Wie sollen Wunden heilen, wenn Menschen – im Bild ein Plakat zum Gedenken an die Hanauer Opfer in Berlin-Kreuzberg – voneinander isoliert sind? Foto: AFP/David Gannon
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Erst das Attentat, jetzt das Coronavirus Das vergessene Trauma von Hanau

Kemal Kocak kannte alle Opfer. In seinen Kiosk kommen Leute zum Trauern, zum Reden. Und die Polizei. Denn in Zeiten von Corona geht das nicht mehr.

Will man den Oberbürgermeister der Stadt Hanau in diesen Tagen am Telefon erreichen, braucht man es an einem Ort nicht zu versuchen: im Rathaus. An seinem angestammten Amtssitz war Claus Kaminsky von der SPD, 60 Jahre alt, seit Wochen nicht mehr. Zunächst, nach dem Attentat vom 19. Februar, als ein 43 Jahre alter Terrorist in Hanau zehn Menschen und dann sich selbst erschoss, konnte man erfahren, dass Kaminsky ins Kongresszentrum der Stadt gezogen sei, dort leitete er den Krisenstab. Und dann, im Anschluss? „Sind wir ins Gefahrenabwehrzentrum gewechselt“, teilt seine Assistentin mit.

Ein Krisenstab löst den nächsten ab. Ein Bürgermeister regiert aus einem Gefahrenabwehrzentrum. Eine Stadt im Ausnahmezustand vom Ausnahmezustand.

„Dieses Virus“, sagt Kaminsky schließlich am Telefon, „trifft uns zur absoluten Unzeit. Wir hätten jetzt nichts dringender gebraucht als Zeit. Zeit, um zur Ruhe zu kommen, Trauerarbeit zu leisten, Kraft zu schöpfen.“ Zeit, die es nicht mehr gibt.

Die Stadt Hanau, von 100.000 Menschen bewohnt, teilt jetzt das Schicksal mit Städten wie Brüssel, Christchurch, Halle oder Paris. Steht sie zusammen? Oder lässt sie sich spalten, wie der Attentäter das wollte? Während andere Anschlagsorte ihr Trauma in Ruhe aufarbeiten konnten, stellen sich in Hanau aber zusätzlich brutale Fragen.

Wie soll eine Stadt zusammenrücken, wenn es plötzlich keine Öffentlichkeit mehr gibt? Wie sollen Wunden heilen, wenn Menschen voneinander isoliert sind, ohne Betreuung, Hilfe? Wie soll Normalität einkehren, wenn es Normalität nicht mehr gibt?

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Mittwochabend, Anfang März, zwei Wochen nach dem Attentat. Noch ist Corona bloß eine dunkle Wolke am Horizont. In Hanau pilgern die Menschen zum Marktplatz. Auf einer Videoleinwand wird dort gleich die offizielle Trauerfeier aus der Kongresshalle übertragen. Die Kanzlerin und der Bundespräsident flimmern über den Schirm, die Hanauer drängen sich dicht an dicht, eine Abstandsregel gibt es noch nicht.

Oberbürgermeister Kaminsky schwört die Stadt auf die kommenden Wochen ein. „Die wehrhafte Demokratie muss endlich ihr wehrhaftes Antlitz zeigen“, ruft er. Auch Volker Bouffier, Hessens Ministerpräsident, hält eine Rede, der Bundespräsident. Und Kemal Kocak.

Kocak ist Kioskbesitzer, 45 Jahre alt. In einem seiner Läden, in Hanau-Kesselstadt, erschoss der Attentäter sechs Menschen, Kocak kannte alle. Er erinnert an jeden einzelnen der Toten, stockt. „Der Mensch“, sagt Kocak am Ende, „vergisst schnell. Aber diese jungen Menschen dürfen wir nicht vergessen!“ Da weinen die Leute auf dem Marktplatz.

Nach dem Anschlag wurde in Hanau lange öffentlich getrauert. Dies ist nach den Corona-Restriktionen nun kaum mehr möglich. Foto: Nicolas Armer/dpa Vergrößern
Nach dem Anschlag wurde in Hanau lange öffentlich getrauert. Dies ist nach den Corona-Restriktionen nun kaum mehr möglich. © Nicolas Armer/dpa

Vom Marktplatz sind es ein paar Schritte die Krämerstraße hinunter zu Kocaks zweitem Kiosk im Zentrum, er ist noch offen. Wettbüros und Dönerläden säumen den Weg, die Tür zum Laden öffnet sich unter Glockengebimmel. „20/7“, so steht es auf der Glasscheibe außen, drinnen gibt’s Kaugummis, Bier und Zeitschriften. Kocak ist noch nicht da, aber sein Mitarbeiter, Murat, der auf Kundschaft wartet. „Kommt ja keiner mehr jetzt“, sagt er. „Die Leute haben Angst, bleiben zu Hause. Wegen dem Attentat und wegen Corona.“

"Gogo hat noch meinen Sohn angerufen, ob er mit ihm Nudeln essen will"

Murat lädt ein ins Hinterzimmer. Männer sitzen an einem runden Tisch, sie rauchen, reden, trinken Kaffee und Tee. Die Luft ist stickig. Wieder und wieder erzählen sie sich, wie sie die Tat erlebt haben, seit Tagen gehe das so, sagen sie. Da ist ein junger Mann im Parka, der berichtet, dass er gern an Automaten zocke, seit dem Attentat aber keinen mehr angefasst habe. Ihm gegenüber sitzt ein Älterer mit verbundenem Arm, der dabei war, als der Attentäter das Feuer eröffnete, er habe einen Streifschuss abbekommen. Und da sitzt gebeugt Cetin Gültekin, Schreiner, strubbelige Haare. Er ist der Bruder von Gökhan Gültekin, genannt Gogo, der im Kiosk erschossen wurde, als er gerade zu Abend aß.

„Gogo hat noch meinen Sohn angerufen, ob er mit ihm Nudeln essen will“, sagt Gültekin. „Aber mein Sohn war müde, ging nach Hause.“ Sein Sohn sitzt gegenüber und sagt nichts.

Die Gruppe gibt ihnen Halt

Gültekin erzählt, wie er am Telefon von den Schüssen erfuhr, zum Tatort raste, wie die Polizei alle Angehörigen in einer Halle versammelte, wie er um 6 Uhr morgens erfuhr, dass sein Bruder es nicht geschafft hat. Er erzählt, wie er ihn gewaschen habe, „drei Schüsse hat er abbekommen, einer direkt in den Kopf.“

Die Gruppe hier gebe ihnen Halt, das Reden, das Teilen von Erinnerungen. Und Gültekin erzählt noch etwas Anderes. „Bis zum 18. Februar wusste ich nicht, was Angst ist. Jetzt weiß ich es.“

Die Spuren der Tatnacht sind beseitigt, das Trauma ist geblieben. Foto: Boris Rössler/dpa Vergrößern
Die Spuren der Tatnacht sind beseitigt, das Trauma ist geblieben. © Boris Rössler/dpa

Rund 30 Prozent der Menschen, die eine Terrorattacke miterleben, tragen eine posttraumatische Belastungsstörung davon, sagen Wissenschaftler. Die anderen dagegen bewältigen das Erlebte ohne Folgeschäden. Für sie kennt die Wissenschaft einen Begriff: Sie sind resilient. Wenn man so will, ist Resilienz das Immunsystem der Psyche.

Wie resilient ein Mensch ist, hängt von vielen Faktoren ab: den Lebensbedingungen, dem sozialen Netz. Resilienz kann man entwickeln und wieder verlieren. Was die Männer in Kemal Kocaks Kiosk machen, reden, sich verletzlich zeigen, heißt noch nicht, dass sie es gesund aus der Krise herausschaffen. Aber es ist ein guter Anfang.

"Wie soll ich die Mieten bezahlen? Und jetzt kommt noch Corona"

Es dauert an diesem Nachmittag noch eine halbe Stunde, bis auch Kocak zur Runde stößt. Seine Augen sind leer, er wirkt müde. Auch er habe Angst, sagt er. Und er spüre Wut. „Politiker schieben diese Tat jetzt auf die AfD. Das ist scheinheilig. Seehofer hat noch vor ein paar Monaten gesagt, Migration sei die Mutter aller Probleme. Auch der Bouffier hat solche Sachen gesagt. Aber ich frage mich: Ist jemand unschuldig, der bei einem Banküberfall den Fluchtwagen fährt?“

Auch um den Kiosk sorge sich Kocak. „Wir haben richtig viel Geld investiert. Wie soll ich die Mieten bezahlen? Und jetzt kommt noch Corona.“

Hintergrund über das Coronavirus:

Ein paar Minuten später betreten zwei Beamte des Bundeskriminalamts den Kiosk. Sie haben einen Recorder dabei, darauf sind Aufnahmen der Überwachungskamera aus Kocaks Kiosk. Die Beamten haben das Material gesichtet, jetzt geben sie sie es zurück. Aus Kocaks Sicht repräsentieren sie den Staat. Und an den hat er noch Fragen.

„Das größte Problem der Angehörigen ist das Nichtwissen um den Täter. In Hanau herrscht Angst. Was wissen Sie?“, fragt Kocak.
Die Beamten schauen sich an. „Was wir sagen können: Es gab nur einen Täter und der ist tot.“
„Also hat einer allein aus dem Nichts gehandelt, einfach so?“
„Ja.“
„Das ist nicht zu glauben für mich.“
„Das ist auch kaum zu glauben, es gibt aber solche Menschen auf der Welt.“
„Natürlich“, sagt Kocak, „es gibt auch Muslime, die so krank sind.“
„Christen, Juden, Muslime, es ist scheißegal“, sagt der Beamte.
„Ja, aber, wie soll ich mich hier drin wieder sicher fühlen?“
„Ich meine“, sagt der Beamte, „im Prinzip ist Deutschland ein sicheres Land.“
„Den letzten Satz können Sie durchstreichen“, sagt Kocak. „Sicher ist hier gar nichts mehr.“

Interaktive Karte

Beim Verabschieden sagen die beiden noch, dass die Männer im Kiosk sich melden sollten, wenn ihnen etwas verdächtig vorkäme. Das helfe bei den Ermittlungen. Kemal Kocak schaut zu Murat, seinem Verkäufer. „Los Murat, erzähl, was gestern war.“ Und Murat erzählt, die Beamten beginnen mitzuschreiben.

Der Fahrer rollt neben sie, zückt eine Pistole

Mit einem Freund sei er bei Hanau auf die Autobahn aufgefahren, da habe ein Wagen gedrängelt, Lichthupe gegeben. Der Fahrer, ein älterer Mann mit Bundeswehrkäppi, habe sich aggressiv gezeigt. „Der hat uns aufgefordert, am nächsten Parkplatz rauszufahren, haben wir gemacht.“ Der Wagen sei dann langsam neben sie gerollt – und der Fahrer habe durchs Fenster eine Pistole auf sie gerichtet. „Wir sind dann Vollgas durchgebrettert.“ Die Männer vom BKA hören zu, nehmen eine Anzeige auf.

Oberbürgermeister Kaminsky ist sich der fragilen Lage bewusst. „Wir müssen in Sorge bleiben“, sagt er. Gleichwohl sei Hanau in großen Teilen zusammengerückt. „Wichtig ist jetzt, dass wir alle, nicht nur die Politik, die Demokratie verteidigen.“

Auch auf Hanaus Wochenmarkt gelten die Corona-Abstandsregeln. Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters Vergrößern
Auch auf Hanaus Wochenmarkt gelten die Corona-Abstandsregeln. © Kai Pfaffenbach/Reuters

Wie das gehen könnte, kann man in Hanau wenige Tage später erfahren, es ist Mitte März, vom Kontaktverbot der Bundesregierung ist noch nicht die Rede. Da testet die Stadt für ein paar Tage die Normalität. Auf dem Wochenmarkt bauen Kartoffelbauern und Feinkosthändler Stände auf, ein Gemüsemann flirtet mit Kundinnen – und in all dem Trubel vernimmt man noch eine Stimme mit hessischem Dialekt: „Dreißisch Rosen für’n Zehner, drei Bund für zehn, kommen’se ran!“

Özgur Yildiz, 45 Jahre alt, ist Rosenverkäufer. Das heißt, eigentlich ist er Flight Controller am Frankfurter Flughafen, aber wann immer er kann, hilft er einem seiner besten Freunde, Rosen zu verkaufen auf dem Markt. Wenn man erfahren will, ob das Attentat die Hanauer verändert hat, dann hat Yildiz etwas zu sagen.

Özgur Yildiz hat beschlossen, alltäglichen Rassismus nicht mehr hinzunehmen. Foto: Marius Buhl Vergrößern
Özgur Yildiz hat beschlossen, alltäglichen Rassismus nicht mehr hinzunehmen. © Marius Buhl

Mit fünf Jahren sei er nach Deutschland gekommen, sagt er, in der Schule habe ihn ein Mitschüler immer wieder als „Dreckstürk“ beleidigt, niemand sei eingeschritten. Damals habe er, wie viele, gelernt, die Klappe zu halten. „Aber das ist seit dem 19. Februar vorbei, meine Frau und ich haben uns das geschworen.“ Und sie hatten schon Gelegenheit, ihren Vorsatz in die Tat umzusetzen.

Ein paar Tage zuvor, erzählt Yildiz, sei seine Frau beim Physiotherapeuten gewesen. Durch die Wand habe sie gehört, wie der Juniorchef der Praxis einem anderen Patienten erzählte, es habe bei den Opfern des Attentats die richtigen getroffen, die hätten ja selbst 100 Jahre Knast zusammengebracht. Das Gerücht über die angeblichen Straftaten der Opfer hält sich hartnäckig, Rechtsextreme verbreiten es.

"Vielleicht hat man die Chance, Menschen umzustimmen"

Seine Frau, sagt Yildiz, sei aufgestanden, habe den Physiotherapeuten zur Rede gestellt, ihre restlichen Termine bei der Praxis habe sie abgesagt. Und gemeinsam hätten sie sich schließlich im Büro des Bürgermeisters über den Mann beschwert. Was daraufhin passierte, erzählt Özgur Yildiz’ Frau ein paar Tage später per Whatsapp-Sprachnachricht. Der Seniorchef der Praxis habe sie sofort zurückgerufen, geschockt über die Aussagen des Sohnes. Eine halbe Stunde hätten sie telefoniert, dann habe sie den Mann und seinen Sohn zu sich nach Hause zum Essen eingeladen, sagt Yildiz. „Vielleicht hat man die Chance, die Menschen umzustimmen. Das wollten wir versuchen. Aber jetzt kam leider das Corona-Virus dazwischen.“

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky wünscht sich mehr Zeit für seine Stadt, um das Attentat zu verarbeiten. Foto: Nicolas Armer/dpa Vergrößern
Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky wünscht sich mehr Zeit für seine Stadt, um das Attentat zu verarbeiten. © Nicolas Armer/dpa

Claus Kaminsky sagt, der Fall sei ihm noch nicht bekannt, aber in seinem Büro herrsche seit Corona Land unter. Er begrüßt ausdrücklich die Art von Engagement, die auch Özgur Yildiz leben will. Nur: Wie soll das jetzt noch gehen?

Seit dem Kontaktverbot ist das öffentliche Leben auch in Hanau quasi nicht mehr existent. Die Straßen sind leer, die meisten Geschäfte zu, die Menschen zu Hause. Auch als Journalist ist es schwer geworden, dort – wie nahezu überall – zu recherchieren. Aber man kann anrufen in Hanau.

Zum Beispiel bei Günther Kugler und Antje Heigl, die das Juz betreiben, ein Jugendkulturzentrum in Hanau-Kesselstadt, wenige Meter vom Tatort in Kemal Kocaks Kiosk entfernt. In Kesselstadt wohnen viele Familien mit Migrationsgeschichte, viele leben auf sehr engem Raum mit wenig Einkommen, viele haben kleine Kinder.

"All diese Menschen hätten jetzt Gespräche gebraucht. Therapie"

„Die Situation ist ein Desaster“, sagt Kugler, Sozialarbeiter beim Juz. „Es gibt hier eine hohe dreistellige Zahl Menschen, die potenziell traumatisiert sind. Hier kennt jeder jeden. Und all diese Menschen hätten jetzt Gespräche gebraucht. Therapie.“

Im Juz hatten sie Gruppentherapien organisiert für Menschen, wie es Kugler sagt, „die von sich aus eher nicht zu einem Psychologen gehen würden“. Sie haben auch Einzelstunden vermittelt, „und uns so viel umarmt wie noch nie, aber auch das darf man jetzt nicht mehr.“ Drei Arbeitsgruppen, von der Stadt organisiert, seien abgesagt. Die Stadt kriege es technisch nicht hin, das per Video zu machen, sagt Kugler.

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Auch Bürgermeister Kaminsky erzählt, was Corona in Hanau verhindert. Ein Treffen mit den Angehörigen aller Opfer, bei dem es darum gehen sollte, eine Gedenkstätte für die Toten zu planen. Einzeltreffen mit den Angehörigen. Die internationalen Tage gegen Rassismus, die sie geplant hatten, in diesem Jahr so wichtig wie noch nie. Alles abgesagt.

Kemal Kocaks Kiosk ist weiter offen. Zwei Tage zuvor, sagt er, seien sieben Leute da gewesen zum Reden. Irgendwann kam die Polizei und löste die Runde auf. Kocak droht jetzt ein Bußgeld.

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