Metropolis Foto: ddp
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Filmklassiker Die Traumrollen

Andreas Conrad
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Jahrzehntelang haben die Filmhistoriker ihre Archive um- und umgegraben, auf der Suche nach einem Schatz: den verlorenen Teilen von "Metropolis", Fritz Langs Stummfilmklassiker. Jetzt sind sie wieder aufgetaucht – in einem kleinen Museum in Argentinien.

Der Verrat ist aufgedeckt, entsetzt erkennen die aufgeputschten Massen, was sie mit ihrer Revolte angerichtet haben. Ihr Hass schlägt um, wendet sich gegen die Frau, die sie aufgehetzt hat. Auf den Scheiterhaufen mit Maria! Eine der dramatischsten Szenen in „Metropolis“, in Fritz Langs Stummfilm selbst wie auch schon bei den Dreharbeiten: Damals waren Funken auf das Kleid der Hauptdarstellerin Brigitte Helm übergesprungen, Helfer mussten eilig löschen – eine Episode, die der Reporter Curt Siodmak überlieferte, der sich bei den Dreharbeiten als Statist eingeschlichen hatte.

Nachträglich betrachtet, muss die angesengte „Metropolis“-Maria geradezu als Menetekel für das Schicksal erscheinen, das den Film nach seiner Premiere am 10. Januar 1927 im Berliner Ufa-Palast am Zoo ereilen sollte. Zwar endete das über 150-minütige Werk nicht im Feuer, aber bald nach dem Start doch auf den Schneidetischen der Verleihfirmen und wurde dort brutal verstümmelt. Rund ein Viertel ging verloren – unwiderruflich, wie es noch bis vor kurzem schien. Jahrzehntelang hatten Filmhistoriker ihre Archive um- und umgegraben – und doch außer 800 Stand- und Werkfotos sowie Drehbuchangaben zu den fehlenden Szenen nicht viel gefunden.

Aber nun sind in den Archiven eines kleinen, städtischen Filmkunsthauses in Buenos Aires, dem Museo del Cine, offenbar drei Spulen mit der ursprünglichen Langversion des Films aufgetaucht. „Ungeachtet der Qualität ein sensationeller Fund“, wie Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Stiftung Deutsche Kinemathek, am Donnerstag sagte. Zweifel an der Authentizität gebe es nicht. Zu diesem Schluss sind neben Rother auch zwei andere Filmexperten gekommen: der Berliner Filmarchiv-Leiter Martin Koerber und Anke Wilkening, Restauratorin bei der ums deutsche Filmerbe bemühten Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden.

Die Filmkundler waren in der vergangenen Woche im Berliner Filmhaus am Potsdamer Platz mit der Leiterin des argentinischen Museums, Paula Félix-Didier, zusammengetroffen, hatten die Filmrollen angesehen und mit der bisherigen Fassung des Films verglichen. Arrangiert hatte das Treffen das Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“, das in seiner heute erscheinenden Ausgabe die Geschichte des Fundes darstellt und Fotos von bisher unzugänglichen Szenen zeigt.

„Metropolis“, das ist Fritz Langs Vision einer Klassengesellschaft, die über ihren Gegensätzen fast untergeht und mit der naiv-utopischen Losung „Der Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“ zuletzt doch zur Versöhnung mit sich selbst findet. Heute zählt der Film laut Unesco neben der Gutenberg-Bibel und Goethes Nachlass zum deutschen Weltdokumentenerbe.

Doch an den Kinokassen der 20er Jahre war „Metropolis“ ein Flop. Auch die Resonanz der Kritiker blieb verhalten bis ablehnend.Um ein finanzielles Desaster abzuwenden, entschlossen sich die Filmbosse den Stummfilm umzuschneiden. Schließlich hatten sich die Dreharbeiten von Mai 1925 bis Juli 1926 hingezogen, die Produktionskosten waren von kalkulierten 1,5 Millionen auf sechs Millionen Mark explodiert – für einen deutschen Film bis dato beispiellos.

Der Paramount-Verleih, der die Rechte für den US-Markt erworben hatte, produzierte schnell eine Kurzfassung, die vom Original erheblich abwich. „Ich habe ihm meine eigene Bedeutung gegeben“, sagte der amerikanische Drehbuchautor Channing Pollock damals unumwunden. Die Ufa folgte seinem Vorbild und kürzte ebenfalls rabiat. Der Kritiker Roland Schacht, der 1927 beide Versionen gesehen hatte, befand, dass in der neu geschnittenen Version „fast alles Dramatische“ und „viel des photographisch besonders Gelungenen“ fehlten, während H. G. Wells sich nur ärgerte: „Ich habe vor kurzem den dümmsten Film gesehen.“ Eine Originalkopie der Langversion tauchte danach in Deutschland nie wieder auf.

Doch es gab Adolfo Z. Wilson aus Buenos Aires, Chef des dortigen Verleihs Terra, dem die Langfassung lieber war. Er sicherte sie sich kurz nach der Premiere für den Einsatz in Argentinien und vernichtete sie auch nach dem Spielende nicht, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Stattdessen überließ Wilson sie dem Filmkritiker Manuel Peña Rodríguez, der seine Sammlung später dem Nationalen Filmfonds Argentiniens verkaufte. Dort wurden die originalen, leicht brennbaren 35-mm-Nitro-Filmrollen irgendwann auf 16-mm-Film umkopiert und danach entsorgt. Die neuen Spulen wurden 1992 dem Museo del Cine übertragen und lagerten seither kaum beachtet in dessen Archiv.

Allein der argentinische Filmhistoriker Fernando Peña ahnte immerhin etwas, nachdem in den 80ern der Leiter eines Filmclubs ihm gegenüber geklagt hatte, dass er wieder eine schlechte, endlos lange „Metropolis“-Version zeigen musste. Peña setzte sich auf die Spur des mysteriösen Films, doch erst als ausgerechnet seine Ex-Frau Paula Félix-Didier Anfang dieses Jahres Leiterin des Museums geworden war, konnte er mit ihr das verstaubte Material sichten und als das vermisste Ur-„Metropolis“ identifizieren.

Mittlerweile haben die drei Filmrollen mit den spanischen Zwischentiteln den Segen der Expertenrunde im Berliner Filmhaus, auch Enno Patalas, Filmhistoriker in München, hat sie als authentisch bewertet. Sie sind bereits wieder zurück in Buenos Aires, aber es ist jetzt wohl nur noch eine Frage von Zeit und Geld, dass die wiedergefundenen Szenen in die restaurierte Fassung des Films integriert werden. Der letzte Rekonstruktionsversuch stammt von 2001, entstanden im Zusammenhang mit der Fritz-Lang-Retrospektive der damaligen Berlinale. Die Murnau-Stiftung hat nun signalisiert, dass sie mit dem Museo del Cine und den Partnern der Restaurierung von 2001 gerne „eine vollständige Version erstellen und der Öffentlichkeit zugänglich machen“ möchte.

Denn schon vor sieben Jahren beklagte die parallel publizierte Monografie „Fritz Lang. Leben und Werk. Bilder und Dokumente“, dass zentrale Charaktere „einfach herausgeschnitten“ oder ihre Rollen „stark verkürzt“ wurden, „Motivationen der handelnden Personen wurden verändert, Schauplätze verschwanden“.

Angesichts der schlechten Bildqualität des gefundenen Materials und kleinerer Filmverluste werde jedoch auch eine restaurierte Langversion ein „Torso“ bleiben müssen, sagt Kinemathek-Chef Rainer Rother. Die Wirkung von „Metropolis“ auf die Filmgeschichte wird das allerdings wohl kaum schmälern. Schon bisher kommt kaum eine Würdigung des Films ohne den Hinweis auf Ridley Scotts 1982 erschienenen Film „Blade Runner“ aus, oder auf den monumentalen Videoclip, den Giorgio Moroder daraus machte, unter anderem mit der Musik von Freddie Mercury. Auch C-3PO, der androide Robotergefährte von R2-D2 in George Lucas’ „Krieg der Sterne“, ist ohne Fritz Langs Roboterfrau kaum denkbar. Auch Madonna verwandelte sich 1990 auf ihrer „Blond Ambition“-Tour mit einem spitzbusigen Korsett von Jean-Paul Gaultier optisch Maria an. Für ihren Song „Express Yourself“ klaute sie auch gleich das erste Szenenbild aus „Metropolis“ und machte die Bühne zu einer riesigen, futuristischen, molochhaften Maschinerie.

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