Es gibt in Deutschland nicht viel Spielraum für "anderen" Journalismus, findet Khalid Alaboud aus Syrien. Foto: Mike Wolff
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Exiljournalist:innen zum Tag der Pressefreiheit Grenzen gibt es auch hier

Khalid Alaboud

In Syrien dürfen Journalisten nicht frei schreiben. Aber auch in Deutschland ist es für uns schwer, Gehör zu finden.

Seit 2013 veröffentlichen „Reporter Ohne Grenzen“ jedes Jahr ein Ranking zur Pressefreiheit und normalerweise interessierte ich mich dabei immer am meisten dafür, wie Syrien eingestuft wurde. Also lese ich den Bericht – aus alter Gewohnheit - von hinten, wo sonst soll ich mein Land auf dieser Liste suchen. Ist es doch schlecht bestellt um die Freiheit der Presse und die Sicherheit von Journalisten in meinem Land.

In allen Zeitungen steht das Gleiche

In der alten Zeit, bevor also der Diktator-Vater im Jahr 2000 starb und sein Sohn Baschar al Assad übernahm, gab es in Syrien nur drei Zeitungen. Die drei Zeitungen waren quasi identisch. Niemand wäre auf die Idee gekommen, mehr als eine Zeitung zu kaufen, da der Inhalt der einen gleich dem Inhalt der anderen Zeitung war. Nach 2000 wurde es nicht besser. Es gab zwar mehr Medien, die von privaten Geschäftsleuten finanziert wurden. Jedoch standen sie alle dem Regime nahe und sie alle folgten den gleichen Prinzipien wie die staatlichen Medien.

Es gibt rote Linien, die Journalisten und Journalistinnen einhalten müssen. Das Sagen hat das Informationsministerium, das dem Präsidenten sehr nahe steht. Immer noch fragt man sich, ob die Zeitungen alle von einer Redaktion erstellt werden. Gerade die Aufmacherseiten, auf denen es um die offizielle Politik, Staatsbesuche und Reden den Präsidenten geht, sehen in allen Zeitungen fast gleich aus. Ein Kollege erzählte mir einmal, dass die Berichte zum Teil fertig geschrieben in der Redaktion eingehen und der zuständige Redakteur nicht befugt war, etwas zu verändern. Bei Rechtschreibfehlern musste der Text ans Informationsministerium zurückgehen. Nur da durften die Texte verändert werden.

Sinn und Zweck der Medien war es, den Präsidenten in gutem Licht dastehen zu lassen. So gibt es auch nur sehr selten Berichte über negative Ereignisse oder Probleme im Land. Wer so etwas schreibt, setzt sich dem Vorwurf aus, das Land zu verraten und zu beschmutzen.

Auch in Deutschland gibt es Hürden für uns

In Deutschland ist das ganz anders. Hier ist die Pressefreiheit im Grundgesetz verankert und es gibt nicht diese roten Linien, wie wir sie aus Syrien kennen. Dennoch hat man das Gefühl, dass es Grenzen gibt. Darüber schreiben ja auch einige meiner Kolleginnen und Kollegen hier auf der Seite. Es handelt sich nicht um Zensur oder Verbote, sie sind auch nicht von der Regierung festgelegt. Sie sind viel subtiler.

Ich habe jetzt fünf Jahre Erfahrung und habe mit verschiedenen deutschen Redaktionen gearbeitet und ich möchte diese Hürden gerne genauer beschreiben. Die größte Hürde für uns neuangekommene Journalisten ist die Sprache. Da es so gut wie keine fremdsprachigen Medien in Deutschland gibt, sind wir darauf angewiesen, dass unsere Texte und Videos übersetzt werden beziehungsweise unser Deutsch korrigiert wird. Wir haben eine Sonderstellung und von uns werden Texte zu ganz bestimmten Themen erwartet: Vergleiche zwischen dem Leben in Syrien und in Deutschland sind immer beliebt oder Artikel rund um das Thema Flucht, Migration und Integration. Nur einige wenige Kolleginnen und Kollegen schaffen es, auch zu allgemeinen Themen zu veröffentlichen.

Es gibt nicht viel Spielraum für "anderen" Journalismus

In Deutschland gibt es nicht nur sprachlich, sondern auch stilistisch und formal sehr klare Vorgaben, wie ein Text oder ein Video aufgebaut und formuliert sein muss. Wer diesen Code nicht kennt oder sich nicht daran hält, weil er es anders gewohnt ist, wird seine Texte in der Regel nicht verkaufen können. Es gibt nicht viel Spielraum für den „anderen“ Blick oder den „anderen“ Journalismus.

Woran es liegt? Ich denke, es liegt daran, dass die Redaktionen in deutschen Medien sehr wenig divers sind: Es gibt wenige Nicht-Deutsche, Nicht-Bildungsbürger, Nicht-aus-Akademikerfamilien-seit-Generationen. Ich finde es aber gut, dass es über dieses Thema eine so breite, kritisch geführte Diskussion gibt. Und klar ist auch, trotz der erwähnten Hürden, die uns als Exiljournalistinnen und – journalisten ständig begegnen, erfreuen wir uns hier eines unglaublich weiten Horizonts der Pressefreiheit. Deutschland liegt auf Platz 13 im Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen und ich beschließe, in Zukunft den Bericht nicht mehr nur von hinten zu lesen. Ich freue mich, dass ich mich einem Land zugehörig fühle, das so weit vorne aufgelistet wird.

Dieser Text erscheint im Rahmen des gemeinsamen Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber Stiftung. Der Tagesspiegel hat seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist:innen unter dem Titel #jetztschreibenwir veröffentlicht. Die Körber-Stiftung führt Programme durch, mit denen die journalistischen, künstlerischen und politischen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland gestärkt werden. Dazu zählen Kooperationen mit den Nachrichtenplattformen "Amal, Berlin!" und "Amal, Hamburg!" Weitere Formate sind das "Exile Media Forum", die "Tage des Exils" und "Exil heute".

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