug wurden 482 000 Ukrainer und 36 000 Belorussen aus Polen in die UdSSR umgesiedelt. Dort wiederum wurden rund 600 000 Menschen – Krimtataren, Kalmüken, Tschetschenen, denen Stalin kollektive Kollaboration mit Hitler vorwarf – weit nach Osten deportiert.

Woher kommt dieser teuflische Plan?

Woher dieser teuflische Plan, so mit Menschen umzugehen? Die verzweifelte Frage Wilm Hosenfelds beantworten heutige Historiker mit dem Hinweis darauf, dass ethnisch motivierte Zwangsmigrationen genuin modern waren und nicht der neueste Ausbruch uralten Hasses. Sie hatten moderne Voraussetzungen, ohne die sie weder denkbar noch machbar gewesen wären: Es brauchte modernen Nationalismus oder Rassismus, um das Ideal einer ethnisch homogenen Bevölkerung zu entwickeln und die bisher übliche Assimilation von anderen auszuschließen. Es brauchte eine moderne Staatsverwaltung, die eine ganze Gesellschaft durchdrang, um flächendeckende Wirkung zu erzielen. Es benötigte moderne Wissenschaften und Techniken für die Planung und praktische Umsetzung. Und es brauchte zu ethnischer „Säuberung“ entschlossene politische, militärische und wissenschaftliche Eliten. Zwangsmigration kam nicht zufällig von unten, sie kam geplant und organisiert von oben.

Für die Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts war Krieg der „Deckmantel“, die günstige „Gelegenheit“, wie der amerikanische Historiker Norman Naimark schreibt. Vertreibungen hatten, ähnlich wie Völkermorde, im Ausnahmezustand von Krieg oder unmittelbar nach Kriegsende deutlich größere Chancen auf Umsetzung als im Frieden, weil kriegführende Gesellschaften an Gehorsam und Gewalt gewöhnt waren. Dabei waren die Kolonialkriege vieler europäischer Mächte, bei denen auch Zivilisten mitbekämpft wurden, schon um 1900 zum Erprobungsfeld für jene Methoden ethnischer „Säuberung“ geworden, die nach 1914 auch in Europa zur Anwendung kamen. Der Zusammenhang zwischen Zwangsmigrationen und Völkermorden in Kolonialimperien außerhalb Europas und den mittel- und osteuropäischen „Bloodlands“ Hitlers und Stalins ist nicht geradlinig, aber es gibt ihn.

James Sheehan spricht davon, dass mit dem Ersten Weltkrieg diese koloniale Gewalt „nach Hause“ zurückgekehrt ist. Zwischen 1914 und 1918 wurden europäische Zivilisten mit militärischen Begründungen oft derart rücksichtslos deportiert, dass Ähnlichkeiten mit kolonialistischer Gewalt unübersehbar sind. Diese ethnisch motivierten Deportationen wurden überwiegend gar nicht von feindlichen Armeen, sondern von Armeen an Bürgern des eigenen Staates begangen – als Zwangsmaßnahme gegen als illoyal eingestufte ethnische Minderheiten. Im Osmanischen Reich trafen Massendeportationen 1915 insbesondere Armenier und Griechen, im russischen Zarenreich viele Volksdeutsche und Juden. Im Fall der Armenier gaben sich die herrschenden Jungtürken mit Zwangsumsiedlung nicht zufrieden, sie nutzten die Gelegenheit zum Völkermord.

Der Genozid blieb ein Radikalfall, doch Zwangsmigration wurde respektabel

Doch während der Genozid ein Radikalfall und die Ausnahme blieb, drohte das Mittel der Zwangsmigration international respektabel zu werden. Auf dem Balkan gab es diesbezüglich eine lange Vorgeschichte im 19. Jahrhundert, an der die europäischen Großmächte seit den Unabhängigkeitskriegen Serbiens und Griechenlands immer wieder beteiligt waren. Es war kein Zufall, dass 1923 ein griechisch-türkisches Abkommen zum Symbol für Machbarkeit und vermeintliche Legitimität von Zwangsmigration wurde: das in Lausanne unter Mitwirkung diverser Großmächte und des Flüchtlingskommissars des Völkerbunds zwischen Ankara und Athen geschlossene Abkommen über einen wechselseitigen „Transfer“ von ethnoreligiösen Minderheiten. Erstmals überschritt die Zahl der Opfer mit rund zwei Millionen die symbolisch wichtige Millionengrenze. Erstmals ging es um wechselseitige „Säuberung“ zweier ganzer Staatsgebiete, von der nur wenige Ausnahmen gemacht wurden. Das Muster von Lausanne sollte Schule machen: Im Münchner Abkommen von 1938, das vier Großmächte auf Druck Hitlers der Tschechoslowakei aufzwangen, wurde es ebenso aufgegriffen wie im deutsch-italienischen Umsiedlungsvertrag über Südtirol 1939 und in den diversen bilateralen Abkommen, die Hitler zwischen 1939 und 1942 schloss, unter anderem mit Stalin. Churchill und Roosevelt, aber auch der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš nahmen im Zweiten Weltkrieg Lausanne ebenso zum Vorbild für eine künftige Entfernung deutscher Bevölkerungsgruppen nach dem Sieg über Hitler. Die Alliierten griffen 1944/45 die Politik der Zwangsmigration für ihre bevölkerungspolitische Neuordnung Mittel- und Osteuropas auf.

[Michael Schwartz ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Münster und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin.]

In Europa gab es alsbald eine Abkehr von diesem „Regime ethnischer Trennung“, wie es Lynn Tesser nennt. In Westeuropa kam es zu einer Trendumkehr von Zwangshomogenisierung zu erneuter Vielfalt durch Immigration (Displaced Persons, „Gastarbeiter“, Flüchtlinge). In Osteuropa erzwang die Moskauer Hegemonie die Dämpfung vieler Ethnokonflikte, die erst beim Untergang des kommunistischen Imperiums nach 1990 wieder aufflammten. Die meisten ließen sich befrieden, doch in Teilen des Kaukasus (Tschetschenien, Berg-Karabach), vor allem aber im zerfallenden Jugoslawien führte dies in den 1990er Jahren erneut zu Vertreibung und Völkermord. Der Bürgerkrieg in Bosnien machte 2,2 Millionen Flüchtlinge heimatlos, zudem wurden, als das Kriegsglück der Serben gegen Kroatien sich wendete, 180 000 kroatische Serben vertrieben.

Die Folgen der Zwangsmigration ragen in unsere Gegenwart hinein

Die Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts ragen in unsere Gegenwart hinein. Noch leben Opfer der Vertreibung der Deutschen unter uns. Noch lebende Opfer der Shoah oder des Porajmos – der Deportationen und Völkermorde an Juden, Sinti und Roma – sind Zeugen des Höhepunktes deutscher Ethnogewalt. Türken, Armenier und Griechen, die mit uns leben, haben kontroverse Geschichtsbilder über ethnische Gewaltpolitiken von 1915 oder 1923. Opfer der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre, die bei uns blieben, sind sehr viel näher am gewaltsam Erlebten ebenso wie zahlreiche Flüchtlinge aus anderen Kontinenten.

Neben der somit immer vielfältiger werdenden Erinnerung an vergangene Zwangsmigrationen ragt diese Gewaltpolitik immer noch in unsere Gegenwart hinein: Die Zahl der Opfer wird weltweit von Jahr zu Jahr immer größer und beträgt derzeit rund 80 Millionen. Zwangsmigrationen sind nicht nur die dunkle Seite unserer Vergangenheit, sie prägen auch unsere Gegenwart und Zukunft mit.

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