Fluch oder Segen? Die Ansichten über den Einsatz digitaler Medien in Kitas gehen sowohl bei den Beschäftigten in den Einrichtungen als auch in der Wissenschaft auseinander. Foto: Bernd Wannenmacher
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Erziehungswissenschaften Die digitale Kita – Chance oder Gefahr?

Leon Holly

Wissenschaftlerinnen der Freien Universität untersuchen die Einstellung von Erzieherinnen und Erziehern zur Nutzung digitaler Medien im Kindergarten.

Wie steht es derzeit um die digitale Infrastruktur in deutschen Kitas? Franziska Cohen, Erziehungswissenschaftlerin an der Freien Universität, muss schmunzeln. „Teilweise sind noch Video- und Kassettenrekorder im Einsatz“, sagt sie. Obwohl andere Länder wie die USA schon weiter fortgeschritten seien, ziehe Deutschland derzeit nach. Das pädagogische Personal in den Einrichtungen fotografiere und filme die Kinder zur Dokumentation des Alltags bereits mit Digitalkameras oder nutze Dienste wie WhatsApp zur Kommunikation mit den Eltern.

Doch es zeichnet sich bereits ein neuer Digitalisierungsschub ab: Sprachcomputer, Tablets oder Lern-Apps sollen eine immer größere Rolle in deutschen Bildungseinrichtungen spielen, zumindest wenn es nach den Befürwortern der Technik geht. Doch wie sehen das die pädagogischen Fachkräfte? Im Mittelpunkt eines neuen Forschungsprojekts, das Franziska Cohen und ihre Kollegin Yvonne Anders betreuen, steht die noch kaum erforschte Frage, welche Überzeugungen und Einstellungen zur Nutzung digitaler Medien unter Erzieherinnen und Erziehern in den Kindertagesstätten vorherrschen und wie diese Meinungen mit der erfolgreichen Anwendung im Praxisalltag zusammenhängen.

Ein Praxisleitfaden und Workshops sollen angeboten werden

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund 360 000 Euro geförderte Projekt bearbeiten die Wissenschaftlerinnen in drei Teilstudien: Zuerst wollen sie Praxisfachzeitschriften aus den vergangenen fünf Jahren auswerten, um herauszufinden, ob im öffentlichen Diskurs eher ein positives oder negatives Bild der Digitalisierung in Kitas gezeichnet wird. Im zweiten Schritt sollen mittels einer Umfrage die Einstellungen, Überzeugungen und Motivationen der frühpädagogischen Fachkräfte ermittelt werden. Der dritte Teil hat die Form einer Tagebuchstudie: Erzieher und Erzieherinnen dokumentieren über mehrere Wochen hinweg ihren Berufsalltag und reflektieren die Wirksamkeit ihres Handelns. Am Ende sollen alle Ergebnisse in einem Praxisleitfaden zusammengeführt und auch Workshops angeboten werden. Nach Cohens Erfahrung sind viele Beschäftigte in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung geteilter Meinung: Sie lehnen digitale Medien in Kitas weder komplett ab noch sehen sie die Technik ausschließlich positiv. Unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Fachwelt fände sich hingegen eine weitaus stärkere Polarisierung, sagt die Forscherin: „Es gibt eine Richtung in der Pädagogik, die in der Kita einen medialen Schonraum sieht, da es in den Familien schon reichlich Medienkonsum gebe. Sie zeichnet das Schreckensbild von Kindern, die nur noch vor dem Fernseher sitzen und sich nicht mehr bewegen. Andererseits gibt es Forscherinnen und Forscher – und zu diesen zähle ich uns –, die Digitalisierung durchaus als große Chance für Kitas begreifen, und zwar nicht nur um den Lernprozess der Kinder anzuregen, sondern auch als Hilfsmittel für die Erzieher. Damit sie sich selbst fortbilden und den Arbeitsalltag oder den Kontakt mit Eltern organisieren können.“ Wenn Eltern beispielsweise kein Deutsch verstünden, könnten Übersetzungssoftwares unterstützen.

Medien nicht passiv konsumieren, sondern kreativ nutzen

Und auch das fachgerechte Heranführen der Kinder an den Umgang mit neuen Techniken sei eine Aufgabe, die in Kitas oftmals besser erfüllt werden könne als im Elternhaus. „Medieneinsatz bedeutet nicht, Medien passiv zu konsumieren, sondern sie kreativ und nach Interessen und Bedürfnissen einzusetzen. So lernen Kinder, wie sie durch Informationen im Internet ihren Wissenshorizont erweitern können“, erklärt Cohen. „Ich sehe es als eine Aufgabe der Kitas, das zu vermitteln.“ Fachkräfte müssten die erforderlichen Kompetenzen erwerben – auch um technikkritische oder besorgte Eltern überzeugen und beruhigen zu können.

Die Forschung in Deutschland auf diesem Gebiet habe noch viel Potenzial, meint die Wissenschaftlerin. Unklar sei etwa, inwiefern die Digitalisierung die Tagesabläufe in den Erziehungseinrichtungen verändert: „Ersetzt der Einsatz digitaler Medien andere Aktivitäten? Welche anderen Unternehmungen finden vermehrt statt in Kitas, in denen digitale Medien gar nicht zum Einsatz kommen? Darüber wissen wir bisher wenig.“ Angesichts der Tatsache, dass in den nächsten Jahren auch die letzte VHS-Kassette dem Tablet weichen wird, wachse das Interesse der Öffentlichkeit, wie Cohen feststellt: „Weil es viele Unsicherheiten und Fragen gibt, ist der Wunsch, mehr darüber zu erfahren, sehr stark.“ Leon Holly

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