Der Arzt behandelt 70-Jährige, die Chucks tragen

 Das Klettern, sagt Michel Götz, 64, habe ihm „wieder festen Boden unter den Füßen gegeben“. Kitty Kleist-Heinrich
Extremsport im Alter Rentner am Limit

Und nicht nur das: Auch der Sinn für die Risiken hat sich verändert. Frank Schneider sagt: „Fehleinschätzungen gibt es bei allen. Aber jüngere Körper tolerieren das eher.“ Er hat den Eindruck, dass sich ältere Patienten heute schwerer damit tun, die Grenzen ihrer Physis zu akzeptieren - und er hat durchaus Verständnis dafür: „Die Leute wollen einfach in ihrem Verein spielen. Das ist ihre soziale Umgebung. Die Patienten wollen ihren Sport wieder machen.“

Auch Professor Wolf Petersen, Chefarzt an der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des Berliner Martin-Luther-Krankenhauses, sieht einen Trend älterer Sportler zu höherem Risiko, der sich in den vergangenen zwanzig Jahren entwickelt hat. Eher die Männer als die Frauen machen den Trend mit. Vor ihm habe schon mal ein 70-Jähriger in Chucks gestanden, der sich beim Skateboard-Fahren verletzt habe. 50- bis 60-Jährige kämen mit lädierten Knien und Kreuzbändern, nachdem sie beim Kite-Surfen aus drei oder vier Metern Höhe in 50 Zentimeter tiefes Wasser geknallt seien, sagt der Orthopäde.

Michel Götz hat sich noch nichts getan bei seiner Kletterei. „Das Risiko zu fallen ist da“, sagt er, und beschreibt sich selbst als „sehr verkopft“ - als Menschen, der aus der Literatur lernt und Risiken in der Wirklichkeit genau abwägt. Jetzt bewegt er sich wie die Seniorenausgabe des „Spiderman“ die 15 Meter hohe Wettkampf-Wand im Moabiter Kletterzentrum des Alpenvereins hoch. Er pausiert kurz, um sich den nächsten Griff zu überlegen, spreizt die Beine weit auseinander, wo die Tritte es erfordern, schiebt sich eng an der Wand einen weiteren Meter höher. Götz hält kurz inne, bevor er sich am Überhang hochzieht, der sich dem Kletterer steil entgegenneigt. Dann hat er es geschafft, klinkt das Seil in den Karabiner unter der Hallendecke. Er wirkt nicht mal besonders angestrengt. Höchstens sechs Minuten hat er gebraucht. Abwärts geht es schnell, sein Partner lässt das Seil durch die Hände gleiten. Michel Götz trainiert für den achten Grad - zehn Grade hat die Schwierigkeitsskala. „Da fängt das Klettern an“, sagt er.

Der Kletterer Götz und der Orthopäde Petersen kennen sich nicht, doch ihre Wahrnehmung des Risikoverhaltens älterer Sportler ist die gleiche. Für Götz, der erst vor zwei Jahren nach einer persönlich schwierigen Zeit mit dem Klettern angefangen hat, ist es „sportliche Herausforderung“, Struktur seiner Woche, „Genuss“, wenn er das Gefühl hat, einer Kletterroute gewachsen oder sogar überlegen zu sein. Es ist Therapie seiner Höhenangst und es vermittelt ihm ein neues Gefühl der Sicherheit. Im Seil zu hängen heiße für ihn: Mir muss nichts passieren.

Älter zu werden bedeute: „Man wird eingeschränkt“, sagt Michel Götz. Beim Klettern versuche er, „trotzdem noch das Mögliche rauszuholen“. Der Sportmediziner Petersen sagt: „Die Altersgrenze von früher verschiebt sich total.“ Für ältere Sportler sei Aktivität gleich Lebensqualität. Wenn sie dann kämen mit ihren Knieverletzungen, sei das Aufhören keine Alternative. Sie ließen sich operieren, um weiter Sport machen zu können. Sie fragten immer: „Kann ich das wieder machen?“ Er habe schon über 60 Jahre alte Patienten gehabt, „die noch Marathon laufen“. Petersen führt das auf ein „gesteigertes Aktivitätsbewusstsein“ zurück - „eine gute Entwicklung“.

Aber auch eine, die ihre Risiken hat. Gewiss überschätzen sich gerade jüngere Sportler am ehesten. Doch bei den Älteren haben Verletzungen oft üblere Folgen. David Schulz, bei der ARAG mit Sportversicherungen befasst, hat dazu gemeinsam mit zwei Sportwissenschaftlern Daten ausgewertet. Schwere Sportverletzungen betreffen bei älteren Athleten häufiger Arme, Schultern und den Kopf. „Ältere Sportler“ seien zwar in der Lage, „unfallträchtige Situationen zu erfassen und zu verarbeiten“, heißt es, doch „sind sie mit zunehmendem Alter offenbar immer weniger zur Umsetzung situationsangemessener Bewegungsmuster fähig“. Direkt gesagt: Alte fallen härter.

Überall in der Kletterhalle des Alpenvereins hängen Sicherheitshinweise. Doch nicht alle, die unten das Seil halten, wirken ganz aufmerksam. Michel Götz hat es einmal erlebt, dass einer über die ganze Länge des Seils bis nach unten auf den weichen, gefederten Boden der Halle stürzte. „Da musste ich schlucken“, sagt er. Aber er sagt auch den schönen Satz, dass das Klettern ihm „wieder festen Boden unter den Füßen gegeben“ habe und kommt ins Schwärmen, wenn er vom Freiklettern mit Freunden spricht, am Felsen im Grunewald oder in der Nähe von Halle, in einem Steinbruch. Über sich und seine Generation sagt er: „Ich glaube, dass man sich heute mehr zutraut.“

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