Bei Eintracht Frankfurt hat sich Kovac für größere Aufgaben empfohlen. Foto: imago/Laci Perenyi
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FC Bayern München Niko Kovac und das Wedding-Gen

Der künftige Bayern-Trainer Niko Kovac ist auf einem Berliner Bolzplatz groß geworden. Aus seinen Fußballern will er Krieger machen. Mit Frankfurt könnte er das Pokalfinale gegen seinen neuen Verein erreichen.

Eine Viertelstunde noch. Im Estadio da Luz von Lissabon steht die Hitze, England spielt bei der Europameisterschaft 2004 gegen Kroatien und David Beckham hat Durst. Die metrosexuelle Diva der internationalen Fußball-Gesellschaft stolziert zur Seitenlinie und lässt sich eine Erfrischung reichen. Da kommt von hinten Niko Kovac heran, er reißt dem Engländer die Wasserflasche aus der Hand, nimmt einen Schluck, wirft die Flasche wieder weg und macht sich nicht mal die Mühe, dem fassungslosen Beckham einen beleidigenden Blick zuzuwerfen. Beckham erstarrt für ein paar Sekunden, er hebt die Hände zum Himmel, mehr ratlos als wütend.

Was war das denn? Wie kann es dieser Fußballarbeiter von Hertha BSC wagen, mit ihm, dem Weltstar von Real Madrid, so umzuspringen wie mit einem beliebigen Balljungen?

Die Provokation zeigt Wirkung. England gewinnt zwar, aber Beckham spielt im Rest der Partie nicht mehr wie ein Star.

Diese Begegnung sagt einiges über den Mann, den der FC Bayern München in der vergangenen Woche einigermaßen überraschend als seinen neuen Trainer für die kommende Saison vorgestellt hat. Über sein Selbstbewusstsein, seinen Umgang mit Hierarchien und seinem Geschick, die Grenzen des Erlaubten und der Respektlosigkeit auszuloten.

Ein paar Tage später kam die Anfrage

So hat Niko Kovac das als Spieler gehalten, etwa bei einer Trainingsrauferei mit dem französischen Weltmeister Bixente Lizarazu in seiner kurzen Spielerkarriere bei den Bayern. Und so hält er es auch als Trainer, als dieses Angebot vom FC Bayern kommt.

Trotz eines noch bis 2019 laufenden Vertrags in Frankfurt. Trotz eines gar nicht so lange zurückliegenden Grundsatzreferats über die moralischen Defizite der heutigen Spielergeneration, für die „ein Fünfjahresvertrag genauso wenig wie ein Halbjahresvertrag“ zähle. Trotz eines österlichen Treuebekenntnisses zu Frankfurt, es gebe „keinen Grund, daran zu zweifeln, dass ich im nächsten Jahr hier Trainer bin“.

Viele haben dabei gern überhört, dass Kovac hinterherschob, er wisse nicht, „was morgen passiert. Stand jetzt bin ich bis 2019 hier.“ Ein paar Tage später kam die Anfrage der Bayern und der Stand war ein anderer. Es passt auch zu Niko Kovac, dass er nicht mal eine Nacht darüber schlafen wollte, sondern sofort zusagte.

Worte mit Bedacht und ohne Akzent

Niko Kovac ist 46 Jahre alt, er wählt seine Worte mit Bedacht ohne jeden Berliner Akzent, was keineswegs antrainiert wirkt. „So hat er schon mit Anfang zwanzig geredet“, sagt Christian Fiedler, ein früherer Mannschaftskollege von Hertha BSC. Kovac ist nicht der große Name, nicht die schillernde Figur, mit dem die Münchner für gewöhnlich ihren Befehlsstand bestücken. Er hat als Trainer ein paar Monate in Salzburg gearbeitet, zuletzt zwei Jahre in Frankfurt und zwischendurch die kroatische Nationalmannschaft betreut. Zuletzt immer mit seinem Bruder Robert als Assistent, er wird ihn nach München begleiten.

Niko Kovac braucht das vertraute Umfeld, wenn er „zur Arbeit geht“ – genauso und ganz bewusst formuliert er seine Einstellung zum Tagwerk auf dem Trainingsplatz. Sein Stil ist eher bodenständig als künstlerisch angehaucht, wie das in München Tradition hat. In Frankfurt ist seine mit wenig Geld und viel Improvisationskunst zusammengestellte Mannschaft mal als üble Tretertruppe bezeichnet worden. Das hat Kovac schwerer verärgert als manche Niederlage. Er muss nun den Nachweis führen, auch der Schönheit des Spiels gerecht zu werden.

Bisher stand er bei keinem einzigen Champions-League-Spiel an der Seitenlinie, der größte Erfolg seiner Trainerkarriere ist die Qualifikation für das deutsche Pokalfinale, was ihm am Mittwoch im Spiel bei Schalke 04 ein zweites Mal gelingen kann. Mag sein, dass er nach den Absagen von Thomas Tuchel und Jupp Heynckes in München nur dritte Wahl war, wenn überhaupt. Gut möglich, dass Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, die angejahrten Anführer des weltläufigen Familienunternehmens, nur einen gesucht haben, der sich nicht über ihr eigenes Ego stellt.

„Er macht jeden Spieler besser“

Kovac sagt über sich selbst: „Ich mache aus meinen Spielern Krieger!“ Spieler wie Kevin-Prince Boateng, seinen Anführer in Frankfurt, die beiden sind nur ein paar Straßen voneinander entfernt aufgewachsen und haben auch mal gemeinsam für Hertha BSC gespielt. Boateng sagt, er könne es jedem Spieler auf der Welt nur ans Herz legen, einmal unter Niko Kovac zu trainieren. Das werde ganz gewiss in harte Arbeit ausarten und sich doch lohnen, denn „er macht jeden Spieler besser.“

Kann Niko Kovac die Bayern besser machen? Stars wie den Franzosen Franck Ribéry oder den Niederländer Arjen Robben, die es gewohnt sind, von den teuersten und erfolgreichsten und prominentesten Trainern der Welt angeleitet zu werden, von Pep Guardiola, Carlo Ancelotti oder dem altersmilden Souverän Jupp Heynckes? Kovacs Berufung wirkt auf den ersten Blick wie ein Bruch. Zur Entgegnung haben die Bayern angeführt, ihr künftiger Trainer sei schon mal deshalb bestens geeignet, weil er das zur Floskel strapazierte Bayern-Gen in sich trage, die qua früherer Klubzugehörigkeit implantierte Siegermentalität.

Das ist eine sehr gewagte, eine sehr gedrechselte These. Als Niko Kovac im Sommer 2001 nach München kam, hatte die große Bayern-Mannschaft um Stefan Effenberg ihren Zenit schon überschritten. In zwei Jahren reichte es für ihn zu gerade 34 Bundesligaspielen, dann schoben ihn die Bayern weiter nach Berlin zu Hertha BSC. Mal abgesehen von der Rauferei mit Bixente Lizarazu ist nicht viel in Erinnerung geblieben, es reichte wohl nur zu einer flüchtigen Ansteckung und keinesfalls nachhaltigen Infektion mit dem Bayern-Gen.

Die Herkunft war immer wichtig

Wahrscheinlicher ist, dass der qua Vereinssatzung zur deutschen Meisterschaft verpflichtete Klub sich etwas ganz anderes von seinem neuen Trainer wünscht. Das, was auch seinen Frankfurter Oberkrieger Kevin-Prince Boateng auszeichnet oder, das liegt noch ein paar Jahre weiter zurück, den einstigen Weltmeister Thomas Häßler.

Alle drei haben sie dem Ball ihre ersten Tritte auf derselben Wiese im Berliner Norden verpasst. Zu einer Zeit, als es noch keine Playstation gab und kein Internet. Als die Jungs gleich nach der Schule ihre Ranzen in die Ecke warfen, auf den Bolzplatz rannten und erst spät am Abend zurückkamen. Die Kovac-Brüder wuchsen auf in einer kroatischen Familie, der ihre Herkunft immer wichtig war.

„Ich bin in Wedding geboren, das ist schon meine Heimat, aber ich habe mich immer als Kroate gefühlt“, hat er dem Tagesspiegel mal erzählt. „Auch vor 1991, als es den Staat Kroatien noch gar nicht gab. Ich weiß, hier in Berlin habt ihr uns früher alle einheitlich als Jugoslawen gesehen. Aber wir haben da sehr wohl Unterschiede gemacht.“ Da, wo die Kovac-Brüder, wo Thomas Häßler und Kevin-Prince Boateng aufwuchsen, war der Fußball die Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg. Das hat sie geprägt, nicht nur auf dem Platz, und das ist es, was Niko Kovac den Bayern geben kann. Das Wedding-Gen.

Zehn Minuten zum Schillerpark

Wer wissen will, mit welchen Werten Niko Kovac aufgewachsen ist, sollte einen Ausflug in den Wedding unternehmen. Die Wohnung der kroatischen Einwandererfamilie lag in der Turiner Straße, aber da waren Niko und sein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder Robert selten anzutreffen. Die Nachmittage der Kindheit widmeten sie einem Bolzplatz in der nahe gelegenen Ruheplatzstraße, ein lustiger Name für dieses Fleckchen Wedding, in dem es eigentlich nie ruhig war und ist.

Kevin-Prince Boateng wohnte eine Querstraße weiter in der Malplaquetstraße, Thomas Häßler ein paar Meter hinter der Bezirksgrenze zu Reinickendorf am Letteplatz. Boateng wurde bei Hertha BSC groß, Häßler bei Meteor 06, Kovac bei Rapide Wedding. Drei Weddinger Klubs, die ihre Jugendspieler allesamt auf dieselbe Wiese zum Üben schickten.

Von der Mietskaserne der Kovacs sind es zu Fuß zehn Minuten zum Schillerpark. Immer geradeaus über die Turiner Straße, sie hat in den vergangenen Jahren ein paar Graffiti dazubekommen, eine Shisha-Lounge, eine türkische Moschee und ein arabisches Kulturzentrum. Über die angrenzende Seestraße rattert jetzt anders als in den frühen Achtzigern die Straßenbahn, aber im Park hat sich wenig verändert. Die große Wiese in der Mitte geht mit ein bisschen Phantasie als Rechteck durch, an den Rändern drängen hier und da wild wachsende Bäume ins Zentrum, wo allerlei Hügelchen das Ballgefühl schulen.

Fünf Jahre bescheidener Erfolg

Die Schillerwiese ist so wild und im positiven Sinne ungeordnet wie der Fußball, der hier früher gespielt wurde. Schon in seinen Jugendjahren bei Rapide Wedding hat Niko Kovac hier bis in die Dunkelheit hinein geübt, wenn das eigentliche Training längst vorbei war. „Ecken und Freistöße und so, der Vater war da sehr hinterher“, sagt der Bundesliga-Schiedsrichter Manuel Gräfe, er hat als Jugendlicher mit Nikos Bruder Robert in einer Mannschaft gespielt. „Robert war technisch der bessere Fußballspieler, Niko dafür cleverer. Ein Anführer und Stratege, das war damals schon zu sehen.“

Später wechselten die Kovacs zu Hertha Zehlendorf, vor dem Mauerfall die erste Adresse im Berliner Jugendfußball. Robert blieb noch ein paar Jahre am Siebenendenweg und zog später weiter nach Nürnberg. Niko versuchte sich erst einmal bei Hertha BSC, es war eine sich über fünf Jahre bescheidenen Erfolgs hinziehende Zeit auf der kleinen Bühne der zweiten Bundesliga.

Der Fußballspieler Kovac ist immer ein wenig unterschätzt worden. Keiner, der den Ball übertrieben gestreichelt hat, aber es reichte immerhin zu Bundesliga-Engagements in Leverkusen, Hamburg und München. Später auch zu 14 Toren in 83 Länderspielen in der kroatischen Nationalmannschaft, in der er das Trikot mit der prestigeträchtigen Nummer 10 trug. In seiner späten Phase hat er auch noch mal drei Jahre für Hertha BSC in der Bundesliga gespielt.

„Hat er es verdient zu spielen?“ – „Nein, hat er nicht!“

„Schon da hast du gesehen, dass Niko strategisch wie ein Trainer denkt“, erzählt Christian Fiedler, der damals bei Hertha im Tor stand. „Es war für ihn nicht immer einfach. Einmal, als wir unter Hans Meyer gegen den Abstieg kämpften, war Niko öfter verletzt und hat kaum gespielt. Aber er hat sich immer loyal zum Trainer verhalten, und das kann man nicht von allen sagen.“

Fiedler erinnert sich an eine Szene vor dem Rückrundenstart. Herthas Stürmer Fredi Bobic, Kovacs bester Freund in der Mannschaft, hatte damals schlecht trainiert, worauf ihn Meyer gar nicht erst in den erweiterten Kader berief. „Meyer hat Niko gefragt: ‚Jetzt mal ehrlich: Hat es der Fredi verdient zu spielen? – Nein Trainer, hat er nicht!’“

So tickt der Fußballprofi Niko Kovac, und so tickt er auch heute noch, da Fredi Bobic in Frankfurt sein Vorgesetzter ist. Die beiden sind immer noch eng befreundet, aber das hat Kovac nicht daran gehindert, das Angebot aus München ohne Bedenkzeit zu akzeptieren. Ohne seinen Freund Bobic vorher zu informieren oder gar um Rat zu fragen. Kann schon sein, dass in diesen Tagen etwas kaputt gegangen ist zwischen den beiden.

Das erste Spiel endete mit einer Niederlage

Der Verlust trifft die Eintracht in einer empfindlichen Phase der Saison, von der sie in Frankfurt heimlich hoffen, dass sie am Ende mit einer Qualifikation für die Champions League endet. Bobic hat sich jedenfalls sehr laut und sehr vehement über den Fortgang seines Trainers geärgert. Dass er dafür allein eine seiner Ansicht nach missratene Form der Kommunikation auf Münchner Seite geißelt, darf wohl als vereinsinterne Loyalität gegenüber Kovac verstanden werden.

Das erste Spiel nach der Bekanntgabe des Trainerwechsels endete für die Eintracht mit einer 1:4-Niederlage bei Bayer Leverkusen. Sollte jetzt auch noch das Pokalspiel am Mittwoch in Gelsenkirchen verloren gehen, könnte sich die so großartig angelaufene Saison schwerlich als Erfolg verkaufen lassen. Das weiß Fredi Bobic, das weiß Niko Kovac, aber dieses Risiko würde er wohl immer wieder eingehen. So wie er sich vom kommenden Sommer an auch mit den Weltstars des FC Bayern anlegen wird, wenn es denn der Sache dient. Wer David Beckham die Wasserflasche aus der Hand schlägt, scheut auch keine Konfrontation mit den Robbens und Ribérys. „Er weiß ganz genau, wann er draufhauen muss“, sagt Kevin-Prince Boateng.

Mal sehen, wie viel Wedding die Komfortzone in München verträgt.

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