Tagesspiegel Mobil Eine unheimliche Pointe

Thomas Loy
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DDR-Komiker Cohrs war bei der SS

Das reiche Arsenal an Kalauern ist geblieben von dem Land. Ein sehr bekannter: „Den Westen überholen, ohne einzuholen.“ Oder der Grenzerdialog: „Gönnsesich ausweisen? – Ach, kann man das jetzt schon selber?“ Auf dem Gebiet der Satire erreichte die DDR Weltniveau. Grund genug für die oberste Führung, die auf Parteitagen immer wieder stilbildend in den Prozess politischer Worthülsenschöpfung eingriff, ihren Komikern einen breiten Entfaltungsraum zu bieten. Die Komiker filterten alles Komische aus dem System heraus, bis nur noch die ernste Trockenmasse übrig blieb – ein paar bittere Pillen, die man schnell herunterschluckte.

Eberhard Cohrs war insofern ein staatlich beauftragter Frustableiter, einer, der die kleinen Schwächen des sozialistischen Alltags herzeigte, von den großen aber absah. Im Berliner Friedrichstadtpalast ist er aufgetreten, als „der Gleene mit der großen Gusche“, sächselnd, ein Mann der Straße, der sich dümmer stellt, als er ist. Ein Unterhaltungskünstler für Millionen. Seine TV-Sendungen hießen „Hallo Eberhard“ oder „Da lacht der Bär“. Im Betrieb, auf der Straße – überall kursierten seine Sprüche und Persiflagen. Niemand ahnte, dass Cohrs etwas verschwieg, das ihm moralisch das Rückgrat gebrochen hätte. Cohrs diente bei der Waffen-SS und dem „SS-Totenkopf-Wachbataillon“ im KZ Sachsenhausen.

Dieser Teil seiner Biografie ist erst jetzt, fünf Jahre nach seinem Tod, bekannt geworden. Die Stasi verfügte spätestens seit 1977 über entsprechende Dokumente, nutzte sie aber nicht. Cohrs hatte sich im Februar 1977 in den Westen abgesetzt, weil seine Texte immer mehr zensiert worden waren. Die Stasi hätte die westdeutsche Presse mit dem Material füttern können, doch man hielt still. Das Problem des republikflüchtigen Starkomikers löste sich nach kurzer Zeit von selbst. Rudi Carrell engagierte Cohrs für seine Show „Am laufenden Band“, doch schon nach der ersten Sendung war Schluss. Das penetrante Cohrs-Sächsisch verstörte das Westpublikum. Als Gagschreiber und Nebendarsteller hielt sich Cohrs über Wasser. Bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg spielte er den Trapper Sam Hawkins.

Ehemalige Weggefährten fragen sich nun: Warum kommt einer, der einen Meter 56 klein ist, zur SS, der Elitetruppe? „Son kleenet Bübsche hätten die doch gar nich genommen“, sagt Leni Statz und weiß nicht recht, ob sie jetzt darüber lachen soll oder nicht. Mit Leni Statz ist Cohrs öfter im DDR-Fernsehen aufgetreten. Ein ausgesprochen angenehmer Mensch sei Cohrs gewesen, sehr höflich und professionell, sagt Statz. „Ein Meister des kurzen Wegs zur Pointe.“ Nein, das mit der SS könne sie einfach nicht glauben. „Unheimlich“ sei das, sagt Kabarettist Peter Ensikat, der Cohrs’ Karriere aus der Distanz verfolgte. SS-Mitglied und Bühnenauftritte – das sei unvereinbar.

Nach der Wende zog Cohrs zurück in sein Haus am Scharmützelsee, entschuldigte sich bei seinem Publikum fürs Ausreißen und durfte wieder ins Fernsehen. Doch das große Comeback misslang. Schlagzeilen machte der inzwischen 78-Jährige erst wieder, als er im Juli 1999 seine Frau Dagmar niederschoss – mit einer Armeepistole aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie überlebte. Cohrs’ Anwalt konnte die Richter davon überzeugen, dass die Tat im Morphiumrausch geschah. Cohrs hatte Krebs im finalen Stadium. Sechs Wochen später starb er. Dagmar Cohrs sagt am Telefon, sie sei überrascht worden von der Enthüllung. Zurzeit möchte sie dazu aber nichts sagen.

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