Mengenlehre. Nicht nur Sänger Campino hat sich schon gefragt, was die Toten Hosen der Welt noch zu sagen haben. Foto: avanti media fiction
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Doku zu den Toten Hosen "Wir wollen keinen Augenblick verschenken"

Der Dokumentarfilm "Weil du nur einmal lebst" von Cordula Kablitz-Post zeigt die Toten Hosen auf Tour. Nach 35 Jahren funktioniert die Band noch immer wie ein Uhrwerk.

Sie sind vielleicht immer noch die Freunde, als die sie 1982 mit der Musik angefangen haben. Aber ansonsten hat sich alles in sein Gegenteil verkehrt. Was früher Party und Exzess für die Toten Hosen bedeutete, sagt Sänger Campino in einer Szene von „Weil du nur einmal lebst“, das sei strenger Disziplin und Alltagsroutinen gewichen. Woraus sie ihren Stolz bezogen, nämlich abseits vom System zu stehen, habe sie direkt hineingeführt und reich gemacht. Wo mal pure Verantwortungslosigkeit sie antrieb, wüssten sie sich heute von Leuten umgeben, die von ihnen abhängig sind.

Campino muss grinsen, als er das feststellt. Es ist das breite, angriffslustige Grinsen eines Mannes, für den es gut gelaufen ist. Doch tief in sich weiß er nicht, wie er zugibt, was ihm mehr bedeutet: zwanzig Konzerte, bei denen er Kopf und Kragen riskiert, oder zwanzig Lebensjahre.

Eine Band mit einer Lebensdauer von mehr als 35 Jahren schlägt historische Bögen. Unweigerlich. Selbst, wenn sie praktisch immer dasselbe macht. Die künstlerische Krise, die sich daraus ergab, haben Campino, die Gitarristen Kuddel und Breiti, Andi am Bass und der britische Schlagzeuger Vom Ritchie im Jahr 2012 überwunden. Mit dem Hit „Tage wie diese“. Dessen optimistisches Pathos zeigte ihnen einen neuen Weg auf und ließ sie erfolgreicher sein denn je.

Aber ein Gedanke hat die Oberhand gewonnen: „Wer weiß, ob wir das in dieser Form noch lange erleben.“

Die Filmemacherin nahm 190 Stunden auf

Das sagt Andreas Breitkopf, Breiti genannt, der immer sehr nachdenklich aussieht mit seiner hohen, markanten Stirn und den dunklen, tiefen Augen. Er hat es sich auf einem Stuhl in einem Berliner Hotelzimmer so gemütlich gemacht, wie das eben gerade so geht mit seinem langgliedrigen Grillenkörper. Trotz seiner 55 Jahre sind ihm die anhaltenden Strapazen einer Rockmusikerkarriere nicht anzusehen. Allerdings, fährt Breiti fort, würden sie in dem Bewusstsein leben, „dass dieser Job endlich ist. Weder ist, was wir erleben, selbstverständlich, noch wird es ewig dauern. Deshalb wollen wir keinen Augenblick verschenken.“

„An Tagen wie diesen
Wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen
Haben wir noch ewig Zeit
Wünsch‘ ich mir Unendlichkeit.“

Im Werk der Düsseldorfer Band nehmen Songs über den einen, unvergesslichen Moment mittlerweile eine Stellung ein, die früher ihre Räuberballaden („Hier kommt Alex“) oder ihre rauffreudigen Kampf- und Trinklieder („Steh auf, wenn du am Boden liegst“) hatten. Und sie stehen auch im Mittelpunkt des Films „Weil du nur einmal lebst“, den Cordula Kablitz-Post vergangenes Jahr über die Tournee der Toten Hosen gedreht hat. Mit diesem Film steuert die Berlinale auf ihren emotionalen Höhepunkt zu. Jedenfalls waren die Karten für die Premiere am Freitag innerhalb von Sekunden ausverkauft.

Es ist zwar nicht der erste Film über die Toten Hosen, doch er zeigt sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Durch etliche deutsche Städte, in die Schweiz und bis nach Argentinien ist die Regisseurin der Band gefolgt, hatte unbeschränkten Zugang, um die „besondere Beziehung“ zu ergründen, so Breiti, die die Hosen mit ihrer Gefolgschaft verbindet. Am Ende hatte sie 190 Stunden Material.

Zunächst wollten die Hosen nicht so recht

Ein Jahr zuvor war Kablitz-Post noch abgeblitzt mit ihrem Wunsch einer Nahaufnahme. Die mehrfach prämierte Film- und Fernsehproduzentin („Durch die Nacht mit …“) kannte Campino von einem früheren Porträt, das sie 2009 im Rahmen der ARD-Reihe „Deutschland, deine Künstler“ gedreht hatte. Aber es half nichts. Zunächst wollten die Hosen nicht so recht. Erst als sie erlebten, wie sich die Tour entwickelte, sagt Breiti, gefiel ihnen die Idee, etwas von den Hintergründen zu zeigen, vielleicht auch, „nicht immer sich selbst im besten Licht darzustellen“.

Müder Krieger. Campino backstage nach einem Auftritt. Foto: avanti media fiction Vergrößern
Müder Krieger. Campino backstage nach einem Auftritt. © avanti media fiction

Der Anruf erreichte Kablitz-Post vor einem Jahr auf der Berlinale. Das Hosen- Management habe gesagt, „wir wollen’s jetzt doch machen.“ Wann? „In vier Wochen.“

Das war unmöglich zu schaffen. Das übliche TV-Budget, das in dieser knappen Zeit vielleicht aufzutreiben gewesen wäre, hätte für den Aufwand einer Kinoproduktion nicht ausgereicht. 800 000 Euro, kalkulierte Kablitz-Post, würde sie wohl benötigen – es wurde schließlich etwas mehr. Obwohl der Gang durch die Instanzen der Filmförderung normalerweise drei Monate in Anspruch nimmt, schaffte sie es doch.

Sie hätten auch an „Some Kind of Monster“ gedacht, sagt Breiti über die Beweggründe der Band. Er meint den legendär gewordenen Dokumentarfilm über Metallica, die größte Heavy-Metal-Band, die 2007 nach dem Weggang ihres Bassisten in einer schweren, destruktiven Krise steckte. Trotzdem ließen die Rockstars ein Filmteam im Studio zusehen, wie sie in regelmäßigen Therapiesitzungen über ihre verkorkste Beziehung redeten, wie sie sich wieder an die Gurgel gingen, als alte Konkurrenzen aufbrachen. „Was sie sicher nicht immer positiv rüberkommen ließ“, wie Breiti eingesteht, „aber mein persönliches Verhältnis zu ihnen eher noch vertiefte. Dieselbe Hoffnung haben wir von diesem Film, dass Menschen, die unsere Musik mögen, besser verstehen, was uns ausmacht.“

Fünf Männer Mitte fünfzig, die sich nie vollkommen öffnen

Allerdings stecken die Toten Hosen nicht in einer Krise. Sie sind auch keine Band mit tiefgreifenden Konflikten. Wenn es überhaupt dergleichen je gab, dann wurde das ausgeräumt. Sie haben ihr kleines Imperium aus Plattenfirma, Konzertagentur und diversen politischen Kampagnen auf ihre Talente verteilt. Sie sind so sehr aufeinander eingeschworen, dass Fremde es einerseits sehr leicht finden, sich Zugang zum innersten Zirkel dieser „Familie“ zu verschaffen, andererseits auch schwer, weil sie fünf Männer von Mitte fünfzig finden, die sich niemals vollkommen öffnen. Sie müssen es nicht, sie verstehen einander auch so. Sogar für Drummer Vom Ritchie, seit 20 Jahren dabei, gibt es diese Barriere, die ihn nicht vollkommen dazugehören lässt.

„Wir wurden schon sehr hinterfragt am Anfang“, sagt Kablitz-Post, die der schweißgetränkten „Opel-Gang“ von der Bühne bis in die Garderobe nachjagte, dort Campinos launisches Temperament, bizarre Stimmübungen und Wunsch, für sich zu sein, einfing. "Es gab Situationen, wo wir sie mit der ständigen Kamerapräsenz genervt haben", sagt Kablitz-Post. Aber mehr als mal ein Handtuch flog nicht in ihre Richtung, und selbst da traf Campino nicht.

Deshalb konnte keine deutsche Version von „Some Kind of Monster“ entstehen. Die Toten Hosen sind ein Uhrwerk, und das einzige Problem, das sie haben, ist die Zeit, die ihnen bleibt.

„Wie viel Jahre kann das so weitergehen?
Wie viel Jahre, wie viel Zeit die für uns übrig ist?
Ein halbes Leben sind wir schon unterwegs
,Hasta La Muerte‘, das haben wir uns in uns're Haut geritzt“

Am Morgen des Konzerts in der Berliner Waldbühne wacht Campino auf und hört auf einer Seite nichts mehr.

Die Ärzte attestieren ihm einen Hörsturz. Das bringt den Tourtross augenblicklich zum Halten, erlegt allen eine Zwangspause von fünf Wochen auf. Vor allem aber macht es der Band klar, dass das höhnisch heraufbeschworene „bittere Ende“ schneller kommen kann, als sie denken. Bei der Krisensitzung sagt Campino, „alles läuft, und im nächsten Moment läuft gar nichts mehr.“

Bedroht ist in diesem Augenblick nicht nur die Gesundheit des Sängers, der bislang noch jedes Mal Bänderriss und Stimmbandentzündung oder einen früheren Hörsturz auskuriert hat. In Gefahr gerät etwas anderes. Sie wissen von sehr vielen ihrer Fans und Freunde, dass die von weit her in die Waldbühne kommen wollen. Die haben Flüge und Hotels gebucht, sind mit Freunden angereist, haben für das ganze Wochenende geplant. Dann fällt das alles plötzlich auseinander.

Freude über den Erfolg? Ist ihnen lange schwer gefallen

Den Grund für diese „besondere Beziehung“ kann man auf einem Bild des Künstlers Andreas Gursky entdecken, der im Jahr 2000 ein Konzert der Toten Hosen fotografiert hat. Das riesige Breitwandformat, das sich heute im Besitz des Museum of Modern Art in New York befindet, arbeitet das tobende Publikum heraus, hebt die Masse aus der Dunkelheit, und ganz am Rand steht eine Figur, Campino, die genauso groß ist wie die Leute vor ihm.

Unter gleichen. Die Band fühlt sich ihren Fans nahe - auch nach Jahrzehnten noch. Foto: avanti media fiction Vergrößern
Unter gleichen. Die Band fühlt sich ihren Fans nahe - auch nach Jahrzehnten noch. © avanti media fiction

Breiti sagt: „Wir haben uns jahrzehntelang sehr schwer damit getan, uns über den Erfolg zu freuen. Statt zu begrüßen, wie viele gute Sachen wir mit unserem Geld anstellen konnten, dass wir Platten nach unserem eigenen Rhythmus herausbringen und die beste Anlage mieten konnten, war es uns peinlich. Wir haben immer versucht, uns dafür zu entschuldigen.“

Sie sind doch Punks, oder etwa nicht?

„Wir mussten auch akzeptieren lernen, dass man sich ab einem gewissen Grad an Popularität dem nicht mehr entziehen kann, dass alle etwas von einem wollen.“

Denn was hat die Erwartung der anderen mit ihnen zu tun?

Am Ende machen sie es wie immer

Es gibt wohl keine andere Band ihrer Größe in Deutschland, die sich so stark darüber definiert, was sie nicht kann. Nur einer von ihnen würde sich über die Musik ausdrücken, betonen sie oft. Gitarrist Andreas „Kuddel“ von Holst würde es auch tun, wenn es diese Band nicht gäbe. Breiti spricht in diesem Zusammenhang von einem „verschachtelten Verhältnis“ untereinander, das radikale Neuerungen quasi aus sich heraus verhindere.

In „Weil du nur einmal lebst“ schlägt Campino bei einer Probe vor, „Tage wie diese“ in zwei unterschiedlichen Versionen zu spielen. Einer akustischen zu Beginn und später noch einmal im vollen Ornat der Rockformation. Kuddel weiß sofort, dass er das nicht für eine gute Idee halten kann, und dabei ist er noch am ehesten für Neuerungen offen. Es liegt zu weit außerhalb dessen, was ihnen leicht fallen würde. Also meint er, dass sie es doch erstmal mit der alten Version versuchen sollten. Da scheinen alle zu hoffen, dass Campino nicht auf seinem Standpunkt beharrt. Denn meistens ist es so, dass gemacht wird, was Campino will. Am Ende machen sie es wie immer.

Als Bürgersöhne, die sie sind, mögen Campino und seine Gefährten unter den Ansprüchen ihrer autoritären Väter gelitten haben, doch wurde ihnen auch ein Arbeitsethos eingepflanzt. Es lässt sie nicht nur weitermachen, immer weiter. Auf der Bühne sind sie sich ihrer selbst erst sicher, wenn sie „alles geben“. Die Erschöpfung ist die Beglaubigung, die sie für etwas so Unsinniges wie ein paar laut gegrölte Lieder brauchen. Dass sie es wert sind, sagen ihnen ihre ausgelaugten Körper. Das wollen sie. „So lange es geht“, sagt Breiti.

Der Film ist ab dem 28. März bundesweit in den Kinos zu sehen.

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