Wie Eva Sternheim-Peters ihre Zeit beim BDM erlebt

Inmitten ihrer Bücher. Eva Sternheim-Peters beschäftigt sich seit dem Ende der Nazizeit mit der Schuldfrage der Deutschen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Eva Sternheim-Peters über die Nazizeit "Ich bin nicht mitgelaufen, ich bin begeistert mitgestürmt"

Überhaupt ignorieren die gängigen Erklärungsversuche die emotionale Beteiligung der Deutschen: die Historikerin Hannah Arendt beschreibt Adolf Eichmann als beschränkten Apparatschik, die Psychologin Alice Miller geht davon aus, die damalige autoritäre Erziehung habe passive Befehlsempfänger hervorgebracht. Woran Sternheim-Peters sich dagegen erinnert: „tief empfundene Gemeinschaftserlebnisse“, „ein neues Frauenideal“ und „die Vision einer strahlend aufgehenden Sonne“.

31. Januar 1933. Wie jeden Morgen liest Eva ihrer Familie die Schlagzeilen vor. „Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.“ Der hat doch nicht mal Abitur, sagt die Mutter. „Soll er mal probieren, wo er immer so einen Krach macht“, erwidert der Vater. Dann geht das Frühstück weiter. Evas Eltern wählen die katholische Zentrumspartei, ihre größte Sorge sind die Kommunisten. Auch Eva fürchtet sie. Die Brüder haben ihr erzählt, sie würden mit Kindsköpfen kegeln. Und dann die schreckliche Armut. Überall sind Bettler, auch die Familie ihrer Freundin Anneliese hat kaum Geld und die Mädchen sehen sich immer weniger. Bis sie sich auf dem Wochenmarkt begegnen. Hitler ist längst an der Macht, Annelieses Mutter trägt einen Mantel mit Pelzkragen. „Mein Mann hat wieder Arbeit“, sagt sie strahlend. Wenig später sieht Eva Annelieses Bruder in SA-Uniform.

Ab 1935 trägt sie Uniform - und ist begeistert

Viele junge Frauen waren fasziniert von der Gemeinschaft im Bund Deutscher Mädel. Foto: dpa Vergrößern
Viele junge Frauen waren fasziniert von der Gemeinschaft im Bund Deutscher Mädel. © dpa

Eva trägt ab 1935 die Uniform vom Jungmädelbund und ist begeistert. Endlich verlässt sie die Sphäre der Eltern und ihrer katholischen Schule, geprägt von der Trennung zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft, Katholiken und Protestanten. Im Jungmädelbund sind alle gleich und Eva erlebt die Nazijahre als Revolution der Jugend – und weiblichen Befreiung. Sie ist vernarrt in Bücher, liebt Schillers Ballade „Die Bürgschaft“, Karl Mays „Winnetou“, alles Geschichten über Männerbünde, endlich gibt es so etwas auch für Mädchen. Unterwegs mit dem Jungmädelbund lernt Eva, ein Rad zu flicken und ein Zelt aufzubauen und singt laut mit: „Es zittern die morschen Knochen ... Denn heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“

In den 80er Jahren wird Sternheim-Peters das Lied wieder singen, dieses Mal bei einer Probelesung an der FU. „Soll ich das wirklich singen, oder ist das peinlich?“, fragt sie ihre Studenten. „Nein, mach das“, antworten sie. Sternheim-Peters hat einige Lesungen und bekommt begeisterte Zuschriften von Lesern ihres Alters: Ja, genau so war es. Doch der große Erfolg bleibt aus - auch zur Überraschung Arno Klönnes. Der Paderborner Professor, der mit „Jugend im Dritten Reich“ ein Standardwerk verfasste, las Sternheim-Peters’ Manuskript schon früh. Am Telefon sagt er, er sei beeindruckt gewesen. „Die Attraktivität der Nazibewegung wird sonst verschwiegen.“ Klönne war es auch, der den Kontakt zum ersten Verlag herstellte. Dass es so unterging in der öffentlichen Wahrnehmung, liegt seiner Meinung nach daran, dass es eine Wahrheit enthält, für die Deutsche sich schämen. „Dass die Nazis Anziehungskraft besaßen, hört man nicht gern. Lieber erklärt man sich ihren Erfolg mit äußeren Zwängen. Doch das ist Unsinn, wenn man aufklären will.“

Daniel Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker" löste 1996 eine Kontroverse über die Haltung der Deutschen gegenüber den Juden aus. Für die Sichtweise einer Zeitzeugin interessierte sich kaum jemand. Foto: dpa Vergrößern
Daniel Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker" löste 1996 eine Kontroverse über die Haltung der Deutschen gegenüber den Juden aus. Für die Sichtweise einer Zeitzeugin interessierte sich kaum jemand. © dpa

In der „Taz“ nennt der Publizist Arno Widmann das Buch „eins der wichtigsten“ über den Nationalsozialismus. „Kaum ein anderes macht Betrug und Selbstbetrug der Deutschen so deutlich wie dieses.“ Und im „Tagesspiegel“ schreibt der damalige Feuilletonchef Heinz Ohff: „Selbst Angehöriger einer Generation, die ihre Kindheit im Dritten Reich verlebte, muss ich gestehen, dass die Authentizität dieser Darstellung mich erstaunt, bedrückt und nachdenklich gemacht hat.“ Doch das war es. Selbst als 1996 Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ eine Kontroverse über die Haltung der Deutschen gegenüber den Juden auslöst, interessiert sich niemand dafür, was eine Zeitzeugin zum Thema Antisemitismus zu sagen hat.

Sie ist eine Jüdin, tuscheln die Mädchen

Anfang der 30er Jahre. In Evas Klasse geht ein Mädchen namens Irmgard Müller. Eine Jüdin, tuscheln sich die anderen Mädchen zu. Und trotzdem: diskriminiert wird Irmgard anfangs nicht. Eher bestaunt. Weil sie nicht zum Religionsunterricht muss und als Tochter eines Getreidegroßhändlers ein beheiztes Kinderzimmer und viele Bücher besitzt. Eins davon, „Dieter und Dietlinde“ leiht sich Eva aus. Doch schon 1935 kippt die Stimmung. „Kommt Irmgard etwa auch?“, fragen die Klassenkameradinnen, als Evas Namenstag ansteht. Eva nickt, sie lädt alle Mädchen ein, doch Irmgard wird nicht erscheinen. Für Eva ein Beweis, dass sich die Juden absondern. Bald darauf verlässt Irmgard die Schule.

Einmal begegnen sich die Mädchen noch. Eva trägt ihre Uniform, ist etwas verlegen: Sie habe noch dieses Buch von ihr. Ob Irmgard es zurück haben wolle. Irmgard reagiert ausweichend. Das werde sie wohl nicht mehr brauchen. Zu dieser Zeit singen die SA-Männer schon: „Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's nochmal so gut.“

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